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Made of Dust and Distance - Cole Teil 2

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Summary

Cole Reed hat längst aufgehört, an eine zweite Chance auf Glück zu glauben. Ein Schicksalsschlag hat ihn Jahre zuvor verändert, und seitdem hält er Menschen lieber auf Abstand und sein Leben auf Pine Hollow so ruhig wie möglich. Bis er vor einem Krankenhaus Helena begegnet. Verletzt, verängstigt – und offensichtlich in einer Situation, in die Cole sich eigentlich nicht einmischen sollte. Er gibt ihr trotzdem seine Nummer. Für den Fall, dass sie irgendwann jemanden braucht. Monate später klingelt sein Telefon. Für Helena bedeutet dieser Anruf den ersten Schritt aus einem Leben, in dem Nähe längst mit Angst und Kontrolle verbunden ist. Auf Pine Hollow versucht sie, sich etwas zurückzuholen, das sie fast verloren hatte: ihre Selbstständigkeit, Sicherheit und die Hoffnung auf ein eigenes Zuhause. Cole will ihr dabei nur ein Freund sein. Jemand, der bleibt, ohne etwas dafür zu verlangen. Doch je mehr sich ihre Leben miteinander verweben, desto schwieriger wird es zu erkennen, wo Hilfe endet – und wo etwas beginnt, das beide längst für verloren hielten. Eine Geschichte über Neuanfänge, leise Liebe und die Frage, ob Zuhause manchmal nicht der Ort ist, an den man zurückkehrt, sondern der, den man sich selbst erschafft.

Genre
Drama
Author
Mermi
Status
Complete
Chapters
50
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Vor dem Krankenhaus

KAPITEL 1

Vor dem Krankenhaus

März Jahr 2 Cole

Krankenhäuser haben einen Geruch, den man nicht vergessen kann.

Desinfektionsmittel. Kaffee, der seit Stunden in irgendeiner Maschine steht. Zu warme Luft. Plastik. Irgendetwas Metallisches, das wahrscheinlich nur in meinem Kopf existiert.

Ich bleibe direkt hinter der automatischen Eingangstür stehen und frage mich zum dritten Mal innerhalb von zehn Minuten, warum ich überhaupt mitgekommen bin.

Die Antwort sitzt neben mir auf einer Bank und wippt so nervös mit dem Knie, dass der ganze verdammte Metallrahmen zu zittern scheint.

„Wenn du das noch fünf Minuten machst, schraubst du das Ding aus dem Boden“, sage ich.

Jake hört sofort auf.

Für ungefähr zwei Sekunden.

Dann beginnt sein Knie wieder.

„Ich bin nicht nervös.“

Ich sehe ihn an.

Er sieht mich an.

„Gut“, sagt er. „Ich bin ein bisschen nervös.“

„Du bekommst das Kind nicht.“

„Das weiß ich.“

„Du bist nicht mal mit jemandem verwandt, der das Kind bekommt.“

„Das weiß ich auch.“

„Miles ist nicht mal mehr hier unten.“

„Cole.“

„Was?“

„Du könntest versuchen, nicht so zu tun, als würdest du nicht seit zwanzig Minuten alle dreißig Sekunden auf die Tür gucken.“

Ich lehne mich mit dem Rücken gegen die Wand und verschränke die Arme vor der Brust. „Ich gucke nicht auf die Tür.“

Jake verzieht den Mund.

„Natürlich nicht.“

Ich antworte nicht.

Weil ich tatsächlich auf die Tür gucke.

Miles ist vor einer guten halben Stunde mit Sadie nach hinten verschwunden, nachdem irgendjemand entschieden hat, dass es jetzt offenbar wirklich losgeht. Seitdem sitzen wir hier herum wie zwei Idioten, die absolut nichts beitragen können und trotzdem nicht nach Hause fahren wollen.

Thomas ist unterwegs. Michael ebenfalls. Emily und Jack kommen direkt von Stone Ridge.

Jake und ich waren schlicht die Ersten hier.

Was wahrscheinlich daran liegt, dass Jake gefahren ist, als hätte er die Absicht, noch vor dem Kind im Krankenhaus anzukommen.

Ich schiebe eine Hand in die Jackentasche und taste nach meinem Handy.

Keine Nachricht.

Natürlich nicht.

Miles hat gerade vermutlich andere Probleme, als seinen Ranchhands regelmäßig einen Lagebericht zu schicken.

„Denkst du, es dauert lange?“, fragt Jake.

„Woher soll ich das wissen?“

„Du bist älter.“

Ich drehe langsam den Kopf zu ihm. „Und mit dreizig bekommt man automatisch medizinisches Wissen über Geburten?“

„Keine Ahnung. Vielleicht.“

„Dann wird es dich freuen zu erfahren, dass du in fünf Jahren alles weißt.“

Jake grinst.

Genau das ist das Problem mit ihm. Man kann ihm kaum lange genug böse sein, um es befriedigend zu finden.

Ich stoße mich von der Wand ab. „Ich hol Kaffee.“

„Bring mir einen mit.“

„Du brauchst keinen.“

„Ich brauche dringend einen.“

„Du bist schon nervös genug.“

„Cole.“

Ich gehe trotzdem.

Der kleine Bereich mit Automaten und viel zu wenigen Sitzplätzen liegt ein Stück weiter den Flur entlang. Es ist später Nachmittag, aber das künstliche Licht macht jede Uhrzeit bedeutungslos. Menschen kommen und gehen. Ein Mann trägt einen Blumenstrauß, der so groß ist, dass er kaum darüber hinwegsehen kann. Eine ältere Frau telefoniert leise in einer Ecke. Zwei Kinder streiten sich darüber, wer auf einem Stuhl sitzen darf, obwohl daneben drei weitere frei sind.

Normaler Krankenhauskram.

Ich werfe Münzen in den Automaten und starre auf die Auswahl, als würde sich etwas verbessern, wenn ich lange genug daraufsehe.

Tut es nicht.

Ich drücke zweimal schwarzen Kaffee.

Während der erste Pappbecher langsam vollläuft, höre ich hinter mir eine Stimme.

„Nein.“

Nicht laut.

Aber scharf genug, dass ich automatisch hinschaue.

Eine junge Frau steht ein paar Meter entfernt an einer der Wände. Vielleicht Mitte zwanzig. Vielleicht jünger. Schwer zu sagen.

Sie trägt Jeans und einen hellen Pullover, obwohl es draußen warm genug ist, dass die meisten Leute höchstens eine dünne Jacke dabeihaben.

Ihr linker Arm ist vor dem Körper angewinkelt. Um das Handgelenk liegt ein Verband.

Das allein wäre mir vermutlich nicht weiter aufgefallen.

Das blaue Auge schon.

Nicht dramatisch zugeschwollen. Nicht so, dass jemand sie auf den ersten Blick anstarren würde.

Aber deutlich.

Gelblich am Rand, dunkler unterhalb des Auges.

Ein paar Tage alt.

Sie hält ihr Handy ans Ohr und dreht sich leicht von den vorbeigehenden Menschen weg.

„Ich habe gesagt, ich komme gleich raus.“

Kurze Pause.

„Nein, James. Ich habe dir doch gesagt, dass sie noch mit mir reden wollten.“

Die Antwort auf der anderen Seite ist laut genug, dass ich zwar eine Männerstimme, aber keine Worte verstehe.

Die Frau presst die Lippen zusammen.

„Ich bin nicht irgendwo. Ich bin im Krankenhaus.“

Noch eine Pause.

Diesmal schließt sie kurz die Augen.

„Weil mein Handgelenk noch wehgetan hat.“

Der Kaffeeautomat piept.

Ich sehe wieder nach vorn.

Geht mich nichts an.

Ich nehme den Becher heraus und schiebe den zweiten darunter.

„Nein“, sagt sie hinter mir wieder. Leiser diesmal. „Ich habe nichts gesagt.“

Meine Hand bleibt einen Moment auf dem Automaten liegen.

Es geht mich nichts an.

Es gibt tausend Gründe für ein blaues Auge.

Es gibt tausend Gründe für ein verletztes Handgelenk.

Es gibt vielleicht auch tausend Gründe, jemandem am Telefon zu versichern, dass man nichts gesagt hat.

Nur fallen mir gerade keine guten ein.

„Ich komme jetzt.“

Sie legt auf.

Als ich mich mit beiden Bechern umdrehe, steht sie noch immer da.

Sie starrt auf ihr Display, als müsste sie erst einen Moment verstehen, wo sie eigentlich ist.

Dann atmet sie aus.

Langsam.

Kontrolliert.

Ihr Blick hebt sich.

Wir sehen uns an.

Ich könnte wegsehen.

Tue ich aber nicht schnell genug.

Ihre Schultern werden sofort etwas steifer.

„Alles okay?“, frage ich.

Es ist wahrscheinlich die dümmste Frage der Welt.

Sie sieht aus, als wäre ziemlich offensichtlich nicht alles okay.

Trotzdem lächelt sie.

Dieses kleine, automatische Lächeln, das Menschen benutzen, wenn sie möchten, dass man aufhört hinzusehen.

„Ja. Danke.“

Ich nicke.

Damit könnte es vorbei sein.

Sollte es wahrscheinlich.

Dann kommt eine Frau in hellblauer Kleidung aus einer Seitentür.

„Helena?“

Die junge Frau dreht sich um.

„Ja.“

„Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat. Frau Dr. Meyer würde gern noch kurz mit Ihnen sprechen.“

Helena schaut zur Eingangstür.

Dann wieder zu der Mitarbeiterin.

„Ich dachte, wir wären fertig.“

„Fast. Es dauert nur ein paar Minuten.“

Sie wirkt, als müsste sie bewusst verhindern, dass ihr Gesicht etwas verrät.

„Okay.“

Sie verschwindet durch die Tür.

Ich stehe noch einen Moment da.

Dann drehe ich mich um und gehe zurück zu Jake.

Er nimmt mir den Kaffee ab.

„Du bist mein Lieblingsmensch.“

„Du hast niedrige Ansprüche.“

„Das weiß ich.“

Ich setze mich neben ihn.

Mein Blick wandert fast automatisch zurück in Richtung des Flures.

Jake trinkt einen Schluck.

Verzieht das Gesicht.

„Das ist widerlich.“

„Ich hab dich gewarnt.“

„Du hast gesagt, ich brauche keinen Kaffee. Du hast nicht gesagt, dass du mir flüssigen Asphalt bringst.“

„Trink ihn oder lass es.“

„Ich trinke ihn.“

Natürlich tut er das.

Fünf Minuten vergehen.

Vielleicht zehn.

Ich sehe Helena wieder, bevor ich überhaupt bewusst nach ihr suche.

Sie kommt langsam aus dem Behandlungsbereich.

Und irgendetwas ist anders.

Nicht schlechter.

Nicht unbedingt.

Aber sie sieht aus, als hätte jemand gerade den Boden unter ihren Füßen ein Stück verschoben.

Sie hält einen weißen Umschlag in der rechten Hand.

Ihr verletztes Handgelenk liegt noch immer eng am Körper.

Eine Ärztin steht neben ihr.

„Sie sollten in den nächsten Tagen einen Termin bei Ihrer Frauenärztin vereinbaren“, sagt sie ruhig. „Gerade wegen der Medikamente, die wir ursprünglich besprochen hatten.“

Helena nickt.

„Ja.“

„Und wenn Sie stärkere Schmerzen oder Blutungen bekommen, kommen Sie sofort wieder. Nicht abwarten.“

Wieder dieses Nicken.

„Okay.“

Die Ärztin lächelt ihr freundlich zu.

„Herzlichen Glückwunsch.“

Helena sieht sie an.

Für einen Moment passiert gar nichts.

Dann lächelt sie.

Aber es sieht völlig anders aus als das Lächeln von vorhin.

Unsicher.

Überfordert.

Fast ungläubig.

„Danke.“

Schwanger.

Ich starre auf meinen Kaffee.

Großartig, Reed.

Jetzt hörst du auch noch Gespräche mit, die dich absolut nichts angehen.

„Was ist?“, fragt Jake.

„Nichts.“

Er folgt meinem Blick.

„Kennst du die?“

„Nein.“

Helena steckt den Umschlag in ihre Handtasche.

Ihre Finger zittern leicht.

Nicht stark.

Nur genug, dass ich es sehe.

Vielleicht ist das normal, wenn man gerade erfährt, dass man schwanger ist.

Keine Ahnung.

Ich kann mich nicht erinnern, wie Cindy ausgesehen hat, als sie—

Ich breche den Gedanken ab.

Sofort.

Nicht hier.

Nicht heute.

Nicht wegen einer fremden Frau mit einem blauen Auge.

„Cole?“

„Was?“

Jake sieht mich einen Moment an.

„Gar nichts.“

Das sagt er manchmal, wenn er sehr wohl etwas sagen möchte und ausnahmsweise klug genug ist, es zu lassen.

Die automatische Eingangstür öffnet sich.

Ein Mann kommt herein.

Groß. Dunkle Haare. Jeans, T-Shirt, schwere Schritte.

„Helena.“

Sie dreht sich sofort um.

Es ist keine dramatische Reaktion.

Kein Zusammenzucken.

Kein sichtbarer Schrecken.

Nur diese winzige Veränderung, die wahrscheinlich niemand bemerkt, wenn er nicht gerade ohnehin hinsieht.

Ihr Rücken wird gerader.

„Ich wollte gerade rauskommen.“

„Du hast gesagt, fünf Minuten.“

Seine Stimme ist nicht besonders laut.

„Es hat länger gedauert.“

Er bleibt vor ihr stehen.

Und jetzt sehe ich sein Gesicht richtig.

Ungefähr ihr Alter. Vielleicht etwas älter.

Er wirkt nicht wie ein Mann, bei dem man instinktiv die Polizei ruft.

Er wirkt eher wie jemand, den man an einer Tankstelle oder in einem Baumarkt sieht und sofort wieder vergisst.

Dann dreht er den Kopf ein wenig.

Und ich rieche es.

Whisky.

Nicht extrem.

Nicht so, als hätte er gerade eine halbe Flasche geleert.

Aber eindeutig.

Ich schaue zur Eingangstür.

Parkplatz.

Auto.

Scheiße.

Helena sagt etwas zu ihm, zu leise, um es zu verstehen.

Sein Blick fällt auf den Verband an ihrem Handgelenk.

Dann auf ihr Gesicht.

„Was haben die gesagt?“

„Es ist nur verstaucht.“

Nur.

Ein interessantes Wort.

Er nickt.

„Dann können wir ja.“

Seine Hand landet an ihrem Rücken.

Nicht grob.

Fast fürsorglich.

Und trotzdem sehe ich, wie ihre Finger sich fester um den Riemen ihrer Tasche legen.

Jake bewegt sich neben mir.

„Cole.“

„Ich seh’s.“

„Der hat getrunken.“

„Ja.“

Wir sprechen beide leise.

Der Mann—James—führt Helena Richtung Ausgang.

Ich stehe auf.

Jake schaut zu mir.

„Was machst du?“

„Keine Ahnung.“

„Das klingt vielversprechend.“

Ich gehe ihnen hinterher.

Nicht schnell.

Nicht wie jemand, der eine Konfrontation sucht.

Vor dem Eingang bleibt Helena stehen.

„James.“

Er dreht sich zu ihr.

„Was?“

„Du hast getrunken.“

Gut.

Sie weiß es also auch.

„Ein Glas.“

„Du wolltest fahren.“

„Helena, jetzt fang nicht damit an.“

Seine Stimme verändert sich.

Nur ein bisschen.

Aber genug.

Sie sieht zum Parkplatz.

„Ich kann fahren.“

Er lacht kurz.

Nicht freundlich.

„Mit der Hand?“

„Es ist links.“

„Wir wohnen zwanzig Minuten entfernt.“

„Genau deshalb kann ich doch—“

„Steig einfach ein.“

Da ist er.

Der Ton.

Ich kenne ihn nicht.

Aber ich kenne Männer, die glauben, dass ein ruhiger Ton automatisch bedeutet, sie wären nicht aggressiv.

„Hey.“

James dreht sich um.

Helena auch.

Ich bleibe ein paar Schritte entfernt stehen.

„Alles in Ordnung?“

James mustert mich von oben bis unten.

„Ja.“

Ich sehe Helena an.

Nicht ihn.

„Sie müssen nicht mitfahren, wenn Sie nicht möchten.“

Ihr Blick trifft meinen.

Da ist Überraschung.

Und sofort danach etwas anderes.

Angst?

Vielleicht.

James macht einen Schritt auf mich zu.

„Wer zum Teufel sind Sie?“

„Jemand, der gerade gehört hat, dass Sie fahren wollen.“

„Das geht Sie nichts an.“

„Stimmt.“

Damit rechnet er offensichtlich nicht.

Seine Stirn legt sich in Falten.

Ich deute mit dem Kinn in Richtung Eingang.

„Trotzdem haben Sie getrunken.“

„Ich habe ein Glas getrunken.“

„Dann dürfte es ja kein Problem sein, sie fahren zu lassen.“

Helena sagt schnell: „Es ist okay.“

Ich sehe sie wieder an.

Sie meint es nicht.

Oder vielleicht meint sie nur: Bitte mach es nicht schlimmer.

Das ist etwas anderes.

James greift nach ihrem gesunden Arm.

Nicht brutal.

Aber fester, als nötig wäre.

„Wir gehen.“

Ich spüre, wie sich etwas in mir anspannt.

„Lassen Sie ihren Arm los.“

Jetzt ist endgültig Schluss mit freundlicher Fassade.

„Hör mal, Cowboy, ich weiß nicht, wer du bist, aber du hältst dich aus unserer Beziehung raus.“

Unsere Beziehung.

Nicht: Das ist meine Freundin.

Nicht: Sie möchte gehen.

Unsere Beziehung.

Als wäre das eine Grenze, hinter der niemand mehr Fragen stellen darf.

Helena zieht ihren Arm leicht zurück.

James lässt los.

Wahrscheinlich weil Menschen aus dem Krankenhaus kommen.

Wahrscheinlich weil Jake inzwischen direkt hinter mir steht.

Wahrscheinlich weil er nicht dumm genug ist, hier eine Szene zu machen.

„Cole“, sagt Jake leise.

Eine Warnung.

Nicht weil er James schützt.

Weil er mich kennt.

Ich atme einmal durch.

„Rufen Sie ein Taxi“, sage ich. „Oder jemanden, der Sie abholt.“

James lacht.

„Verpiss dich.“

Helena schließt kurz die Augen.

Dann sieht sie mich an.

„Danke. Wirklich. Aber ich fahre.“

James dreht den Kopf zu ihr.

„Was?“

„Ich fahre.“

„Mit der Hand kannst du—“

„Ich kann fahren.“

Zum ersten Mal ist ihre Stimme fester.

Vielleicht weil wir hier stehen.

Vielleicht weil andere Leute hier stehen.

Vielleicht weil sie gerade etwas erfahren hat, das alles verändert.

Schwanger.

Der Gedanke trifft mich unangenehm hart.

James starrt sie an.

Dann zieht er den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche und wirft ihn ihr zu.

Sie fängt ihn mit der rechten Hand.

„Bitte.“

Das Wort klingt höflich.

Ist es nicht.

Helena schaut kurz zu mir.

„Danke.“

Ich nicke nur.

Mehr kann ich gerade nicht machen.

Mehr darf ich wahrscheinlich auch nicht machen.

Sie gehen zum Parkplatz.

James ein paar Schritte vor ihr.

Helena dahinter.

Ich beobachte, wie sie zu einem dunklen Pickup gehen.

Sie steigt auf der Fahrerseite ein.

Er auf der anderen.

Erst als das Auto vom Parkplatz rollt, merke ich, dass Jake neben mir steht.

„Das war übel.“

„Ja.“

„Kennst du sie wirklich nicht?“

„Nein.“

„Und jetzt?“

Ich sehe dem Pickup nach, bis er an der Ausfahrt verschwindet.

„Was soll jetzt sein?“

Jake zieht eine Augenbraue hoch.

„Du hast gerade beinahe einen fremden Kerl vor einem Krankenhaus aus seinem eigenen Auto gezogen.“

„Hab ich nicht.“

„Du hast darüber nachgedacht.“

„Hab ich auch nicht.“

„Cole.“

Ich sehe ihn an.

Er hebt beide Hände.

„Schon gut.“

Wir gehen zurück hinein.

Ich setze mich wieder auf die Bank.

Der Kaffee ist inzwischen kalt.

Ich trinke ihn trotzdem.

Eine Minute später öffnet sich die Tür zum Behandlungsbereich.

Miles steht dort.

Seine Haare sehen aus, als wäre er ungefähr hundertmal mit beiden Händen hindurchgefahren. Sein Gesicht ist blass. Seine Augen sind rot.

Jake springt sofort auf.

„Und?“

Miles öffnet den Mund.

Schließt ihn wieder.

Dann lächelt er.

Es ist wahrscheinlich das dümmste, glücklichste Grinsen, das ich je an ihm gesehen habe.

„Er ist da.“

Jake macht ein Geräusch, das irgendwo zwischen Lachen und einem völlig unangebrachten Jubelschrei liegt.

Ich stehe langsam auf.

„Er?“

Miles nickt.

Seine Augen glänzen.

„Ein Junge.“

„Sadie?“

„Erschöpft. Aber okay.“

Ich nicke.

Etwas in meiner Brust löst sich.

„Und der Kleine?“

Miles lacht leise.

„Auch okay.“

Jake schlägt ihm auf die Schulter.

„Du bist Vater.“

Miles sieht ihn an, als hätte er diese Tatsache selbst noch nicht verstanden.

„Ja.“

„Scheiße.“

„Ja.“

Jake zieht ihn einfach in eine Umarmung.

Miles lacht gegen seine Schulter.

Ich bleibe stehen.

Ein paar Sekunden lang sehe ich die beiden an.

Dann kommt Miles zu mir.

Er braucht nichts zu sagen.

Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter.

„Glückwunsch.“

„Danke.“

Seine Stimme bricht fast.

Er schaut kurz weg.

„Er ist so klein.“

Ich schlucke.

„Das sind die am Anfang meistens.“

Miles lacht.

„Arschloch.“

„Du wirst emotional. Einer muss das ausgleichen.“

„Willst du ihn sehen?“

Für einen Moment kann ich nicht antworten.

Etwas Altes zieht durch meine Brust.

Ein Zimmer.

Weiße Wände.

Eine Hand in meiner.

Eine Zukunft, die längst nicht mehr existiert.

Ich dränge alles weg.

Miles sieht mich noch immer an.

Keine Ahnung in seinem Gesicht.

Natürlich nicht.

Er weiß genug über mich, um nicht nach Dingen zu fragen, über die ich nicht rede.

Aber nicht alles.

„Klar“, sage ich.

Meine Stimme klingt normal.

Gut.

Wir folgen ihm durch die Tür.

Ich denke an Brooke, obwohl ich seinen Namen noch nicht einmal gehört habe.

Ich denke an Miles und Sadie.

An das neue Leben, das gerade irgendwo hinter diesen Türen liegt.

Und völlig ohne Grund denke ich gleichzeitig an eine fremde Frau namens Helena.

An ein blaues Auge.

Ein bandagiertes Handgelenk.

Einen weißen Umschlag in ihrer Tasche.

Und den Geruch nach Whisky an dem Mann, der sie nach Hause gebracht hat.

Ich kenne sie nicht.

Vermutlich werde ich sie nie wiedersehen.

Trotzdem bleibt das ungute Gefühl.

Und als die Tür hinter mir zufällt, weiß ich nicht, warum ich plötzlich wünschte, ich hätte ihr wenigstens meinen Namen gesagt.

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