Kapitel 1
Kapitel 1 – Ein ziemlich normaler Freitag
Helmut Wagner war neunundfünfzig Jahre alt und hatte in seinem Leben einige grundlegende Wahrheiten gelernt. Eine davon lautete, dass Freitage vollkommen überschätzt wurden. Menschen, die morgens mit einem strahlenden „Endlich Freitag!“ ins Büro kamen, hatten offenbar verdrängt, dass zwischen ihnen und dem Wochenende noch acht Stunden lagen, in denen andere Menschen versuchten, ihnen Arbeit zuzuschieben. Helmut arbeitete seit siebenunddreißig Jahren in einem Büro und betrachtete sich daher als Fachmann für dieses Phänomen. Er hatte erlebt, wie aus einem „Könntest du da kurz drüberschauen?“ drei Stunden Arbeit wurden, wie Besprechungen ohne Tagesordnung länger dauerten als manche Ehen und wie Probleme, die seit sechs Monaten bekannt waren, freitags um vierzehn Uhr plötzlich „wirklich dringend“ wurden. Die menschliche Zivilisation hatte Computer, Raumfahrt und Tiefkühlpizza hervorgebracht, war aber weiterhin nicht in der Lage, eine Besprechung zu beenden, sobald alles gesagt war. Helmut hielt das für eines der überzeugenderen Argumente gegen die Krone der Schöpfung.
An diesem Freitag war ihm das allerdings erstaunlich egal. Er saß an seinem Schreibtisch, betrachtete auf dem linken Monitor eine Tabelle mit ungefähr so viel Unterhaltungswert wie eine Bedienungsanleitung für einen Aktenvernichter und beobachtete auf dem rechten die Uhr. 14:37 Uhr. Noch zwei Stunden und dreiundzwanzig Minuten. Danach begann ein Wochenende, auf das er sich seit Monaten freute, denn zum ersten Mal würde er die Mitglieder seines Online-Clans persönlich treffen. Nicht als Stimmen im Headset, nicht als Figuren in glänzenden Rüstungen und auch nicht als Namen über irgendwelchen digitalen Köpfen. Richtige Menschen. Mit Beinen, Gesichtern und vermutlich erschreckend vielen körperlichen Eigenarten, die über Discord bisher erfolgreich verborgen geblieben waren. Helmut war sich noch nicht sicher, ob das eine Verbesserung darstellte. Sechs Jahre lang hatte er mit diesen Leuten gespielt. Vielleicht war es vernünftiger gewesen, einige Geheimnisse zu bewahren.
Der Clan nannte sich „Die Grauen Wölfe“. Der Name war vor Jahren entstanden, als alle etwas jünger gewesen waren und „Graue Wölfe“ nach erfahrenen Veteranen geklungen hatte. Inzwischen hatten drei Mitglieder tatsächlich graue Haare, zwei weitere wurden sichtbar dünner auf dem Kopf, und Rüdiger, online als Ragnar bekannt, behauptete weiterhin hartnäckig, seine Haare seien nicht grau, sondern silbern. Helmut bezeichnete das als kosmetische Propaganda. Gemeinsam hatten sie Drachen erschlagen, Festungen erobert, Dämonenfürsten vernichtet und einmal vier Stunden darüber gestritten, wer einen legendären Ring bekommen sollte. Letzteres hatte Helmut mehr über Politik beigebracht als sämtliche Nachrichtensendungen seines bisherigen Lebens. Am Ende hatte der Heiler den Ring bekommen, obwohl er ihn gar nicht benutzen konnte, nur damit endlich Ruhe war. Demokratie funktionierte manchmal ähnlich.
Helmut selbst spielte selbstverständlich einen Magier. Krieger waren ihm zu stumpf. Man rannte auf einen Gegner zu und schlug so lange darauf ein, bis einer von beiden umfiel. Das konnte jeder Vollidiot. Bogenschützen waren ihm zu hektisch, und Schurken wurden seiner festen Überzeugung nach überwiegend von Menschen gespielt, die bereits als Kinder beim Monopoly Geld aus der Bank geklaut hatten. Ein Magier dagegen war etwas für vernünftige Erwachsene. Man blieb auf sicherer Entfernung, analysierte die Situation und warf anschließend einen Feuerball hinein. Falls das Problem danach noch existierte, war der Feuerball zu klein gewesen. Sein Charakter HelWag hatte die Maximalstufe erreicht und verfügte über eine Ausrüstung, für die jüngere Spieler vermutlich bereit gewesen wären, ihre Großmutter bei eBay einzustellen. Helmut war stolz darauf, auch wenn er niemals zugegeben hätte, wie viele Abende er dafür geopfert hatte. Andere Menschen sahen Serien. Helmut rettete Königreiche. Das war zumindest theoretisch gesellschaftlich wertvoller.
„Helmut?“ Die Stimme seiner Abteilungsleiterin riss ihn aus seinen Gedanken. Frau Petersen stand neben seinem Schreibtisch und trug diesen Gesichtsausdruck, den Helmut seit Jahrzehnten als Vorboten zusätzlicher Arbeit kannte. „Hast du einen Moment?“ Helmut sah demonstrativ auf die Uhr und antwortete: „Statistisch betrachtet vermutlich noch einige. Was davon ich freiwillig abgebe, wäre allerdings zu klären.“ Frau Petersen kannte ihn lange genug, um das zu ignorieren. „Die Auswertung für Montag müsste noch angepasst werden.“ Helmut lehnte sich zurück. Natürlich musste sie das. Freitagnachmittag mussten grundsätzlich Dinge angepasst werden. Es war vermutlich ein Naturgesetz. „Was genau fehlt denn diesmal?“ fragte er und drehte sich wieder zum Monitor. „Die Vergleichswerte vom letzten Quartal“, erklärte sie. Helmut öffnete die Datei, klickte auf das zweite Tabellenblatt und zeigte auf eine deutlich beschriftete Spalte. „Die hier?“ Frau Petersen beugte sich vor. „Die waren vorhin noch nicht da.“ Helmut sah sie an. „Doch. Seit gestern.“ Sie runzelte die Stirn. „Bist du sicher?“ Helmut nickte. „Ich war dabei. Es war ein bewegender Moment.“
Frau Petersen überprüfte die Zahlen und murmelte schließlich: „Tatsächlich.“ Helmut legte eine Hand auf die Brust. „Ein Wunder. Wenn jetzt noch der Kaffee aus dem Automaten schmeckt, müssen wir die Kirche informieren.“ Sie musste lachen, obwohl sie das offensichtlich nicht wollte. „Dann hat sich das erledigt.“ Helmut nickte feierlich. „Zwei Wunder innerhalb einer Minute. Wir sollten vorsichtig sein. Für mehr ist diese Abteilung nicht ausgelegt.“ Frau Petersen schüttelte den Kopf und ging. Helmut blickte ihr nach, dann wieder auf die Uhr. 14:42 Uhr. Fünf Minuten seines Lebens waren verloren, weil jemand eine Tabelle nicht richtig angesehen hatte. Hochgerechnet auf siebenunddreißig Berufsjahre kam vermutlich genug Zeit zusammen, um eine zweite Sprache zu lernen oder eine mittelgroße Kathedrale zu bauen. Stattdessen hatte Helmut Tabellen erklärt. Die moderne Gesellschaft setzte Prioritäten, die selbst ein betrunkener Kobold vermutlich hinterfragt hätte.
Um 16:57 Uhr war sein Rechner bereits heruntergefahren. Helmut betrachtete das nicht als Arbeitszeitbetrug, sondern als strategische Vorbereitung. Wer erst um siebzehn Uhr begann, seine Jacke anzuziehen, hatte das Prinzip des Feierabends nicht verstanden. Außerdem hatte Helmut jahrzehntelang Steuern und Sozialabgaben gezahlt. Drei Minuten erschienen ihm als angemessene Rendite. Punkt siebzehn Uhr stand er auf, griff nach seiner Tasche und sagte in den Raum: „Schönes Wochenende zusammen. Versucht, bis Montag nichts Wichtiges kaputtzumachen.“ Zwei Kollegen antworteten, einer hob nur die Hand, und Herr Krüger starrte weiterhin konzentriert auf seinen Bildschirm. Für Außenstehende hätte es aussehen können, als arbeite er an etwas ungeheuer Wichtigem. Helmut wusste, dass Krüger seit mindestens zwanzig Minuten gebrauchte Wohnmobile betrachtete. „Und viel Erfolg mit dem Wohnmobil“, fügte Helmut hinzu. Krüger fuhr erschrocken herum. Helmut grinste und verließ das Büro. Man musste sich kleine Freuden bewahren.
Auf dem Parkplatz wartete sein zwölf Jahre alter Kombi. Helmut mochte dieses Auto. Es hatte keine künstliche Intelligenz, verlangte kein monatliches Abonnement für irgendwelche Funktionen und versuchte nicht, ihm während der Fahrt mitzuteilen, wie nachhaltig er gerade unterwegs war. Man steckte einen Schlüssel hinein, drehte ihn, und wenn die Batterie nicht beschlossen hatte, ein Arschloch zu sein, startete der Motor. Das genügte Helmut vollkommen. Seine Reisetasche lag bereits im Kofferraum. Zwei Hosen, mehrere Hemden, Unterwäsche, Waschzeug, Ladegeräte und eine kleine Sammlung von Medikamenten, die mit zunehmendem Alter aus einem Wochenendausflug eine medizinische Expedition machten. Den deutlich größeren Teil des Kofferraums beanspruchten allerdings die Vorräte für das Clantreffen. Helmut hatte am Vorabend eingekauft und dabei jene Art von Mengenplanung betrieben, die entstand, wenn ein Gamer versuchte, reale Menschen wie eine Raidgruppe zu versorgen.
Dort lagen nicht zwei, sondern zwölf große Tüten Chips. Vier Paprika, drei gesalzen, zwei Sour Cream, zwei Käse und eine Sorte mit Chili, deren Verpackung einen Totenkopf zeigte und damit vermutlich entweder Geschmack oder eine medizinische Warnung ausdrücken sollte. Daneben standen zwei Kartons Cola, eine Kiste Wasser und eine weitere Tasche mit Erdnüssen, Salzstangen, Schokolade und mehreren Packungen Fruchtgummi. Helmut hatte beim Einkauf kurz überlegt, ob das übertrieben sei. Dann hatte er sich daran erinnert, dass zwölf erwachsene Gamer ein ganzes Wochenende gemeinsam verbringen würden, und beschlossen, dass zwölf große Tüten vermutlich gerade so vernünftig waren. Salat hatte er keinen gekauft. Irgendwo musste man schließlich eine Grenze ziehen. Außerdem hatte Luna angekündigt, etwas Gesundes mitzubringen. Helmut ging davon aus, dass damit dieser Bereich menschlicher Ernährung ausreichend abgedeckt war.
Die Fahrt zum Clantreffen sollte knapp vierzig Minuten dauern. Helmut startete den Wagen, schaltete das Radio ein und hörte ungefähr drei Minuten lang zwei Moderatoren dabei zu, wie sie über die Trennung eines Prominenten diskutierten, dessen Namen er noch nie gehört hatte. Schließlich schaltete er das Radio wieder aus. „Wir haben Kriege, Klimawandel und eine Rentenkasse, die wahrscheinlich von drei Praktikanten und einem Taschenrechner verwaltet wird, aber erzählt mir ruhig noch mehr über Kevin und Chantal.“ Er verband sein Handy mit dem Autoradio und startete eine Playlist. Gitarrenmusik erfüllte den Wagen. Wesentlich besser. Die Menschheit konnte durchaus angenehme Geräusche produzieren, wenn man sie davon abhielt, dabei zu reden.
Nach einer halben Stunde führte ihn das Navigationsgerät von der Bundesstraße auf eine schmale Landstraße. Felder, Waldstücke und vereinzelte Dörfer zogen vorbei. Helmut mochte die Gegend sofort. Weniger Verkehr, weniger Ampeln und vor allem weniger Menschen, die auf ihr Handy starrend vor ein fahrendes Auto liefen und anschließend vermutlich dem Fahrer die Schuld geben würden. Sein eigenes Handy vibrierte in der Halterung. Helmut warf einen Blick darauf und sah neununddreißig neue Nachrichten in der Clan-Gruppe. „Was habt ihr Idioten denn jetzt wieder veranstaltet?“ murmelte er. Er fuhr auf den Parkplatz eines kleinen Supermarktes und stellte den Motor ab. Erst dann nahm er das Handy. Helmut war Gamer, aber nicht bescheuert. Erfahrungspunkte waren schwer zu sammeln, wenn man mit hundert Stundenkilometern einen Baum umarmte.
Ragnar hatte geschrieben, dass er bereits da sei. Luna antwortete: „Du bist eine Stunde zu früh.“ Ragnar erklärte daraufhin: „Militärische Pünktlichkeit.“ Luna erinnerte ihn daran, dass er im Baumarkt arbeitete. „Trotzdem“, lautete Ragnars Verteidigung. Keksdose fragte: „Hat jemand Grillkohle?“ Ragnar antwortete mit „Ja“. Dann fragte Keksdose nach Bier. Wieder „Ja“. Luna wollte wissen, ob jemand Salat mitgebracht hatte. Danach herrschten im Chat beinahe zwei Minuten Stille, bevor Ragnar schrieb: „Wir sind ein Gaming-Clan und keine Kaninchenzucht.“ Helmut grinste und tippte: „Bin in etwa zwanzig Minuten da. Habe zwölf große Tüten Chips und genug Süßkram dabei, um mehrere Ernährungsberater gleichzeitig zum Weinen zu bringen. Damit betrachte ich meinen gesellschaftlichen Beitrag als vollständig erbracht.“ Keksdose antwortete fast sofort: „Paprika?“ Helmut schrieb: „Vier Tüten. Ich bin neunundfünfzig, nicht unvorbereitet.“ Darauf kam: „Dann darfst du rein.“ Helmut steckte das Handy weg. Es versprach ein gutes Wochenende zu werden.
Er wollte gerade den Motor starten, als ihm etwas am Himmel auffiel. Eine dünne Linie zog sich über den Horizont. Sie war so schwach, dass Helmut zunächst glaubte, sie sei eine Spiegelung auf der Windschutzscheibe. Er stieg aus und sah nach oben. Die Linie war noch da. Sie verlief vollkommen gerade von Norden nach Süden und schimmerte für wenige Sekunden bläulich, bevor sie verschwand. Helmut blinzelte. „Na klasse. Jetzt hat die Realität Grafikfehler.“ Ein Mann, der gerade einen Einkaufswagen zurückbrachte, blickte ebenfalls nach oben. „Haben Sie das gesehen?“ fragte er. Helmut nickte. „Wenn Sie den Riss im Himmel meinen, ja. Wenn Sie meinen Kontostand meinen, leider ebenfalls.“ Der Mann sah ihn irritiert an. Helmut stieg wieder ein. Man konnte nicht mit jedem Menschen kompatibel sein.
Zwölf Minuten später erschien die Linie erneut. Diesmal war sie breiter. Helmut konnte nicht lange hinsehen, weil vor ihm eine Kurve lag und er sein erstes persönliches Clantreffen ungern als Verkehrstoter besuchen wollte. Trotzdem bemerkte er, dass mehrere Fahrer langsamer wurden. Ein Wagen hielt am Straßenrand, und zwei Menschen stiegen aus. Gleichzeitig flackerte Helmuts Navigationsgerät. Die Musik brach ab. Das Display wurde schwarz. Helmut sah es an. „Nein.“ Das Display reagierte nicht. „Du hattest heute exakt eine beschissene Aufgabe. Einen neunundfünfzigjährigen Mann zu einem Freizeitheim zu bringen. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein.“ Er tippte zweimal gegen den Bildschirm. „Komm. Wir beide wissen, dass Gewalt bei Elektronik funktioniert.“
Das Display leuchtete tatsächlich wieder auf. Helmut lächelte zufrieden. „Siehst du.“ Dann verschwand sein Lächeln. Statt der Karte zeigte der Bildschirm einen weißen Kreis, durchzogen von drei senkrechten Linien. „Was soll der Scheiß?“ Das Symbol pulsierte einmal und verschwand. Die normale Karte kehrte zurück. Helmut runzelte die Stirn. Vielleicht ein Softwarefehler. Vielleicht irgendein Update. Moderne Geräte bekamen schließlich regelmäßig neue Funktionen, nach denen niemand gefragt hatte, während die alten anschließend schlechter funktionierten. Doch dann leuchtete das gleiche Symbol auf seinem Handy auf. Helmut starrte es an. „Das ist weniger lustig.“ Wenige Sekunden später erschien der Kreis auch auf einer digitalen Geschwindigkeitsanzeige am Straßenrand. „Das ist überhaupt nicht mehr lustig.“
Sämtliche Anzeigen erloschen gleichzeitig. Das Radio verstummte. Helmuts Handy wurde schwarz. Der Motor seines Kombis stotterte einmal und ging aus. „Ach, fick dich doch.“ Helmut trat die Kupplung und ließ den Wagen ausrollen. Vor und hinter ihm geschah dasselbe. Autos blieben stehen, ein Lieferwagen rollte auf den Seitenstreifen, irgendwo hupte jemand mehrmals, obwohl eine Hupe in dieser Situation ungefähr so hilfreich war wie ein Regenschirm bei einem Meteoriteneinschlag. Helmut brachte seinen Wagen zum Stehen und versuchte erneut zu starten. Nichts. „Komm schon.“ Er drehte den Schlüssel ein zweites Mal. Keine Reaktion. „Zwölf Jahre habe ich dich verteidigt. Zwölf Jahre habe ich jedem erzählt, dass du zuverlässig bist. Und jetzt stirbst du zwanzig Minuten vor meinem Grillfleisch? Verräterische Dreckskarre.“
Helmut stieg aus. Andere Menschen taten dasselbe. Plötzlich war die Straße gespenstisch still. Keine laufenden Motoren, kein Radio, keine Musik aus geöffneten Fenstern. Selbst die entfernte Bundesstraße war verstummt. Eine Frau hielt ihr Handy hoch und schüttelte es. Helmut beobachtete sie einen Moment. „Wenn Sie kräftiger schütteln, kommt vielleicht das Internet unten raus“, sagte er. Sie warf ihm einen bösen Blick zu. „Mein Handy funktioniert nicht.“ Helmut zog seins aus der Tasche und drückte auf den Einschaltknopf. „Meins auch nicht. Aber ich glaube, die Schütteltechnik befindet sich noch in der Testphase.“ Ein Mann rief: „Bestimmt ein Stromausfall!“ Helmut blickte auf die Reihe toter Autos. „Klar. Der berühmte Stromausfall, bei dem plötzlich Verbrennungsmotoren vergessen, dass Benzin brennt.“
Dann sah er nach oben und vergaß für einige Sekunden sogar das Fluchen. Über dem Himmel breitete sich ein riesiges Netzwerk aus leuchtenden Linien aus. Es zog sich von Horizont zu Horizont, als hätte jemand ein gewaltiges Gitternetz über die Erde gelegt. Kreise entstanden zwischen den Wolken, Symbole erschienen und verschwanden wieder, geometrische Figuren schoben sich ineinander. Helmut kannte keines der Zeichen, aber die Darstellung kam ihm erschreckend vertraut vor. „Das sieht aus wie ein Interface“, murmelte er. Die Frau neben ihm fragte: „Wie was?“ Helmut zeigte nach oben. „Wie eine Benutzeroberfläche. Ein Menü.“ Sie starrte ihn an. „Ein Menü am Himmel?“ Helmut zuckte mit den Schultern. „Ich habe auch nicht behauptet, dass es ein guter Tag ist.“
Ein halbtransparentes Fenster erschien direkt vor seinem Gesicht. Helmut wich zurück und wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert. „Scheiße!“ Das Fenster bewegte sich mit ihm. Es hing einfach in der Luft, ungefähr einen Meter vor seinen Augen. Weitere Fenster erschienen vor den anderen Menschen. Schreie ertönten. Ein Mann schlug nach seinem Fenster, wobei seine Hand einfach hindurchging. Helmut beobachtete das und entschied, denselben Versuch nicht zu wiederholen. Wenn ein anderer Mensch bereits bewiesen hatte, dass etwas dämlich war, musste man die Wissenschaft nicht unnötig belasten. Weiße Schrift erschien vor ihm. SYSTEMINITIALISIERUNG. Helmut las das Wort und schloss für einen Moment die Augen. „Nein.“ Er öffnete sie wieder. Das Fenster war noch da. „Ich wollte grillen. Das war der komplette Plan für heute.“
Analyse der Spezies abgeschlossen, erschien als nächste Meldung. Darunter folgte: Spezies: Homo sapiens. Entwicklungsstatus: kritisch. Technologische Abhängigkeit: extrem. Soziale Stabilität: unzureichend. Ökologische Selbstregulation: mangelhaft. Helmut las jede Zeile und verzog zunehmend das Gesicht. „Na, vielen Dank auch.“ Die Frau neben ihm fragte nervös: „Was steht bei Ihnen?“ Helmut deutete auf sein Fenster. „Offenbar hält irgendein kosmischer Sachbearbeiter uns für Vollidioten.“ Sie schluckte. „Bei mir steht dasselbe.“ Helmut nickte. „Dann ist es wenigstens keine persönliche Beleidigung.“ Die nächste Zeile erschien. Kollektive Intelligenznutzung: deutlich unter vorhandenem Potenzial. Helmut seufzte. „Jetzt wird es persönlich.“
Das Fenster wurde leer. Dann erschienen zwei neue Zeilen. Ergebnis der göttlichen Prüfung: NICHT BESTANDEN. Helmut starrte auf die Meldung. Ringsum begannen Menschen hektisch miteinander zu reden. „Welche Prüfung?“ rief jemand. „Wir hatten doch gar keine Prüfung!“ Helmut nickte zustimmend. „Das ist tatsächlich beschissen organisiert. Normalerweise bekommt man wenigstens vorher einen Termin.“ Eine Frau begann zu weinen. Ein anderer Mann betete. Helmut wusste nicht, was er tun sollte. Die Situation hatte jene unangenehme Grenze überschritten, hinter der Sarkasmus nicht mehr genügte, um sie normal erscheinen zu lassen. Trotzdem blieb ihm Sarkasmus lieber als Panik. Panik war schließlich nur Angst mit zusätzlichem Herumrennen.
Neue Schrift erschien. Die zuständigen höheren Instanzen haben die weitere Entwicklung Ihrer Spezies bewertet. Empfehlung: Auslöschung. Niemand sagte mehr etwas. Helmut las das Wort ein zweites Mal. Auslöschung. Ein bemerkenswert endgültiger Begriff. „Das ist jetzt aber ein bisschen übertrieben“, murmelte er. Das Fenster flackerte. Widerspruch registriert. Helmut erstarrte. „Was?“ Wieder erschien: Widerspruch registriert. Die Frau neben ihm sah ihn an. „Hat es gerade auf Sie reagiert?“ Helmut zeigte auf sich selbst. „Warum sollte irgendeine göttliche Macht ausgerechnet auf mich hören? Ich bekomme nicht einmal unseren Hausmeister dazu, die kaputte Lampe im Treppenhaus zu wechseln.“
Das Fenster pulsierte. Alternative Maßnahme genehmigt. Rehabilitationsprotokoll wird eingeleitet. Helmut hob langsam die Augenbrauen. „Na, das ging überraschend einfach.“ Dann erschienen weitere Meldungen. Technologische Dominanz wird beendet. Individuelle Entwicklung wird freigeschaltet. Arkane Energie wird reaktiviert. Evolutionäre Grenzen werden teilweise aufgehoben. Nichtmenschliche Lebensformen werden zur Beschleunigung der Anpassung integriert. Helmut las die letzte Zeile zweimal. „Moment. Was genau bedeutet integriert?“ Niemand antwortete. Die Erde bebte leicht. Irgendwo im Wald knackte ein Ast. Dann noch einer. Die Menschen auf der Straße verstummten erneut und blickten zum Waldrand.
Zwischen den Bäumen erschienen gelbe Augen. Erst zwei, dann vier, schließlich so viele, dass Helmut aufhörte zu zählen. Kleine Gestalten schoben sich aus dem Unterholz. Vielleicht einen Meter zwanzig groß, mit grünlicher Haut, langen Ohren und Körpern, die aussahen, als hätte die Evolution sie unter erheblichem Zeitdruck zusammengeschraubt. Einige trugen Keulen. Andere primitive Speere. Einer hielt ein rostiges Schwert, das wahrscheinlich schon vor seiner Geburt eine Tetanusimpfung verlangt hatte. Die Frau neben Helmut flüsterte: „Was sind das?“ Helmut starrte die Wesen an. Tausende Stunden Rollenspielerfahrung lieferten eine Antwort, die sein vernünftiger Verstand entschieden ablehnte. „Goblins.“ Die Frau sah ihn entsetzt an. „Goblins gibt es nicht.“ Helmut zeigte auf die Kreaturen. „Dann gehen Sie hin und erklären Sie denen das. Vielleicht entschuldigen sie sich und verschwinden wieder.“
Die Goblins kamen näher. Helmut zählte mindestens acht, vielleicht zehn. Einer hob seine Keule und kreischte, worauf mehrere Menschen zurückwichen. Helmut ebenfalls. Er war neunundfünfzig, Büroangestellter und hatte noch nie in seinem Leben gegen irgendetwas Gefährlicheres gekämpft als einen widerspenstigen Drucker. Online hatte er tausende Monster getötet, doch dort verfügte er über Feuerbälle, magische Schilde und die ausgesprochen beruhigende Möglichkeit, nach dem Tod wieder aufzuerstehen. Hier besaß er einen Autoschlüssel, eine Lesebrille und eine Packung Mittel gegen Sodbrennen. Seine gegenwärtige Ausrüstung würde in jedem vernünftigen Rollenspiel vermutlich nicht einmal als Anfängerpaket durchgehen. Immerhin lagen im Kofferraum genug Kalorien, um eine kleinere Belagerung zu überstehen. Falls die Goblins gegen Paprikachips allergisch waren, sah die Sache plötzlich hervorragend aus.
Ein neues Fenster erschien vor Helmut. Willkommen, Helmut Wagner. Das System wurde aktiviert. Ihre bisherige Zivilisation ist beendet. Ihre individuelle Entwicklung beginnt jetzt. Hinweis: Überleben wird empfohlen. Helmut starrte auf die letzte Zeile und schnaubte. „Ach was. Danke für den Hinweis. Ich hätte mich sonst wahrscheinlich spontan fürs Sterben entschieden.“ Darunter öffnete sich eine weitere Anzeige. Grundfunktionen werden nach Abschluss der Initialisierungsphase verfügbar. Attribute. Level. Klassen. Fähigkeiten. Magie. Beim letzten Wort hielt Helmut inne. Magie. Sein Herz schlug schneller, und zu seinem eigenen Entsetzen war nicht ausschließlich Angst daran schuld. „Nein“, murmelte er und zwang sich, zum Waldrand zu sehen. „Erst die grünen Arschlöcher überleben, dann über Magie freuen. Verdammt, Helmut, einmal im Leben richtige Prioritäten.“
Der erste Goblin rannte los, und die ohnehin angespannte Gruppe verwandelte sich augenblicklich in das, was Menschen seit Jahrtausenden hervorragend beherrschten: eine kopflose Menge. Jemand schrie „Lauft!“, mehrere Personen rannten zwischen den Fahrzeugen hindurch, und ein Mann versuchte hektisch, seinen toten Wagen erneut zu starten, als ließe sich eine offenbar göttlich verursachte Apokalypse durch besonders entschlossenes Drehen eines Zündschlüssels überwinden. Helmut drehte sich zu seinem Kombi und erinnerte sich an das Radkreuz unter der Kofferraumabdeckung. Es war keine magische Waffe, kein Zauberstab und vermutlich nicht einmal besonders ergonomisch, aber es bestand aus Metall und war schwer. In der gegenwärtigen Situation qualifizierte es sich damit bereits als Premiumausrüstung. Helmut riss den Kofferraum auf, schob einen Karton Cola zur Seite und fluchte, als ihm dabei eine Tüte Chips entgegenrutschte. „Nicht ihr auch noch. Ich habe heute schon genug Probleme.“
Er legte die Chipstüte sorgfältig zurück, hob die Bodenabdeckung an und zog das Radkreuz hervor. Zwölf Tüten Chips, Getränke und Süßigkeiten lagen hinter ihm wie die Vorräte einer kleinen, ausgesprochen ungesund ernährten Armee. Für einen kurzen Moment musste Helmut daran denken, dass er das alles eigentlich mit seinen Freunden hatte teilen wollen. Ragnar würde wahrscheinlich bereits am Freizeitheim sein. Luna ebenfalls. Keksdose wartete vermutlich tatsächlich auf die Paprikachips. Helmut wusste nicht, ob ihre Autos ebenfalls ausgefallen waren, ob dort auch Goblins auftauchten oder ob seine Freunde überhaupt noch lebten. Der Gedanke vertrieb einen Teil seines Humors. Er packte das Radkreuz fester. Das Clantreffen war plötzlich nicht mehr nur ein Wochenende, auf das er sich gefreut hatte. Es war ein Ziel. Wenn diese verdammte neue Welt ihn schon auf halber Strecke abfangen wollte, musste sie sich etwas mehr Mühe geben.
Der Goblin sprang auf die Motorhaube eines Kleinwagens und kreischte. Helmut spürte, wie ihm die Angst durch den Bauch kroch. Richtige Angst, nicht die angenehme Anspannung vor einem Bosskampf und nicht der Ärger darüber, dass irgendein Idiot wieder zu früh angegriffen hatte. Wenn dieses Ding ihm das rostige Schwert in den Bauch rammte, würde kein Heiler kommen. Es gab keinen Respawnpunkt und vermutlich auch keinen freundlichen Friedhofswächter, der ihn wieder zusammensetzte. Trotzdem lag unter der Angst etwas anderes. Eine vollkommen unangebrachte, beinahe kindliche Neugier. Das System hatte von Leveln gesprochen. Von Klassen. Fähigkeiten. Und von Magie. Helmut betrachtete das Radkreuz in seiner Hand und murmelte: „Wenn ihr mir schon die Zivilisation abschaltet und irgendwelche grünen Arschlöcher in meinen Freitag werft, dann will ich dafür wenigstens einen verdammten Feuerball.“
Das System antwortete nicht. Helmut wartete tatsächlich zwei Sekunden, weil der Tag inzwischen absurd genug geworden war, dass er eine Reaktion nicht völlig ausgeschlossen hätte. Als nichts geschah, verzog er den Mund. „War ja klar. Für die Auslöschung der Menschheit reicht die Rechenleistung, aber beim Kundenservice wird gespart.“ Vor ihm sprang der Goblin von der Motorhaube herunter und kam näher. Hinter Helmut lagen zwölf Tüten Chips, mehrere Kisten Getränke, seine Reisetasche und alles, was von seinem ursprünglich geplanten Wochenende übrig geblieben war. Vor ihm stand ein Monster, das eigentlich nicht existieren durfte. Irgendwo hinter den Feldern warteten möglicherweise seine Freunde. Helmut hob das Radkreuz mit beiden Händen und stellte überrascht fest, dass er plötzlich sehr genau wusste, in welche Richtung er wollte.
„Also gut, du hässlicher kleiner Scheißer“, sagte Helmut und sah dem Goblin entgegen. „Ich bin sowieso schon zu spät.“ Der Goblin kreischte und stürmte auf ihn zu. Helmut holte mit dem Radkreuz aus, während über ihm die Linien des Systems den gesamten Himmel bedeckten und eine Welt verschwand, in der sein größtes Problem am selben Morgen noch eine Tabelle mit fehlenden Quartalszahlen gewesen war. Irgendwo im Kofferraum raschelte erneut eine Chipstüte, als wäre sie mit der Entwicklung ebenfalls nicht einverstanden. Helmut setzte die Füße fester auf den Asphalt, wartete auf das heranstürmende Monster und dachte ausgerechnet daran, dass er Luna versprochen hatte, spätestens um achtzehn Uhr da zu sein. Der Gedanke war vollkommen bescheuert. Er half trotzdem.
Denn wenn es etwas gab, das Helmut Wagner nach siebenunddreißig Jahren Büroarbeit und tausenden Stunden in Rollenspielen gelernt hatte, dann war es die einfache Tatsache, dass sich Probleme selten von allein erledigten. Meistens musste irgendein armer Idiot anfangen. An diesem Freitag war der arme Idiot offenbar er. Helmut umklammerte das Radkreuz, sah dem Goblin entgegen und grinste trotz seiner Angst. „Na komm. Danach suche ich meine Leute. Dann finde ich heraus, wie dieser Systemscheiß funktioniert. Und wenn es wirklich Magie gibt, nehme ich Feuer.“ Der Goblin war nur noch wenige Schritte entfernt. Helmut hob die improvisierte Waffe. „Definitiv Feuer.“
Eigentlich hatte er an diesem Wochenende nur grillen, Bier trinken, Chips essen und endlich die Menschen kennenlernen wollen, mit denen er seit sechs Jahren virtuelle Monster erschlug. Stattdessen war sein Auto tot, die Menschheit durch irgendeine göttliche Qualitätskontrolle gefallen, ein kosmisches System hatte die moderne Zivilisation abgeschaltet und ein Goblin wollte ihn offenbar mit einem rostigen Schwert ermorden. Helmut Wagner fand, dass dies selbst für einen Freitag eine ausgesprochen beschissene Entwicklung war. Dann kam der Goblin in Reichweite, und Helmut schlug zu.




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