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Summary

Jase Cooper ist vieles. Der beste Freund meines Bruders. Der heißeste Typ, den ich kenne. Und absolut tabu. Eigentlich kenne ich Jase schon mein ganzes Leben. Unsere Familien gehören zusammen, unsere Häuser waren schon immer zweite Zuhause füreinander, und Jase war die Konstante, die mich mit seinen dummen Sprüchen zuverlässig in den Wahnsinn treibt. Der Typ mit den schwarzen, zerzausten Haaren, diesen viel zu intensiven blauen Augen und einem Grinsen, das vermutlich schon mehr schlechte Entscheidungen verursacht hat, als irgendjemand zählen kann. Mich eingeschlossen. Denn plötzlich ist da etwas, das früher nicht da war. Oder das ich zumindest nie bemerkt habe. Seine Hand an meiner Hüfte bleibt eine Sekunde zu lange. Seine Nähe bringt mich aus dem Konzept. Und wenn er mich ansieht, frage ich mich immer öfter, ob hinter all den Provokationen vielleicht doch mehr steckt. Was vollkommen bescheuert ist. Jase ist ein Womanizer. Beziehungen sind nicht sein Ding. Ich bin die kleine Schwester seines besten Freundes. Und meine Brüder würden ihn vermutlich umbringen, wenn sie auch nur ahnten, welche Gedanken mir inzwischen durch den Kopf gehen. Also machen Jase und ich das, was wir am besten können: Wir ärgern uns. Wir provozieren uns. Wir tun so, als hätte sich zwischen uns nichts verändert. Bis aus einem Blick eine Berührung wird. Aus einer Berührung eine verdammt schlechte

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Falsche Nummer

Hailey


Ich hätte die Lasagne werfen sollen.

Der Gedanke ist vollkommen absurd, aber er ist tatsächlich das Erste, was mir durch den Kopf geht, während ich im Türrahmen von Ethans Schlafzimmer stehe und mein Gehirn verzweifelt versucht, aus dem Bild vor mir etwas anderes zu machen als das, was es offensichtlich ist.

Mein Freund liegt nackt in seinem Bett.

Eine blonde Frau kniet neben ihm und versucht hektisch, ihre Unterwäsche zwischen den zerwühlten Laken hervorzuziehen.

In meiner rechten Hand hängt eine Papiertüte vom Italiener zwei Straßen weiter, in meiner linken halte ich eine Flasche Rotwein. Meine Reisetasche steht draußen im Flur, weil ich geplant hatte, über Nacht zu bleiben, und unter meinem Kleid trage ich schwarze Spitzenunterwäsche, bei deren Kauf Paige ungefähr zwanzig Minuten lang darüber diskutiert hat, ob Schwarz nicht zu vorhersehbar sei.

Ich bin mit der Bahn nach New York gefahren, um meinen Freund zu überraschen.

Überraschung gelungen.

Nur offenbar für mich.

„Hailey."

Ethans Stimme schafft es endlich, meinen Blick von dem roten BH auf seinem Schlafzimmerboden zu lösen. Zwei Jahre. Zwei verdammte Jahre bin ich mit diesem Mann zusammen. Er ist mein erster richtiger Freund. Der erste Mann, mit dem ich geschlafen habe. Derjenige, dessen Weihnachtsgeschenke bei meinen Eltern unter dem Baum lagen und der bei Familienessen neben mir saß. Der Mann, dem ich ausgerechnet heute zum ersten Mal sagen wollte, dass ich ihn liebe.

Und jetzt zieht er sich hektisch die Bettdecke über den Schoß.

„Hailey, warte. Das sieht gerade—"

„Wenn du diesen Satz mit nicht so aus, wie es aussieht beendest, schlage ich dich mit deiner Lasagne."

Stille.

Die Blonde hält mitten in der Bewegung inne, einen Träger ihres BHs zwischen den Fingern. Ethan starrt mich an. Ich sehe langsam auf die Papiertüte in meiner Hand.

„Und die ist noch heiß."

„Können wir bitte reden?"

„Klar."

Meine Stimme klingt erschreckend normal.

Meine Hände leider nicht.

Die zittern inzwischen so stark, dass der Wein in der Flasche schwappt. Also gehe ich zur Kommode und stelle beides darauf, bevor mein Körper entscheidet, dass Gewalt vielleicht doch eine ausgezeichnete Kommunikationsform ist.

„Wie lange?"

Ethan schwingt die Beine aus dem Bett und greift nach seiner Jeans. „Hailey, lass mich erst—"

„Wie lange, Ethan?"

Er zieht die Hose hoch, ohne mich anzusehen.

Ich drehe demonstrativ den Kopf zur Wand.

Eigentlich lächerlich. Ich habe ihn oft genug nackt gesehen.

Nur noch nie mit einer anderen Frau daneben.

„Ein paar Wochen", sagt er schließlich.

Mein Kopf dreht sich zurück.

„Was?"

„Es läuft seit ein paar Wochen."

Irgendetwas in meiner Brust sackt ab.

Ein paar Wochen.

Also nicht irgendeine betrunkene Nacht. Kein einmaliger beschissener Fehler, über den wir jetzt schreien könnten, bevor ich ihn aus meinem Leben werfe.

Wochen.

Mehrmals.

Bewusst.

„Wie oft?"

Ethan verzieht das Gesicht.

„Und sag jetzt nicht, dass es keinen Unterschied macht." Ich verschränke die Arme vor der Brust, weil ich sonst vermutlich anfangen würde, mich selbst festzuhalten. „Für mich macht es gerade einen."

Er antwortet nicht.

Das reicht.

Ich nicke langsam. „Wow."

„Es war nicht geplant."

Ein bitteres Lachen entkommt mir. „Ach so. Na dann." Ich breite die Hände aus. „Wie passiert so etwas denn ungeplant über mehrere Wochen? Hast du jeden Dienstag vergessen, dass du eine Freundin hast?"

„Das habe ich nicht gemeint."

„Was hast du denn gemeint?"

Bevor Ethan antworten kann, bewegt sich die Blonde.

Sie hat inzwischen ihr Kleid gefunden und zieht es über den Kopf. Ihre Bewegungen sind hastig, ihr Gesicht knallrot, und als sich unsere Augen treffen, sehe ich darin etwas, womit ich nicht gerechnet habe.

Entsetzen.

„Ich wusste nicht, dass er eine Freundin hat", sagt sie leise.

Ethan schließt die Augen.

Ich sehe ihn an.

Dann wieder sie.

Und plötzlich bin ich nicht einmal auf sie wütend.

„Natürlich wusstest du das nicht."

„Hailey", setzt Ethan an.

Ihre Hand greift nach ihrer Tasche. „Es tut mir wirklich leid."

Ich nicke lediglich.

Mehr bekomme ich nicht hin.

Sekunden später geht sie an mir vorbei. Ihre Schritte verschwinden im Flur, dann fällt die Wohnungstür ins Schloss.

Jetzt sind Ethan und ich allein.

Seltsamerweise wünschte ich, sie wäre geblieben.

„Wir hatten Probleme", sagt Ethan schließlich.

Langsam drehe ich den Kopf zu ihm. „Entschuldigige?"

„Du weißt selbst, dass es seit einer Weile nicht mehr richtig läuft."

Ich starre ihn an und warte darauf, dass irgendeine Erinnerung auftaucht.

Ein Streit.

Ein Gespräch.

Irgendein Abend, an dem Ethan mir gesagt hat, dass er unglücklich ist.

Da ist nichts.

„Nein", sage ich deshalb. „Tatsächlich wusste ich das nicht. Ich dachte nämlich, wir wären in einer Beziehung, in der man miteinander redet, wenn etwas nicht stimmt."

„Ich hab versucht—"

„Wann?"

Er verstummt.

„Wann genau hast du versucht, mit mir darüber zu reden?"

Keine Antwort.

Ich nicke.

„Dachte ich mir."

Ethan fährt sich mit beiden Händen durchs Haar. „Du bist ständig beschäftigt. Deine Familie, Paige, deine Freunde. Es ist immer irgendjemand da."

„Meine Familie existiert seit vor unserer Beziehung, Ethan. Das war keine überraschende Entwicklung."

„So meine ich das nicht."

„Wie dann?"

Er sieht zur Seite.

Und irgendetwas an dieser kleinen Bewegung lässt meinen Magen sinken.

Da kommt noch etwas.

Etwas, das ich nicht hören will.

„Sag es."

Sein Kiefer spannt sich an.

„Wir haben kaum noch Sex."

Der Satz trifft.

Härter, als ich zulassen möchte.

Vielleicht weil Ethan der einzige Mann ist, mit dem ich je geschlafen habe. Vielleicht weil ich nie besonders erfahren gewesen bin und mich mehr als einmal gefragt habe, ob ich genug Initiative zeige. Ob ich zu zurückhaltend bin. Ob andere Frauen lockerer sind als ich.

Oder vielleicht einfach, weil der Mensch vor mir genau weiß, wo meine Unsicherheiten liegen.

Und obwohl ich weiß, dass das, was er getan hat, falsch ist, schleicht sich sofort diese widerliche kleine Frage in meinen Kopf.

War ich ihm nicht genug?

„Wow", bringe ich leise hervor.

„Ich gebe dir nicht die Schuld."

Mein Kopf fährt hoch. „Doch. Genau das machst du gerade."

„Nein, ich erkläre dir, dass zwischen uns schon vorher etwas nicht gestimmt hat."

Ein fassungsloses Lachen entkommt mir. „Und deshalb schläfst du mit einer anderen Frau? Soll ich jetzt so tun, als wärst du ausgerutscht und dein Schwanz wäre zufällig in ihr gelandet? Mehrfach? Über mehrere Wochen?"

Ethan verzieht das Gesicht. „Musst du das so ausdrücken?"

Für zwei Sekunden kann ich ihn nur ansehen.

„Das ist gerade dein Problem? Meine Wortwahl?"

„Hailey—"

„Nein."

Ich gehe in den Flur, schnappe meine Reisetasche und ziehe sie über die Schulter.

Ethan folgt mir.

Natürlich.

„Wir können das klären."

„Nein."

„Zwei Jahre kannst du doch nicht einfach—"

Ich drehe mich so abrupt um, dass er stehen bleibt.

Plötzlich sehe ich nicht nur den Mann vor mir.

Ich sehe zwei Jahre.

Geburtstage. Weihnachten. Wochenenden auf seiner Couch. Gemeinsame Abendessen. Nachrichten mitten in der Nacht. Mein erstes Mal. All diese kleinen Dinge, von denen ich geglaubt habe, dass sie etwas bedeuten.

Und ausgerechnet heute.

Ein leises Lachen entkommt mir, aber diesmal tut es weh.

„Weißt du eigentlich, warum ich heute gekommen bin?"

Er sagt nichts.

„Ich wollte dich überraschen. Essen mitbringen, Wein trinken, hier schlafen." Meine Finger schließen sich fester um den Träger meiner Tasche. „Und ich wollte dir sagen, dass ich dich liebe."

Sein Gesicht fällt.

„Hailey."

„Zum ersten Mal."

„Scheiße."

„Ja."

Er macht einen Schritt auf mich zu.

Ich weiche zurück.

Wenigstens bleibt er stehen.

„Es tut mir leid."

Ich schlucke gegen den Kloß in meinem Hals an. „Mir auch."

Dann gehe ich.

Ich schaffe es die Treppe hinunter, durch den Hauseingang und bis auf den Gehweg.

Dann ist Schluss.

New York bewegt sich einfach weiter, als wäre gerade nichts passiert. Autos schieben sich durch die Straße. Menschen laufen mit Einkaufstüten an mir vorbei. Irgendwo hupt jemand, zwei Frauen lachen auf der anderen Straßenseite, und ein Fahrradkurier schreit einem Taxifahrer etwas hinterher, das meine Mutter definitiv nicht gutheißen würde.

Niemand merkt, dass meine Beziehung gerade innerhalb von ungefähr zehn Minuten implodiert ist.

Ich gehe ein paar Meter vom Hauseingang weg und lasse mich auf eine niedrige Steinmauer sinken. Meine Reisetasche landet zwischen meinen Füßen.

Dann kommen die Tränen.

Nicht dieses hübsche, stille Weinen aus Filmen.

Richtig.

Ich presse eine Hand gegen meine Lippen, während meine Schultern anfangen zu zittern.

Natürlich bin ich mit der Bahn gekommen.

Ich hatte schließlich vor, morgen irgendwann zurückzufahren. Jetzt müsste ich zur Station laufen, mich in irgendeinen Zug setzen und versuchen, nicht zwischen fremden Menschen zusammenzubrechen.

Nein.

Ich brauche jemanden.

Paige.

Sie wird mich abholen, mich wahrscheinlich erst fünf Minuten lang festhalten und danach eine mindestens zwanzigminütige Rede darüber halten, warum Ethan schon immer ein Arschloch war, obwohl sie das vorher nie gesagt hat.

Perfekt.

Mit verschwommenem Blick ziehe ich mein Handy heraus, öffne meine Kontakte und tippe auf den Namen.

Es klingelt einmal.

Zweimal.

Dann meldet sich eine tiefe, vertraute Männerstimme.

„Na, Prinzessin?"

Mein gesamter Körper erstarrt.

Nein.

Bitte nicht.

Ich nehme das Handy vom Ohr.

Jase Cooper.

„Scheiße."

Natürlich.

Warum sollte heute auch irgendetwas funktionieren?

„Falsche Nummer", presse ich hervor. „Sorry."

Ich will auflegen.

„Hailey."

Das Grinsen ist aus seiner Stimme verschwunden.

Ich schließe die Augen.

Verdammt.

„Was?"

Für einen Moment höre ich nur seinen Atem.

„Warum weinst du?"

„Tue ich nicht."

„Prinzessin."

Nur dieses eine Wort.

Ich wische mir über die Wange. „Es ist nichts."

„Mhm."

„Was soll das heißen?"

„Dass du beschissen lügst."

Im Hintergrund höre ich Bewegung. Stoff raschelt, irgendetwas fällt, dann klirren Schlüssel.

„Wo bist du?"

Natürlich.

Sobald einer von uns etwas hat, verwandeln sich die Männer in unserem Leben in eine verdammte Spezialeinheit.

„Jase, wirklich. Ich komme klar."

„Glaube ich dir."

Eine Tür fällt am anderen Ende ins Schloss.

„War trotzdem nicht meine Frage."

Ich sehe über meine Schulter zu Ethans Haus. „Bei Ethan."

Es wird still.

Nicht lange.

Aber lange genug.

„Drinnen?"

„Nein. Draußen."

Eine Autotür.

„Schick mir deinen Standort."

Ich blinzle. „Was?"

„Deinen Standort, Hails."

„Ich kann zur Bahn laufen."

„Kannst du bestimmt."

„Ich bin zweiundzwanzig."

„Glückwunsch."

Trotz der Tränen entkommt mir ein kleines, ungläubiges Lachen.

„Arschloch."

Ein hörbares Ausatmen auf seiner Seite.

„Da bist du ja."

Ich presse die Lippen zusammen.

„Was ist passiert?"

Jetzt ist nichts Neckisches mehr in seiner Stimme.

Ich sollte es ihm nicht erzählen.

Jase ist fast genauso schlimm wie meine Brüder.

Eigentlich ist das gelogen.

Wenn es um mich geht, bildet er mit ihnen seit Jahren irgendeinen vollkommen inoffiziellen und von mir nie genehmigten Beschützerclub.

„Da war eine Frau", sage ich schließlich.

Stille.

„Was für eine Frau?"

Ich starre auf meine Schuhe.

„Eine ziemlich nackte."

Nichts.

Dann sehr leise:

„Fuck."

Der Motor springt an.

„Jase."

„Bin unterwegs."

„Nein."

„Doch."

„Du weißt nicht mal, wo ich bin."

„Deshalb schickst du mir deinen Standort."

Ich ziehe die Nase hoch. „Ich kann allein nach Hause."

„Weiß ich."

„Dann warum—"

„Weil du gerade irgendwo auf der Straße sitzt und weinst, Hailey."

Der Satz nimmt mir für einen Moment den Wind aus den Segeln.

Ich schlucke.

„Ich wollte eigentlich Paige anrufen."

„Das macht's nicht besser."

„Für mich schon."

„Frech."

Ich höre das leise Klicken seines Blinkers.

„Standort."

Kopfschüttelnd schicke ich ihn ihm.

Fast sofort höre ich das Signal über seine Freisprechanlage.

„Hab dich."

„Du musst wirklich nicht kommen."

„Bin gleich da."

„Jase—"

„Bleib einfach sitzen."

Diesmal ist seine Stimme ruhig.

Keine Pointe.

Keine Provokation.

Nur Jase.

„Okay", murmle ich.

„Gut."

Er legt auf.

Sofort kommt eine Nachricht.

Jase: Bleib da.

Ich schnaube.

Ich: Du bist nicht mein Bruder.

Die Antwort erscheint praktisch sofort.

Jase: Gott sei Dank.

Ich starre auf die zwei Worte.

Typisch Jase.

Mehr nicht.

Ich stecke das Handy weg.

Seit ich denken kann, taucht er überall auf. Bei uns zu Hause. Im Cooper-Haus. Neben Tyler. Bei Familienfeiern, Grillabenden, Geburtstagen, Weihnachten und Sommernächten, in denen wir alle viel zu lange zwischen unseren beiden Gärten herumgelaufen sind.

Irgendwann waren die Coopers einfach genauso selbstverständlich Teil meines Lebens wie die Parkers.

Mel und James.

Landon, Jase und Eli.

Nur Jase war immer nerviger als der Rest.

Viel nerviger.

Schon als Kinder.

Mit acht hatten unsere älteren Geschwister uns beim Flaschendrehen mitspielen lassen, und natürlich war die Flasche bei Jase gelandet. Er war zehn, ich acht, und unser sogenannter Kuss bestand daraus, dass wir unsere Lippen ungefähr eine halbe Sekunde gegeneinanderdrückten und danach beide so taten, als wäre uns etwas Unheilbares passiert.

Mit elf passierte es wieder.

Jase war dreizehn.

Danach stritten wir eine Woche darüber, wer von uns schlechter küsste, obwohl keiner von uns irgendeinen vernünftigen Vergleich hatte.

Und mit vierzehn—

Ich schnaube leise, während mein Blick an der harten Steinmauer haftet. Jase war sechzehn gewesen. Dreimal war diese verdammte Flasche auf ihn gefallen. Drei Sommer, in denen er mir mit seinem schiefen Grinsen gezeigt hatte, dass er genau wusste, wie sehr er mich nervte.

Unsere Familien finden die Geschichte bis heute wesentlich lustiger als ich.

Jase braucht nur ein paar Minuten.

Sein schwarzer Wagen hält am Straßenrand, und kaum steht er richtig, öffnet sich bereits die Fahrertür.

Jase steigt aus.

Schwarze Jeans. Dunkles Shirt. Tattoos über seinen Armen. Schwarzes Haar, das wie immer so aussieht, als hätte er irgendwann beschlossen, Bürsten seien etwas für schwächere Männer.

Und diese lächerlich blauen Augen, die mich sofort finden.

Normalerweise trägt Jase dieses permanente, selbstgefällige Etwas mit sich herum, als wüsste er grundsätzlich mehr als der Rest der Welt.

Jetzt nicht.

Seine Aufmerksamkeit fällt zuerst auf meine Reisetasche.

Dann auf mein Gesicht.

Sein Kiefer spannt sich an.

Ich stehe auf. „Hey."

Brillant, Hailey.

Jase sagt zunächst nichts. Er überquert die letzten Meter und bleibt vor mir stehen.

„Hey."

Ich wische mir über die Wangen. „Sieht schlimmer aus, als es ist."

Seine Augen wandern über mein verheultes Gesicht.

Ich seufze.

„Okay. Sieht ungefähr so schlimm aus, wie es ist."

Seine Hand hebt sich und legt sich selbstverständlich an meine Wange. Sein Daumen wischt die feuchte Spur darunter weg.

„Hat er dich angefasst?"

Ich blinzle. „Was? Nein."

Etwas in seinen Schultern löst sich.

„Gut."

Dann dreht er den Kopf zum Hauseingang.

Meine Hand schließt sich sofort um seinen Unterarm.

„Nein."

Jase sieht zu mir.

„Du gehst da nicht rein."

„Ich habe nichts gesagt."

„Musstest du nicht."

Ein Muskel arbeitet an seinem Kiefer.

„Bitte."

Seine blauen Augen bleiben einige Sekunden auf mir.

Dann atmet er langsam aus.

„Okay."

Ich lasse seinen Arm los.

Jase setzt sich auf die niedrige Mauer und stützt die Unterarme auf den Oberschenkeln ab.

Nach kurzem Zögern lasse ich mich neben ihn sinken.

Er wartet.

Und irgendwie ist genau das schlimmer.

„Ein paar Wochen", sage ich schließlich.

Sein Kopf dreht sich zu mir.

„Was?"

„Sie schlafen seit ein paar Wochen miteinander."

Jases Kiefer spannt sich wieder an.

„Wusste sie von dir?"

„Nein."

Er nickt einmal.

„Und er meinte, wir hätten Probleme."

Keine Antwort.

Ich ziehe an einem losen Faden meiner Tasche.

„Wir hätten kaum noch Sex gehabt."

Jase wird vollkommen still.

Ich hasse diese Stille plötzlich.

„Vielleicht war ich einfach nicht—"

„Nein."

Ich sehe auf.

„Was?"

„Beende den Satz nicht."

„Du weißt gar nicht, was ich sagen wollte."

„Doch."

Er dreht sich etwas zu mir.

„Und du wirst nicht hier sitzen und aus seiner Entscheidung deinen Fehler machen."

„Jase—"

„Wenn Ethan mit irgendetwas unzufrieden war, hätte er mit dir reden müssen. Ende." Seine Stimme bleibt ruhig. „Was er nicht machen durfte, war wochenlang eine andere zu vögeln und dir danach irgendeinen Scheiß erzählen, damit du dich fragst, ob du schuld bist."

Ich schlucke.

„Du kannst erstaunlich vernünftig sein."

„Sag's keinem."

Meine Lippen zucken.

Mehr braucht es nicht.

„Er war mein Erster", murmle ich.

Jase wird still.

„Ich weiß."

Natürlich weiß er das.

„Vielleicht bin ich einfach schlecht darin."

„Hails."

Seine Stimme ist plötzlich so ernst, dass ich aufsehe.

„Hör auf damit."

„Ich sage doch nur—"

„Und ich sage dir, dass du seinen Charakterfehler nicht gegen dich selbst verwenden sollst." Seine Hand schließt sich kurz um meinen Nacken. „Er hat dich betrogen. Das sagt etwas über ihn. Nicht darüber, ob du gut genug bist. Und ganz sicher nicht darüber, wie oft du mit ihm schlafen wolltest."

Meine Kehle wird eng.

„Okay?"

Ich nicke.

„Okay."

Jase lässt meine Haut los und lehnt sich zurück.

Kein Witz.

Kein dummer Kommentar.

Einfach Stille.

Dann öffnet er einen Arm.

Ich rutsche zu ihm.

Selbstverständlich.

Sein Arm legt sich um meine Schultern, meine Wange an seine Brust. Seine andere Hand landet an meinem Hinterkopf und streicht langsam durch mein Haar.

Jase.

Vertraut.

Sicher.

„Ich bin so dumm", murmle ich.

„Bist du nicht."

„Ich hab nichts gemerkt."

„Weil du ihm vertraut hast."

„Genau."

„Das ist normalerweise der Sinn davon."

Ein kleines, trauriges Lachen entkommt mir.

Dann höre ich meinen Namen.

„Hailey!"

Mein Körper spannt sich an.

Jases ebenfalls.

Nur anders.

Sein Arm löst sich von mir.

Er steht auf.

Ethan kommt aus dem Hauseingang.

Scheiße.

„Hailey, bitte."

Ethan kommt näher.

Jase stellt sich nicht demonstrativ vor mich.

Er steht einfach auf einmal zwischen uns.

Hände locker an seinen Seiten.

Schultern ruhig.

„Ich will nur fünf Minuten", sagt Ethan.

Ich greife nach meiner Tasche. „Nicht heute."

„Wir müssen reden."

„Nein."

Er ignoriert es und kommt weiter.

„Zwei Jahre, Hailey. Willst du das wirklich wegen eines Fehlers wegwerfen?"

Neben mir atmet Jase langsam aus.

„Ich werfe gar nichts weg. Das hast du gemacht."

„Ich liebe dich."

Der Satz tut weh.

Natürlich tut er das.

Zwei Jahre verschwinden nicht innerhalb einer Stunde.

„Dann hättest du mich nicht betrügen sollen."

„Komm einfach kurz mit rein."

Ethan macht einen weiteren Schritt.

Jase bewegt sich ebenfalls.

Nur einen.

Damit steht er vollständig zwischen uns.

„Sie hat nein gesagt."

Ethans Aufmerksamkeit springt zu ihm.

„Das geht dich nichts an."

Jase neigt leicht den Kopf. „Vielleicht."

„Dann halt dich raus."

„Sobald du sie in Ruhe lässt."

„Jase", murmle ich.

Seine Aufmerksamkeit kommt kurz zu mir.

„Ich bin ruhig."

Und er ist es.

Genau das macht mir fast mehr Sorgen.

Ethan versucht wieder, an ihm vorbeizusehen.

„Hailey, hör mir einfach fünf Minuten zu."

„Nein."

Diesmal sage ich es deutlich.

„Ich will heute nicht mit dir reden."

Ethan presst die Lippen zusammen. „Du bist verletzt. Verstehe ich. Aber du kannst doch nicht zulassen, dass er sich hier einmischt."

Jase antwortet, bevor ich es kann.

„Sie braucht mich nicht, um Nein zu sagen. Hat sie gerade allein geschafft."

Für einen Moment glaube ich tatsächlich, Ethan hätte es verstanden.

Dann versucht er, an Jase vorbeizugehen.

Seine Hand hebt sich in meine Richtung.

„Hailey, komm einfach—"

Jase bewegt sich so schnell, dass ich kaum mitbekomme, wie es passiert.

Eine Sekunde steht Ethan noch vor ihm.

In der nächsten hat Jase eine Faust vorne in seinem Shirt und stößt ihn rückwärts.

Ethans Rücken trifft die Hauswand.

Hart.

Die Luft entweicht ihm hörbar.

„Jase!"

Jases Unterarm liegt quer vor Ethans Brust.

Seine Stimme ist tief.

Ruhig.

„Sie hat Nein gesagt."

Ethan greift nach seinem Handgelenk. „Lass mich los."

„Du hast sie verstanden. Dir hat die Antwort nur nicht gefallen."

„Jase."

Diesmal kommt sein Name schärfer aus meinem Mund.

Seine blauen Augen springen zu mir.

Sofort.

Er ist noch da.

Noch völlig bei sich.

„Bitte."

Sein Kiefer arbeitet.

Dann sieht er wieder zu Ethan.

„Du gehst jetzt zurück rein."

Ethan stößt ein humorloses Lachen aus. „Was bist du, ihr Wachhund?"

Jase reagiert nicht.

„Lass mich los, Cooper."

„Sobald ich weiß, dass du sie in Ruhe lässt."

„Du bist doch nur hier, weil du endlich den großen Beschützer spielen kannst."

„Ethan", sage ich warnend.

Er ignoriert mich.

„Vielleicht erzählt sie dir ja auch gleich, wie prüde sie im Bett ist."

Alles in mir wird kalt.

Jases Kopf bewegt sich kaum merklich.

„Was hast du gesagt?"

Zu spät.

Ich sehe es.

Nicht, dass er die Kontrolle verliert.

Dass er sich entscheidet.

Jase löst eine Hand von Ethans Shirt.

Seine Faust trifft Ethans Gesicht.

Schnell.

Kurz.

Er holt kaum aus.

Trotzdem kracht es dumpf.

Ethans Kopf fliegt zur Seite.

Blut läuft sofort aus seiner Nase.

„JASE!"

Ich packe seinen Unterarm.

Ethan flucht und hält sich das Gesicht.

„Fuck! Meine Nase!"

Jases Faust bleibt geschlossen.

Er könnte noch einmal zuschlagen.

Das weiß ich.

Ethan weiß es vermutlich ebenfalls.

Aber Jase tut es nicht.

„Jase."

Meine Hand bleibt an seinem Arm.

Seine Aufmerksamkeit kommt zu mir.

„Es reicht."

Sein Brustkorb hebt sich tief.

Dann öffnet sich seine Faust.

„Okay."

Nur dieses eine Wort.

Er lässt Ethan los und tritt zurück.

Ethan wischt Blut von seiner Oberlippe. „Du verdammter Psycho."

Jases Kiefer spannt sich wieder an.

Ich stelle mich sofort zwischen sie.

„Nein."

Seine Aufmerksamkeit bleibt bei mir.

„Nicht noch mal."

„Hab ich nicht vor."

Und irgendwie glaube ich ihm.

Ich drehe mich zu Ethan.

„Wir sind fertig."

„Hailey—"

„Nein. Ruf mich heute nicht an. Schreib mir nicht. Meine Sachen bekomme ich später."

„Du willst das wirklich so beenden?"

„Du hast es beendet."

Er starrt mich an.

Ich warte.

Keine Entschuldigung.

Natürlich nicht.

„Komm", sage ich zu Jase.

Jase greift nach meiner Reisetasche.

Ethan hält sich noch immer die Nase.

„Das war's noch nicht."

Jase bleibt stehen.

Nur ganz kurz.

„Jase."

Er sieht zu mir.

Ich schüttele den Kopf.

Er hält meinen Blick einen Moment.

Dann dreht er sich um und geht.

Ohne Ethan noch einmal anzufassen.

Ich folge ihm.

Erst als wir ein gutes Stück vom Haus entfernt sind, sehe ich auf seine rechte Hand.

Die Knöchel sind rot.

„Du hast dich zurückgehalten."

Jase blickt ebenfalls darauf.

„Ja."

Kein Stolz.

Kein Witz.

Einfach eine Tatsache.

„Du hättest ihm viel härter schlagen können."

„Ja."

Ich mustere ihn.

Jase kennt seine Kraft.

Das weiß jeder, der ihn einmal beim Sport gesehen hat oder dumm genug war, mit ihm zu rangeln. Er ist größer und stärker als Ethan und wusste genau, was er da gerade macht.

„Warum hast du's nicht?"

Jetzt sieht er mich an.

„Weil ich ihm die Nase brechen wollte. Nicht den Schädel."

Ich starre ihn an.

Jase hebt eine Schulter.

„Was? Ehrlichkeit."

Trotz allem kommt ein Laut aus mir, der verdächtig nach einem Lachen klingt.

„Du bist unmöglich."

„Hab ich gehört."

Da ist er wieder.

Nur kurz.

Mein Jase, den ich kenne.

Nicht mein Jase.

Einfach Jase.

Ich schiebe den Gedanken weg, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann.

„Nicht zu meinen Eltern", sage ich, als wir seinen Wagen erreichen.

Jase öffnet den Kofferraum und legt meine Tasche hinein.

„Okay."

Ich blinzle. „Okay?"

„Du willst nicht zu deinen Eltern."

„Nein."

Er schließt den Kofferraum.

„Dann fahren wir zu meinen."

Das Cooper-Haus.

Fast genauso sehr Zuhause wie unser eigenes.

Ich habe dort als Kind gegessen, gespielt, gestritten und wahrscheinlich mehr Zahnbürsten vergessen, als ein Mensch besitzen sollte.

„Sind Mel und James da?"

„Wahrscheinlich."

Ich verziehe das Gesicht. „Ich will nicht reden."

„Dann redest du nicht."

„Mel wird mich ansehen und alles wissen."

„Das lässt sich bei Mom schwer verhindern."

Ich schnaube.

„Und deine Brüder?"

„Landon ist bei Claire und Theo. Eli wahrscheinlich bei Maya."

Gut.

Jase öffnet mir die Beifahrertür.

„Einsteigen, Prinzessin."

Ich bleibe davor stehen. „Ich kann Türen selbst öffnen."

„Das Thema hatten wir noch nicht."

„Dann haben wir es jetzt."

„Perfekt."

Er hält die Tür weiterhin fest.

Ich sehe ihn an.

Er sieht zurück.

Zwei Sekunden.

Drei.

„Du gibst nicht nach, oder?"

„Selten."

„Nervig."

„Steig ein."

Ich steige ein.

Jase schließt die Tür.

Ein paar Sekunden später sitzt er hinter dem Lenkrad.

Als er den Motor startet, lehne ich den Kopf gegen die Scheibe.

Mein Handy liegt schwer in meiner Hand.

Paige.

Mom.

Nate.

Cam.

Tyler.

Ich müsste irgendjemandem schreiben.

Tue ich nicht.

Noch nicht.

„Bereit?", fragt Jase.

Ich sehe aus dem Fenster.

„Nein."

Normalerweise würde jetzt irgendein Spruch kommen.

Tut er nicht.

„Okay."

Nur dieses eine Wort.

Dann fährt er los.

Ich sehe Ethans Straße im Seitenspiegel kleiner werden.

Irgendwann verschwindet sie ganz.

Morgen werde ich es erzählen müssen.

Paige.

Meiner Familie.

Wahrscheinlich der halben Cooper-Familie, weil Geheimnisse zwischen unseren beiden Häusern ungefähr die Lebenserwartung einer Eintagsfliege besitzen.

Morgen werden Nate und Cam Fragen stellen.

Tyler wird fluchen.

Mom wird mich umarmen.

Paige wird Ethan vermutlich auf mindestens zwölf verschiedene Arten verfluchen.

Und Jase?

Ich sehe kurz zu ihm.

Seine rechte Hand liegt am Lenkrad. Die Knöchel noch immer rot.

Er bemerkt meinen Blick.

„Was?"

„Nichts."

„Du starrst."

„Tue ich nicht."

„Prinzessin."

Ich rolle mit den Augen und drehe mich wieder zum Fenster.

„Fahr einfach."

Ein leises Schnauben kommt von ihm.

Dann wird es ruhig.

Die Lichter ziehen draußen vorbei, und ich sinke tiefer in den Sitz.

Heute wollte ich meinem Freund sagen, dass ich ihn liebe.

Stattdessen sitze ich mit einer Reisetasche im Kofferraum neben Jase Cooper, dessen Knöchel rot sind, weil er meinem Exfreund gerade vermutlich die Nase gebrochen hat.

Morgen wird jeder wissen, dass Ethan und ich vorbei sind.

Aber das ist morgen.

Für heute reicht es mir, dass Jase fährt.

Und dass ich nicht allein nach Hause muss.

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