Kapitel 1
Amalia
Ich rannte um mein Leben. Ich ignorierte die tiefen Wunden an meinen Armen und Beinen, obwohl sie wie Feuer brannten und mein warmes Blut tropfend Spuren im kalten Schnee hinterließ …
„AMMMAAAALIAAAA!“, war das Letzte, was ich hörte, bevor alles dunkel wurde …
Einen Monat zuvor …
Der Wecker schrillte. 6:00 Uhr. Genervt drückte ich ihn aus und setzte mich auf. Wie jeden Morgen warteten meine alltäglichen Pflichten auf mich. Ich rieb mir die Müdigkeit aus den Augen und fragte mich zum x-ten Mal, wann dieses Leben endlich ein Ende haben würde.
Ich quälte mich aus dem Bett und ging ins Bad. Ich sprang schnell unter die Dusche, obwohl ich wusste, dass ich den Tag über ohnehin schwitzen würde. Aber ich fühlte mich einfach gerne frisch.
Nach dem Duschen föhnte ich mein langes braunes Haar und steckte ein paar Strähnen mit einer kleinen Spange nach hinten. Make-up trug ich selten – höchstens etwas Wimperntusche, um meine grünen Augen hervorzuheben. Doch für meine Arbeit war das ohnehin unangebracht und überflüssig.
Zurück im Zimmer zog ich meine Arbeitskleidung an. Ich brauchte dringend neue Sachen. Diese saß mittlerweile viel zu eng. Da ich etwas kurviger gebaut war, spannt der Stoff an meinen Hüften, während er an der Taille viel zu locker saß.
Ich stöhnte leise. Nun musste ich Frau Minia schon wieder um eine neue Garnitur bitten … Ich konnte mir ihren genervten Gesichtsausdruck jetzt schon vorstellen. Sie würde mir sicher nur wieder raten, einfach abzunehmen.
Obwohl ich noch keinen Bissen runtergebracht hatte, war ich bereit für die Arbeit. Kaum trat ich aus der Haustür, klatschte mir die eisige Schneeluft ins Gesicht.
Aber erst einmal zu mir: Ich bin Amalia, 22 Jahre alt und eine Wölfin, die sich noch nie verwandelt hat. Das machte mir schwer zu schaffen – und beliebt war ich dadurch erst recht nicht. Ich wurde ständig angestarrt und überall wurde über mich getuschelt. Da ich die Verwandlung nie durchgemacht hatte, besaß ich auch keinen inneren Wolf.
Ich arbeitete im Anwesen des Alpha-Königs – auf Befehl unseres eigenen, unerträglichen Alphas. Er behauptete, dass ich ohne Verwandlung nutzlos für das Rudel sei und mich wenigstens beim Putzen nützlich machen könne.
An der Arbeit angekommen, kam mir Frau Minia bereits mit schnellen Schritten entgegen. Ich verdrehte unwillkürlich die Augen.
„Ich habe eine Beschwerde von unserem Alpha erhalten!“, fauchte Frau Minia mich an.
Ich sah sie verwirrt an. „Und weswegen?“
„Es wird zu langsam geputzt! Ihr haltet euch viel zu lange im Haus auf. Ab sofort fangt ihr um 5 Uhr an. Also morgen pünktlich um fünf!“, schnaubte sie, drehte sich auf dem Absatz um und ließ mich stehen.
Fünf Uhr morgens. Ich konnte es kaum fassen. Ich lehnte mich gegen die Wand und starrte ins Leere. Der Tag fing ja fantastisch an …
Ich begann, ein Zimmer nach dem anderen abzuarbeiten – derselbe Ablauf wie jeden Tag. Frau Minia schaute ab und zu vorbei und strich mit dem Finger kritisch über die Möbel. Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen und machte einfach weiter. Ich wusste schließlich, dass meine Arbeit gründlich war.
Nach ein paar Stunden dröhnte plötzlich die laute Stimme unseres Alphas durch das Haus: „Alle hören sofort mit der Arbeit auf! Versammelt euch im Flur!“
Ich legte mein Putzzeug zur Seite und eilte in den Flur, wo wir uns alle in einer Reihe aufstellten. Erst jetzt entdeckte ich Jessi. Sie winkte mir unauffällig zu, und ich schenkte ihr ein kurzes Lächeln.
Der Alpha trat vor uns. Niemand wagte es, sich zu rühren.
„Morgen Abend findet im Saal ein wichtiges Treffen statt. Alphas aus der ganzen Welt werden anreisen. Der Alpha-König wünscht, dass der Saal glänzt und alles perfekt vorbereitet ist. Der Raum muss eingerichtet und die Tafel für fünfzig Personen plus den Alpha-König gedeckt werden“, verkündete Alpha Eiden streng.
Wir durften uns nicht den geringsten Fehler erlauben.
Schließlich entließ er uns nach Hause, damit wir für morgen ausgeruht waren. Ich machte mich auf den Heimweg. Der restliche Abend verlief wie immer: Um 21 Uhr lag ich im Bett und wartete darauf, dass der Schlaf mich holte.
Das war mein Leben.
Tag für Tag.








