Kapitel 1
„Ich werde aus der Wohnung ausziehen. Ich habe schon meine Sachen gepackt und werde heute Abend in meiner eigenen neuen Wohnung schlafen.“
Amalia, die von allen nur Lia genannt wurde, starrte ihren Ehemann an.
Nicht nur, dass sie nichts von seinen Plänen gewusst hatte, er ließ diese Bombe ausgerechnet bei einem Familienessen platzen. Vor seiner Familie, um genau zu sein.
„Bitte?“
Ihre Stimme war leise, klang gefasst, aber sie war nicht so ruhig, wie es zu sein schien.
Joachim drehte sich zu ihr. Sein Lächeln war nichts anderes als blanker Hohn.
„Du hast richtig gehört. Sind wir doch mal ehrlich, Lia. Es läuft schon seit Jahren nicht mehr rund bei uns.“
Das war schon richtig, aber es lag bestimmt nicht an ihr. Zu einer gescheiterten Ehe gehörten bekanntlich zwei. So hieß es zumindest.
Schnell sah sie sich um, ob das irgendein Scherz sei. Doch niemand lachte. Einige grinsten hämisch. Sie wussten es also längst.
Lia schluckte hart, drehte dann wieder ihren Kopf zu ihrem Mann. Oder Ex-Mann, besser gesagt.
„Und das Haus?“, murmelte sie.
Immerhin war es eine gemeinsame Investition gewesen. Sie waren auch beide als Besitzer eingetragen.
Joachim winkte ab.
„Du kannst es behalten.“
Doch dieser Satz wurde von seinem Vater zerschmettert.
„Oh nein. So einfach geht das nicht und so einfach machen wir es dir auch nicht Lia.“
Wir?
Sie lachte. Eigentlich ging es die Familie nichts an, was Joachim und sie vereinbarten.
Doch der Vater lehnte sich zurück und faltete seine Hände über seinen Bierbauch, als ob er so seinen Status als Familienoberhaupt bildlicher darstellen konnte.
„Wir haben das so beschlossen. Du kannst noch eine Weile in dem Haus leben, aber wir raten dir, so schnell wie möglich auszuziehen. Wer das Haus behalten will, muss den anderen ausbezahlen. Joachim würde dir vierzig Prozent ausbezahlen, aber dein Anteil läge bei sechzig Prozent.“
Sie runzelte die Stirn.
Wie kam er auf diese Zahlen, die eher willkürlich zusammengestellt anmuteten?
Die Erklärung erfolgte sogleich.
„Immerhin hat Joachim mehr investiert. Er verdient mehr, also ist es nicht nur gerecht, sondern auch sehr großzügig dir gegenüber.“
Das entsprach nicht der Wahrheit, aber als Lia zu Joachim schaute, erkannte sie, dass es ihm egal war.
Sie stand auf.
„Nun, dann gehe ich wohl nun besser.“
Schweigen begleitete sie nach draußen, bis sie im Hausflur stand und sich die Jacke auszog. Dann hörte man die Stimmen, die so gehässig waren, wie sie es sich nie vorstellen konnte.
„Sie passte sowieso nie zu uns.“
„Wie konnte mein armer Junge es nur so lange mit so einer Goldgräberin aushalten?“
„Saskia passt viel besser zu dir.“
Lia erstarrte, als sie den Namen hörte.
Saskia.
Sie war Joachims Kollegin. Offenbar war aus Zusammenarbeit eine kleine Büroromanze entstanden.
Wenn Lia die letzten Monate Revue passieren ließ, fiel es ihr auch wie Schuppen von den Augen.
Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein?
Ihre Ehe war längst erkaltet.
Zärtlichkeiten waren zu Höflichkeiten geworden.
Romantik zu organisatorischen Absprachen.
Lia hatte es noch eine Weile versucht. Machte sich zurecht. Kochte sein Lieblingsessen, nur um bei Kerzenschein auf ihren Mann zu warten, der erst zwei Stunden später ihr eine Nachricht zukommen ließ, dass er wohl sehr spät nach Hause kommen würde, weil er angeblich in Arbeit ertrank.
Die angeblich zufälligen Begegnungen mit Saskia, bei dem sich Joachim mehr freute, als sie, denn diese Frau tauchte immer auf, um dann an Joachims Seite zu bleiben. Zuerst erschien es immer so, als ob sie beide begleiten würden, doch nun wusste sie, dass Saskia die Frau an Joachims Seite war. Nicht sie. Schon lange nicht mehr.
Sie nahm ihren Schal und legte ihn auf ihre Schultern. Dann schlüpfte sie in ihren Mantel. Er hatte auch schon bessere Jahre gesehen. Auch das warf ihr Joachim oft vor. Sie wäre zu sparsam, würde ihn nicht im richtigen Licht dastehen lassen.
Nun, egal, was Joachim in der Vergangenheit zu ihr sagte, es war nun egal. Sie griff in ihre Handtasche und holte den Schlüssel zum Haus seiner Eltern heraus. Bisher musste sie ihn immer mitnehmen, weil er es immer vergaß. Sie legte den Schlüssel sorgfältig auf die Kommode, auf der auch die anderen Schlüssel nun lagen. Dann ging sie aus der Tür, schloss diese hinter sich und atmete erst einmal tief ein, dann aus.
Sie hätte wütend sein müssen.
Enttäuscht. Vielleicht sogar am Boden zerstört.
Doch was sich stattdessen in ihr ausbreitete, war Erleichterung.
Gut, sie war schon irgendwie deprimiert, weil es so plötzlich kam, aber es schien so zu sein, dass ihre Gefühle zu Joachim erkaltet waren.
Schnell ging sie zum Vorgarten und fluchte dann leise, weil sie nun den ganzen Weg nach Hause zu Fuß gehen durfte. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren am Sonntag eine Katastrophe und Geld fürs Taxi wollte sie nicht wirklich ausgeben. Vielleicht reichte es einfach, wenn sie zum nächsten Ort lief und von dort schaute, ob sie eine Straßenbahn bekam.
Erst als das Haus ihrer Schwiegereltern außer Sicht war, ließ sie sich auf eine niedrige Gartenmauer sinken. Sie streifte die Pumps ab. Jene Schuhe, die sie so oft getragen hatte, weil sie eben „passend“ wirkten. Eleganz wurde von ihr schon immer verlangt. Sie hatte sich verändert. Nicht aus eigenem Wunsch, sondern weil Joachim es so wollte. Zuerst war es ihr immer wie ein Rat erschienen, bis es zum Zwang wurde. Er bestimmt, wie sie aussehen sollte. Naserümpfend stellte sie die ungeliebten Pumps auf die Seite und schlüpfte stattdessen in ihre Sneakers, die sie immer in ihrer großen Handtasche versteckte. Sie bevorzugte dieses Schuhwerk sowieso.
Die Pumps blieben auf der Mauer zurück, wie ein Teil ihres alten Lebens. Entschlossen lief sie los.
Das Laufen fühlte sich überraschend befreiend an. Sie dachte nach, ohne darauf zu achten, dass sie eigentlich schon ziemlich untrainiert war.
Wie sollte es weiter gehen? Sollte sie wirklich das Haus behalten? Es war eigentlich zu groß für sie alleine und sie wollte Joachim nicht die Genugtuung geben, ihn zu bezahlen.
Sie würde sich ein paar Tage nicht bei ihm melden.
Wahrscheinlich erwartete er, dass sie verzweifelte.
Doch genau das tat sie nicht.
Sie wollte nur ein paar Tage Ruhe haben, um einen Plan auszuarbeiten. Ein Plan für ein Leben, in dem Joachim keine Rolle mehr spielte.
Die Grenze des Dorfes war erreicht und nun würde sie die Landstraße entlang laufen.
Angst, dass Joachim sie einholen würde, überkam sie eigentlich nicht. Sie kannte diese Familienessen. Es zog sich lange hin, bis alle sozusagen entlassen wurden. Außerdem war sie noch immer Gesprächsthema. Eines, das man dort sicherlich genüsslich ausdiskutieren würde.
Es war ihr egal. Sollten sie doch über sie lästern. Sie wusste, was wirklich geschehen war. Ihr Ehemann hatte sie betrogen und verlangte nun die Scheidung, dass er mit seiner Geliebten zusammen sein konnte. Eigentlich war das erbärmlich.
Im Kopf ging sie die Zahlen durch. Selbst wenn es ewig dauern würde, bis Joachim ihr den Betrag für das Haus auszahlte, konnte sie mit einer kleinen Wohnung gut leben.
So sehr war sie in ihre Gedanken vertieft, dass sie das Auto erst sehr spät hörte, das sich ihr von hinten näherte. Der Fahrer fuhr nicht schnell, wurde aber langsamer, als er in ihre Nähe kam. Er ließ einen großen Abstand zwischen ihr und dem Wagen und fuhr dann weiter.
Lia lächelte. Das war unerwartet rücksichtsvoll.
Doch dann bemerkte sie, wie der Wagen anhielt und langsam rückwärts fuhr, bis er neben ihr stand.
„Frau Winkler?“
Lia blinzelte eine Weile, bis sie den jungen Mann erkannte. Gut, jung war vielleicht übertrieben, doch er war definitiv jünger als sie. Er wohnte in ihrer Nähe.
„Herr Jost. Was für ein Zufall.“
Sie lächelte, aber er hob skeptisch die Augenbraue.
„Was machen Sie denn hier in der Einöde?“
Nun konnte sie nicht anders, als zu lachen.
„Einöde ist etwas übertrieben. Aber ich will in die nächste Ortschaft, um dort nach einer Straßenbahn zu schauen.“
Er schnaubte, beugte sich zur Beifahrerseite und öffnete diese.
„Steigen Sie ein. Ich fahre ohnehin in Ihre Richtung.“
Ein leises Seufzen entkam ihr und einen Moment hielt sie inne, um sichzu fragen, ob sie tatsächlich einsteigen sollte.
„Ich könnte aber wirklich...“
Er betätigte sein Gaspedal und ließ sie nicht ausreden.
„Meine Mutter würde mir die Ohren langziehen, wenn ich eine Frau, die ich auch noch kenne, am Straßenrand stehen lasse. Außerdem weiß ich, dass heute keine Straßenbahn in unsere Richtung fährt.“
Ihre Schultern sackten nach unten.
Genau das hatte sie befürchtet.
Er fuhr eine Weile weiter, bis sie bemerkte, dass er sie immer wieder unauffällig musterte.
Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Frau Winkler?“
Ihr Lachen klang freier, als sie erwartet hatte, und es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder fing.
„Es wird alles in Ordnung. Aber nennen Sie mich Lia. Frau Winkler hört sich so...“
Sie wollte schon sagen, dass sie bestimmt bald nicht mehr Winkler hieß, doch sie unterließ es.
Er nickte, als ob er gar keine Erklärung benötigte.
„Dann müssen Sie mich aber auch Falk nennen.“
Sie nickte.
„Das werde ich.“
Wieder schwiegen sie beide. Im Hintergrund lief leise Musik und sie lächelte, als sie Musik der Achtziger erkannte. Eigentlich schien Falk zu jung für diese Musik, doch ihr gefiel es.
Für einen Moment erlaubte sie sich, die Augen zu schließen, die Augen zu schließen und den Kopf leicht im Takt zu bewegen.
Leise summte sie mit, bis sie anfing zu singen.
„I am the eye in the sky looking at you
I can read your mind.
I am the maker of rules, dealing with fools
I can cheat you blind
And I don’t need to see anymore to know that.“
Erst nach einer Weile bemerkte sie, dass Falk sie lächelnd beobachtete.
„Es scheint Ihnen zu gefallen.“
Sie nickte.
„Natürlich. Ich liebe Musik aus den Achtzigern. Aber sind Sie nicht etwas zu jung, um diese Richtung zu hören?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Mein Kollege ist schon älter und er hört diese Musikrichtung immer. Irgendwann begann ich, sie auch zu mögen.“
Das konnte sie sogar verstehen.
„Darf ich etwas fragen?“
Sie nickte und dann hörte sie, wie er sich räusperte.
„Ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, aber warum waren Sie wirklich alleine auf der Landstraße? Und wo ist Ihr Mann?“
Ihre Schultern sackten nach unten, aber sie war nicht bereit, einen völlig Fremden zu erklären, dass ihr Leben gerade eine gewaltige Wendung nahm. Nein. Sie war keine Frau, die jedem ihr Leid klagen musste, nur um Mitleid erhaschen zu können. Sie war eine selbstständige Frau, die das nicht nötig hatte.
„Ich wollte nur etwas spazieren gehen.“, sagte sie und sah aus dem Fenster.
Er nickte langsam und man erkannte, dass Falk ihr kein Wort glaubte. Doch er hielt sich zurück.
„Und was machen Sie in der Einöde, wie sie es so schön beschrieben?“
Der Ernst verschwand nun aus seinem Gesicht und er grinste.
„Ich habe mir ein Frühstück erschnorrt.“
Sie blinzelte etwas.
„Wie bitte?“
Er lachte leise.
„Das ist so ein Ritual zwischen meinen Eltern und mir. Wenn ich Nachtschicht habe, komme ich zu meinen Eltern und schlafe erst einmal etwas. Dann brunchen wir.“
Ohne die Straße aus den Augen zu lassen, griff er nach hinten und holte eine kleine Schüssel nach vorne, die er Lia auf den Schoß legte. Lia starrte ihn an und er machte mit seinem Kinn eine auffordernde Geste.
Vorsichtig öffnete sie den Behälter und stöhnte dann leise, als sie Kekse entdeckte, die sorgfältig mit Zuckerguss verziert waren. Die Farben wirkten etwas kindisch, als ob sie für ein Kind gemacht wurden, aber alles duftete köstlich.
„Heute war auch noch der Geburtstag meiner Neffen. Meine ältere Schwester hatte heute Erbarmen mit mir und wir feierten nur im kleinen Kreis. Morgen haben die zwei Bengel dann ihre große Party. Doch ich habe die Kekse.“
Er grinste und schnappte sich einen Keks, den er sich in den Mund steckte und dann genüsslich seufzte.
„Meine Schwester ist eine Nervensäge, aber sie backt wirklich himmlisch. Nehmen Sie sich einen Keks.“
Die Aufforderung kam gerade richtig, denn ihr Magen machte ein grummelndes Geräusch, das sie daran erinnerte, dass sie ohne Essen aus dem Haus ihrer Schwiegereltern gegangen war.
Schnell stopfte sie sich einen Keks in den Mund, was ihr ein Lächeln von Falk einbrachte.
Schweigend aßen sie weiter die Kekse, bis Lia feststellte, dass die Schüssel schon leer war.
„Es tut mir leid.“, murmelte sie leise.
Er sah sie neugierig an.
„Was tut Ihnen denn leid?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich habe Ihre Kekse leer gegessen.“
Er lachte.
„Das ist die Macht der Kekse meiner Schwester. Man will sie vernichten, sobald man einen Bissen gegessen hat.“ Er klopfte sich auf seinen flachen Bauch. „Morgen werde ich mich wieder im Fitnessstudio blicken lassen müssen, aber ich kann den gebackenen Sachen meiner Schwester nicht widerstehen.“
Lia kicherte und überlegte sich, ob sie nicht auch in so ein Studio gehen sollte. Immerhin begann sie ein neues Leben, da sollte sie es schon richtig machen.
Sie kamen in der Stadt an und schon bald bogen sie in die Straße, in der sie beide wohnten.
Falk hielt vor ihrem Haus an und sie schnallte sich ab.
„Ich danke Ihnen, Falk. Das war wirklich sehr nett von Ihnen.“
Er lächelte und reichte ihr dann eine Visitenkarte.
„Jederzeit gerne, Lia. Nehmen Sie meine Karte, falls sie wieder spazieren gehen und nicht wissen, wie sie nach Hause kommen sollen.“
Sie lachte.
„Ich hoffe, mir fällt das nicht mehr so schnell ein. Nochmals Danke.“
Sie stieg aus und er fuhr davon.
Lia beobachtete, wie er zum Haus fuhr, dass nicht weit weg war. Er hielt an, stieg aus und zog eine große Tasche aus dem Kofferraum.
Nachdem er ihr noch einmal zuwinkte, ging er ins Haus.
Lia sah auf die Visitenkarte in ihrer Hand.
Dr. Falk Jost,
Notarzt
Lia blinzelte.
Er war Notarzt?
Wow.
Das hatte sie nicht erwartet. Kein Wunder, dass er erst einmal schlief, wenn er von der Nachtschicht zu seinen Eltern kam.
Sie steckte die Karte in ihre Handtasche und ging dann ins Haus.
Jetzt ging es los. Sie musste ihr neues Leben beginnen.
K