Kapitel 1
I.
„Los, hoch mit dir.“
Shawn erstarrte. Sogar im Halbschlaf erkannte er, wer da sprach.
Bevor er Zeit hatte, die Starre abzuschütteln und zu gehorchen, trat der Besitzer der Stimme zu. Ausweichen zu wollen, war zwecklos. Er schlief ganz an der Wand, in einer Ecke des Raums, den er sich mit zwei anderen Männern teilte.
Sein Peiniger nutzte diese Tatsache, um noch einmal zuzutreten. Der Fuß traf Shawn in den unteren Rücken. Es tat nicht so weh wie befürchtet, doch dafür packte ihn echte Angst. Dass Drummond es auf ihn abgesehen hatte, wusste er seit seinem ersten Tag auf dem Hof, und heute früh verschaffte die Dunkelheit dem Verwalter einen Vorteil. Er war ein völlig unberechenbarer Mann, grausam zu allem, was lebte, besonders zu Tieren.
Jetzt zog er geräuschvoll die Nase hoch. „Beeil dich. Ich hab’ mit dir zu reden. Mit dir auch, Wilbur.“
Irgendwo ertönte Geraschel. Einer von Shawns Mitbewohnern kämpfte sich auf die Füße.
Shawn rutschte zur Wand. Im schwachen Licht sah er Drummond über sich aufragen, voll bekleidet, den dicken Holzstock in der Faust. Dann zum Glück wandte der Verwalter sich ab und verließ die Hütte.
Hastig zog Shawn seine Jacke über. Der Schmerz von Drummonds Tritten nahm ab. Gleichzeitig wuchs die Unruhe. Er roch keinen Rauch, der einen Brand angezeigt hätte, und er hörte nichts Alarmierendes, keine hektischen Rufe, keine Wagenräder, kein Tiergebrüll.
Auf dem Weg nach draußen fröstelte er. Es war ungewöhnlich kalt für Ende April. Der Frühling tat sich schwer mit seiner Wiedergeburt.
Tatsächlich schien auf dem Gutshof alles in Ordnung zu sein. Von der Hütte aus - einer von ingesamt fünf Unterkünften für das Gesinde - konnte Shawn einen großen Geländeteil überblicken. Nirgendwo rannten Gestalten oder brannte eine Lampe, die sonst nicht brannte. Die Hauptgebäude, darunter Mr. Whibleys Wohnhaus, standen da wie immer, schindelgedeckte Kästen in der Dunkelheit.
Fern im Osten hinter Zäunen und Weiden hing ein Streifen Graublau am Horizont. Hier und da zwitscherten Vögel. In einem Stall blökten Schafe.
Shawn folgte Wilbur, der die Hütte vor ihm verlassen hatte, bis zu einem Bereich mit Futtertrögen und einem Brunnen. Dort wartete Drummond auf sie. Er war nicht allein. Noch ein Mann, einer der Pflüger, und eine Frau, die Mr. Whibley als Näherin beschäftigte, warteten mit ihm. Natürlich hielten sie Abstand zu Drummond.
Wilbur stellte sich neben den Pflüger und die Frau, Shawn neben Wilbur, sodass sie eine Viererreihe bildeten.
Drummond grüßte niemanden. „Kommen wir gleich zur Sache“, sagte er laut und überdeutlich, so als wären sie alle geistig beschränkt. „Mit dem heutigen Morgen seid ihr entlassen. Mr. Whibley braucht euch nicht mehr. Wenn ich fertig bin, packt ihr zusammen und verschwindet. Ich soll jedem von euch einen kleinen Geldbetrag auszahlen. Das ist nicht selbstverständlich. Eine reine Nettigkeit von Mr. Whibley.“
Er legte eine Pause ein.
Shawn spürte das Heben und Senken seiner Brust. Sein Verstand weigerte sich noch, Drummonds Worte auszuwerten. Da war er anscheinend nicht der Einzige. Als er einen Blick auf die Gesichter der drei Menschen neben ihm warf, sah er nichts als Verwirrung. Wilbur blinzelte heftig. Der Pflüger und die Frau rührten sich nicht.
Er riss sich zusammen. Das vertraute Hindernis vor dem Sprechen führte dazu, dass er zögernd klang, dümmlich, genau wie der Schwachsinnige, als den Drummond ihn häufig beschimpfte. „Wie kann es sein, dass Mr. Whibley uns nicht mehr braucht?“
„Halt dein Maul“, entgegnete Drummond.
„Ich würd’s auch gern wissen“, wagte der Pflüger sich vor.
Der Verwalter seufzte. „Ihr seid überflüssig. Was ihr leistet, leisten ab sofort Landarbeiter, die Mr. Whibley mietet, wenn es nötig wird. Das ist billiger, als euch durchzufüttern. Und jetzt ab in die Hütten, holt eure Sachen und verschwindet endlich!“
„Aber wo sollen wir denn hin?“, fragte Wilbur heiser.
„Was interessiert mich das?“ Drummond hob das Kinn. Es war eine unheilverkündende Bewegung, die darauf hinwies, dass er anfing, die Geduld zu verlieren. Und plötzlich schrie er. „Weg mit euch! Oder wollt ihr, dass ich nachhelfe?“
Sie zuckten vor ihm zurück. Doch keiner von ihnen - auch Shawn nicht - ging wirklich los. Die Bedeutung dessen, was sie gerade erfahren hatten, entfaltete sich wie ein lähmendes Gift.
Die Frau begann zu weinen. Das Geräusch verscheuchte Wilbur und den Pflüger, die sich abwandten und zu den Hütten davontrabten, so als hätten sie nicht immer wieder mit dieser Frau geredet oder sich bei ihr bedankt, wenn sie ihnen die geflickten Kleidungsstücke zurückgab, die ihr das Gesinde spätabends heimlich durch den Türspalt reichte.
Shawn zögerte. Das Weinen machte etwas mit ihm, ähnlich wie das Winseln von geprügelten Hunden oder das Schmerzgestöhn kranker Menschen.
Er zögerte zu lange. Vielleicht waren auch seine Augen schuld, die er manchmal nicht im Griff hatte. Mit drei, vier schnellen Schritten war Drummond bei ihm und schlug zu.
Der Holzstock fegte Shawn von den Füßen. Während er auf Knien landete, verstand er, dass Drummond ihn an der linken Schädelseite getroffen haben musste, über dem Ohr. Dort wurde kurz alles taub, bevor sich eine Sonne aus Schmerz aus dem Nichts erhob.
Irgendwie glückte es ihm, sich aufzurappeln. Drummond verfolgte ihn nicht zur Hütte.
Seine paar Habseligkeiten in ein Bündel zu schnüren und sich das Wertvollste, das er besaß - ein Kreuz am Lederriemen, sein Rasierzeug und ein Klappmesser, Geschenk eines dankbaren Schäfers aus Caldecote -, in einem zweiten, kleineren Bündel vor die Brust zu knüpfen, dauerte eine Ewigkeit.
Vor ihm tanzten Flecken in der Luft. In seinen Halsschlagadern pochte es dumpf. Die Haare in der Nähe seines Ohrs waren feucht und klebrig.
Auf seinem letztem Gang über das Gelände begegnete Shawn keiner Menschenseele. Von der Näherin, dem Pflüger und Wilbur war ebenfalls nichts zu sehen.
Dafür lief er draußen an der Straße jemandem über den Weg, mit dem er nie im Leben gerechnet hätte. Ein Stück entfernt vor einem offenen, schlichten Einspänner stand ein Mann in einer schwarzen Reisesoutane. Er war hochgewachsen, schlank und dunkelhaarig. Als er Shawn entdeckte, kam er heran.
Shawn blieb stehen und holte Luft. Flüchtig war die Idee, auf dem Absatz kehrtzumachen und in die entgegengesetzte Richtung davonzugehen, sehr verlockend. Aber das verbot ihm sein Respekt vor dem Priester. Er kannte Father Holbrook nicht besonders gut, da er eigentlich der Gemeinde von Biggleswade vorstand und die Dörfer im Umkreis höchstens fünf-, sechsmal im Jahr besuchte. Doch er war ihm immer freundlich vorgekommen, aufrichtig um Menschen besorgt.
„Shawn“, sagte der Priester. „Das hatte ich mir schon gedacht.“
„Was meint Ihr?“ Sein Kopf dröhnte.
„Dass es dich auch betrifft. Mir ist eben Wilbur begegnet, und er erzählte, dass Mr. Whibley vier von euch hinausgeworfen hat.“ Father Holbrook deutete über die Schulter auf den Einspänner. „Ich war nach Ickwell unterwegs, weil dort eine Frau im Sterben -“ Er brach ab. Seine Augen wurden schmal. „Bei allen Heiligen.“ Er starrte Shawns linke Schädelseite an.
Unwillkürlich fasste Shawn nach oben. Als er seine Finger betrachtete, waren sie blutig.
„Wer hat dich geschlagen?“, erkundigte sich Father Holbrook drängend.
„Unser Verwalter.“ Drummonds Namen in den Mund zu nehmen, war ausgeschlossen.
Der Priester fluchte leise. „Dieser Mann gehört vor die Obrigkeit“, sagte er mehr wie zu sich selbst. Dann musterte er Shawn, eine steile Falte zwischen den Brauen. „Wilbur sagte, er hätte wenigstens ein paar Münzen erhalten. Gilt das auch für dich?“
Nachzudenken, fiel ihm schwer. „Nein.“
Father Holbrook holte Geld aus einer Innentasche seine Soutane. „Nimm. Das sind zwei Shilling. Davon kannst du immerhin das Nötigste kaufen.“
In diesem Moment, unpassenderweise, verkrampfte sich Shawns Magen. Ihm wurde schwindlig und schlecht, und er musste sich an der Gutsmauer abstützen. Durch einen Nebel aus Benommenheit schaute er zu, wie Father Holbrook ihm vorsichtig die freie Hand öffnete und das Geld hineinlegte. Er wollte ablehnen. Seine Vernunft war klüger.
Wenn das, was Drummond gesagt hatte, auch auf andere Höfe zutraf, würde er diese Münzen noch brauchen. „Wisst Ihr, wo ich vielleicht Arbeit finde?“
Der Gesichtsausdruck des Priesters gab ihm Bescheid. „Ich will dich nicht belügen. Es sind harte Zeiten, nicht nur in unserer Grafschaft. Aber soweit mir bekannt ist, stellt die Schlachterei in Bedford Hilfskräfte ein. Sprich bei ihnen vor. Und wenn sie dich ablehnen, komm zu unserer Kirche in Biggleswade.“
Was im letztgenannten Fall passieren sollte, sagte er nicht.
Shawn nickte verworren. „Ich versuch’s in Bedford. Danke, Father.“
Father Holbrook presste die Lippen zusammen.
Für eine Weile herrschte Schweigen, bis auf den Schrei eines Habichts über den Wiesen um Northam. Es war Zeit, aufzubrechen, wurde Shawn bewusst. Er riss sich von der Gegenwart des Priesters los, murmelte noch einen Dank und ging. Er spürte, dass Father Holbrook ihm nachsah.
Jetzt durfte er sich um keinen Preis zurückhalten lassen. Bald würde die seltsame Lähmung in ihm den Schock nicht mehr abmildern. Shawn wich auf die Felder aus. Dafür, durch den Ort zu laufen, fehlte ihm die Kraft.
Eine halbe Stunde hinter Northam, unter einer Baumgruppe, überprüfte er den Inhalt des größeren Beutels. Er hatte seine Wechselwäsche, einen Holzbecher, eine lederne Wasserflasche, einen Feuerstein und ein Schlageisen eingepackt - bis auf das, was im kleineren Beutel lag, sein ganzer Besitz. Das Geld von Father Holbrook wickelte er in ein Taschentuch und steckte es dazu. Danach konnte er sich kurz nicht bewegen. Inzwischen war es fast hell.
Der Gedanke an den Hof rettete ihn. Obwohl das Gesinde wenig mit Mr. Whibley zu schaffen gehabt hatte, war er kein schlechter Gutsherr gewesen. Zumindest hatte Shawn das geglaubt. Trotz regte sich in ihm - oder nein, nicht unbedingt Trotz, eher ein Gefühl, etwas Falsches mitzuerleben. Etwas an diesen Ereignissen war nicht richtig, ohne dass er hätte sagen können, was.
Shawn brach wieder auf. Auch wenn er praktisch nichts von der Welt kannte, kannte er die Umgebung von Northam ziemlich gut. Auf den Straßen waren kaum Wagen unterwegs. Er würde höchstwahrscheinlich zu Fuß nach Bedford gehen müssen.
Böiger Wind verfolgte ihn stur. Der Habicht hing weit oben am blassgrauen Aprilhimmel und stieß alle paar Augenblicke seine spitzen Schreie aus.








