Kapitel 1: Der Tod
Sterben ist nicht poetisch. Es ist nicht wie in diesen Filmen, wo die Heldin noch eine letzte, tränenreiche, aber wunderschön formulierte Weisheit in die Ohren ihres weinenden Geliebten flüstert, bevor ihr Kopf sanft zur Seite fällt und eine einzelne, ästhetisch perfekte Träne über ihre Wange rollt.
Nein. Sterben, besonders wenn es durch eine Krankheit wie Krebs geschieht, ist vor allem eines: entwürdigend. Es ist laut, es ist steril, und es riecht permanent nach beißendem Desinfektionsmittel, billigem Krankenhausessen, das man ohnehin nicht mehr bei sich behalten kann, und künstlicher Zitronenseife.
Es ist das ständige, nervtötende Piepsen des EKG Monitors, das dir mit jedem Beep ins Gesicht schreit Du lebst noch, aber frag nicht wie lange.
Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, mein Name war Shizuka, und ich lag in einem Bett, das sich anfühlte wie ein Sarg auf Rädern. Mein Körper war nur noch eine Hülle, ein abstraktes Konstrukt aus Schmerzen und Schmerzmitteln, die mich in einen dauerhaften Zustand der benebelten Apathie versetzten.
Ich hatte keine Energie mehr, um traurig zu sein. Ich war nur noch genervt. Genervt von den mitleidigen Blicken der Krankenschwestern, genervt von dem viel zu grellen Neonlicht an der Decke und vor allem genervt von der absoluten Trostlosigkeit meines eigenen Endes.
Wenn ich in einem Isekai Manga gewesen wäre, hätte mich jetzt ein mysteriöser, übermüdeter Lastwagenfahrer der legendäre, hart arbeitende Truck kun auf einem Zebrastreifen in eine andere Dimension katapultiert.
Oder ich wäre von einem leuchtenden Magiekreis im Badezimmer verschluckt worden. Irgendetwas mit Action. Irgendetwas mit Bedeutung. Aber das hier? Das war einfach nur ein langsames, unspektakuläres Verblassen.
Um nicht völlig den Verstand zu verlieren, hatte ich in den letzten Monaten mein Smartphone zu meinem einzigen Fenster zur Welt gemacht. Ich las Webnovels. Aber nicht die guten. Nein, ich las den Bodensatz der Literatur. Den absoluten, ungefilterten Schund. Ich las sogenannte „Villainess“ Storys.
Geschichten, in denen irgendeine arme Seele in ihrem Lieblingsbuch aufwacht, dummerweise im Körper der bösen Gegenspielerin, und dann den gesamten Plot ruiniert, indem sie plötzlich anfängt, Kekse zu backen, Waisenhäuser zu gründen und oh, welch Überraschung versehentlich jeden einzelnen männlichen Charakter dazu bringt, sich unsterblich, geradezu psychopathisch in sie zu verlieben.
Ich hasste diese Storys. Ich verabscheute sie aus tiefstem Herzen. Sie waren berechenbar, faul geschrieben und trieften vor toxischen Beziehungsdynamiken, die von den Autoren als romantisch verkauft wurden.
Der kalte Herzog des Nordens, der ganze Dörfer niederbrennen würde, wenn jemand seiner Angebeteten den falschen Tee serviert? Widerlich. Der sadistische Kronprinz, der die Protagonistin einsperrt, um sie „zu beschützen“? Ein Fall für die Psychiatrie.
Es war der reinste Cash Grab. Ein literarisches Fast Food, das einen hungrig und wütend zurückließ. Und doch konsumierte ich es, Kapitel für Kapitel, einfach nur, um mich über die bodenlose Dummheit der Charaktere aufregen zu können. Wut war besser als Verzweiflung.
Meine letzte Lektüre, bevor mein Körper endgültig den Geist aufgab, war ein besonders grauenhaftes Exemplar dieses Genres. Ich weiß nicht einmal mehr den genauen Titel, nur dass er wahrscheinlich aus mindestens zwanzig Wörtern bestand.
Ich hatte genau ein einziges Kapitel gelesen. Ein einziges. Die Exposition war dermaßen plump, das Worldbuilding so lächerlich generisch ein klassisches europäisches Pseudo Mittelalter, in dem alle irgendwie perfekt sitzende Anzüge und Ballkleider aus dem 19.
Jahrhundert trugen , dass ich mein Handy fast gegen die Krankenhauswand geworfen hätte. Ich schloss die App mit einem verächtlichen Schnauben. „Was für ein Müll“, dachte ich. „Wenn ich jemals in so einer Welt landen sollte, würde ich mir lieber sofort eine Klippe suchen, als diesen Schwachsinn mitzumachen.“
Das war mein letzter, hochmütiger Gedanke. Dann wurde das Piepsen des Monitors zu einem durchgehenden, schrillen Ton. Die Kälte kroch von meinen Zehenspitzen aufwärts. Das Neonlicht flackerte, verschwand, und dann war da nichts mehr. Keine Schmerzen. Keine Schläuche. Nur Dunkelheit.
Und dann… atmete ich ein.
Der Geruch schlug mir als Erstes entgegen. Es war nicht der klinische, beißende Gestank von Desinfektionsmitteln, der mir in die Lungen fuhr. Es war der schwere, fast erstickende Duft von frischen Rosen, gemischt mit einem Hauch von Zedernholz und teurem Parfüm.
Mein Gehirn, das eigentlich gar nicht mehr existieren sollte, brauchte einen Moment, um diese Information zu verarbeiten. Rosen? Seit wann stellt das Krankenhaus echte Blumen auf die Intensivstation
Ich spürte etwas Weiches. Unglaublich, absurd weiches Material unter mir. Kein kratziges Krankenhauslaken, das nach tausendfacher industrieller Wäsche roch, sondern Seide. Stoff, der sich an meine Haut schmiegte wie flüssiges Wasser.
Mit einem Ruck riss ich die Augen auf.
Das Erste, was ich sah, war keine weiße Styropordecke. Es war ein Gemälde. Ein verdammtes, handgemaltes Fresko, das Engel zeigte, die um eine strahlende Sonne tanzten, eingefasst in einen Rahmen aus purem, massivem Gold. Ich blinzelte. Einmal. Zweimal. Das Gemälde verschwand nicht.
Ich versuchte, mich aufzusetzen, und eine Welle der Irritation durchfuhr mich. Mein Körper… gehorchte mir nicht richtig. Meine Gliedmaßen fühlten sich schwerfällig, unkoordiniert und viel zu kurz an. Mit einem enormen Kraftaufwand, bei dem ich tief in die Kissen sank, schaffte ich es, mich aufzurichten.
Mein Blick fiel auf meine Hände.
Ich starrte. Ich starrte diese Hände bestimmt eine volle Minute lang an. Es waren nicht die abgemagerten, von blauen Flecken und Einstichstellen übersäten Hände einer fünfundzwanzigjährigen Krebspatientin. Es waren winzige, makellos weiße, weiche Kinderhände. Kleine, pummelige Finger.
Panik, eiskalt und spitz, bohrte sich in meinen Magen. Nein. Das ist ein Fiebertraum. Die haben mir Morphium gegeben, und mein Gehirn brennt gerade seine letzten Synapsen ab.
Ich schob die schwere, mit Goldfäden bestickte Decke beiseite. Der Raum um mich herum war so groß wie die gesamte Etage des Krankenhauses, in dem ich gestorben war. Hohe Bogenfenster, durch die sanftes Sonnenlicht fiel. Schwere, weinrote Samtvorhänge.
Und Gold. Überall Gold. An den Stühlen, an den Türgriffen, an den Zierleisten der Wände. Es war geschmacklos prunkvoll, eine absolute Reizüberflutung für die Augen.
Und dann sah ich ihn. Den Spiegel.
Er stand keine zwei Meter von dem gigantischen Bett entfernt. Ein mannshoher, ovaler Standspiegel, dessen Rahmen aus verschlungenen, goldenen Rosenranken bestand.
Meine innere Kritikerin, die selbst im Angesicht des totalen Wahnsinns nicht die Klappe halten konnte, meldete sich sofort zu Wort.
Ein gigantischer Spiegel direkt neben dem Bett? Wirklich? Welcher Innenarchitekt plant so etwas? Das ist das faulste Storytelling Trope aller Zeiten.
Offensichtlich nur platziert, damit die reinkarnierte Protagonistin ihr neues Design begutachten kann, ohne erst mühsam ins Badezimmer laufen zu müssen.
Mit wackeligen Beinen rutschte ich an der Kante des Bettes hinunter. Meine nackten Füße berührten einen Teppich, der so dick und flauschig war, dass er mir fast bis zu den Knöcheln reichte. Ich tappte auf den Spiegel zu, meine Schritte unsicher, als müsste ich das Gehen völlig neu lernen.
Ich blieb vor dem Glas stehen.
Mich blickte ein Kind an. Ein kleines Mädchen, höchstens fünf Jahre alt. Und es war nicht einfach nur ein Kind. Es war das klischeehafteste, übertrieben niedlichste Kind, das jemals von einem drittklassigen Illustrator für ein Webnovel Cover entworfen worden war.
Haare wie gesponnenes Gold, die in dichten, perfekten Locken bis über die Schultern fielen. Augen, so groß und strahlend blau wie ein wolkenloser Sommerhimmel, eingefasst von unnatürlich langen, dichten Wimpern. Eine kleine, Stupsnase und rosige Wangen, die aussahen, als hätte man sie mit einem Airbrush Pinsel aufgemalt.
Sie nein, ich trug ein weißes, mit Spitze besetztes Nachthemd, das mehr nach einem Brautkleid für eine Fee aussah als nach tatsächlicher Schlafbekleidung.
Ich war ein Zuckerwatte Engel. Ein wandelndes, atmendes Symbol für absolute Unschuld und Reinheit.
Ich hob meine winzige Hand. Das Mädchen im Spiegel tat dasselbe. Ich zog eine Grimasse, ein zynisches, abfälliges Kräuseln der Lippen. Es sah auf diesem engelhaften Gesicht absolut lächerlich aus.
In meinem Kopf begannen Zahnräder zu rattern. Ratternd, quietschend und sich überschlagend. Ich war tot. Das wusste ich mit absoluter Sicherheit. Das hier war kein Himmel.
Der Himmel wäre ein ruhiger Strand mit unbegrenztem Zugang zu gutem Sushi, nicht das Schlafzimmer eines absolutistischen Monarchen mit einem Fetisch für Gold.
Das bedeutete… Isekai. Reinkarnation. Transmigration. Wie auch immer man diesen Müll nannte.
Erinnerungen, die nicht meine eigenen waren, blitzen plötzlich in meinem Verstand auf. Es waren keine klaren Bilder, sondern eher ein diffuses Gefühl, wie ein Traum, den man nach dem Aufwachen sofort wieder vergisst. Eine schaukelnde Kutsche.
Ein plötzlicher, gewaltsamer Ruck. Der ohrenbetäubende Lärm von splitterndem Holz. Ein tiefer Fall. Schmerz. Und dann eine sehr, sehr lange Dunkelheit. Zwei Monate Dunkelheit, um genau zu sein.
Und ein Name stieg aus den Tiefen dieses kleinen Gehirns auf.
Lilianne de Aurelia. Jüngste Prinzessin des Aurelia Imperiums.
Ich starrte mein Spiegelbild an, während mir das Blut in den Adern einfror.
Ich kannte diesen Namen. Ich hatte ihn vor wenigen Stunden gelesen. Lilianne. Das war der Name des fünften Rades am Wagen.
Der Name der unbedeutenden kleinen Schwester in dieser einen, speziellen Schund Novel, die ich nach dem ersten Kapitel abgebrochen hatte. Die Novel, deren Prämisse so unerträglich war, dass ich lieber sterben wollte, als sie weiterzulesen.
Ich war in exakt dieser Novel gelandet.
„Du willst mich doch verarschen“, flüsterte ich. Meine neue Stimme war hoch, glockenhell und zuckersüß. Sogar mein Fluchen klang, als würde ein Engel singen. Es war widerlich.
Ich befand mich im Körper von Prinzessin Lilianne. Einem Charakter, der in der eigentlichen Handlung so gut wie keine Rolle spielte, außer gelegentlich im Hintergrund hübsch auszusehen und die Motivation der Hauptcharaktere zu befeuern, wenn sie mal wieder entführt wurde.
Ich wusste praktisch nichts über diese Welt. Ich wusste nicht, wie die Königin hieß. Ich kannte die geografischen Gegebenheiten nicht. Ich wusste nicht einmal das verdammte Magiesystem!
Alles, was aus diesem einen gelesenen Kapitel in meinem Kopf hängen geblieben war, war die Tatsache, dass Liliannes ältere Schwester, Kronprinzessin Eleonora, die eigentliche Protagonistin war.
Und dass diese Eleonora dazu verdammt war, in ein paar Jahren in einen Strudel aus toxischen Intrigen, eifersüchtigen Psychopathen und blutigen Kriegen gezogen zu werden, nur um am Ende einen Harem aus gestörten Male Leads um sich zu scharen.
Ich war in einem Minenfeld aufgewacht, und ich hatte keine Ahnung, wo die Sprengsätze lagen.
Okay, Shizuka. Ganz ruhig, sagte ich mir selbst, während meine winzigen Hände begannen zu zittern. Du bist nicht tot. Das ist gut. Du hast keinen Krebs mehr. Das ist besser. Du hast buchstäblich eine zweite Chance bekommen.
Doch bevor ich diesen optimistischen Gedanken auch nur zu Ende denken konnte, wurde meine Realität erschüttert.
Das Geräusch war ohrenbetäubend. Die gigantischen, aus massivem Mahagoniholz gefertigten Doppeltüren meines Zimmers wurden nicht einfach geöffnet. Sie wurden aufgerissen. Mit einer Wucht, die die schweren Metallscharniere kreischen ließ und die Türen krachend gegen die Wände donnerte.
Ich zuckte so heftig zusammen, dass ich fast über den Saum meines lächerlich langen Nachthemds gestolpert wäre, und wirbelte herum.
In der Türöffnung stand ein Mann. Er war riesig. Seine Schultern waren breit wie ein Wandschrank, sein Haar war dunkel wie die Nacht, durchzogen von wenigen, sehr distinguiert wirkenden silbernen Strähnen.
Er trug eine imperiale Uniform, überladen mit Orden, und auf seinem Kopf saß eine buchstäbliche Krone. Ein imposanter, furchteinflößender Monarch. Ein Mann, der mit einem Fingerschnippen Kriege auslösen konnte.
Und dieser furchteinflößende Monarch starrte mich an. Seine Augen weiteten sich, als hätte er einen Geist gesehen.
Dann gab er ein Geräusch von sich, das man nur als animalisches Wimmern beschreiben konnte.
„LILIANNE!“
Der König des Aurelia Imperiums rannte los. Er rannte nicht majestätisch. Er stolperte über seinen eigenen, dramatisch langen roten Umhang, verlor auf dem kurzen Stück zwischen Tür und Teppich völlig die Balance auf dem polierten Marmorboden und rutschte wortwörtlich auf den Knien über den Boden.
Er schlitterte wie ein ungeschickter Pinguin bis fast vor meine Füße, warf sich nach vorne und griff nach meinen winzigen Händen.
Tränen, dicke, salzige, absolut unkönigliche Rotzglocken Tränen, strömten wie Sturzbäche über sein markantes Gesicht. Er schluchzte so laut, dass seine breiten Schultern bebten.
„Meine kleine Sonne! Meine wunderschöne, perfekte kleine Sonne!“, heulte der mächtigste Mann des Kontinents, sein Gesicht in meinen Nachthemdstoff drückend. „Du bist wach! Die Götter haben Erbarmen mit diesem elenden Versager von einem Vater gehabt! Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren!“
Ich stand da, völlig erstarrt, und starrte auf den weinenden Hünen zu meinen Füßen hinab.
Was.
Zum.
Teufel.
Passiert.
Hier?
Noch bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte, um den weinenden König irgendwie von mir abzuwehren, wurde der Raum plötzlich dunkel. Es war nicht das Licht, das ausging. Es war eine Präsenz, die den Raum betrat.
Eine Frau schob sich durch die Türöffnung. Sie trug ein nachtblaues Kleid, das sie aussehen ließ wie eine Königin der Unterwelt. Ihr Haar war blond, genau wie meines, streng und perfekt hochgesteckt.
Ihr Gesicht war eine Maske aus makellosem Porzellan, aber ihre Augen… ihre Augen waren blutunterlaufen, von schlaflosen Nächten gezeichnet, und sie strahlten eine mörderische, eiskalte Kälte aus, die den Raumtemperatur augenblicklich gefühlt um zehn Grad fallen ließ.
Hinter ihr im Flur erkannte ich Dutzende von Rittern in voller Rüstung, sowie Diener und Ärzte. Die Königin hob nur eine einzige, schlanke Hand. Sie sah nicht einmal zurück.
„Wenn auch nur einer von euch diesen Raum betritt, bevor ich es erlaube“, sagte sie mit einer Stimme, die leise war wie ein Flüstern und scharf wie ein Skalpell, „werde ich euch allen bei lebendigem Leibe die Haut abziehen lassen.“
Die Wachen draußen erstarrten, als hätte Medusa sie persönlich angesehen.
Die Königin drehte sich zu mir um. Für den Bruchteil einer Sekunde brach ihre Maske. Ihre Lippen zitterten. Sie ging schnellen Schrittes auf mich zu, ihre Absätze klickten unheilvoll auf dem Marmor.
Sie stieß den immer noch schluchzenden König gnadenlos mit dem Fuß zur Seite, sank vor mir in die Hocke und legte ihre kühlen, zitternden Hände an meine Wangen. Sie sagte nichts, aber der Blick in ihren Augen schrie nach einer Obsession, die mir eine Gänsehaut über den gesamten Körper jagte.
Hilfe, dachte ich. Bitte, kann mich Truck kun jetzt abholen?
Doch der Wahnsinn war noch nicht komplett.
„LILI!“
Ein Mädchen rannte an der furchteinflößenden Königin vorbei. Sie war etwa achtzehn Jahre alt und das absolut unfassbarste Lebewesen, das ich je gesehen hatte. Sie leuchtete förmlich. Eine Aura aus reiner Güte, Schönheit und Protagonisten Energie ging von ihr aus. Ihr goldenes Haar wehte in einem Wind, der im Zimmer gar nicht existierte.
Kronprinzessin Eleonora. Die Original MC.
Sie warf sich auf mich und riss mich in ihre Arme. Sie drückte mich an ihre Brust, und zwar mit einer Kraft, die für ein achtzehnjähriges Mädchen absolut unnatürlich war. Meine winzigen, fünfjährigen Rippen knackten gefährlich. Ich schnappte nach Luft, aber mein Gesicht war in einem Meer aus Stoff und dem Duft von Lilien begraben.
„Oh, Lili! Mein süßes, kleines Engelchen!“, weinte Eleonora dramatisch in mein Ohr. „Ich werde dich nie wieder loslassen! Ich werde dich vor allem Bösen auf dieser Welt beschützen, das schwöre ich bei meinem Leben!“
Ich rang um Sauerstoff. Ich ersticke. Ich werde an meiner eigenen Schwester ersticken. Was für ein peinlicher zweiter Tod.
Während ich halb zerquetscht wurde, nahm ich aus den Augenwinkeln wahr, wie drei weitere Gestalten den Raum betraten. Sie bewegten sich wie eine koordinierte Spezialeinheit aus einem Anime.
Der Älteste, vielleicht sechzehn, trug eine Brille. Er blieb sofort an der Tür stehen, schob sich den Steg der Brille mit dem Mittelfinger hoch ein Klischee, das mich innerlich laut aufschreien ließ und ließ seinen berechnenden Blick über die Fensterrahmen, die Decke und jeden Zentimeter des Raumes schweifen, als würde er nach versteckten Scharfschützen suchen.
Der Zweite, vierzehn Jahre alt, hatte die Hand am Knauf seines Schwertes. Sein Gesicht war rot vor unterdrückter Emotion, seine Kiefermuskeln arbeiteten. Er knurrte. Er knurrte wortwörtlich leise vor sich hin, als wäre er ein tollwütiger Hund, der bereit war, den nächsten Stuhl zu zerfetzen, der mich schief ansah.
Der Dritte war kaum älter als ich. Vielleicht acht. Er trat langsam näher, vorbei an dem weinenden König. Seine Augen waren dunkel, tief und besaßen eine Intensität, die absolut nichts in dem Gesicht eines Kindes zu suchen hatte. Er starrte mich an. Er blinzelte nicht. Er stand einfach nur da und brannte Löcher in meine Seele.
In meinem Kopf herrschte ohrenbetäubender Alarm. Roter Alarm. Die Sirenen heulten.
Mein Gehirn, trainiert durch jahrelange Analyse von toxischen Isekai Tropes, ratterte die Fakten herunter.
Fakt 1: Diese Familie war nicht normal. Sie waren besessen, überfürsorglich und eindeutig psychologisch instabil.
Fakt 2: Ich kannte sie nicht. Ich wusste nicht, wie sich die "echte" Lilianne normalerweise verhielt. War sie ein braves Kind? War sie frech? Sprach sie mit einem Lispeln? Wenn ich jetzt anfangen würde, wie eine zynische, fünfundzwanzigjährige japanische Frau zu reden, die sich genervt aus den Umarmungen befreit, würden sie es merken.
Fakt 3: In Fantasy Welten wurde Persönlichkeitsveränderung selten als "Entwicklung" abgetan. Meistens schrie jemand "Dämonische Besessenheit!" und dann kamen die Typen mit den Fackeln und dem heiligen Wasser.
Ich durfte mich nicht verraten. Aber ich konnte sie auch nicht täuschen. Es gab nur einen einzigen Ausweg, ein einziges narratives Werkzeug, das mich vor dem Scheiterhaufen retten konnte.
Es war das faulste, klischeehafteste, abgenutzteste Trope der gesamten Literaturgeschichte. Ich hatte Autoren dafür verflucht. Ich hatte Romane dafür mit einem Stern bewertet.
Und jetzt musste ich es selbst benutzen.
Ich konzentrierte mich. Ich presste die Hände gegen Eleonoras Schultern und drückte mich sanft, aber bestimmt von ihr weg.
Ich nutzte den physischen Schock des Aufwachens, um meine Augen mit Tränen zu füllen. In einem Kinderkörper zu weinen, stellte sich als erschreckend einfach heraus. Die Tränen stiegen sofort auf, dick und schwer, und ließen meine himmelblauen Augen noch größer und verletzlicher wirken.
Ich ließ meine Schultern leicht hängen. Ich legte den Kopf um exakt zwanzig Grad schief der goldene Schnitt der Niedlichkeit und ließ meine Unterlippe so fest zittern, wie ich nur konnte.
Der Raum war plötzlich still. Der König hielt im Schluchzen inne. Die Königin erstarrte. Eleonora ließ die Arme sinken. Die drei Brüder im Hintergrund hielten den Atem an. Alle Augen ruhten auf mir. Die Spannung in der Luft war so dicht, dass man sie mit Cassians Schwert hätte zerschneiden können.
Ich öffnete den Mund. Meine Stimme war ein winziges, zerbrechliches Flüstern, das wie Glas zu splittern schien.
„Entschuldigung…“, hauchte ich. Eine Träne rollte perfekt getimt über meine Wange. Ich sah sie der Reihe nach an, meine Augen weit aufgerissen, gefüllt mit der gespielten Panik eines verlorenen Rehkitzes.
„Aber… wer… seid ihr? Wo bin ich?“
Ein Wassertropfen, der auf eine glühende Herdplatte fällt. Das war die Wirkung meiner Worte.
Für zwei Sekunden passierte nichts. Es herrschte absolute, schockgefrorene Stille, unterbrochen nur vom leisen Ticken einer Standuhr irgendwo im Raum.
Dann brach die Hölle los.
König Valerian, der majestätische Herrscher über Millionen von Untertanen, stieß einen Schrei aus, der klang, als hätte man ihm ein glühendes Eisenrohr durch die Brust gerammt.
Er kippte theatralisch nach hinten auf den Teppich, presste beide Hände auf sein Herz und begann zu hyperventilieren. „Sie erkennt mich nicht! Meine Sonne hat mich vergessen! Oh Götter, straft mich! Tötet mich auf der Stelle, ich bin es nicht wert, weiterzuleben!“
Königin Seraphina stand blitzschnell auf. Ihre Maske war nicht nur gebrochen, sie war pulverisiert. Sie wirbelte zur Tür herum.
„ARZT!“, brüllte sie mit einer Lautstärke, die die Fensterscheiben klirren ließ. Ein armer, älterer Mann mit einem Koffer stolperte zitternd in den Raum. Seraphina packte ihn am Kragen seines Kittels und hob ihn fast vom Boden hoch.
„Wenn meine Tochter nicht bis Sonnenuntergang ihre Erinnerungen zurückhat, werde ich deine gesamte Blutlinie aus den Geschichtsbüchern tilgen, hast du mich verstanden?!“ Der Arzt nickte so hektisch, dass ich Angst hatte, sein Genick würde brechen.
Eleonora schlug sich die Hände vor das Gesicht und brach weinend zusammen. „Nein, nein, nein! Lili, das ist meine Schuld! Alles ist meine Schuld!“
Der vierzehnjährige Cassian drehte sich zur Wand um und schlug mit der blanken Faust so hart gegen die massive Steinmauer, dass der Putz rieselte. Julian, der Brillenträger, hatte aus dem Nichts ein Notizbuch gezogen und begann, wie ein Wahnsinniger auf den Seiten herumzukritzeln, murmelnd über „magische Blockaden“ und „kognitive Wiederherstellungsrituale“.
Und der jüngste, Lysander? Er starrte mich immer noch an. Doch nun war da ein beunruhigendes, dunkles Lächeln auf seinen Lippen. Er flüsterte etwas, das klang wie: „Wenn sie alles vergessen hat… dann gehört sie jetzt nur uns.“
Ich saß in meinem gigantischen, lächerlichen Goldbett, umgeben von einem weinenden Riesen, einer mörderischen Königin, einer heulenden Protagonistin und drei zukünftigen Kriegsverbrechern.
Ich hatte überlebt. Meine Notlüge hatte funktioniert. Sie dachten nicht, ich sei ein Dämon.
Aber während ich das absolute Chaos um mich herum betrachtete, sank mein Herz in die winzigen, seidengekleideten Kniekehlen.
Ich hatte die Wahrheit nicht vertuscht. Ich hatte einfach nur einen Stift gezogen und die verdammte Handgranate, die diese Familie war, direkt in meinen eigenen Schoß fallen lassen.
Ich hasse Isekai, dachte ich und ließ mich erschöpft in die Kissen zurückfallen.
Ich hasse es so sehr.




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