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BERLIN- NEW YORK UND ZURÜCK! Die Geschichte von Jenny und Paul

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Summary

Berlin im Jahre 2003: Jenny verlässt ihren Freund Paul, um ein Praktikum bei einem Modemagazin in New York zu machen. Doch im Big Apple läuft alles ganz anders als bei Carrie in Sex and the City. Ein winziges WG-Zimmer bei Sängerin Becky, kein Geld für teure Schuhe und dann auch noch die wahnsinnigen Kollegen, ein mysteriöser Reiki-Lehrer und ein attraktiver Modefotograf:: ein Großstadtabenteuer sondergleichen! Ihr kiffender Ex-Freund Paul hat in Berlin ganz andere Sorgen. Seine Diplomarbeit muss fertig werden. Doch dann endet ein Ausflug in ein Erotik-Etablissement anders als erwartet und jetzt hat er auch die Berliner Russenmafia am Hals. Die Geschichte wird aus der Perspektive beider Protagonisten erzählt.

Status
Ongoing
Chapters
15
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

Kapitel 1: Paul

Paul (der Verlassene) Berlin, 27.6.03

Sie hat mich verlassen. Einfach so, ohne Vorankündigung. Allerdings nicht für einen anderen Kerl, sondern für eine andere Stadt: New York genauer gesagt.Das gibt ihr in Zukunft die Auswahl aus mindestens 4 Millionen Typen. Wenn dieses New York ein Kerl wäre, dann ein verdammter, stinkender Bastard, dem so ein Araber zwei Schneidezähne ausgeschlagen hat. Und für so was wird man abserviert, nach immerhin drei Jahren Beziehung. Das ist schließlich rekordverdächtig in einer Stadt wie Berlin.

All das kam wie gesagt vollkommen unvorbereitet, zumindest für mich: Einer ist halt immer der dumme!

Vor zwei Wochen ist das gewesen. Sie übernachtete wie immer in meiner Wohnung. Alles schien ganz normal zu sein:

Sie trägt mein altes “Radiohead”-Tour-T-Shirt und sitzt auf der Bettkante. Ich rauche eine Marlboro und sie blättert in einem ihrer Mode-Magazine. Plötzlich schaut sie von ihrer Lektüre auf und sagt: „Du Paul, ich muss dir was sagen!“

Wenn Frauen diesen Satz sagen, dann weiß man ja meistens schon, dass da nichts Gutes nachkommt.

Mein erster Gedanke ist: „Oh Shit, die ist schwanger!“. Ist sie aber nicht, das wäre noch relativ harmlos gewesen. Mit schuldbewusster Miene erklärt sie, dass sie sich für ein Praktikum beworben hätte. Ein Praktikum bei einem Online-Modemagazin und sie sei doch tatsächlich genommen worden.

„Das ist doch toll!“, sage ich noch und will sie zu mir ranziehen, um sie zu umarmen. Doch die will sich nicht ranziehen lassen und bleibt auf der Bettkante sitzen, als wäre sie da mit Sekundenkleber festgemacht.

„Du Paul, das Praktikum ist aber nicht in Berlin...“, sagt Jenny.

„Sondern?“, frage ich.

„In New York....“, sagt sie kleinlaut.

Da bin ich natürlich baff, also das sagt einem die eigene Freundin ja nicht alle Tage, dass sie mal kurz nach New York muss, so wie:

„Ich bin mal kurz zur Tankstelle Tampons holen, Schatz!“.

Es folgt also eine längere Diskussion. Sie behauptet, da mal irgendwann eine Bewerbung abgeschickt zu haben und da hätte ja nun wirklich keiner mit rechnen können, dass das klappt.

Ich zünde mir eine Marlboro nach der anderen an, denn jetzt werde ich ja doch ein wenig hibbelig, das Praktikum soll schon in zwei Wochen beginnen und geht ganze sechs Monate.

Das war, wie gesagt vor zwei Wochen. Es folgten hektische Tage, in denen sie mit Flugtickets und Visa-Agenturen beschäftigt war. Das Praktikum war also beschlossene Sache. Keine Frage an mich, ob mir das denn so in den Kram passen würde. Das tat es natürlich nicht, aber Reisende soll man ja nicht aufhalten. Und wie hält man auch so eine Freundin auf, die, die ganze Zeit Reiseführer und Koffer anschleppt und nach und nach ihr gesamtes Hab und Gut aus der Wohnung entfernt.

Sonst hatte mich das ganze Zeug immer genervt, der ganze Kram von ihr, der aus meinen Schubladen quoll. Hier ein BH, da ein Slip, Zahnbürsten, Make-up, und so weiter... halt so Weiberscheiß, der nun wirklich nichts in einer Männer-Wohnung verloren hat.

Den Krempel hat sie strategisch über drei Jahre hier verteilt . In ihrer Wohnung waren wir eigentlich fast nie. Gepennt haben wir immer bei mir. Und jetzt ist der ganze Krempel auf einmal verschwunden, selbst ihre letzte Zahnbürste.

Geredet haben wir auch nicht mehr viel, die letzten zwei Wochen, denn da gab es ja so viel zu organisieren.

„Man zieht ja nicht alle Tage auf einen anderen Kontinent!“, sagt sie und packt ihre großen Zeichenblöcke und ihre Design-Mappen in Plastiktüten von Aldi. Ihre Wohnung hat sie untervermietet an irgendein Pärchen aus Spanien und ihre Sachen in den Keller untergestellt. Sie hat an alles gedacht. An alles – nur nicht an mich, so scheint es.

Zwei Tage vor ihrem Flug frage ich sie, wie das denn jetzt so weitergehen soll, über Distanz. Bis heute frage ich mich, ob das eine gute Idee war. Und ob, wenn ich jetzt einfach mal die Schnauze gehalten hätte, alles irgendwie noch weitergelaufen wäre. So per Telefon und Email (obwohl das mag sie ja nicht, das Internet, meine ich. Das findet sie ja so unpersönlich).

Auf jeden Fall sagt sie dann knallhart: „Du Paul, ich denke so eine kleine Pause kann uns vielleicht mal ganz gut tun.“

Eine kleine Pause – eine kleine Pause von sechs Monaten? Haben sie der Tante einen Computerchip eingebaut, da wo das Gehirn und das Herz hingehört? Denn sie sagt das ganz kühl, ohne Emotion, ohne Bedauern. Wie so ein beschissener Roboter. Da bleibt mir nichts mehr zu sagen. Obwohl es so viel zu sagen gibt, aber ich bin da auch nicht so der Held drin, also ich meine in so Sachen sagen. Sachen, die man dann halt so sagt. Nach dem „Warum?“ und „Wieso?“ fragen und so.

Denn sie war ja einfach immer da, also drei Jahre sind schon eine lange Zeit, und ich hab da nie so drüber nachgedacht, dass sie vielleicht mal weg ist, die Freundin. Dass die Freundin, da anders drüber denkt, damit ist ja einfach nicht zu rechnen. Es lief doch auch immer ganz gut – also zumindest nicht wirklich schlecht. Gestritten haben wir eigentlich nie, betrogen haben wir uns auch nicht (so weit ich weiß!).

Die Freundin saß immer auf dem Bett und man hat die dann so angesehen und sich eine Zigarette angezündet und gedacht: „Mensch, das ist sie also meine Freundin!“

Zumindest so am Anfang. Später war das eher so: „Das ist meine Freundin!“, oder: „Klar, ist das meine Freundin, die sitzt doch immer da.“ Und dann zieht man so den Rauch von der Marlboro in die Lunge und das ist im besten Fall eine von den wenigen perfekt schmeckenden Marlboros und da sitzt dazu noch die perfekte Freundin. Klasse ist das dann!

Wahrscheinlich war es wegen dem Rauchen. Klar! Das hat sie ja gehasst. Noch schlimmer fand sie das Kiffen. Wenn ich mir einen Joint gedreht hab, dann ist sie immer auf den Balkon gegangen und hat so gekünstelt gehustet. Das muss es gewesen sein. Deswegen geht sie auch nach New York, da darf man nämlich nirgendwo rauchen hab ich gehört. Na, das hat sie sich ja geschickt ausgedacht, die Freundin.

Das heißt, jetzt ist es wahrscheinlich schon die Exfreundin. Die Exfreundin – das klingt echt beschissen und macht zudem deutlich, dass da keine Freundin mehr ist. Da ist nur eine kalte leere Stelle auf der Bettkante, da wo die Freundin immer gesessen hat. Die Freundin, die jetzt EX ist. Sprich: „Aus und vorbei“!

„Jetzt ist sie weg“, wie in dem Lied von den „Fanta Vier“ und „man ist wieder allein, allein.“ Und sie sitzt in irgend einem Nichtraucher-Café und lernt so einen antiseptischen Ami kennen. Dann machen sie antiseptische Liebe und duschen nach dem Sex. Ich glaub, das mag die Freundin gern. Dann ist alles so schön sauber und durchgestylt. Denn das hat sie ja studiert, die Freundin. Die weiß genau wie man das macht, das durchdesignen. Und jetzt hat sie mich einfach aus ihrem Entwurf gestrichen, wegradiert, wie sie das mit einem misslungenen Ärmel auf ihren blöden Designs gemacht hat. Alles klar und ohne Schnörkel, so mag die das, die Designer-Freundin.

Das hat bestimmt auch sein Gutes. Ich kann jetzt einen Joint rauchen und keine Freundin hustet auf dem Balkon und lässt im Winter die kalte Luft rein. Von der Freundin ist nicht viel übrig, nur ihren Ausweis hat sie vergessen. (hat ja jetzt einen Reisepass mit Visum!) und ausgerechnet die eine dumme Platte hat sie dagelassen: unser Lied! Das hat sie mal irgendwann so bestimmt: „ du Paul, das ist unser Lied!“ Und dann war das so. Nur weil das lief, als wir uns in einem Kellerclub in Mitte das erste Mal geküsst haben. Da liegt die Platte auf meinem Flokati. U2: „With or without you“.

Ein Klassiker, wie die Freundin irgendwie auch. Einsam liegt die Platte im Flokati-Flusenmeer. So wie ich auch.

Also gut, dann bau ich mir erst mal eine Tüte, und während ich den Rauch einziehe, wird es mir so ganz leicht zu Mute in der Magengrube. Das ist schön. Als wenn ich fliegen würde, und dann spür ich auch nicht mehr dieses Drücken da unten. Die Freundin, oder das große EX von der Freundin, das im Raum steht, aber nicht auf der Bettkante sitzt, das tut kaum noch weh. Also praktisch gar nicht mehr. Alles also eine Frage der Zeit. Irgendwann ist das dann mein EX- Schmerz, so wie die EX- Freundin.

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