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Verborgene Spuren 3 - Schatten der Vergangenheit

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Summary

Josef hat sich geschworen, nie wieder der Mann zu werden, der er einmal war. Doch Parker lässt ihm keine Wahl. Parker kennt inzwischen Josefs größte Schwäche: Lia. Um sie zu schützen, muss Josef lügen – und Entscheidungen treffen, die ihn alles kosten könnten. Während Josef immer tiefer in seine alte Welt zurückgedrängt wird, jagt Lia mit dem Team einen brutalen Vergewaltiger. Doch mit jedem neuen Opfer wird deutlicher, wie viele Frauen mit ihrem Leid allein bleiben. Für Lia ist Wegsehen keine Option. Doch während sie für andere kämpft, gerät ihr eigenes Leben immer mehr ins Wanken, vergessene Erinnerungen kehren wieder – und schließlich führt eine Spur Lia über die Grenze. Dorthin, wo die Antworten auf ihre Vergangenheit liegen könnten. Dorthin, wo sie nie vergessen wurde. Denn Josef ist nicht der Einzige, dessen Vergangenheit noch lange nicht abgeschlossen ist.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Kapitel 1 – Trug und Leid


„Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

— Johann Wolfgang von Goethe,


Josef

Verdammt.

Wie war das möglich? Warum war er überhaupt am Leben?

Aber es bestand kein Zweifel. Parker saß an seinem Küchentisch. Zwar zeichneten Narben sein Gesicht, aber ansonsten wirkte er alles andere als tot.

Obwohl er es sein müsste.

Obwohl Josef dafür gesorgt hatte.

Parkers strenges Gesicht zierte ein kleines Lächeln. Nur der rechte Mundwinkel seiner dünnen Lippen hob sich, während die Augen kalt blieben und stechend auf Josef gerichtet waren.

„Hallo, Josef. Es war gar nicht so einfach, dich zu finden.“

Für einen Moment wanderte der Mundwinkel noch ein Stück weiter nach oben.

„Und dich mal alleine zu erwischen.“

Nein!

Scheiße!

Jeder Muskel in Josefs Körper spannte sich an, bereit, die Gefahr zu beseitigen, noch ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte. Sein Schock musste ihm anzusehen sein.

Parker hob beschwichtigend eine Hand.

„Keine Angst. Ich bin nicht hier, um dich umzubringen.“

Merkwürdigerweise glaubte Josef ihm das sogar.

„Rache ist etwas für dumme, kleinliche Männer. Das bin ich nicht, wie du sehr gut weißt.“

Nein, Parker war definitiv nicht dumm. Eher ein machtgieriger, grausamer Stratege.

Fast zu lässig für seine straffe Haltung zuckte Parker mit den Schultern.

„Außerdem bist du lebend viel nützlicher. Und dein Leben hat immer mir gehört. Seit du den Stützpunkt zum ersten Mal betreten und die Prozedur überlebt hast.“

Das konnte nicht passieren.

Was hatte Josef nicht alles getan, um sich ein eigenes Leben aufzubauen? Und jetzt, wo er es endlich wirklich geschafft hatte, saß dieser Mann hier.

Seine Fäuste ballten sich.

Aber Parker war gefährlich. Einfach auf ihn loszugehen, wie Josef es am liebsten getan hätte, könnte ein Fehler sein. Der Mann hatte immer ein Ass im Ärmel.

Also zuerst Informationen beschaffen.

So, wie man es ihm beigebracht hatte.

„Ich werde nicht einfach wieder mit zurückkommen. Also, was willst du von mir?“

Parkers graue Haare, so kurz geschoren, dass sie sich kaum von der Haut abhoben, leuchteten im Schein der Deckenlampe, während er langsam den Kopf schüttelte.

„Na, na. Haben wir unsere Manieren vergessen? Für dich immer noch Colonel oder Sir.“

Der Missmut über dieses kleine Detail war nicht gespielt. Das merkte Josef.

„Aber keine Angst. Der Stützpunkt existiert sowieso nicht mehr, nachdem du ihn zur Hälfte niedergebrannt hast.“

Kurz durchzuckte Josef Erleichterung.

Der Ort, mit dem so viele schlimme Erinnerungen verbunden waren, hatte also nicht überdauert. Aber trotzdem war Parker hier.

„War übrigens nur dir und deinen Kameraden zu verdanken, dass ich die Explosion überlebt habe.“

Was?

Er war doch der Letzte gewesen.

Bevor Josef fragen konnte, sprach Parker weiter.

„Na ja, wohl eher eurem Blut. Hat fast alle Infusionen gekostet, die wir noch hatten. Und eine angepasste Variante der Prozedur, um mich vor dem sicheren Tod zu bewahren.“

Nein!

Es war noch nicht vorbei?

„Ich dachte, die Prozedur wäre tödlich?“

Parker lächelte jetzt wirklich. Ein irritierendes Bild. Josef kannte ihn seit so vielen Jahren und hatte noch nie erlebt, dass der Mann beim Lächeln die Zähne zeigte.

„Es ist nicht mehr dasselbe wie bei euch. Leider. Die Fähigkeiten sind nicht so ausgeprägt, aber zusammen mit den Infusionen hat die Selbstheilung mir den Arsch gerettet.“

Für einen Moment bemerkte Josef eine Anspannung in Parkers Schultern.

„Trotzdem liegt die Todesrate bei fünfundachtzig Prozent. Aber wenn man nichts zu verlieren hat, sind fünfzehn Prozent mehr als genug. Und Gott hat es wohl gut mit mir gemeint.“

Damit hatte Josef nicht gerechnet.

Aber etwas anderes überraschte ihn noch mehr. Parker hatte immer mit Informationen gegeizt, und plötzlich erzählte er Josef bereitwillig all das.

Ein ungutes Ziehen breitete sich in seinem Magen aus und hinterließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund.

Das konnte nur eines bedeuten:

Parker hatte keinen Zweifel daran, ihn kontrollieren zu können.

Deshalb stellte er seine Frage noch einmal. Das Sir schenkte er sich auch diesmal. Nicht für diesen Mann. Nie wieder.

„Was willst du von mir?“

Parker mahlte mit den Zähnen, ehe er antwortete:

„Immer aufs Wesentliche konzentriert und kontrolliert. Sehr gut. Ich will, dass du meine Anweisungen ausführst. Ohne Fragen zu stellen und präzise.“

„Aber—“

Sofort schnitt Parker ihm das Wort ab. Widerspruch hatte er noch nie geduldet.

„Wenn du es gut machst, kannst du dein kleines Leben hier vorerst behalten. Denn die Aufträge liegen jetzt, sagen wir mal, in einer Grauzone, und da können wir eine Verbindung zum Militär nicht gebrauchen.“

„Also sind das keine offiziellen Missionen?“

Parkers Ton wurde sofort schärfer.

„Das war eine Frage, Josef. Die nächste wird Konsequenzen haben. Die Aufträge stammen von mir, und du führst sie aus. Sonst ist dein Leben, das mir gehört, nicht länger von Nutzen.“

Nein.

Niemals.

Er würde nicht wieder zu Parkers Waffe werden.

Josef sah sich um. Er konnte keine Deckung erkennen. Kein Geräusch deutete darauf hin, dass während des Gesprächs weitere Männer näher gekommen waren oder irgendwo ein Hinterhalt auf ihn wartete.

Aber Parker wirkte nicht im Geringsten nervös, obwohl er wusste, wozu Josef imstande war.

Das ließ ihn zögern.

Langsam machte Josef einen kleinen Schritt auf Parker zu. Nicht nur als Drohung, sondern auch, um aus der direkten Schusslinie zu kommen, falls doch irgendwo ein Scharfschütze saß, der durch das Küchenfenster auf ihn zielte.

Parker reagierte sofort.

„Nicht so schnell, Josef. Du glaubst doch nicht, dass ich allein hierherkäme, wenn ich mir nicht sicher sein könnte, dass du mich nicht tötest.“

Ein trockenes Lachen entwich seiner Kehle. Die Hand, in der er, wie Josef längst bemerkt hatte, eine Pistole hielt, wanderte auf den Tisch neben ihm. Dorthin, wo Josef aus seiner neuen Position plötzlich etwas liegen sah.

Nein.

Sein Herz setzte aus, nur um dann so heftig in seiner Brust zu pochen, dass er das Gefühl hatte, in seinem Inneren würde eine Glocke geschlagen. Im hektischen Rhythmus eines letzten Flügelschlags kurz vor dem Absturz.

Fotos. Viele Fotos.

Von ihm, wie er das Revier betrat. Vom Friedhof bei Mennings Beerdigung. Und vor allem von ihm, wie er mit Lia im Arm durch die Straßen zu ihrer Wohnung lief.

Der Lauf von Parkers Pistole war genau auf Lias lachendes Gesicht gerichtet, aufgenommen vor zwei Tagen, als sie zusammen in einem Straßencafé gesessen hatten.

Josefs Kehle schnürte sich zu.

Parker hatte ihn beschatten lassen.

Das Gesicht eines von Parkers Männern schoss ihm durch den Kopf. Den Namen des Soldaten wusste er nicht mehr. Was er auf der Beerdigung zu sehen geglaubt hatte, war keine Einbildung gewesen.

Wie hatte er das nur übersehen können?

Wie hatte er sich nur so sicher fühlen können?

Aber vor allem: Wie konnte Parker es wagen, Lia zu drohen?

Parkers Blick folgte seinem.

„Du solltest dir keine Gedanken darum machen, wie du mich ausschalten oder wie du entkommen kannst, sondern vielmehr darum, was passiert, wenn ich nicht gleich beim vereinbarten Treffpunkt erscheine.“

Josef erstarrte. Selbst der Atem blieb ihm im Hals stecken.

Er durfte Lia nicht gefährden.

Auf dem letzten Foto ganz links war nur sie zu sehen. Direkt vor dem Eingang ihres Wohnhauses.

Auch wenn alles in ihm danach schrie, Parker zu vernichten, das Monster, das gefährlich nah an der Oberfläche kratzte, herauszulassen, presste er stattdessen bloß die Zähne zusammen. So fest, dass er dachte, sie müssten jeden Moment zerbrechen.

Zwei Atemzüge. Kontrolliert und tief, ehe er seiner Stimme wieder zutraute, mehr zu sein als ein Wutschrei oder ein Knurren.

„Wie lautet mein Auftrag?“

Parkers Ruhe, die sich für einen Moment gelöst hatte, kehrte bei diesen Worten sofort zurück. Ebenso das fast spöttische Funkeln in seinen Augen.

„Gut. Ich wusste, dass sich die Suche nach dir lohnen würde.“

Dann griff er mit der Hand, in der er nicht die Pistole hielt, unter den Stuhl und warf Josef einen Umschlag zu.

Reflexartig fing Josef ihn auf und öffnete ihn. Widerstrebend, als hielte er etwas Giftiges in den Händen.

Eine Akte. Ein Mann mit Foto und Personenangaben.

„In spätestens zwei Wochen ist Mister Jones tot.“

Damit war der Auftrag klar.

Mehr gab es nicht zu sagen, und obwohl Josef weder den Grund kannte noch den Mann, nickte er.

Denn Parker hatte recht.

Josefs Leben gehörte ihm.

Noch.

Parker stand auf und ging mit militärisch gerader Haltung, aber für Josefs Geschmack trotzdem viel zu entspannt in Richtung Tür.

Vorbei an Josefs Küchenschränken, vorbei an dem braunen Sideboard und so nah an ihm, dass Josef den Lufthauch auf seiner schweißnassen Haut spüren konnte.

Schon in der Tür drehte Parker sich noch einmal um.

„Bei all der Mühe – warum ausgerechnet Josef Karter? Ein Polizist, der bei einem Einsatz drei Mörder um die Ecke bringt, in der Presse. Das war unvorsichtig. Da habe ich dir Besseres beigebracht.“

Er hob eine Braue, und Josef erkannte, dass es ihm nicht gefiel, etwas nicht zu verstehen.

„Das war keiner von unseren Pässen und trotzdem Josef? Oder gibt es noch eine Ratte?“

Josef legte so viel Ernst und Bedauern in seine Stimme, wie er in dieser Situation aufbringen konnte.

„Es … es war eine dumme Gewohnheit.“

Ob Parker ihm das glaubte?

Denn auf Emilios Spur würde er ihn nicht bringen.

Er war einer von den Guten, und das konnte Josef wahrlich nicht über jeden sagen, den er in seinem alten Leben kennengelernt hatte.

Als Josef und sein Team einmal eine Landesgrenze nicht wie geplant hatten überqueren können, hatten sie zwei Tage lang in Emilios Unterschlupf festgesessen. Gabriel, Simon, Lukas, Michael und Josef. Sechzig Quadratmeter im Hinterhaus einer Fabrik, die sie sich zu sechst hatten teilen müssen.

Dabei hatte Emilio wohl mehr gesehen und verstanden, als Josef damals geahnt hatte.

Denn bei ihrem nächsten Zusammentreffen, etwa ein Jahr später, war der sympathische Mann, mit dem sie mehr als einmal gelacht und gescherzt hatten, zu Josef getreten, als er ihnen erneut Dokumente aushändigen sollte.

Emilio war ein Hintermann, der für die Beschaffung – oder vermutlich oft auch nicht ganz legale Erschaffung – der Dokumente zuständig war, die ihr Team bei Einsätzen über Staats- und Ländergrenzen hinweg benötigte. Doch dieses Mal hatte er Josef mehr als die Einflugerlaubnis, um die es eigentlich gegangen war, in die Hände gedrückt.

Damals waren sie nur noch zu dritt gewesen. Lukas und Michael waren einem explodierenden Wagen zum Opfer gefallen.

Emilios Blick war durchdringend gewesen, als er sich an Josef gewandt hatte. Seine Worte, die Josefs Puls damals kurz in die Höhe getrieben hatten, konnte er förmlich noch hören.

„Hier. Die sind nicht offiziell, aber falls ihr keinen Ausweg mehr seht oder es euch zu viel wird, dann nutzt sie.“

Dann hatte Emilio kurz den Finger an die Lippen gelegt und Josef fest in die Augen gesehen.

„Keiner weiß davon. Die sind nur für euch.“

Emilio mit seinen warmen braunen Augen und dem buschigen Schnurrbart, der bei diesen Worten leicht gezittert hatte, war wirklich ein guter Mann gewesen. Nur ein paar Jahre älter als Josef selbst.

Vermutlich hatte er eine Familie. Bestimmt sogar. Vielleicht sogar Kinder.

Nein. Parker durfte ihn nicht ins Visier bekommen.

In dem Umschlag waren nämlich drei Pässe gewesen.

Darunter der von Josef Karter.

Mit aller Kraft beherrschte Josef deshalb seine Mimik, während Parker einen letzten Blick über ihn gleiten ließ.

Die Tür fiel fast lautlos ins Schloss, als wollte sie die Bedeutung dieses Besuchs verhöhnen. Als könnte sie Parker einfach wieder verschwinden lassen.

Erst nach drei weiteren tiefen Atemzügen erlaubte Josef seinem Körper, sich aus der Erstarrung zu lösen. Mit zwei langen Schritten war er beim Fenster.

Aber auch dort konnte er keine Verstärkung erkennen. Nur einen Wagen, in dem natürlich einer von Parkers Männern auf ihn wartete.

Doch Josef war sich sicher, dass auch jemand vor Lias Wohnung stand.

Seine Hand krachte viel zu fest auf die Fensterbank. Ein Riss zog sich durch das helle Holz.

Dann schüttelte er den Kopf. Begann regelrecht, sich selbst aus der Taubheit herauszuschütteln, mit der er Parker gegenübergetreten war.

Josef war der Einzige seiner Kameraden, der Emilios Chance auf ein neues Leben hatte nutzen können.

Dieses Leben würde er nicht einfach aufgeben.

Nicht kampflos.

Parker hatte sein Todesurteil in dem Moment unterschrieben, in dem der Lauf seiner Waffe auf Lias Foto gezeigt hatte.

Und Parker hatte keine Ahnung, wozu Josef wirklich imstande war, wenn er das Monster von der Leine ließ. Wenn er sein ganzes Potenzial nutzte.

Im Grunde wusste Josef das nicht einmal selbst.

Aber bald würden sie es beide herausfinden.


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Good Writing

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Compelling Plot

4

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Great Character

5

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Strong Dialog

5

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author

Mein Kommentar ist weg 😢
Also nochmal:
Ich verstehe, dass Josef keine andere Möglichkeit sieht, um Lia zu beschützen. Ich hoffe ihre Beziehung verkraftet neue Lügen und Geheimnisse 😢
Und ich hoffe bei Parker schlägt Karma so richtig zu 😤

2 days
2
author

Wow, was für ein Einstieg in den dritten Teil!
Damit habe ich nicht gerechnet, genau wie Josef, der dachte das Parker tot ist.
Josef muss jetzt erstmal das machen, was Parker von ihm verlangt, sonst ist Lia in Gefahr. Hoffentlich schafft er es, dass es niemand mitbekommt, was er jetzt für Parker erledigen muss. Aber Josef sinnt jetzt schon darauf, Parker und seine Helfer auszuschalten.
Parker ist ein richtiges Ekel, hoffentlich wird er bald merken, dass es ein gewaltiger Fehler gewesen ist, bei Josef aufzutauchen. Frage mich auch, wer die Helfer von Parker sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles alleine auf seinem Mist gewachsen ist.

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