Kapitel 1: Fey
Diese Hallen sind wie Moskaus Winter. Dunkel und eiskalt.
Ich kniee auf dem makellosen Marmorboden der Haupthalle im Erdgeschoss. Ich schrubbe gerade den letzten blutigen Fußabdruck der Wachen weg, als sich das Portal öffnete und der eisige Februarwind durch die Halle weht. Maxim und Sergej. Sie sind von ihrer Patrouille zurück. Auf die Sekunde genau.
»Trödel nicht, Fey! Jeden Moment kommen Gäste und ich will keinen einzigen Fleck auf diesem Boden sehen!«, faucht Olga, die Haushaltsleiterin, im Vorbeigehen. »Und wenn du damit fertig bist, kümmere dich um die Wäsche. Die wäscht sich schließlich nicht von allein.«
»Natürlich, Ma’am«, antworte ich mit tonloser Stimme. Ich blicke nicht auf. Ich sehe nie auf.
Das ist die wichtigste Regel in diesem Gefängnis aus Eis und Gewalt: Mach dich unsichtbar. Gehör zum Inventar. Oder du stirbst.
Niemand von ihnen weiß, dass ich jeden einzelnen an dem Klang seiner Schritte erkenne. Keiner in diesem Gebäude ahnt, dass ich jeden Schritt, jedes Wort in diesem Haus mitzähle und mitanhöre. Und sie ahnen erst recht nicht, dass meine Hände nicht nur Putzlappen halten können, sondern ebenso mühelos eine Waffe bedienen oder einer Wache die Luftröhre zertrümmern könnten.
Doch was sie alle am wenigsten ahnen, ist, wer ich wirklich bin. Für sie alle bin ich nur Fey – ein stummes, deutsches Mädchen ohne Vergangenheit, das dankbar sein sollte, für ein paar Rubel und ein Dach über dem Kopf den Dreck des Wolfs-Clans wegzumachen.
Plötzlich durchbricht ein erstickter Schrei die Stille des Hauses. Es folgt das gedämpfte Geräusch einer schallgedämpften Waffe und schließlich ein dumpfer Knall.
Die kalte Luft im Flur gefriert zu Eis, während die Zeit stillzustehen scheint. Maxim und Sergej, die ihre Posten an den Treppenaufgängen eingenommen haben, zucken nicht einmal, aber ihr Griff um die Sturmgewehre wird fester. Olga hält inne und wird bleich wie der Marmorboden, auf dem sie steht.
Einige Sekunden später öffnete sich die schwere Eichentür zum Arbeitszimmer des Clanführers im ersten Stock.
»Juri, das war jetzt schon die dritte Zofe diesen Monat«, sagt Dimitri zu seinem Anführer. Juri Volkov. Der Große Wolf. Hinter ihnen tragen zwei Wachen einen aufgerollten Teppich aus dem Raum. An einer Stelle sickerte dunkles, frisches Blut durch den Stoff.
Ein tiefes Knurren klingt aus Juris Kehle. »Wenn diese Zofen ihren Job richtig machen würden, anstatt mich die ganze Zeit besteigen zu wollen, müsste ich das nicht tun.«
Es war also Tatjana. Die persönliche Zofe des Großen Wolfs. Zumindest bis vor zwei Minuten.
Olga presst ihre Lippen aufeinander und steigt wie auf Kommando die große Marmortreppe hinauf, um sich dem Mann zu stellen, vor dem ganz Russland zittert. Als ob nichts von alldem passiert wäre, poliere ich weiter den Boden. Meine Ohren sind geschärft wie die eines Raubtiers auf der Jagd und ich verfolge jedes Wort.
»Sie hat Ihre Termine verwechselt, Mr. Volkov«, höre ich Olgas zitternde Stimme von oben schallen. »Die Vorbereitungen für die Lieferungen aus Sankt Petersburg sind dadurch ins Stocken geraten. Es tut mir leid. Ich werde sofort Ersatz für Sie finden.«
Juri wendet sich an Dimitri: »Kümmere du dich um die Vorbereitungen. Wir können nicht auf diese Lieferung verzichten.«
»Wird gemacht, Cousin«, antwortet Dimitri nickend, dreht sich auf seinem Absatz um und geht den Gang entlang davon.
»Ich brauche keinen Ersatz, der sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren kann«, ertönt Juris Stimme nun, zurück an Olga gewandt. Die einzige Stimme, die mir eine feine Gänsehaut über meine Arme treibt.
Seine Stimme ist nicht laut oder wütend. Sie ist tief, dunkel und besitzt ein kehliges, raues Rascheln – wie das Knurren eines Raubtiers, das seine Beute beobachtet.
»Ich brauche jemanden, der seinen Verstand benutzt. Wer ist unten?«
»Nur... nur das deutsche Mädchen, Mr. Volkov. Fey. Sie ist still und gründlich, aber—«
»Schick sie hoch. Jetzt.« Das ist keine Bitte, das ist ein Befehl.
Ich spüre den Blick von Maxim und Sergej auf mir, als Olga von der letzten Stufe tritt und mir mit angstgeweiteten Augen bedeutet, ihr nach oben zu folgen.
Ich wische ein letztes Mal über den Boden, lege dann meinen Lappen in den Eimer, wische mir die Hände an der Schürze ab und richte mich auf. Mein Herzschlag bleibt völlig ruhig. Ein gleichmäßiger, langsamer Takt.
Als ich die Stufen nach oben steige, senke ich den Blick, um die Rolle der gehorsamen Zofe aufrechtzuerhalten. Dennoch scannten meine Augen bereits den Raum, als ich die Schwelle zu Juris Arbeitszimmer überschreite.
Es riecht nach Zedernholz, teurem Leder und einem Hauch von Eisen. Hinter dem massiven Schreibtisch aus dunkler Eiche steht er.
Juri Volkov ist ein Hüne von einem Mann. Seine Schultern sind breit, sein dunkles Haar leicht unruhig geschnitten, und unter dem leicht geöffneten Kragen seines schwarzen Seidenhemdes erahnt man den Ansatz einer gewaltigen Narbe, die sich über seine ganze Brust ziehen muss. Doch es sind seine Augen, die jeden normalen Menschen in die Knie gezwungen hätten: eiskalte, stahlgraue Pupillen, die mich fixieren wie einen Eindringling in seinem Revier.
Er tritt um seinen Schreibtisch und kommt näher. Seine Bewegungen sind geschmeidig, lautlos und voller kontrollierter Gefahr – genau wie ein Wolf.
»Du bist also die Neue«, knurrt er leise und bleibt direkt vor mir stehen. Er ist so nah, dass ich die Wärme seines Körpers spüren kann. Er versucht, mich mit seiner bloßen Präsenz zu erdrücken, mich zu brechen, bevor ich überhaupt ein Wort gesagt habe. »Wie ist dein Name?«
Ich sehe nicht weg. Ich zittere nicht.
Stattdessen hebe ich langsam den Kopf und blicke der Bestie direkt in die Augen. Für einen Bruchteil einer Sekunde steht Verblüffung in Juris Augen. Verblüffung darüber, dass diese Frau keinen Funken Angst vor ihm verspürt.
»Fey. Fey Müller. Es ist mir eine Ehre, Mr. Volkov«, stelle ich mich mit einem knappen Nicken vor.
»Eine Deutsche? Was macht eine Deutsche im Clan der Wölfe?«, fragt Juri mit dunkler Stimme.
»Ich wurde mit fünfzehn Jahren an die Wölfe verkauft, Mr. Volkov.« Während ich ihm antworte, löse ich meinen Blick zu keinem Zeitpunkt von seinen Augen.
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Herzlich Willkommen zu meiner ersten Geschichte hier auf Inkitt! Ich hoffe euch das erste Kapitel gefallen. Lasst mich gerne wissen, wie euer erster Eindruck von den beiden ist. 💕








