Eins - Valentina
Lissabon ist keine Stadt, die man erklärt. Man riecht sie, man hört sie, man spürt sie unter den Schuhsohlen, wenn man die steilen Gassen der Alfama hinaufläuft und die Lungen anfangen zu brennen und man trotzdem nicht aufhört, weil das Licht da oben - dieses besondere, goldene, schamlose Oktoberlicht - jeden Schmerz vergessen lässt.
Valentina Ferreira war hier aufgewachsen. Sie hatte als Kind auf diesen Kopfsteinpflastern gespielt, hatte als Teenager in den kleinen Bars der Mouraria ihren ersten Wein getrunken, hatte mit zwanzig Jahren geschworen, diese Stadt zu verlassen, und mit fünfundzwanzig eingesehen, dass das niemals passieren würde. Lissabon ließ einen nicht los. Das war kein Klischee – das war Biologie.
Heute Morgen hatte die Stadt nach Regen und gebratenen Kastanien gerochen. Der Oktober hatte über Nacht Ernst gemacht, hatte die Hitze des Sommers mit einem einzigen, entschlossenen Regenschauer weggespült, und jetzt glänzte alles - die Pflastersteine, die Azulejos an den Fassaden, die Dächer, sogar die müden alten Tauben auf dem Fensterbrett gegenüber - mit dieser frischen, verletzlichen Sauberkeit, die nur nach dem ersten Herbstregen kommt.
Valentina stand auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung in der Mouraria, beide Hände um eine Tasse Kaffee geklammert, und schaute auf die Stadt hinunter.
Hinter ihr, aus der Wohnung, kam das vertraute Geräusch von Tomás, der sich Frühstück machte. Das leise Klappern von Tellern, das Öffnen des Kühlschranks, dann - weil er es immer tat, jeden Morgen, seit drei Jahren - das leise Pfeifen von irgendwas, das keine erkennbare Melodie hatte, aber irgendwie trotzdem schön klang.
Sie lächelte, ohne es zu merken.
Tomás Santos war einer jener Menschen, die einen Raum wärmer machten allein durch ihre Anwesenheit. Nicht dramatisch, nicht laut - einfach warm. Er war Arzt, Kinderarzt, mit den geduldigen Händen und dem ruhigen Blick von jemandem, der täglich mit Angst arbeitete und gelernt hatte, sie nicht an sich heranzulassen. Er war gutaussehend auf diese selbstverständliche, unaufgeregte Art von Männern, die sich nie im Spiegel bewundern - breite Schultern, dunkle Haare, die an den Schläfen leicht ergrauten, ein Lachen, das vom Bauch kam.
Frauen schauten ihm nach. Er bemerkte es nicht. Das war einer der Dinge, die Valentina an ihm liebte.
Sie hatten sich vor vier Jahren bei einer Reportage kennengelernt - sie hatte über ein Kinderkrankenhaus geschrieben, er hatte ihr geduldig seine Arbeit erklärt, und am Ende des Tages hatte er gefragt, ob sie noch einen Kaffee trinken wolle. So einfach war das. So war Tomás. Kein Drama, kein Spiel, kein Versteckspiel. Er sagte, was er meinte, und meinte, was er sagte, und nach Jahren, in denen Valentina Männer kennengelernt hatte, die das Gegenteil davon waren, hatte diese Schlichtheit sich angefühlt wie Wasser nach langem Durst.
Sie liebte ihn. Das stand außer Frage.
Sie liebte die Art, wie er kochte - schlecht, mit großer Begeisterung und vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber dem Ergebnis. Sie liebte, wie er am Wochenende zu lange schlief und dann den ganzen Nachmittag so tat, als wäre er früh aufgestanden. Sie liebte seine Hände, seine Stimme, die Art, wie er ihr zuhörte, wenn sie redete - nicht mit dem halben Ohr, nicht mit dem Blick bereits beim nächsten Gedanken, sondern vollständig, als wären ihre Worte die einzige Sache, die gerade auf der Welt passierte. Das Leben war gut. Das sagte sie sich manchmal - nicht als Beruhigung, sondern als Tatsache.
Das Leben ist gut. Du hast alles, was du wolltest. Und das stimmte. Meistens.
Valentina war Journalistin. Reisereportagen waren ihr Schwerpunkt - das klang romantischer, als es war: zu viele Flüge, zu wenig Schlaf, Hotels, die nach Reinigungsmittel rochen, und die ständige Aufgabe, aus allem eine Geschichte zu machen. Aus jedem Ort, jedem Menschen, jedem Moment. Sie hatte ein Talent dafür. Sie sah Dinge, die andere übersahen - die alte Frau, die jeden Morgen denselben Tisch im Café besetzte, der Straßenmusiker, der nur spielte, wenn er glaubte, niemand höre zu, der Geruch einer Stadt kurz vor dem Regen.
Aber seit einem Jahr - sie wollte nicht genau sagen, seit wann, denn das hätte bedeutet, es zuzugeben - hatte das Schreiben sich verändert. Nicht schlechter. Nur leerer. Als würde sie die richtigen Worte finden und sie auf die Seite stellen wie Möbel in einem Raum, akkurat und funktional, aber ohne das Kribbeln, das früher da gewesen war.
Ihre Freundin Beatriz hatte es auf den Punkt gebracht, wie Beatriz Dinge auf den Punkt brachte - direkt, ohne Betäubungsmittel.
„Du schreibst mit dem Kopf, Vale. Du hast aufgehört, mit dem Bauch zu schreiben. Du brauchst was, das dich wieder rausholt aus diesem Kopf.”
Also hatte sie sich für den Kurs angemeldet. Instituto de Artes Visuais. Zwei Jahre. Fotografie, Malerei, visuelle Komposition - ein Kurs, der damit warb, dass er keine Hobbyabende anbot, sondern echte Handwerksausbildung. Vier Mal pro Woche, dienstags bis freitags, abends. Intensiv.
Tomás hatte die Augenbrauen hochgezogen, als sie es ihm erzählte - nicht skeptisch, nur überrascht.
„Du willst Fotografin werden?”
„Nein.” Sie hatte den Kopf geschüttelt. „Ich will wieder lernen zu sehen.”
Er hatte genickt, als würde das vollkommen Sinn ergeben. Das war auch einer der Dinge, die sie an ihm liebte.
Am ersten Dienstag regnete es wieder. Valentina lief die Rua do Século hinunter, den Rucksack über einer Schulter, die neue Kamera darin noch unbenutzt und ein bisschen einschüchternd. Sie war zu spät - fünf Minuten, was für ihre Verhältnisse beinahe pünktlich war. Eine alte Frau an der Haltestelle hatte sie nach dem Weg zu einer Apotheke gefragt, und Valentina hatte natürlich angehalten und geholfen und dann noch fünf Minuten mit ihr geredet, weil die Frau allein aussah und Valentina nie Nein sagen konnte, wenn jemand allein aussah.
Das Instituto lag in einem alten Gebäude mit einer Messingtafel und einer Holztür, die schwerer war als nötig. Drinnen roch es nach Holzpolitur und dem schwachen, herben Hauch von Terpentin, der sich über Jahre in die Wände gefressen hatte. Die Treppe knarrte auf eine Art, die nicht störend war, sondern lebendig - als hätte das Gebäude selbst etwas zu sagen. Erster Stock. Zweite Tür links.
Valentina blieb kurz davor stehen. Hörte Stimmen drinnen ruhig, gedämpft, die Stimmen von Menschen, die sich noch nicht kannten und deshalb leiser waren als sonst. Sie strich sich einmal über die Haare, beschloss, dass das nichts brachte, und drückte die Tür auf.
Der Raum war groß und hell, mit hohen Fenstern, die auf die Dächer von Lissabon gingen. Holzböden, Staffeleien in lockeren Reihen, an den Wänden alte Fotografien und Skizzen, die von früheren Kursen übrig geblieben waren. Etwa zwanzig Menschen manche sitzend, manche noch stehend - mit diesem leicht verlorenen Ausdruck von Leuten, die sich fragen, ob sie am richtigen Ort sind.
Valentina trat ein, suchte sich ihren Platz - zweite Reihe, nah am Fenster, natürliches Licht - und begann, ihren Rucksack auszupacken. Die Lehrerin, eine kleine energische Frau Mitte fünfzig namens Sofia, sprach bereits. Über den Kurs, über die Erwartungen, über das, was die nächsten zwei Jahre bringen würden.
Und dann ging die Tür auf.
Valentina schaute nicht auf. Jeder schaute auf, wenn jemand zu spät kam, dieser kleine, kollektive Reflex der Neugier - sie tat es nicht, sie hatte Sofias Worte noch im Ohr und wollte zuhören. Aber dann. Etwas im Raum veränderte sich. Nicht laut, nicht dramatisch nur diese feine, kaum wahrnehmbare Verschiebung, die entsteht, wenn etwas Unerwartetes passiert. Wie wenn der Wind die Richtung wechselt.
Sie schaute auf. Er stand in der Tür. Groß - sehr groß, er hatte sich leicht gebückt, um den Rahmen zu passieren, eine Bewegung so selbstverständlich, dass sie zeigte, wie oft er das schon hatte tun müssen. Breit in den Schultern, dunkel gekleidet, mit dieser nordischen Blässe, die nicht krank aussah, sondern kalt - die Blässe von jemandem, der mit grauem Himmel aufgewachsen war und der Sonne von Lissabon noch nicht ganz traut. Helles Haar, fast blond. Der Kiefer eines Mannes, der an Stille gewöhnt ist.
Er blieb stehen und ließ den Blick ruhig durch den Raum gleiten. Langsam. Ohne Eile. Als würde er Zeit haben, immer, für alles. Valentina merkte, dass sie aufgehört hatte zu atmen. Dann fand sein Blick ihren. Keine Sekunde zu lang, keine Sekunde zu kurz. Nur dieser eine Moment des Erkennens - nicht von einem Menschen, sondern von etwas. Als würden zwei Frequenzen sich kurz berühren und beide registrieren: da.
Er löste den Blick. Trat in den Raum. Wählte einen Platz in der hintersten Reihe, am Fenster, allein. Valentina schaute wieder auf Sofia. Sie versuchte zuzuhören. Die Worte kamen nicht an.
Im nächsten Kapitel lernen wir jemanden kennen, der Valentinas Leben verändern wird. 💙 Was glaubst du - hat sie recht, dass ihr etwas fehlt? Schreib es mir in die Kommentare. - Bianca








