Prolog
Bevor er mein Engel wurde
Mein Name ist nicht wichtig.
Vielleicht, weil diese Geschichte nicht nur meine sein könnte. Vielleicht erkennst du dich in manchen meiner Gedanken wieder. In der Hoffnung, die immer ein wenig länger bleibt, als sie sollte. In den Warnzeichen, die man sieht und trotzdem nicht sehen möchte. Oder in der Sehnsucht nach einem Menschen, der einem das Gefühl gibt, endlich angekommen zu sein.
Heute bin ich nicht mehr die Frau, die diese ersten Seiten geschrieben hat.
Ich bin älter geworden. Nicht nur an Jahren, sondern an Erfahrungen, Erinnerungen und Narben, die niemand sehen kann. Ich habe gelernt, dass Heilung nicht bedeutet, alles zu vergessen. Sie bedeutet auch nicht, dass es nie wieder wehtut.
Heilung bedeutet für mich, zurückblicken zu können, ohne wieder vollständig in der Vergangenheit zu versinken.
Lange konnte ich das nicht.
Lange lagen diese Seiten verschlossen vor mir. Ich wusste, was darin stand, auch ohne sie zu öffnen. Manche Sätze hatte ich so oft in meinem Kopf wiederholt, dass ich sie auswendig kannte. Andere hatte ich verdrängt, weil sie zu einer Frau gehörten, die ich nicht mehr sein wollte.
Doch sie war einmal ein Teil von mir.
Und deshalb darf sie heute sprechen.
Dieses Tagebuch beginnt nicht mit einer grossen Liebeserklärung. Es beginnt mit einem Abendessen, einem Lächeln und einem scheinbar harmlosen Satz.
Damals wusste ich noch nicht, was daraus entstehen würde. Ich wusste nicht, wie schnell ein Mensch zu einem festen Bestandteil des eigenen Lebens werden kann. Wie aus einzelnen Nachrichten ein tägliches Warten wird. Wie ein Spitzname plötzlich Nähe bedeutet und wie leicht man beinahe mit wirklich verwechselt.
Ich wusste auch nicht, wie sehr man sich selbst verlieren kann, wenn man zu lange versucht, etwas festzuhalten, das nie wirklich einem gehört hat.
Am Anfang war er einfach ein Mensch, den ich kennenlernte.
Dann wurde er zu jemandem, auf dessen Nachrichten ich wartete.
Zu jemandem, dem ich Dinge erzählte, die ich sonst vor der Welt versteckte.
Und irgendwann wurde er zu meinem Engel.
Ich nannte ihn so, weil ich mich bei ihm gesehen fühlte. Weil ich glaubte, mich nicht verstecken zu müssen. Weil seine Nähe etwas in mir berührte, für das ich damals keine anderen Worte hatte.
Vielleicht machte ich ihn zu einem Engel, weil ich unbedingt einen brauchte.
Vielleicht glaubte ich deshalb länger an seine Flügel, als es gut für mich war.
Die folgenden Seiten bestehen aus Tagebucheinträgen und Briefen. Manche Worte schrieb ich mitten in der Hoffnung. Andere entstanden, als von dieser Hoffnung kaum noch etwas übrig war.
Sie widersprechen sich.
An einem Tag verteidige ich ihn. An einem anderen versuche ich, ihn loszulassen. Manchmal klinge ich stark, nur um wenige Zeilen später wieder an allem zu zweifeln.
Aber genau so war es.
Heilung verläuft nicht gerade. Auch das Verstehen kommt nicht auf einmal. Es wächst langsam – zwischen Rückfällen, Erinnerungen und den Momenten, in denen man zum ersten Mal wieder an eine Zukunft glaubt.
Ich veröffentliche diese Seiten nicht, um ihn anzuklagen.
Ich veröffentliche sie auch nicht, weil ich noch immer auf eine Antwort von ihm warte.
Ich veröffentliche sie, weil es da draussen vielleicht ein Mädchen oder eine junge Frau gibt, die gerade glaubt, mit ihren Gefühlen allein zu sein.
Vielleicht wartet auch sie auf eine Nachricht, die nicht kommt. Vielleicht hält sie an einem Menschen fest, der ihr gerade genug Nähe gibt, damit sie bleibt, aber nie genug Sicherheit, damit sie sich geborgen fühlen kann.
Vielleicht nennt auch sie jemanden ihren Engel, obwohl sie in seiner Nähe immer mehr von sich selbst verliert.
Wenn du dieses Mädchen bist, möchte ich dir sagen:
Du bist nicht dumm, weil du geglaubt hast.
Du bist nicht schwach, weil du geliebt hast.
Und du bist nicht schuld daran, wenn jemand dein Vertrauen gegen dich verwendet oder deine Grenzen missachtet hat.
Du darfst beim Lesen eine Pause machen. Du darfst Seiten überspringen und später zurückkehren. Du darfst traurig, wütend oder erleichtert sein.
Vor allem aber darfst du dir Hilfe holen.
Diese Geschichte beginnt mit einem Engel.
Sie führt durch Hoffnung, Nähe, Schmerz und Verlust.
Doch sie endet nicht bei ihm.
Sie endet bei der Frau, die gelernt hat, wieder sich selbst zu gehören.
Und nun öffne ich mein altes Tagebuch.
Die erste Seite trägt das Datum:
13. September 2024.



![Fated to My Ex- Best Friend [Moving to Galatea]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_49edb1dbf9a28b50b9c4d68d8598359b.jpg)




