Kapitel 1 – „The Rescue Farm“ – ein sicherer Hafen
Marleys Sicht
Ich räumte hinter den Kindern her, die endlich alle eingeschlafen waren. Nach all dem Wassergeben, den Gängen zum Klo und den Gute-Nacht-Geschichten war nun Ruhe eingekehrt. Um das mal klarzustellen: Das sind nicht meine eigenen Kinder. Ich habe keines von ihnen selbst zur Welt gebracht, aber ich kümmere mich um sie, als wären es meine. Auch wenn viele von ihnen nur kurz bei mir bleiben. Wenn es um Kinder geht, bin ich einfach zu weichherzig. Alle diese Kleinen sollen eigentlich nur vorübergehend hier sein. Wir nennen sie „Rescues“ – Gerettete. So fing es bei mir auch an. Heute bin ich eine Betreuerin, weil ich das Trauma, das mich damals hierherbrachte, nie ganz überwinden konnte.
Ich arbeite und lebe auf der „The Rescue Farm“, die wir alle nur „die Farm“ nennen. Die Leute in der kleinen Stadt in der Nähe glauben, dass wir Tiere retten. Und obwohl wir ab und zu auch Tiere aufnehmen, kümmern wir uns hauptsächlich um Kinder. Kinder, die vernachlässigt, misshandelt und viel zu oft missbraucht wurden.
Manchmal nehmen wir auch junge Frauen auf, die misshandelt wurden. Sie brauchen einen sicheren Ort, um sich vor ihren Peinigern zu verstecken, bis ihre Anwälte alles geregelt haben. Den Kindern helfen wir so gut wir können, damit sie sich erholen. Später werden sie entweder adoptiert oder sie sind alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Für die erwachsenen Frauen bedeutet Hilfe oft eine neue Identität und ein Umzug an einen geheimen Ort.
Die Farm wird von „Papa Joe“ Crankston, seiner Frau „Mama Mae“ und seiner älteren Schwester „Aunt Chris“ geleitet. Mein Name ist Marley Connely. Ich war eine ihrer Rettungsaktionen und bin einfach nie wieder gegangen. Aber dazu später mehr.
Ich war schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen, um auf dem Hof zu helfen. Meistens sammle ich die Eier bei den Hühnern ein, helfe Mama Mae beim Frühstückmachen und kümmere mich dann um unsere drei Jüngsten. Ich war mehr als müde, ich war völlig k.o. Trotzdem musste ich noch nach den älteren Kleinen sehen. Wir haben zurzeit sechs Kinder unter zehn Jahren. Da ist Sara (10, benimmt sich aber wie 30), Max (unser einziger Junge, 8 Jahre alt), Christie (6), Tina (4), Bailey (3) und „Baby Jane“. Die Kleine ist erst etwa ein bis anderthalb Jahre alt. Wir haben sie erst vor zwei Wochen bekommen. Die anderen sind schon zwischen ein paar Wochen und mehreren Monaten hier.
Dr. Murphy kommt ehrenamtlich vorbei, um nach den Neuankömmlingen zu sehen oder wenn jemand krank ist. Er hat ihr Alter auf 12 bis 18 Monate geschätzt.
Er hat auch Fußabdrücke genommen. Wir hoffen, so herauszufinden, wer sie ist, wie alt sie genau ist und wie sie heißt. Bisher gab es aber keine Neuigkeiten. Wir wissen ihren Namen nicht, weil sie am Straßenrand gerettet wurde. Jemand hatte sie einfach in ihrem alten Kindersitz am Straßenrand abgestellt und war weggefahren. Ohne Fläschchen, mit voller Windel, schmutzig und völlig dehydriert. Papa Joe hat sie auf dem Heimweg vom Einkaufen gefunden.
Zu sagen, er sei schockiert gewesen, wäre eine reine Untertreibung. Er dachte zuerst, es wäre nur ein leerer Kindersitz, der von einer Ladefläche gefallen war. Doch als er vorbeifuhr, hörte er sie weinen. Gott sei Dank hat er angehalten!
Zusätzlich zu den Kleinen gibt es noch vier ältere Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren. Die älteste, Josey, wird bald 18 und kann es kaum erwarten, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie ist schon fast neun Monate hier. Dann sind da noch Barbara (16), Karen (15) und Lisa (14). Sie wurden alle vor ein paar Monaten kurz hintereinander aus schlimmen Familienverhältnissen gerettet.
All diese Kinder kommen aus schrecklichen Zuständen. Keines von ihnen musste zwar das Gleiche durchmachen wie ich, aber manchmal bekommen wir Kinder, denen es noch übler ergangen ist.
Wir leben alle zusammen auf der Farm, mit unseren Schutzengeln Mama Mae, Papa Joe und Aunt Chris. Seit über 20 Jahren helfen sie Kindern aus der Klemme. Wir lieben sie wie die Eltern, die wir eigentlich hätten haben sollen – und nicht wie die, in deren Familien wir hineingeboren wurden.
Papa Joe ist riesig, etwa ein Meter neunzig. Obwohl er fast 60 ist, hat er immer noch muskulöse Arme und einen flachen Bauch. Seine grau melierten Haare trägt er an den Seiten kurz und oben etwas länger. Er hat eisblaue Augen, eine leicht schiefe Nase und ein glatt rasiertes Kinn, an dem man sich fast schneiden könnte.
Mama Mae ist etwa ein Meter dreiundsiebzig groß und ein Jahr jünger als Papa Joe. Sie hat langes blondes Haar, das langsam weiß wird. Sie trägt es immer als geflochtenen Dutt am Hinterkopf. Sie hat große, herzliche braune Augen. In den letzten Jahren hat sie ein bisschen zugelegt, ihre Hüften sind breiter und der Bauch runder geworden. Aber Papa Joe sagt immer, er mag das, weil er dann mehr zum Festhalten hat. Mama Mae wird jedes Mal knallrot, wenn er dabei grinst und mit den Augenbrauen wackelt.
Aunt Chris ist zwar zwei Jahre älter als ihr Bruder, aber auch topfit. Sie ist fast ein Meter achtzig groß. Ihre Figur könnte man mit Jessica Rabbit vergleichen, wenn sie engere Sachen tragen würde. Normalerweise trägt sie aber Latzhosen und viel zu große Hemden. Sie sieht Joe sehr ähnlich, nur ohne die schiefe Nase. Ihr dunkles Haar ist inzwischen eher grau als braun.
Mama Mae und Papa Joe waren schon in der Schule ein Paar. Jeder sieht sofort, dass sie sich heute noch genauso lieben wie am ersten Tag. Sie hatten nur einen Sohn, Jeff. Er wurde als Teenager getötet. Er wollte sein Date davor retten, von Menschenhändlern entführt zu werden. Jeffs Freundin Mary wurde nie gefunden. Das war der Moment, in dem Papa Joe und Mama Mae beschlossen, Kindern in Not zu helfen.
Es gibt auch einen Mann, der auf die Jungen aufpasst, die als Helfer auf der Ranch arbeiten. Sein Name ist Bill, aber ich habe ihn noch nie persönlich getroffen. Ich habe ihn nur von Weitem gesehen. Soweit ich weiß, arbeitet er schon seit vielen Jahren mit Onkel Joe zusammen. Er ist ein riesiger Kerl mit dunkel gegerbter Haut und langen schwarzen Haaren. Aber wie gesagt, ich kenne ihn nur aus der Ferne.
Wie schon erwähnt, ich bin Marley Connely. Ich bin jetzt 23 Jahre alt und lebe seit etwa zehn Jahren auf der Farm. Ich bin eins zweiundsechzig groß, habe rötlich-braune Haare und grüne Augen. Ich habe eine ziemlich ordentliche Oberweite, aber nicht übertrieben groß. Zum Glück habe ich eine schmale Taille und „frauliche Hüften“, wie Mama Mae sagt. Mein Gesicht? Kleine Nase, hübsch geformte Lippen und große grüne Augen mit langen Wimpern, die ich von meiner Mutter habe. Ich achte darauf, dass meine Augenbrauen gepflegt sind, aber ich übertreibe es nicht.
Mama Mae und Papa Joe haben mich mit 13 aus einer ganz schlimmen Lage befreit. Papa Joe ist immer noch der einzige Mann, den ich in meine Nähe lasse. Ich kann nichts dagegen tun, aber wenn mich ein Mann anfasst, bekomme ich Panik. Ich fange an zu hyperventilieren und werde ohnmächtig. Sogar Händeschütteln ist oft schon zu viel für mich, besonders wenn jemand fest zudrückt.
Aber genug von mir. Wichtig sind die Kinder. Meistens retten wir Mädchen, aber hin und wieder ist auch ein Junge dabei. Im Moment haben wir nur Max. Er ist ein süßer Fratz und erst acht Jahre alt. Als er zu uns kam, war er extrem schüchtern. Er hat niemanden angesehen und kaum ein Wort gesagt.
Ich war die erste Person, mit der er gesprochen hat. Er ist auch der einzige männliche Mensch, den ich an mich heranlasse. Er kommt immer zu mir, wenn er Trost braucht, besonders bei Gewitter. Er ist jetzt seit sechs Monaten hier und beschützt mich richtig. Wenn mir ein Mann zu nahe kommt, stellt er sich mit geballten Fäusten vor mich. Er knurrt dann richtig und guckt böse. Er spürt sofort, wenn ich mich unwohl fühle. Das ist so süß, er ist mir richtig ans Herz gewachsen.
Außer den Farmhelfern kommen hier kaum Männer her. Papa Joe sorgt dafür. Die Helfer sind meistens Jungs oder junge Männer, die früher selbst mal hier gelebt haben. Sie dürfen nur im Notfall zum Haus kommen. Papa Joe macht ihnen klar: Auch wenn sie früher hier gewohnt haben, haben sie sich von den Mädchen fernzuhalten. Wer sich nicht daran hält, verliert sofort seinen Job und sein Zimmer.
Ganz selten verirrt sich mal ein Mann auf das Gelände. Meistens haben sie eine Panne oder kein Benzin mehr. Sie klettern dann über das Tor und kommen kaum fünfzig Meter weit, bevor sie vor Papa Joe stehen – und der hat dann meistens sein Gewehr dabei.
Es gab mal einen Vorfall, als ein Mann herausfand, dass seine Frau und sein Kind hier waren. Er wollte sie mit Gewalt herausholen. Seitdem gibt es eine Lichtschranke am Tor. Wenn jemand durchläuft, geht im Haus und im Stall ein Alarm los. Außerdem gibt es überall Sicherheitskameras. Wir können auf einem Monitor im Wohnzimmer genau sehen, wer kommt, noch bevor er am Haus ist.
Die Farm ist 20 Hektar groß und das Haus steht mitten in der Mitte. Wir bauen hauptsächlich Gemüse an. Das essen wir selbst oder Aunt Chris verkauft es an einem Stand am Stadtrand. Wir haben auch Schweine, ein paar Milchkühe und Pferde. Sogar ein altes Maultier für den Erntewagen ist dabei. Aunt Chris ist Papa Joes ältere Schwester und verwitwet. Sie hat ihren Mann bei einer Rettungsaktion verloren, kurz nachdem die vier angefangen hatten, Kindern zu helfen.
Heute machen sie die gefährlichen Einsätze nicht mehr selbst, dafür sind sie zu alt. Sie nehmen jetzt Kinder auf, die von der Polizei gebracht werden. Die Beamten wissen, dass die Kinder hier besser aufgehoben sind als im staatlichen System. In so einer kleinen Stadt ist es für die Kinder oft weniger traumatisch, hier zu bleiben, als in die nächste Großstadt geschickt zu werden.
Diese Kinder wurden vernachlässigt, missbraucht und gequält. Sie einfach in eine normale Pflegefamilie zu stecken, wäre falsch. Wir sind ein Heim für Härtefälle. Wir geben ihnen die Zeit und Aufmerksamkeit, die der Staat oft nicht leisten kann. Ich muss es wissen. Ich war selbst in der Situation. Ohne Mama Mae, Papa Joe und Aunt Chris wäre ich heute nicht mehr hier.
Die meisten normalen Pflegeeltern haben keine Ahnung, wie sie mit solchen Traumata umgehen sollen. Ihnen fehlt oft das Geld für teure Therapien. Sie wissen auch nicht, was sie tun sollen, wenn ein Kind nachts schreit oder eine Panikattacke bekommt. Jeder von uns hat andere Dinge, die diese Angst auslösen.
Viele Mädchen sind völlig verängstigt, wenn sie ankommen. Sie trauen sich nicht, jemanden anzusehen, und starren nur auf den Boden. Sie zucken zusammen, wenn man sich zu schnell bewegt. Wenn man mal lauter wird, rennen sie weg und verkriechen sich in einer Ecke. Sie erwarten sofort Schläge oder Schlimmeres, sobald jemand wütend wirkt.
Wenn fremde Erwachsene da sind, sagen sie keinen Ton, außer man fragt sie direkt etwas. Und selbst dann flüstern sie meistens nur. Auch bei Berührungen ist jedes Kind anders. Manche wollen einfach nur gehalten werden. Aber die meisten zucken zurück, wenn man sie berühren will. Diejenigen, die missbraucht wurden, haben große Angst davor, angefasst zu werden oder sich vor anderen auszuziehen. Manchmal schämen sie sich für ihre Narben, aber meistens ist es einfach die nackte Angst, dass es wieder passiert.
Wenn wir Frauen über 18 aufnehmen, dann meistens, um sie zu verstecken. Entweder bis ihre Anwälte eine neue Identität besorgt haben oder bis sie vor Gericht gegen ihre Peiniger aussagen können.
Papa Joe und Aunt Mae nehmen sie ungern länger als ein oder zwei Wochen auf. Es kann die Kinder in Gefahr bringen, wenn die Verfolger hier auftauchen. Wir haben einen Schutzraum im Keller für bis zu 20 Personen und einen weiteren bei den Helfern im Stall. Zum Glück mussten wir sie noch nie benutzen. Ich hasse Räume ohne Fenster. Ich bekomme dann das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Sobald die Tür hinter mir zugeht, dauert es meist nur Minuten, bis die Panik kommt.
Alle Erwachsenen haben Handys, bei denen die Polizei auf Kurzwahltaste 1 liegt. Wenn man dem Sheriff eine SMS mit dem Wort „The Farm“ schickt, weiß er Bescheid. Er schickt dann jede verfügbare Streife zu uns, aber es dauert trotzdem eine Weile, bis sie hier sind. Zum Glück mussten wir das bisher erst einmal testen, als dieser Mann seine Frau holen wollte. Es ist aber gut zu wissen, dass sie im Notfall so schnell wie möglich kommen.
Wie dem auch sei, ich habe endlich alle Spielsachen weggeräumt und die Schmutzwäsche eingesammelt. Jetzt mache ich mich auf den Weg in die Waschküche. Bei all den Kindern, die wir gerade hier haben, muss man jeden Tag waschen. Sonst werden die Berge so groß, dass man den ganzen Tag damit beschäftigt ist. Und diese Zeit habe ich einfach nicht, weil ich mich um so viele Kinder kümmern muss.
Gott sei Dank muss ich meistens nur die Sachen der Kleinen waschen. Von den älteren Mädchen wird erwartet, dass sie ihre Wäsche selbst machen. Sie müssen auch beim Putzen und Kochen helfen. So bleibt nicht alles an mir, Mama Mae und Tante Chris hängen.
Wir haben nicht immer ältere Mädchen, die mithelfen können. Manchmal wehren sie sich auch dagegen. Sie sagen dann, dass sie nicht unsere unbezahlten Sklaven oder Dienstmädchen sind. Aber wir machen ihnen die Regeln schnell klar: Wer nicht beim Kochen hilft, bekommt auch nichts zu essen. Wer nicht putzen will, dessen Zimmer bleibt eben dreckig. Und wer seine Wäsche nicht wäscht, muss schmutzige Klamotten tragen.
Manche finden diese Regeln unfair. Aber wir erklären ihnen, dass es unfair ist, wenn wir sie bedienen müssen, obwohl sie alles selbst können. Wenn sie weiter streiten und nicht helfen wollen, gibt es eine klare Ansage. Dann kommen sie zurück in die Stadt, ins staatliche Pflegesystem oder in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Meistens ändern sie ihre Meinung dann ziemlich schnell.
Im Moment sind wir nur zu viert: Papa Joe, Mama Mae, Tante Chris und ich. Meistens kümmern wir uns zu zweit um die Kinder, während Papa Joe und Tante Chris sich um den Hof kümmern. Tante Chris betreibt auch den Gemüsestand, den sie immer dienstags, donnerstags und samstags öffnet.
Mittwochs kommt immer Dr. Jill vorbei, eine Kinderpsychologin. Sie hört sich die Geschichten der Neuankömmlinge an und schaut, wie es ihnen geht. Sie redet aber auch mit den Kindern, die schon länger da sind. Reden ist oft der beste Weg, um Erlebtes zu verarbeiten. Man muss den Kindern klarmachen, dass die Leute, die ihnen wehgetan haben, krank sind. Es war nie die Schuld der Kinder, wie sie behandelt wurden. Oft haben die Täter den Kindern eingeprügelt, dass sie bestraft werden, weil sie böse waren. Dabei hatten sie gar nichts falsch gemacht.
Papa Joe besteht darauf, dass jeder Neue mit Dr. Jill spricht. Das kam nach einem Vorfall mit einem etwa zehnjährigen Jungen. Der Junge war genauso psychotisch wie seine Eltern. Papa Joe hatte ihm das Fernsehen verboten, weil er üble Schimpfwörter benutzt hatte – ein absolutes No-Go auf der Farm. Daraufhin wollte der Junge Papa Joe mit einem Küchenmesser angreifen.
Zum Glück wurde niemand verletzt. Papa Joe konnte ihn entwaffnen und in sein Zimmer sperren. Dann rief er die Sozialarbeiterin an, die mit der Polizei kam und ihn in eine Psychiatrie brachte. Soweit ich weiß, ist er immer noch dort und wird wohl auch noch lange bleiben.
Dr. Jill und ich sind mittlerweile befreundet. Jedes Mal, wenn sie kommt, hält sie kurz an, grüßt mich und plaudert ein bisschen. Sie hat mir sehr geholfen. Früher bin ich bei jeder schnellen Bewegung oder lauten Stimme zusammengezuckt. Heute kann ich den Leuten wieder in die Augen schauen. Zumindest kurz, solange sie mich nicht anstarren oder wütend aussehen.
Ich schaffe es auch, weniger als drei Meter Abstand zu einem Mann zu halten, ohne völlig durchzudrehen. Das war ein riesiger Erfolg für mich. Trotzdem muss ich zugeben: Wenn mir jemand näher als einen Meter kommt, fühlt sich mein Magen an, als wolle er oben rausspringen. Dr. Jill sagt, ich soll es langsam angehen und mich nicht unter Druck setzen. Manchmal ist es eben gut, bei Fremden vorsichtig zu sein.
Dann gibt es noch Carrie, eine Lehrerin. Sie kommt bei Bedarf vorbei und gibt Nachhilfe für die Kinder, die in der Schule Probleme haben. Mama Mae ist gelernte Lehrerin und unterrichtet meistens die Großen. Ich kümmere mich um die einfachen Sachen. Ich helfe den Kleinen beim Lesen und Schreiben oder beim Rechnen. Dank Mama Mae und Online-Kursen konnte ich meinen Schulabschluss nachholen. In eine normale Schule hätte ich niemals gehen können.
Ich komme in die Küche und sehe die drei am Tisch sitzen. Sie trinken Kaffee und unterhalten sich. Ich höre Papa Joe sagen: „Der Monster Slayers MC hat ein Mädchen gerettet und mich um Hilfe gebeten. Sie schätzen sie auf etwa 16 Jahre. Sie ist in einem ziemlich schlimmen Zustand. Sie wollten ihr helfen, aber sie lässt niemanden an sich ran, außer die Frauen. Selbst bei denen hat sie Probleme, wenn sie ihr zu nahe kommen.“
„Tja, das wäre dann unser letztes freies Zimmer. Dann sind wir voll belegt. Aber bald ist ja wieder Kennenlerntag. Hoffentlich finden ein paar unserer Schützlinge ein endgültiges Zuhause. Diesen Monat kommen über 20 Paare“, sagt Mama Mae.
Der „Kennenlerntag“ findet einmal im Monat statt, meistens am zweiten Samstag. Leute, die adoptieren wollen, kommen vorbei und beschäftigen sich mit den Kindern. Bevor es losgeht, werden alle Erwachsenen vorgewarnt: Diese Kinder haben Schlimmes erlebt. Man erklärt ihnen, dass die Kleinen große Probleme haben, Vertrauen zu fassen. Das gilt besonders bei Berührungen, Privatsphäre oder lauten Geräuschen.
Nur Kinder, die bereit für eine Adoption sind, nehmen daran teil. Zum Glück trifft das auf alle Kinder zu, die gerade bei uns sind. Wenn ein Paar sich für ein Kind interessiert, gibt Jill ihnen eine Liste mit den Problemen des Kindes. Wenn sie dann immer noch wollen, müssen sie erst mit Jill und Mama Mae sprechen. Erst danach gibt es Termine für Einzelgespräche mit den Kindern.
Bei diesen Treffen sind Mama Mae und Dr. Jill dabei. Man trifft sich in einem Spielzimmer in Jills Praxis. Dort verbringen die Paare Zeit mit dem Kind. Wenn die Chemie stimmt und das Kind einverstanden ist, beginnt der Adoptionsprozess. Das bedeutet, das Paar nimmt das Kind erst einmal zur Pflege auf. Nach einer Weile wird alles noch mal geprüft, bevor die endgültige Erlaubnis zur Adoption kommt. Die Kinder wissen, dass sie jederzeit Nein sagen können. Sie haben die volle Kontrolle über die Entscheidung.
Die älteren Kinder sind oft eine große Hilfe beim Kennenlerntag. Sie sind meist länger hier als die Kleinen. Sie hören zu, beobachten alles und berichten Mama Mae und Onkel Joe von ihren Eindrücken. Ich bin fast immer dabei, hauptsächlich als seelische Unterstützung für die Kinder.
Als ich die Küche betrete, sieht Papa Joe mich an. „Marley, gut dass du da bist. Ich muss mit dir über etwas sprechen.“
„Klar, Papa Joe. Was gibt's?“, antworte ich. Ich gieße mir einen koffeinfreien Kaffee ein und setze mich zu ihnen an den Tisch.
„Ein MC, mit dem ich schon früher Kinder gerettet habe, hat sich gemeldet. Sie haben ein Mädchen aus einer Lage befreit, die ähnlich wie deine damals war. Wir sollen sie aufnehmen. Sie ist wohl 16. Es geht ihr nicht ganz so dreckig wie dir damals, aber sie hat panische Angst vor den Bikern. Meinst du, du könntest mit mir kommen, um sie abzuholen? Der Prez hat versprochen, dass alle Biker aus dem Clubhaus verschwinden, wenn wir kommen. Niemand wird da sein, bei dem ihr euch unwohl fühlen müsst“, sagt Papa Joe.
„Ich würde ja mitfahren, aber meine Hüfte macht mir so zu schaffen. Ich halte es nicht aus, so lange im Auto zu sitzen. Außerdem muss ich das Essen für den Kennenlerntag vorbereiten“, sagt Mama Mae.
Mein erster Impuls war, Nein zu sagen. Aber ich schluckte meine Angst hinunter und nickte. Ich durfte nicht zulassen, dass meine Vergangenheit mich ewig ausbremst. Ich schuldete Mama Mae und Papa Joe so viel. Außer der Arbeit auf dem Hof baten sie mich fast nie um etwas. Sie hatten mir mehr gegeben, als ich jemals zurückzahlen könnte. Da war das Mindeste, ihnen zu helfen, wenn sie mich brauchten. „Wann fahren wir los?“
„Morgen früh. Wir fahren spätestens um acht Uhr los, gleich nachdem die Kinder versorgt sind und wir gefrühstückt haben. Mama Mae und die Großen passen auf die Kleinen auf“, erklärt Papa Joe.
„Wo müssen wir hin?“, frage ich.
„Es ist etwa 45 Minuten von hier entfernt, in der Nähe von Jackson. Der Prez hat mir versichert, dass das Haus leer ist, wenn wir ankommen. Nur er und sein Vize werden da sein. Keine Sorge, ich habe ihnen gesagt, dass sie Abstand halten müssen“, sagt Papa Joe.
„Okay. Ich bin bereit“, sage ich und versuche, tapferer zu klingen, als ich mich fühle.
„Gutes Mädchen“, sagt Mama Mae mit einem breiten Lächeln. „Tja, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich nehme jetzt ein langes Bad und haue mich dann aufs Ohr. Ich bin müde.“ Sie schiebt ihren Stuhl zurück, spült ihre Tasse ab und hinkt aus der Küche.
„Ich muss noch die Wäsche der Kinder fertig machen“, sage ich. Ich spüle ebenfalls meine Tasse und gehe zurück in die Waschküche. Ich höre noch, wie Tante Chris Papa Joe etwas zuflüstert. Aber sie hat eine Stimme, die man immer hört, egal wie leise sie sein will.
„Glaubst du, sie packt das?“, fragt Tante Chris.
„Ich hoffe es, sonst habe ich bald zwei verängstigte Mädchen an der Backe“, sagt Papa Joe. „Aber ich wollte nicht, dass sie das Mädchen hierher bringen. Du weißt, ich gebe unseren Standort ungern preis. Deshalb machen wir auch den Kennenlerntag woanders. Außerdem kommen die Kinder so mal raus in den Park und weg von der Farm.“
„Glaubst du, wir haben diesen Monat Erfolg mit den Adoptionen?“, fragt Tante Chris.
„Ich bin sicher, dass das Baby vermittelt wird, falls wir die Eltern bis dahin nicht finden. Und vielleicht die kleine Bailey, sie ist ja erst drei. Oder Tina, sie ist vier. Je älter sie werden, desto schwerer wird es, aber ich gebe die Hoffnung nie auf“, sagt Papa Joe. Er musste immer aufpassen, dass er sein Herz nicht zu sehr an die Kinder verliert. Es war jedes Mal hart, sie ziehen zu lassen. Das ist etwas, womit auch ich jedes Mal zu kämpfen habe.
„Weißt du genaueres, wo das neue Mädchen herkommt?“, fragt Tante Chris.
„Nicht wirklich. Nur dass sie von jemandem gerettet wurde, der sie misshandelt hat. Er wollte sie wohl in ein Puff stecken, damit sie Geld ranschafft“, sagt Papa Joe.
„Und sie ist erst 16?“, fragt Tante Chris entsetzt.
„Ja. Ich schaue jetzt noch Nachrichten und gehe dann ins Bett. Morgen wird wahrscheinlich ein anstrengender Tag“, sagt Papa Joe und steht auf.
Ich höre, wie sie die Küche verlassen. Papa Joe geht ins Wohnzimmer zum Fernseher und Tante Chris in ihr Schlafzimmer. Ich stehe am Fenster der Waschküche und schaue in den Garten. Es ist fast Vollmond und die Nacht ist klar. Der Garten liegt friedlich im Mondlicht. Ich atme tief durch und mache mir selbst Mut. „Ich schaffe das. Es werden nicht viele Männer da sein und sie wissen, dass sie Abstand halten müssen. Außerdem ist Papa Joe dabei, er beschützt mich.“
Ich wünschte, ich könnte diese Angst ablegen, wenn mir Männer zu nahe kommen. Aber jedes Mal, wenn ich einen ranlasse, wird die Angst übermächtig. Ich kann das nicht noch einmal durchmachen. Ich will doch einfach nur normal sein. In meinem Alter sollte ich eigentlich schon Verabredungen und einen Freund gehabt haben. Und den ersten Kuss. Ich wünsche mir das zwar, aber ich habe schreckliche Angst vor körperlicher Nähe – außer bei Max.
Ich will ein ganz normales Leben. Manchmal sehne ich mich nach einem starken Mann, der mich in den Arm nimmt und mich einfach nur hält, damit ich mich geliebt fühle. Aber Randy hat alles kaputt gemacht! Verdammt soll er sein!
Ich versuche wirklich, das Erlebte zu vergessen. Aber jedes Mal, wenn ein neues Kind kommt, frage ich mich, ob es dasselbe durchmachen musste wie ich.
Ich mache die Wäsche fertig und trage den vollen Korb nach oben. In jedem Zimmer räume ich die Sachen weg. Ich schaue nach den Kindern, decke sie zu und gehe dann in mein eigenes Zimmer. Ich dusche, wasche meine Haare und föhne sie trocken, bevor ich sie flechte. Dann ziehe ich meinen Schlafanzug an und krieche ins Bett. Ich liege da, starre in den Nachthimmel und denke an morgen. Irgendwann schlafe ich ein, aber wie erwartet schleichen sich die Albträume in meinen Schlaf.