Desinfektionsmittel
→ Oktober 2026 [I] – Intensivstation, Zimmer 12 ←
Das Schlimmste an diesem Raum ist nicht das rhythmische Zischen der Beatmungsmaschine. Auch nicht das kalte Neonlicht, das die Kanten des Linoleumbodens blau färbt, oder der beißende Geruch von Desinfektionsmittel, der sich seit Tagen in meiner Kleidung festgesetzt hat.
Das Schlimmste ist ihre Stille.
Jule war in den letzten siebenundzwanzig Jahren vieles: anstrengend, unberechenbar, stur wie ausgehärtetes Epoxidharz und oft unerträglich laut. Wenn sie einen Raum betreten hat, wusste es jeder. Sie hat Türen mit den Absätzen ihrer Arbeitsschuhe aufgeschlagen, geflucht, wenn eine Holzfaser splitterte, und ihr Lachen war so ungefiltert, dass mein Vater schon damals am Gartenzaun die Augenbrauen zusammengezogen hat.
Jetzt liegt sie da, eingebettet in weiße Kissen, und bewegt sich nicht.
Ihre feuerroten Haare, die sonst immer nach Werkstattstaub und Kiefernharz gerochen haben, wirken gegen das Kissen fast wie eine fremde Flamme. Ich nehme ihre Hand. Meine Finger sind glatt, Bürofinger, die nichts Schwereres halten als Füllfederhalter und Akten. Ihre Handfläche ist rau. An der Seite des Zeigefingers ertaste ich die Narbe vom Stecheisen aus dem zweiten Lehrjahr. Eine Hand, die gebaut hat. Die angepackt hat.
Sie ist warm, aber sie drückt nicht zurück.
»Mach keinen Scheiß, Julianna.« Meine Stimme klingt brüchig, zerkratzt von zu viel kaltem Automatenkaffee und drei Nächten auf dem Plastikstuhl.
Wenn ich ihren vollen Namen benutze, verdreht sie normalerweise die Augen. Nenn mich nicht wie eine Adlige, Dominik, ich bin Jule.
Aber diesmal kommt keine Antwort. Nur die grüne Linie auf dem Monitor, die stur in gleichförmigen Zacken weiterspringt.
Ich beuge mich vor, stütze die Stirn auf ihre Bettkante und schließe die Augen. Mein Daumen streicht mechanisch über ihre Fingerknöchel.
Jahrelang waren wir Feiglinge. Jahrelang haben wir geschwiegen, uns hinter Witzen, schlechtem Timing und der panischen Angst versteckt, das Einzige zu zerstören, was in unserem Leben verlässlich war. Und als wir vor knapp vierundsiebzig Stunden endlich den Mut hatten, die Wahrheit auszusprechen, nimmt eine nasse Fahrbahn uns die Zeit weg.
»Kämpf gefälligst! Wir sind hier noch nicht fertig. Unsere Geschichte endet nicht auf Station drei, Kobold. Hörst du mich? Wach auf!«
Ich lausche in das Zimmer hinein. Nichts.
Und während ich dort sitze und auf ein Zucken ihrer Hand warte, spüre ich wieder dieses alte, dumpfe Pochen in meinen Knochen. Genau wie an jenem verregneten Augustmorgen vor siebenundzwanzig Jahren, als ein alter Ford-Transporter mit quietschenden Bremsen vor der anderen Hälfte unseres Hauses hielt.


![Fated to My Ex- Best Friend [Moving to Galatea]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_49edb1dbf9a28b50b9c4d68d8598359b.jpg)






Der Einstieg nimmt mich gerade ziemlich mit. Ich gehe ja davon aus, dass die Geschichte mit einem Happy End endet.
Aber hier weiß man es ja noch nicht. Dieses Kapitel könnte ja auch schon das Ende darstellen.
Ich hoffe jetzt mal das Beste.
Wenn man im ersten Kapitel schon einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen hat 😢