Die Nacht im Mai - Leseprobe

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Zusammenfassung

Eine idyllische Kleinstadt. Ein totes Mädchen. Eine Frage: Was ist wirklich geschehen? Endlich Abi in der Tasche und nie wieder Schule – das muss gefeiert werden! Doch genau diese feuchtfröhliche Party am Ufer des Silbersees endet für Jana und ihre Freunde in einem Albtraum, denn eine von ihnen – Julia – wird am nächsten Tag tot im See gefunden. Zunächst ermittelt die Polizei, nach kurzer Zeit werden die Ermittlungen jedoch eingestellt und Julias Tod zum Unfall erklärt. Zehn Jahre später kehrt Jana notgedrungen in ihre Heimatstadt zurück und trifft dort auf einige ihrer früheren Schulfreunde. Schnell kommen alte Konflikte hoch und sie verdächtigen sich gegenseitig, etwas mit Julias Tod zu tun zu haben. Dann geschieht plötzlich ein Mord und jemand aus Julias damaligem Freundeskreis ist das Opfer. Während die Polizei die Ermittlungen aufnimmt und eine Verbindung zu den zehn Jahre zurückliegenden Ereignissen herstellt, versuchen auch Jana und ihre ehemaligen Freunde herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Denn ihnen ist nun klar: Julia ist nicht in den See gestürzt, sondern wurde gestoßen und alles deutet darauf hin, dass es jemand von ihnen gewesen sein muss.

Genre:
Thriller/Drama
Autor:
Lia_Ju
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
8
Rating
4.5 2 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Prolog

Mai 1999

„Jana! Wach auf!“

Ich wurde von der dringlich klingenden Stimme meiner Mutter wach, die mich kräftig an der Schulter rüttelte. Im ersten Moment dachte ich, ich hätte verschlafen und würde zu spät zur Schule kommen. Doch dann erinnerte ich mich, dass ich ja gar nicht mehr zur Schule musste. Hatte unser Abijahrgang nicht gestern erst die Ergebnisse bekommen und sie ausgiebig gefeiert?

„Was ist denn los?“, nuschelte ich unwillig.

„Steh auf. Es scheint irgendwas passiert zu sein. Julias Eltern sind da und möchten mit dir sprechen!“

Bei diesen Worten war ich sofort hellwach. Julias Eltern? Was wollten die? Die Ereignisse der gestrigen Nacht fielen mir wieder ein. Es war doch aber nichts wirklich Schlimmes passiert. Oder hatte Julia ihren Eltern eine ganz andere Version erzählt?

Ich stieg aus dem Bett, zog mir meinen Bademantel über den Schlafanzug an und schlurfte hinter meiner Mutter her in den Flur.

Sabine und Jürgen Mayer standen in unserem nicht sehr großen Hausflur herum und traten ungeduldig von einem Bein aufs andere. Ihre Gesichter sahen ziemlich besorgt aus.

„Jana, du warst doch gestern auch auf dieser Party unten am See?“, fragte Herr Mayer ohne Begrüßung. Ich mochte den Mann nicht.

„Ja, war ich.“

„Bis wann warst du ungefähr dort?“

„Vielleicht bis halb eins?“ Ein ungutes Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus.

„War Julia ebenfalls noch da, als du gegangen bist?“ Mein Unbehagen wurde mit jeder Frage größer. Was sollte dieses Kreuzverhör?


„Ich…weiß nicht…“

Ich warf meiner Mutter einen hilfesuchenden Blick zu. Diese sah ebenfalls erschrocken aus, aber sie schaffte es irgendwie, beherrscht zu klingen:

„Was sollen eigentlich diese ganzen Fragen? Was ist denn überhaupt passiert?“

Frau Mayer schluchzte auf und erklärte dann mit erstickter Stimme:

„Julia ist bis heute nicht nach Hause gekommen! Wir machen uns Sorgen. Die Polizei will eine offizielle Vermisstenanzeige erst nach 24 Stunden nach ihrem Verschwinden annehmen, weil sie bereits volljährig ist. Doch da es gestern diese verdammte Party am See gab und dort allem Anschein nach jede Menge Alkohol geflossen ist, haben wir beschlossen, bereits jetzt nach ihr zu suchen. Jana, kannst du dir vielleicht vorstellen, wo sie hingegangen sein könnte?“ Sie sah mich mit einem flehenden Blick an.

„Vielleicht ist sie bei Stefan?“, sagte ich vorsichtig. Doch diese Vermutung erschien mir eher abwegig, als ich mich an den Abend zuvor erinnerte.

Herr Mayer gab ein verächtlich klingendes Geräusch von sich.

„Dort waren wir schon. Da ist sie nicht und Stefan weiß auch nicht wo sie ist. Zumindest behauptet er das. Ich hatte ihr doch gesagt, sie soll sich von ihm fernhalten. Der ist doch absolut nicht gut für sie.“

Na, das ist ja wohl eher andersrum, dachte ich, sagte es aber nicht laut.

„Bei Laura ist sie ebenfalls nicht, genauso wie bei ihrer Schwester in Köln. Obwohl sie nachts sowieso nicht hätte so einfach nach Köln kommen können“, bemerkte Sabine Mayer mit tränenschwerer Stimme.

„Waren Sie schon bei Max?“, rutschte es mir stattdessen heraus.

„Bei Max? Warum sollte sie dort sein?“, fragte Julias Vater erstaunt.

„Keine Ahnung, war nur so eine Idee“, meinte ich ausweichend.

Die zwei warfen einander verständnislose Blicke zu. Ach, was kannten sie ihre Tochter schlecht!


Schließlich ergriff Herr Mayer wieder das Wort:

„Nun gut, wenn dir doch noch etwas einfällt, ruf uns bitte an. Wenn wir sie bis heute Abend nicht finden, gehen wir wieder zur Polizei.“

Sie verabschiedeten sich von uns und gingen zurück zu ihrem Auto.

Meine Mutter sah mich fragend an.

„Was ist da gestern auf der Party passiert?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich das nur wüsste.“


Am frühen Nachmittag traf sich unsere Clique bei Michael und Nicole zuhause. Julia war immer noch nicht aufgetaucht. Unter anderen Umständen hätte es ein Zusammentreffen sicher bis zu der Zeugnisvergabe in einer Woche nicht mehr gegeben.

Angespanntes Schweigen herrschte in Nicoles Zimmer, in dem wir nun zu acht hockten.

„Wir sollten sie suchen“, sagte Nicole schließlich.

„Und was soll das bringen? Die halbe Stadt sucht doch sowieso schon nach ihr, nachdem ihre Eltern so einen Aufruhr veranstaltet haben“, entgegnete Max, während er nervös sein Feuerzeug ein und ausknipste.

„Und überall, wo sie sein könnte, ist sie nicht“, fügte Michael hinzu.

„Vielleicht gibt es irgendeinen Liebhaber, von dem wir nichts wissen“, warf Laura leise ein und blickte vorsichtig zu Stefan. Doch dieser beachtete sie nicht und starrte nur auf seine Füße. Sein sonst makelloses Gesicht war bleich, bis auf die stressbedingten roten Flecken unter seinen hellbraunen Augen.

„Sie hätte den Nachtbus nehmen können und doch aus der Stadt rausgefahren sein“, startete Nicole einen weiteren, verzweifelten Versuch, Julias Verschwinden zu erklären.

„Oder sie ist zu jemandem ins Auto gestiegen.“

Bei dieser Aussage wurde uns allen übel. Nicht, dass unsere Stadt für eine hohe Kriminalität bekannt wäre, ganz im Gegenteil, doch es könnte ja auch jemand auf der Durchfahrt gewesen sein. Möglicherweise jemand böses.

„Lasst uns zum See gehen und schauen, ob wir nicht was finden.“

Es war das erste, was Stefan sagte, seit wir zusammensaßen.

„Und was denkst du, dort zu finden?“, fragte Laura leicht gereizt.

„Keine Ahnung. Aber hier einfach rumsitzen können wir auch nicht.“


Wenig später standen wir am Ufer des Silbersees. Es wehte ein frischer Wind, doch es versprach ein relativ warmer Maitag zu werden. Hier und da lagen noch Überbleibsel der gestrigen Party herum, in Form von Flaschen und Verpackungen.

„Und wonach suchen wir jetzt?“, fragte Robin vorsichtig.

Alle schauten Stefan an, dessen Idee es schließlich war, zum See zu gehen. Doch sein Tatendrang schien ihn verlassen zu haben, denn er starrte nur aufs Wasser, ohne etwas zu sagen.

„Wir können uns aufteilen und in verschiedenen Richtungen um den See gehen. Dann sollten wir uns auf der anderen Seite treffen“, schlug Nicole vor.

Da sonst niemand eine andere Idee hatte, gingen schließlich Laura, Max, Robin und Katrin in eine Richtung und Michael, Nicole, Stefan und ich in die andere.

Wir liefen schweigend am Ufer entlang, ohne zu wissen, wonach wir suchten. Es graute uns allen davor, was wir möglicherweise finden könnten.

Nach etwa zehn Minuten blieb Nicole plötzlich stehen.

„Was ist?“, fragte Michael seine Zwillingsschwester alarmiert.

Nicole starrte angestrengt in die Büsche, mit denen das Ufer an dieser Stelle dicht bewachsen war.

„Da ist irgendwas!“

Sie schob die Zweige vorsichtig auseinander, zögerte aber, in das dichte Gestrüpp zu treten. Tatsächlich glänzte dort im Gebüsch irgendetwas im Sonnenlicht, was dort nicht hingehörte. Stefan war nicht so zögerlich wie Nicole. Ohne auf die harten Zweige zu achten, kämpfte er sich durch das Gewächs. Sein kariertes Hemd, das er über einem T-Shirt trug, verfing sich an einem Zweig. Er zerrte daran, bis der Stoff riss und er weiterlaufen konnte. Schließlich war er bei dem Gegenstand, den Nicole entdeckt hatte, angekommen. Wir konnten deutlich hören, wie er scharf die Luft einsog.

„Was ist da?“, rief Michael ihm zu. Doch es kam keine Antwort.

Gerade als Michael sich ebenfalls ins Gestrüpp begeben wollte, kam Stefan zurück. Auf seiner linken Wange war ein Kratzer, dessen Ränder sich bereits entzündet röteten. Wortlos hielt er seine zitternde Hand hoch, in der er ein silbernes Bettelarmband mit verschiedenen Anhängern hielt. Das Bettelarmband, was Julia immer getragen hatte, ohne sich je davon zu trennen.