Chapter 1
Xavier stürzte einen weiteren Tequila hinunter und genoss das brennende, säuerliche Gefühl, das sich in seiner Kehle ausbreitete.
Mit dem nächsten Glas in der Hand dachte er an die neuesten Eskapaden seines Vaters. Der trieb es wieder einmal mit einer seiner blutjungen Geliebten – einem hochnäsigen kleinen Ding, das, wie Xavier schwören konnte, keinen Tag älter war als seine kleine Schwester Melissa.
Was ihn noch mehr aufregte, war die Tatsache, dass sein Vater seine Affären nicht einmal diskret hielt. Es schien ihm völlig egal zu sein, welche Schande und welchen sozialen Ruin er damit über seine Mutter, seine kleine Schwester, die den Bastard immer noch vergötterte, und den geschätzten Namen Salvador brachte – einen Namen, den er seit seinem zehnten Lebensjahr schützen sollte.
Bei der Erinnerung an seine Kindheit verzog er das Gesicht. Er wusste nicht einmal, ob man diese Zeit überhaupt so nennen konnte. Es war alles andere als kindgerecht, sechs Tage lang hungern zu müssen, nur weil er Interesse am Schlagzeugspielen gezeigt hatte, anstatt brav seinen Klavierunterricht fortzusetzen.
Es hatte nichts Kindliches, verbal misshandelt zu werden oder zusehen zu müssen, wie der Vater die Mutter schlug, sobald sie versuchte, ihn zu verteidigen. Es war auch nicht kindgerecht, schon mit zehn Jahren dreizehn Sprachen fließend zu sprechen, während seine Altersgenossen noch lernten, zu essen, ohne zu krümeln.
Im Gegensatz zu seinem Vater war sein Großvater, Louis Salvador, der den Salvador-Konzern mit eigenen Händen aus dem Nichts aufgebaut hatte, herzlich, gütig und völlig selbstlos. Für Xavier war Weihnachten immer dann, wenn er Zeit mit seiner Großmutter und seinem Opa verbringen durfte – ein Fest, das oft erst nach einem heftigen Streit zwischen seinem Vater und seiner Nonna stattfand, wie er seine Großmutter liebevoll nannte.
Und meistens behielt Nonna die Oberhand.
Seine Nonna war ein irisches Inselmädchen, das seinem Großvater den Kopf verdreht hatte. Die Geschichte erzählten sie jedes Mal, wenn er und seine Schwester zu Besuch waren, und sie wurde nie langweilig.
Trotz ihrer kultivierten Art hatte sie ein Inseltemperament, mit dem man sich besser nicht anlegte. Sie ließ sich nicht verarschen, schon gar nicht von seinem Vater. Sie war knallhart und hatte nichts mit seiner schüchternen, sanftmütigen Mutter gemein, die sich nur allzu wohl in der Rolle des Vorzeige-Eheweibs für ihren gefühllosen Vater fühlte.
Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie immer Ausreden für sein Versagen erfand. Verpasste Geburtstage, verpasste Abschlussfeiern … Seine Mutter betete stets ihr Mantra herunter: Er versucht nur, uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen.
Es schockierte ihn noch immer, wie sie nachts ruhig schlafen konnte. Sie wusste ganz genau, dass er die Zeit, die er mit seiner Familie hätte verbringen sollen, lieber tief in irgendeiner Transe oder einem Golddigger steckte, die er unterwegs aufgegabelt hatte. Wie konnte sie nur mit einem Mann zusammenleben, der sie missachtete, schlug und sie seinen ganzen Dreck wegmachen ließ, während sie nur lächelte und alles ertrug?
Ihr Zuhause war eher ein großes, kaltes Haus als ein Heim. Es war kein Vergleich zu der Liebe, Wärme und dem Lachen bei Nonna und Opa.
Er schloss die Augen. Sein Herz zog sich bei der Erinnerung an ihren tragischen Tod nach all den Jahren immer noch schmerzhaft zusammen. Nonna war an Krebs gestorben, und Opa war ihr nur Monate später gefolgt. Seine Mutter sagte immer, sie seien Seelenverwandte gewesen, unzertrennlich; eine tiefe Verbindung, bei der einer ohne den anderen nicht existieren konnte.
Er lachte trocken auf. Sein 14-jähriges Ich hatte von dieser Fantasie geschwärmt und sich danach gesehnt, jemanden zu finden, der ihn vervollständigte. Dreizehn Jahre später konnte er über den Begriff „Seelenverwandte“ nur noch lachen.
Neben dieser naiven Fantasie hatte er sich selbst versprochen, Salvador Inc. zu neuer Stärke zu führen. Ein Gelübde, das mit jedem Jahr wuchs und das er nun, als CEO des Unternehmens, endlich einlösen konnte.
Er schloss die Augen, als ihm die enorme Last seiner Verantwortung kurzzeitig wieder mit voller Wucht bewusst wurde.
„Was würde ich jetzt für deine gekochten Bananen geben, Nonna“, flüsterte er wehmütig. Er wünschte sich, wieder der kleine Junge zu sein, der glaubte, sein Vater wolle nur das Beste für ihn. Er wollte zurück in die Zeit, in der er ihn vergötterte, ohne zu wissen, dass der Mann ein egoistischer Manipulator war, der niemanden außer sich selbst lieben konnte – ein betrügerisches Schwein, ein Versager als Vater und ein mieser Ehemann.
Mr. Dominic Salvador war noch nie ein Heiliger gewesen. In seinen jüngeren Jahren war er sogar noch ekelhafter, ein richtiges Schwein. Xavier erinnerte sich mit Abscheu daran, wie oft er ihn in kompromittierenden Situationen mit irgendwelchen Frauen erwischt hatte. Aber damals hatte er wenigstens den Anstand, diskret zu sein.
Sein Vater machte keine Fehler. Xavier wusste, dass sein aktuelles öffentliches Fehlverhalten Absicht war, und genau das verwirrte ihn umso mehr.
Er leerte den zweiten Shot und knallte das Glas mit mehr Wucht auf den Tisch, als er eigentlich wollte.
„Ich nehme das Gleiche wie er, bitte“, sagte eine etwas unsichere Stimme hinter ihm.
Neugierig drehte er sich um und blickte in zwei beeindruckende, unsichere, aber entschlossene kaffeebraune Augen.
Sie zwinkerte ihm zu und ließ sich auf den Barhocker neben ihn gleiten, während der Barkeeper ihr einen Tequila servierte.
Er musterte sie: das kurze schwarze Kleid, der gewagte rote Lippenstift und diese „Fuck-me“-High-Heels, die ihre langen Beine endlos erscheinen ließen. Er konnte nicht verhindern, dass er sich vorstellte, wie sie völlig nackt, nur mit den Schuhen bekleidet, um seine Hüften geschlungen war.
Während er sie gegen jede erdenkliche harte Oberfläche stieß, um die Wut abzubauen, die in ihm kochte. Sie war wunderschön, aber nicht auf diese abgehobene, unterkühlte Art, die er bei den Frauen in seinem Umfeld gewohnt war.
Als Geschäftspartner und Miteigentümer des Lights Club war er oft hier, um den Kopf freizubekommen. Er kannte fast jedes Gesicht, aber sie war ihm noch nie begegnet. Ein Gesicht wie ihres hätte er nicht vergessen.
Er lächelte über die süße Art, wie sie den Tequila beäugte. Sie sah nicht wie der Typ für einen One-Night-Stand aus. Normalerweise hätte ihn ein Mädchen, bei dem „Beziehungspotenzial“ förmlich auf die Stirn geschrieben stand, in die Flucht geschlagen.
Sie bestätigte seinen Gedanken, indem sie beim Probieren des Tequilas niedlich den Kopf schüttelte. Ihr Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. Es war offensichtlich ihr erstes Mal – das hier war nicht ihre Welt. Das bedeutete, sie war eigentlich zu gut für ihn.
„Gott, was tun die in das Zeug? Hundepisse?“, fragte sie und starrte skeptisch auf ihr Glas.
Er lachte auf, überrascht von seinem eigenen Lachen. Noch mehr schockierte ihn, dass ausgerechnet eine Frau, die er seit weniger als fünf Minuten kannte, diesen Ton aus ihm herauslockte – trotz des Mordimpulses gegen seinen Vater, der seine Fäuste jucken ließ.
„Hi“, flüsterte sie und musterte ihn ganz unverblümt.
„Ein Foto würde länger halten“, erwiderte er süffisant. Er konnte nicht anders, bei der Art, wie ihre Augen jedes Detail an ihm aufsaugten.
Sie wurde rot, ihre Wangen leuchteten förmlich. Ein weiterer Grund, sie verdammt noch mal in Ruhe zu lassen. Sie war heiß und unglaublich niedlich zugleich – eine tödliche Kombination, derer sie sich offenbar nicht einmal bewusst war. Genau diese Ahnungslosigkeit machte sie so atemberaubend.
Sie zupfte diskret an ihrem kurzen Kleid. Als Geschäftsmann, der darauf trainiert war, jede Regung zu deuten, entging ihm das nicht. Er bemerkte, dass sie sich in ihrem hautengen Kleid unwohl fühlte, das bei ihm nur umso mehr Verlangen weckte – besonders beim Blick auf ihre großzügigen Rundungen und die perfekten weiblichen Hüften.
Seine sofortige körperliche Reaktion überraschte ihn. Er war stolz auf seine Selbstbeherrschung. Er hatte schon so viele wunderschöne Frauen getroffen, die ihn völlig kaltgelassen hatten.
Er war so gefasst, dass er eine Rede halten konnte, während er einen geblasen bekam. Dass eine kleine, zierliche Frau ihn so aus der Fassung bringen konnte, war schlichtweg irre.
„Hi“, murmelte er zurück und setzte seinen kühlen Blick auf, der sonst jeden abschreckte. Ein bewährtes Rezept, doch sie zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Ihr Lächeln wurde noch breiter, und ihre Augen blitzten vor Neugier. Toll, jetzt hatte er ihr Interesse nur noch mehr geweckt.
„Harter Tag, was?“, fragte sie, ohne dass man ihr etwas ansehen konnte.
Xavier konnte nicht glauben, dass er seine Deckung hatte fallen lassen und nicht einmal in Betracht gezogen hatte, dass sie einfach nur ahnungslos spielte.
Er war ein bekanntes Gesicht in den sozialen Medien; die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht wusste, wer er war, ging gegen Null. Die Medien stürzten sich immer auf ihn. Xavier hatte auf die harte Tour gelernt, dass Jugend, Aussehen und Erfolg eine gefährliche Mischung für Schlagzeilen waren.
Sie könnte eine Reporterin oder eine Bloggerin sein.
„Warum sagst du das?“, fragte er misstrauisch und versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen.
Sie lachte, ein sexy Geräusch, das wie Musik in seinen Ohren klang.
„Na ja, für den Anfang: Du hältst das Glas, als wolltest du es zerquetschen“, bemerkte sie. Erst jetzt merkte er, wie fest er das Glas umklammert hielt.
Er zuckte mit den Schultern und stellte es ab.
„Wir reden jetzt seit fünf Minuten, und ich habe zugesehen, wie du drei Shots von diesem …“, sie stockte und ihr Gesicht verzog sich vor Ekel, als sie nach dem richtigen Adjektiv suchte, um einen Alkohol zu beschreiben, der sie an der Zurechnungsfähigkeit aller trinken Leute zweifeln ließ.
„...was zur Hölle bringt jemanden dazu, so einen Mist zu trinken und nicht aufzuhören?“, fragte sie ehrlich schockiert. Er genoss die Unbeschwertheit ihrer Stimme. Sie war nicht gekünstelt, sie wollte ihn nicht beeindrucken – immerhin hatte sie gerade vor ihm geflucht.
Zum ersten Mal in seinem Leben sagte jemand einfach, was er dachte, ohne ein Ziel zu verfolgen. Er liebte es.
Xavier hatte noch nie eine echte Freundschaft erlebt. Jeder, der Zeit mit ihm verbrachte, wollte etwas von ihm oder mit ihm.
Seine Kindheit war nicht gerade darauf ausgelegt, Freunde zu finden. Die feine Gesellschaft, mit der er auf Galas und Empfängen den einen oder anderen Drink nahm, war voller Leute, die ihn verachteten. Sie hatten immer ein Lächeln auf den Lippen, um ihn zu manipulieren, damit er in eines ihrer kleinen Projekte investierte – Freunde konnte man das beim besten Willen nicht nennen.
Sein Kreis war voll von falschen, am Arsch vorbei lebenden Leuten mit ihren erfundenen, perfekten Leben. Sie schlürften Champagner und taten so, als ob sie sich kümmerten, während sie nur ausspionieren wollten, wie tief seine Taschen waren und wie sehr sein Leben im Chaos versank.
Er schüttelte den Kopf. Er konnte nicht glauben, dass er ernsthaft in Erwägung zog, sitzen zu bleiben und einer Fremden zu erlauben, die Mauern einzureißen, die er über Jahre mühsam aufgebaut hatte. Er führte kein Smalltalk mit Frauen. Er vögelte sie, ohne Komplikationen.
„Nun, ich schätze, da hast du recht“, sagte er, stand auf und ging. Er musste dringend Abstand gewinnen zwischen sich und dieser wunderschönen Verkörperung von allem, was er nicht suchte – und doch verlangte.









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