Prolog
Der Tod war kein absolutes Ende.
Für einen Meister der arkanen Künste war er lediglich eine komplexe Gleichung, deren letzte Variable noch niemand berechnet hatte.
Voranis stützte sich schwer auf den massiven Eichentisch.
Das flackernde Licht der magischen Sphären tauchte den Raum in ein kränkliches Violett und ließ tiefe Schatten über sein Gesicht gleiten. Die Jahre, die bei anderen nur sanfte Spuren hinterlassen hätten, schienen sich in dieser endlosen Nacht tief in seine Züge zu fressen. Seine Haut wirkte fahl, fast transparent. Seine Augen waren gerötet, die Ränder dunkel von tagelangem, schlaflosem Brüten. Und seine Hände zitterten.
Zwischen ihnen ruhte ein kleines, silbernes Amulett.
Eine feine, getrocknete Blutspur haftete noch immer an seinem kühlen Rand.
Elyria.
Allein der Gedanke an ihren Namen genügte. Etwas riss in seiner Brust, so grausam und schmerzhaft, dass er den Atem anhalten musste. Er presste die Lippen aufeinander, bis sie weiß anliefen, und schloss die Augen, um die Realität auszusperren.
Er hatte sein gesamtes Leben der Magie gewidmet. Er hatte Gesetzmäßigkeiten studiert, die andere Sterbliche den Verstand gekostet hätten. Er hatte uralte, vergessene Kräfte berührt, vor denen selbst erfahrene Erzmagier zurückschreckten. Die Menschen hatten ihn für seine Erkenntnisse bewundert, andere aus tiefster Seele gefürchtet.
Er war stets überzeugt gewesen, dass es für jedes noch so schwierige Problem eine logische Lösung gab, solange man genug Wissen besaß.
Doch als Elyria starb, hatte all dieses Wissen plötzlich nichts mehr bedeutet.
Keine magische Formel hatte ihren letzten, flachen Herzschlag aufhalten können. Keine hochentwickelte Rune vermochte es, das flüchtige Licht in ihren Augen zurückzubringen, als die Dunkelheit nach ihr griff. Keine seiner Mächte war stark genug gewesen, um zu verhindern, dass ihre warme Hand in seiner schlaff und eiskalt wurde.
Voranis öffnete die Augen.
Sein starrer Blick blieb noch einen Herzschlag lang auf dem silbernen Amulett ruhen, ehe er es langsam schloss und auf den hölzernen Tisch warf.
Er durfte nicht daran denken. Nicht jetzt. Nicht in diesem Zustand.
Sein fieberhafter Blick wanderte stattdessen fort, hin zu jenem Objekt, das genau im Zentrum des Raumes auf einem massiven, steinernen Podest ruhte.
Eine Schatulle.
Sie bestand aus grün schimmerndem Jadestahl und wirkte trotz ihres geringen Umfangs wie aus einem Block einer uralten Festung herausgeschnitten. Ihre Oberfläche war lückenlos mit tief eingemeißelten Runen bedeckt. Metallische Verschlüsse griffen ineinander wie die Finger einer eisernen Klaue, begleitet von einem unheilvollen, kaum hörbaren Summen.
Ein Summen, das warnte. Das abwehrte. Das jeden Instinkt in ihm zum Schreien brachte.
Voranis hatte Jahre seines Lebens damit verbracht, dieses Artefakt aufzuspüren. Er hatte staubige Fragmente verbotener Texte gesammelt, Aufzeichnungen in den Ruinen des Südens entziffert, vergessene Gräber durchsucht und mit zwielichtigen Wesen gesprochen, denen ein vernünftiger Mann niemals seinen wahren Namen genannt hätte.
Die alten Legenden sprachen von einer Macht weit über gewöhnlicher Nekromantie. Eine Macht, die lebendes Gewebe und die Essenz von Seelen unwiderruflich verändern konnte. Eine Uralt-Macht aus einer versunkenen Epoche, in der der südliche Kontinent unter dem Schatten dunkler Götter lag.
Allein der Gedanke an diesen toten, formlosen Gott ließ ein eisiges Kribbeln über seine Haut laufen.
Voranis wusste, dass die reinen Energien dieser alten Macht normalerweise augenblicklich zerfielen, sobald sie ihre korrupte Umgebung verließen. Reste davon mochten als Schatten und Zweifel weiter existieren, doch die konzentrierte Essenz war nie dazu bestimmt gewesen, über große Entfernungen gebunden zu bleiben.
Doch dieses Artefakt war anders.
Die Schöpfer dieser Schatulle, ob die Mogu oder eine noch ältere Zivilisation, hatten die Essenz nicht einfach nur eingeschlossen.
Sie hatten sie konserviert. Versiegelt. Zusammengepresst. Als hätten sie versucht, einen abgetrennten Teil einer sterbenden Gottheit in einem unzerstörbaren Gefäß einzusperren und ihn für die Ewigkeit gegen das Vergehen der Zeit abzuschotten.
Ein Echo. Gefangen in starren Runen.
Voranis trat näher, seine Stiefel hallten dumpf auf dem Steinboden.
„Wenn die alten Aufzeichnungen auch nur im Ansatz stimmen...“
Seine Stimme verhallte im leeren Raum.
Er hob beide Hände. Violette arkane Energie sammelte sich zwischen seinen zitternden Fingern. Dünne, gleißende Lichtfäden wanden sich um seine Handgelenke, während die Luft im Refugium zu knistern begann.
Er zögerte für einen bedeutsamen Moment.
Dann blickte er noch einmal über die Schulter zurück auf das kleine, silberne Amulett.
„Vergib mir, mein Licht“, flüsterte er mit brüchiger Stimme. „Aber ich werde dich nicht für immer in der kalten Dunkelheit zurücklassen.“
Seine Finger schlossen sich fester.
„Egal, was es mich kosten wird.“
Er sprach das uralte Entsiegelungswort.
Einen Herzschlag lang geschah gar nichts. Die Stille im Raum verdichtete sich.
Dann antwortete die Schatulle.
Ein ohrenbetäubendes, metallenes Knirschen erfüllte das Refugium. Es klang, als würden massive Knochen unter immensem Druck brechen. Als würde tief unter der Erdkruste etwas Uraltes aus jahrtausendaltem Schlaf erwachen.
Die Runen auf dem Jadestahl flammten in giftigem Grün auf. Ein Lichtblitz raste über die Verschlüsse, während sich die Sicherungen verzweifelt gegen den Eingriff stemmten.
Voranis wich keinen Schritt zurück. Er verstärkte den Druck seiner Magie.
Ein weiterer gewaltiger Ruck ging durch die schwere Schatulle.
Dann sprangen die Verschlüsse mit einem Knall auf.
Der schwere Deckel glitt langsam zur Seite.
Voranis hielt den Atem an.
Er hatte mit einem Kern aus reiner, ungebändigter Energie gerechnet. Mit uralter Magie, verbotenen Aufzeichnungen oder einer Formelsammlung. Irgendetwas, das ihm endlich erklären konnte, wie man eine entflohene Seele an ihren sterblichen Körper zurückband.
Etwas, das ihm seine geliebte Elyria zurückgeben konnte.
Doch in der Schatulle lag kein leuchtender Kristall. Keine Waffe. Kein Bündel alter Schriftrollen.
Dort lag ein Buch.
Unspektakulär. Fast enttäuschend gewöhnlich.
Es war in dunkles, rissiges Leder gebunden, von feinen Rissen durchzogen, als hätte das Buch selbst bereits unzählige Äonen in absoluter Einsamkeit überdauert.
Voranis runzelte ungläubig die Stirn. Die Enttäuschung flackerte in ihm auf.
Dann begann das Flüstern.
Er hörte es nicht mit seinen Ohren. Es war kein akustischer Schall, der den Raum durchquerte.
Es kroch direkt, ungefiltert in seinen Verstand.Wie feiner Sand, der über seine Haut rieselte.
So viel Schmerz...
Voranis erstarrte.
Ein grauer Nebel quoll zwischen den Seiten des Buches hervor. Schwer wie flüssiges Blei rann er über das Podest und tastete sich lebendig über den kalten Boden.
So viel unendlicher Verlust...
Voranis wich einen Schritt zurück, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen.
„Wer... bist du?“, presste er hervor.
Du bist leer, Voranis. Die Worte in seinem Kopf waren von tröstender Zärtlichkeit. Ein mächtiges Gefäß mit tiefen Rissen.
Seine Hand schoss hoch. Arkane Energie sammelte sich darin. „Zeig dich, du elendes Phantom!“
Ein schauriges Lachen drang durch seinen Schädel. Warum sollte ich? Du weißt bereits, wer hier spricht.
Der Nebel schlang sich um seine Stiefel, kalt wie Grabeserde. Deine eigene Verzweiflung. Dein brennender Hass auf eine Welt, die dir genommen hat, was du am meisten geliebt hast.
Von unsichtbarer Hand geführt, blätterte sich das alte Buch von selbst auf.
Dein tiefer Zweifel. Deine ungesühnte Schuld.
Voranis’ Blick glitt zur schweren Holztür seines Studierzimmers. Dahinter, eingehüllt in den Schlaf der Unschuldigen, schlief seine Tochter. Sein einziges Kind. Sein letzter verbliebener Anker in dieser Welt.
Die Stimme im Kopf wurde fast intim. Sie könnte wiederkehren...
Voranis’ Hand sank langsam nach unten. „Wie...?“
Der Nebel kringelte sich wie eine Schlange um seine Beine. Eine Seele kann niemals aus dem Nichts erschaffen werden. Aber sie kann geformt werden. Sie kann geteilt werden.
Er machte einen unbewussten Schritt nach vorn.
Geordnet. Zersplittert.
Voranis schloss krampfhaft die Augen. „Nein...“, flüsterte er flehend.
Du besitzt bereits das perfekte Material. Einen lebendigen Anker aus deinem eigenen Blut...
Voranis’ Augen öffneten sich wieder, die Pupillen geweitet. Lange Sekunden herrschte bleierne Stille, bevor sein Blick zurück zum Buch wanderte.
„Meine Tochter...“
Dein eigenes Fleisch und Blut. Der Nebel stieg an seinen Beinen hoch. Was ist schon ein einzelnes Leben gegen die Rückkehr deiner wahren Liebe?
Voranis’ Finger krallten sich so fest in seine Handflächen, dass die Haut aufschürfte.
„Sie ist noch ein Kind... Sie würde unermesslich leiden.“
Ein kleiner Riss. Ein notwendiges Opfer im Namen des Gleichgewichts.
„Sie könnte daran sterben.“
Eine weitere, schwere Pause.
Dann wurde die Stimme im Kopf unerträglich sanft. Fast mütterlich.
Oder Elyria könnte leben.
Stille. Absolute, erdrückende Stille.
Voranis hörte in diesem Moment absolut nichts mehr. Er vernahm nicht mehr das feine Summen der arkanen Sphären an der Decke. Nicht das Knistern der abgeklungenen Magie. Nicht einmal das Schlagen seines eigenen Herzens.
Es gab nur noch diesen einen, alles verschlingenden Gedanken.
Elyria.
Ihr Gesicht vor seinem inneren Auge. Ihr warmes Lächeln. Ihre weiche Hand in seiner. Der exakte Moment, in dem das Leben aus ihren Augen gewichen war und die Welt für ihn in Trümmern lag.
Er hatte all die Monate geglaubt, mühsam gelernt zu haben, mit diesem unerträglichen Schmerz zu existieren. Doch nun bot ihm eine unsichtbare Macht etwas an, von dem er sich geschworen hatte, nie wieder zu träumen:
Eine reale Möglichkeit. Keine Garantie. Keine Gewissheit. Aber eine offene Tür.
Das Flüstern in seinem Verstand wurde zu einem kaum noch wahrnehmbaren, süßlichen Säuseln.
Nur ein Stück... Nur ein winziges Fragment... Nur genug, um den Weg dauerhaft zu öffnen...
Voranis wandte den Kopf langsam wieder zur Tür. Seine Tochter schlief irgendwo dort draußen in den dunklen Räumen. Völlig unwissend. Voller Vertrauen. Sicher in dem kindlichen Glauben, dass ihr Vater sie beschützte und liebte.
Voranis presste die Augen fest zusammen, bis brennender Schmerz einsetzte.
Eine einzelne, heiße Träne löste sich aus seinem geröteten Augenwinkel und rann einsam über seine eingefallene Wange.
Als er die Augen schließlich wieder öffnete, war etwas in ihm unwiderruflich zerbrochen.
Das klare, stolze Leuchten des gelehrten Magiers war erloschen. Die rationale Zurückhaltung. Das moralische Gewissen. Die eiserne Vernunft.
Sie waren noch nicht vollständig ausgelöscht. Noch nicht ganz. Aber sie standen bereits tief im kalten Schatten.
Im unnatürlichen Spiegel seiner Pupillen lag nur noch das matte, leblose Grau des Nebels.
Und das Buch auf dem Podest wartete. Geduldig. Unersättlich.
Voranis beugte sich langsam vor und nahm das kleine, silberne Amulett mit Elyrias Blut erneut in seine zitternde Hand. Er drückte es krampfhaft an seine Brust, als könne es ihn wärmen.
„Ich werde dich zurückholen“, flüsterte er in die Dunkelheit des Raumes.
Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht einmal mehr, ob er diese Worte an Elyria richtete. Oder an das finstere Echo in seinem eigenen Verstand.
Dann wandte er sich starr von dem Tisch ab.
Und ging zur Tür.




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Das erklärt endlich, wie er daran gekommen ist und verrückte geworden ist.