1 Daisy - Sold
Eigentlich sollte ich glücklich sein, aber wie könnte ich das? Ich bin gerade einmal zwölf und wurde in dieses neue Leben gezwungen. Nein, das ist falsch. Das ist nicht mein Leben, es gehört ihnen.
Sie haben anscheinend das Recht, mich so zu benutzen, wie sie wollen. Dabei bin ich meinen Eltern wohl nicht gut genug und koste zu viel.
Ich erledige die ganze Hausarbeit und arbeite jeden Tag. Aber das ganze Geld, das ich verdiene, geht an sie. Ich glaube, ich verdiene das Geld gar nicht. Sie verdienen es, indem sie mich vermieten.
Ich lausche ihren Worten, das Ohr fest an die Tür gepresst, aber ich höre nur ein Gemurmel. Meine Eltern haben mich vor einer Woche gewarnt, dass sie es sich nicht leisten können, mich zu behalten – selbst wenn ich arbeite und ihnen jeden Cent gebe. Nicht, dass ich eine Wahl hätte, wenn das Geld direkt auf ihr Konto wandert.
„Zehntausend.“
Das habe ich verstanden. Bin ich ihnen wirklich so wenig wert? Ich höre, wie sie zustimmen. Ich trete zurück und setze mich auf die kleine Matratze. Ich will mir einreden, dass das gut wird. Vielleicht ist diese Frau ja nett und benutzt mich nicht so wie meine Eltern? Aber andererseits werden sie wollen, dass ich die zehntausend wieder reinhole – und noch mehr, um die Kosten für mein Leben bei ihnen zu decken.
Ich beobachte, wie sich die Tür öffnet, und mein Blick trifft sofort den meines Vaters. Ich flehe ihn an, mich nicht mitgehen zu lassen, aber es ist zwecklos. Sie hatten mich nur wegen des Geldes. Sie wussten, dass das Fehlen von Gesetzen und Regeln es ihnen erlaubte. Nur war es so, dass die Leute hier ihre eigenen Kinder meistens als Kinder behielten, während andere sie als Dienstboten benutzten. So wie mich.
Das machte es schwer für mich, Arbeit zu finden.
Meine Mutter legt das Papier ab.
„Unterschreib.“ Ich sehe sie und meinen Vater an. „Miranda, unterschreib einfach den verdammten Zettel! Sofort. In ein paar Jahren kannst du nach Hause kommen. Ich verspreche es.“ Ich nicke und tue, was man mir sagt.
„Miranda.“ Die Frau sieht mich an und ich nicke. „Ich bin Mrs. Jones. Nimm deine Tasche, wir müssen los.“ Ohne weitere Worte dreht sie sich um und geht. Ich nehme meine Tasche und gehe zu meinen Eltern. Ich warte und hoffe, dass es sich einer von ihnen noch anders überlegt, aber meine Mutter zählt bereits das Geld, das sie durch meinen Verkauf bekommen hat.
Ich sehe meinen Vater an. Trotz des schrecklichen Lebens brachte er mich ab und zu zum Lachen, nahm mich hoch und war ein Vater für mich. Tränen stiegen mir in die Augen, aber er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ich ging an ihnen vorbei. In der Hoffnung, dass einer von ihnen sich verabschieden würde oder „Ich hab dich lieb“ sagen würde – irgendetwas.
Stattdessen folgte mir nur Stille, während ich langsam aus dem Haus ging. Sie sagten nicht: „Warte“, „Halt“ oder „Auf Wiedersehen“. Sie winkten nicht einmal, als ich ins Auto stieg und wir wegfuhren.
Es war, als wäre ich nichts weiter als ein Gegenstand, für den sie Geld verschwendet hatten.
„Du wirst bei mir wohnen. Es gibt hier acht andere Mädchen und vier Jungen“, erklärt Mrs. Jones. „Dein Name ist nicht Miranda. Von jetzt an bist du als Mutt bekannt. Du bist neu und hast dir das Recht auf deinen eigenen Namen noch nicht verdient.“
Ich starre sie schockiert an. Ich öffne den Mund, um zu protestieren, doch ihre Hand presst sich darauf.
„Wenn du widersprichst, bekommst du heute Abend nichts zu essen.“ Sie nimmt die Hand weg und sieht wieder nach vorne. „Jeder hat seine eigenen Aufgaben. Ich habe deiner Familie einen Gefallen getan, indem ich dich gekauft habe. Keine Bildung, keine Erfahrung. Du hast nichts.“
Ich höre mir ihre Worte an.
„Einige der Mädchen haben Jobs, einige helfen im Haus, aber der Plan ist, dass du sie ersetzt, damit sie mehr arbeiten können.“
Ich bleibe stumm.
„Hast du verstanden?“
Ich nicke, und sie sieht genervt aus.
„Sprich! Ich weiß zumindest, dass du das kannst – hoffe ich!“
„Ja.“ Meine Stimme ist schwach und zittrig.
„Ja, was?“ Sie sitzt da und wartet. Ich sehe sie verwirrt an. Will sie einen ganzen Satz?
„Ja, ich habe verstanden.“ Ich sehe das Entsetzen auf ihrem Gesicht. Sie bewegt sich zu schnell, als dass ich es bemerken oder reagieren könnte, aber der brennende Schmerz ihres Schlags im Gesicht lässt mich aufschreien.
„Du sagst: Ja, Mrs. Jones. Deine Eltern haben wohl vergessen, dir Manieren beizubringen!“
„Ja, Mrs. Jones.“ Meine Stimme bebt, während ich meine Wange in die Hand lege und die Tränen zurückhalte. Ich sehe, wie das Auto anhält und wir aussteigen.
Ich gehe ins Haus und bin beeindruckt. Es ist riesig und wunderschön. Ganz anders als bei meinen Eltern. Die haben eine Einzimmerwohnung, in der ich im Wandschrank schlafen musste.
„Hierher!“, höre ich Mrs. Jones rufen, und alle kommen angerannt. Meine Augen wandern über sie. Sie sehen glücklich aus. Wie können sie so glücklich aussehen?
„Lernt die neue Mutt kennen. Hoffentlich hält sie länger durch als die letzte. Ihr kennt alle die Regeln. Haltet euch aus ihrem Leben raus. Mischt euch nicht ein. Wer dabei erwischt wird, ihr Essen, Kleidung oder irgendetwas anderes zuzustecken, wird im Rang degradiert.“ Mrs. Jones schubst mich nach vorne.
„Elaine, stell sicher, dass sie ihren Zeitplan kennt. Sie braucht auch Unterrichtszeiten.“ Ich beobachte, wie Mrs. Jones weggeht, während Elaine mich ansieht und sich alle anderen aus dem Staub machen.
„Wie alt bist du, Mutt?“
„Mein Name ist Miranda“, sage ich und versuche, mich aufrecht hinzustellen.
„Dein Name ist Mutt, und du wirst verhungern, wenn du noch einmal so sprichst! Ich sehe schon, mit dir gibt es nur Ärger. Folge mir.“ Sie geht los, und ich folge ihr durch ein paar Türen und die Treppe hinunter. Der Keller ist dunkel und schmuddelig.
Ich sehe in die kleinen Zellen, und sie bleibt vor einer stehen.
„Das ist deine. Du darfst dich nur hier aufhalten, außer wenn du andere Räume putzt oder Besorgungen machst. Hier.“ Sie reicht mir ein Blatt Papier und einen Bleistift.
Ich nehme sie an und sehe sie verwirrt an.
„Schreib, denn das ist dein Leben hier. Und wenn du das Papier verlierst, verhungerst du!“ Sie ist scheußlich, genauso scheußlich wie Mrs. Jones.
„5 Uhr morgens: Aufstehen. Frühstück für alle machen – das sind acht von uns, plus Mrs. Jones und ihre drei Kinder. Das macht 12, falls du nicht rechnen kannst. Sorge dafür, dass es bis 6 Uhr auf dem Tisch steht. Während wir essen, putzt du die Küche und beseitigst das Chaos, das du beim Kochen angerichtet hast. Wenn wir fertig sind, darfst du essen, was übrig ist. Von 7 bis 9 Uhr arbeitest du und bringst dir grundlegende Fähigkeiten bei. Da draußen ist ein Bücherregal. SCHREIB NICHT IN DIESE BÜCHER!“, schreit sie mich am Ende an.
„Von 9 bis 16 Uhr arbeitest du in der Fabrik. Von 16 bis 18 Uhr kochst du und stellst sicher, dass das Essen bis spätestens 18 Uhr auf dem Tisch steht. Dann dasselbe wie beim Frühstück: Du putzt, während wir essen, und wenn wir fertig sind, bekommst du, was übrig bleibt. Von 19 bis 23 Uhr putzt du alle Badezimmer im Haus und alle anderen Räume mit einem blauen Streifen an der Tür.“
Ich schreibe es hastig mit. Sie hat mir keine Zeit gelassen. Also: 5 Uhr kochen. 12 Leute. Putzen, essen. Lernen bis 9 Uhr, Fabrik bis 16 Uhr, kochen, dann putzen und essen, gefolgt von putzen bis 23 Uhr.
Sie geht weg, ohne zu prüfen, ob ich alles habe. Plötzlich dreht sie sich um und kommt zurück.
„Regeln: Deine Zelle – du hältst dich aus den Zellen der anderen raus. Bücher, die du zum Lernen brauchst, benutzt du da draußen. Du bringst sie nicht mit in deine Zelle. Wenn du beim Essenstehlen erwischt wirst, gibt es zwei Tage lang nichts zu essen. Wenn du bei irgendetwas anderem beim Stehlen erwischt wirst, nun ja, dann bist du genauso schnell weg wie die letzte Mutt.“ Ihre Worte sind hart, und erneut dreht sie sich um und geht.
Ich stehe einfach nur da und starre auf die Wände meiner kleinen Zelle. Ich dachte, bei meinen Eltern wäre es schlimm gewesen, aber jetzt wird mir klar, dass ich mich geirrt habe. Das hier ist die Hölle.