Kapitel 1: Crispy Bacon und der Hamburger Nebel
Eigentlich war der Plan glasklar gewesen.
Chris P. Bacon, vierundvierzig Jahre alt, ehemalige College-Soccer-Legende aus Texas und Verfechter einer Trainingsphilosophie, die im Wesentlichen aus Disziplin, Anschreien und rohem Eiweiß bestand, sollte das nächste große Kapitel seiner Karriere aufschlagen. Als sein Agent ihn vor einem Monat anrief und brüllte: „Chris, baby! I got you the deal! Top league in Germany! Big city, big money, real men’s soccer!“, da hatte Chris nicht lange gefackelt. Er hatte seine Kappe der Dallas Cowskulls eingepackt, seinen Koffer mit Taktikbreffs vollgestopft und war in den Flieger nach Deutschland gestiegen.
In Deutschland, so hatte man ihm erzählt, war Fußball wie eine Religion. Und er, Chris P. Bacon, war gekommen, um den deutschen Profis zu zeigen, wie man aus verweichlichten Schönwetter-Kickern echte texanische Sieger formte.
Das einzige Problem war: Chris verstand kein Wort Deutsch.
Als die Türen der Ankunftshalle aufglitten, schlug Chris feuchte, kühle Nordseeluft entgegen. Er rückte seine Sonnenbrille auf der Nase zurecht, strich über sein Kinn und marschierte mit ausladenden Schritten auf den Ausgang zu.
Am Ende der Absperrung stand ein stämmiger Mann in einer dunkelblauen Trainingsjacke, der ein handgeschriebenes Pappschild in die Höhe hielt.
„WELCOME TO GERMANY – SOCCER FIRST LEAGUE“
Chris grinste breit, spuckte seinen Kaugummi im hohen Bogen in einen Mülleimer und steuerte direkt auf den Mann zu.
„Bacon! Headcoach!“, brüllte er über das Klackern der Kofferrollen hinweg und schlug dem verdutzten Fahrer so kräftig auf die Schulter, dass dieser beinahe sein Schild verlor. „Let’s get this show on the road, buddy! Time is money!“ („Lass uns die Show starten, Kumpel! Zeit ist Geld!“)
Dass der Fahrer ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Respekt musterte, überging Chris völlig. Auch dass auf dem Hotelgutschein, den man ihm an der Rezeption auf den Tresen legte, in schmalen, schnörkeligen Buchstaben „HSV Frauenfußball e.V.“ gedruckt war, fiel dem Texaner nicht auf. Er kritzelte einfach seine unleserliche Unterschrift auf die Linie, verlangte vom perplexen Kellner sechs rohe Eier in einem Glas und ging um Punkt einundzwanzig Uhr schlafen.
Am nächsten Morgen um punkt sechs Uhr betrat Chris den Trainingsplatz. Nebel hing über dem Rasen. Die Scheinwerfer warfen lange Schatten. Chris blieb am Mittelkreis stehen, stemmte die Fäuste in die Hüften und ließ seinen Blick über das Areal gleiten.
Er war bereit für die härtesten Kerle der Bundesliga.
Da öffneten sich die Türen des Kabinentrakts. Eine Gruppe von Athleten kam auf den Platz gelaufen. Sie lachten, passten sich mühelos Bälle zu und trugen enge, dunkelblaue Trainingsshirts.
Chris blinzelte. Er nahm seine Brille ab, wischte sie an seinem Shirt sauber und setzte sie wieder auf.
Da liefen keine 90-Kilo-Männer mit Tätowierungen am Hals, O-Beinen und Dreitagebärten auf ihn zu. Da liefen ... Frauen. Athletische, austrainierte, aber unverkennbar weibliche Profi-Fußballerinnen.
„Wait a minute…“, murmelte Chris vor sich hin.
Sein Gehirn ratterte auf Hochtouren. Chris war schließlich kein Idiot. Er hatte in zwanzig Jahren als Trainer in den USA alles gesehen. Das hier war eine Falle. Ein Streich! Die deutsche Vereinsführung wollte den neuen, harten Ami-Coach am ersten Tag auf die Probe stellen. Sie hatten eine Truppe von Darstellerinnen auf den Platz geschickt, um zu sehen, ob er weich wurde oder die Fassung verlor. Irgendwo in den Flutlichtmasten versteckten sich bestimmt Kameras.
Nicht mit Chris P. Bacon.
Ein hämisches, überhebliches Grinsen stahl sich auf seine Lippen. Er steckte die metallene Trillerpfeife in den Mund und stieß einen Ton aus, der vermutlich noch am Hamburger Hafen die Möwen von den Masten riss.
Die Mannschaft blieb abrupt stehen.
„Alright, gather round, ladies—or whatever y’all identify as today!“, brüllte Chris aus voller Kehle und fuchtelte wild mit seinem Klemmbrett in der Luft herum. („Also gut, versammelt euch, meine Damen – oder als was auch immer ihr euch heute identifiziert!“)
Die Spielerinnen sahen sich verwirrt an. Sarah, die hochgewachsene Kapitänin und knallharte Innenverteidigerin des Teams, trat mit kühlem Blick einen Schritt vor.
Chris baute sich direkt vor ihr auf, blies die Brust wie ein Kampfhahn auf und schrie ihr mitten ins Gesicht:
„Listen up! My name is Chris P. Bacon! I’m your new head coach, and starting right now, we ain’t in some soft-ass girls’ choir anymore—this is pro soccer! You think this is a joke? A little Sunday picnic in the park? No way, Jose! Drop and give me twenty, right now, or I’ll chew you up and spit you out before you can even say yeehaw!“ („Hört gut zu! Mein Name ist Chris P. Bacon! Ich bin euer neuer Cheftrainer, und ab sofort sind wir hier nicht mehr im verweichlichten Mädchenchor, sondern beim Profi-Fußball! Ihr denkt, das ist ein Witz? Ein kleiner Sonntagsausflug im Park? Von wegen! Hinlegen und zwanzig Liegestütze, sofort, oder ich kaue euch durch und spucke euch aus, bevor ihr überhaupt ‚Yeehaw‘ sagen könnt!“)
Er wartete darauf, dass die Spieler – die er immer noch für verkleidete Schauspieler hielt – anfingen zu jammern oder aus der Rolle fielen.
Doch Sarah trat nur noch ein Stück näher an ihn heran. Sie wischte sich unbeeindruckt eine Locke aus dem Gesicht und musterte ihn von seinen Stollen bis zu seiner Cowskulls-Kappe.
„You done throwing a temper tantrum, cowboy?“, fragte sie ihn in fließendem, fehlerfreiem Englisch mit eisiger Ruhe. („Bist du fertig mit deinem Wutanfall, Cowboy?“)
Chris stockte kurz der Atem. Verdammt, dachte er panisch. Die CIA-Ausbildung für verdeckte Streich-Agenten in Deutschland ist wirklich erstklassig!
„Don’t you backtalk me, young lady!“, zischte Chris und trat noch einen Schritt näher. „You think you’re a real tough cookie, huh? Let’s see how much sass you got left when I run your little butts into the ground until you’re gasping for air!“ („Widersprich mir ja nicht, junge Dame! Du denkst, du bist ein verdammt harter Brocken, was? Mal sehen, wie viel große Fresse euch noch bleibt, wenn ich eure kleinen Hintern so lange über den Platz jage, bis ihr nach Luft schnappt!“)
Sarah wandte sich langsam ab, sah mit einem hämischen Grinsen zu ihren Teamkolleginnen hinüber und rief laut über den Platz:
„Girls, Crispy Bacon will uns wohl zeigen, wie man sich richtig lächerlich macht! Machen wir ihm den Gefallen und zeigen dem brutzelnden Speckstreifen mal, wie echtes Hamburger Pressing aussieht!“
Eineinhalb Wochen vergingen.
Eineinhalb Wochen, in denen Chris P. Bacon das intensivste, gnadenloseste Training durchzog, das die Hamburger Damenmannschaft je erlebt hatte. Er ließ sie Medizinbälle über den Platz schleppen, verlangte 100-Meter-Sprints im tiefen Schlamm und versuchte ihnen Taktiken einzubläuen, die er aus alten Lehrbüchern der Herren-Oberliga abgetippt hatte.
Das Erstaunlichste daran: Die Frauen brennten darauf, es dem seltsamen Ami zu zeigen. Statt aufzugeben, wurden sie von Tag zu Tag schneller, physischer und geschlossener. Und Chris? Chris wartete jeden Abend im Hotelzimmer darauf, dass der Berliner Vereinspräsident anrief und sagte: „Haha, Chris! Du hast den Test bestanden! Morgen kommen die echten Männer!“
Aber der Anruf kam nicht.
Am dreizehnten Tag saß Chris nach dem Nachmittagstraining auf der Auswechselbank, strich sich den Schweiß von der Stirn und schaute den Frauen zu, die immer noch im Flutlicht Torschussübungen machten. Er musste sich zähneknirschend eingestehen: Diese Mädels hatten mehr Biss als die Hälfte der College-Jungs, die er in Texas trainiert hatte.
Plötzlich vibrierte das Smartphone in seiner Hosentasche.
Chris zog es heraus. Auf dem Display blinkte der Name seines Managers: SAMMY (USA).
Chris ging dran, lehnte sich zurück und grinste. „Hey Sammy! Wurde auch langsam Zeit. Wann lösen wir den ganzen Zirkus hier eigentlich auf? Ich sage dir, die Mädels, die ihr mir geschickt habt, schlagen sich gar nicht mal so übel, aber—„
„Chris?!“, brüllte Sammys Stimme so laut aus dem Hörer, dass Chris das Handy ein Stück vom Ohr wegziehen musste. „Holy Christ, Chris! Wo zum Teufel steckst du?!“
Chris runzelte die Stirn. „Wie, wo stecke ich? Auf dem Trainingsplatz natürlich. Ich drille die Truppe seit fast zwei Wochen!“
„Chris!“, schrie Sammy, und man hörte im Hintergrund das Hektische Tippen einer Tastatur. „In Berlin drehen alle durch! Der Präsident von Hertha ist kurz davor, die Polizei einzuschalten! Der Hauptsponsor droht mit Klage! Sie warten seit dreizehn Tagen auf ihren neuen Cheftrainer! WO BIST DU?!“
Chris blieb das Herz stehen. Er setzte sich kerzengerade auf.
„Berlin?!“, stammelte Chris. „Was heißt Berlin? Ich bin im Hotel, der Fahrer hat mich abgeholt! Ich bin bei der Erstliga-Mannschaft!“
„Chris ...“, Sammys Stimme wurde plötzlich ganz leise und brüchig. „Welches Logo ist auf deinem Trainingsanzug?“
Chris blickte langsam an seiner Brust herunter. Er strich über die gestickte Raute auf seiner Jacke.
„Da ist eine Rauten-Flagge... und ‘HSV’ steht drunter...“, murmelte Chris.
Am anderen Ende der Leitung herrschte für drei Sekunden absolute Stille. Dann stöhnte Sammy auf, als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen.
„Oh mein Gott, Chris ... Justin Case, der Trainer für das Hamburger Frauenteam, hat wegen eines Systemfehlers den Flieger nach Berlin genommen. Er steht seit zwei Wochen bei den Berliner Männern auf dem Platz und heult jeden Tag, weil die Jungs zu grob zu ihm sind ... Und DU ... Chris, du bist in Hamburg bei den FRAUEN!“
Chris P. Bacon erstarrte. Die Welt um ihn herum schien sich aufzuhören zu drehen.
Er blickte langsam auf den Platz. Sarah stand gerade am Fünfmeterraum, köpfte eine Flanke mit voller Wucht ins Kreuzeck, landete im Dreck, berappelte sich sofort wieder und rief ihren Mädels zu: „Weiter so! Crispy Bacon guckt zu, macht keine Schlappseile!“
Chris schluckte schwer. Das Kaugummi in seinem Mund fühlte sich plötzlich an wie Stein.
„Sammy ...“, flüsterte Chris mit zitternder Stimme ins Handy. „Du willst mir also sagen ... das hier ist gar kein Streich?“





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