Fallen
LARA
Mit zitternden Fingern setzte ich die Gitarre ab und ließ die letzten Töne im Raum verhallen. Die letzte Note vibrierte noch in der Luft, während ich meine Hand öffnete und schloss, um das Kribbeln zu vertreiben. Ein tiefer Atemzug, und ich spürte, wie mein Puls langsam zur Ruhe kam.
Ich blickte über die wenigen Gäste, die zu so später Stunde noch in der Bar verweilten.
Nach zwei Stunden ununterbrochenen Singens fühlte sich meine Kehler staubtrocken an. Ein paar Lieder mehr und meine Stimme würde versagen – nicht dass es hier jemanden kümmern würde. In dieser Bar klatschte niemand.
Deswegen war ich auch nicht hierher.
Jeder Tag glich dem anderen. Ich kam für das Ritual: die abgewetzten Barhocker, die Gesichter im Halbdunkel, den Geruch von altem Holz und verschüttetem Bier. Meine Finger fanden dieselben Akkorde, meine Kehle formte dieselben Worte, während draußen dieselben Sterne über der Stadt standen.
Und doch – wenn der Minutenzeiger auf zwei Uhr morgens zeigte, gab es keinen Ort auf der Welt, an dem ich lieber gewesen wäre. Ich wollte hier sein, zwischen, einsamen und verlorenen Seelen.
Ihre Anwesenheit würde mir helfen, den Schlaf zu finden – diese stillen Zeugen, dass ich mit meiner Einsamkeit nicht allein war.Die Hälfte der Gesichter hier kannte ich mittlerweile. Hinter jedem verbarg sich eine Geschichte von Verlust oder Enttäuschung, die sie Nacht für Nacht an diese Theke trieb.Genau wie mich.“Mike, einen Scotch”, sagte ich und lehnte mich gegen die abgenutzte Holztheke.Ich kippte diesen einen Drink jeden Abend hinunter, wie ein heiliges Abendmahl der Verdammten – ein letzter Aufschub, bevor ich in das zurückkehren musste, was man mir als Zuhause aufgezwungen hatte.
Mit dem gewohnten Stirnrunzeln schob Mike mir das volle Glas über die Theke. “Eines wird zu zweien, und zweie zu vielen,” murmelte er, sein Blick eine Mischung aus Sorge und Resignation.
“Ein Glas. Das wird mich nicht umbringen”, antwortete ich, wie so viele Nächte zuvor und ekelte mich schon vor dem ersten Schluck.
Zwei Monate waren vergangen, seit ich bei Kane Raven aufgewacht war. Sechzig Tage, an denen ich mir jeden Morgen in diesem fremden, viel zu großen Bett eingeredet hatte, alles sei nur ein schlechter Scherz, und ich könnte jederzeit einfach gehen.
Sechzig Nächte, in denen mein einziger Trost der fade Whiskey in meiner Kehle war, und die immergleichen Lieder, die ich für ein Publikum sang, das sich einen Dreck um mich scherte.
Zwei Monate, in denen ich nicht einen Blick auf mein altes Leben werfen durfte, in denen ich nicht wusste, ob irgendjemand außerhalb dieser Bar noch wusste, dass ich existierte.
Ich hatte jede erdenkliche Möglichkeit ausprobiert, meinem neuen Wächter zu entkommen: Heimliche Fluchten bei Nacht, Nachrichten an den alten Barkeeper, sogar ein letzter, verzweifelter Versuch, Kane Raven zur Rede zu stellen. Alles war gescheitert.
Die wenigen Kontakte, die ich herstellen konnte, verliefen im Sand. Und jedes Mal, wenn ich zu gehen versuchte, standen seine Leute schon an der Tür, höflich wie Spalierdiener, die mir den Weg zurück ins Zimmer wiesen.
Die Tage wurden durchlässig, verschwammen ineinander. Ich gewöhnte mich an das monotone Pochen meines Herzens, an die abweisenden Blicke der Männer in Schwarz, an das ständige Gefühl, auf Bewährung zu sein.
Mit jedem Tag schwand die Hoffnung, dass noch irgendetwas von dem alten Ich übrig war, dass ich mehr war als eine Figur in diesem absurden Stück.
Zwei Monate ohne Nachricht meines Mates, noch einer Erklärung von Kane Raven, warum ich hier war.
Zu meiner eigenen Sicherheit, war keine ausreichende, noch zufriedenstellende Antwort.
Die Gerüchte in seinem Haus über mein Mate Adam machten mich krank und es dauerte zwei Wochen, bis er gestattete, dass ich nach dem täglichen Training hier singen durfte.
Diese wenigen Stunden waren mein einziger Hauch von Freiheit – ein Käfig mit offener Tür, bevor ich zurück in den verschlossenen musste. Der Whiskey brannte sich seinen Weg meine Kehle hinunter, bitter und beißend, und ich verzog das Gesicht.
Ich prostete Mike dreimal zu. Einen Toast auf jedes Gefängnis, in dem ich bislang war. Erst bei Ben, dann bei Adam und jetzt bei Kane.
“Drei sollten genug sein”, murmelte ich und leerte das Glas und stellte es auf dem Tresen ab.
“Drei von was?”
Drei von was. Die Worte hallten in meinem Kopf nach, aber nicht ihr Sinn. Es war seine Stimme – tief und rau wie Kies. Ich versuchte, den Klang festzuhalten, doch er verblasste mit jedem Herzschlag. Mein Körper spannte sich unwillkürlich an, als ich seinen Blick auf mir spürte – kalt und durchdringend wie Winterluft. Vertraut, dieser Blick. Zu vertraut.
Mit einer abrupten Bewegung rutschte ich vom Barhocker, die Beine plötzlich steif.
“Scher dich um deinen eigenen Dreck,” zischte ich zwischen zusammengepressten Zähnen. Die Worte schmeckten bitter. Hier war ich selbst nur ein Schatten, der durch fremde Räume glitt – ein Gast.
Wie eine Trophäe, die man von Hand zu Hand reicht – so fühlte ich mich zwischen diesen Alphas. Der Gedanke brannte in meiner Kehle stärker als der Whiskey.Langsam wandte ich mich zu ihm um. Ausgerechnet er, der mir vor ein paar Tagen ins Gesicht gesagt hatte, dass mein Leben eine einzige Fehlentscheidung war.Seine mitternachtsblauen Augen musterten mich durch einen Vorhang aus dunklen Locken, während seine Finger mein leeres Glas zur Seite schoben.Ein Fremder in dieser Bar. Keiner der üblichen Stammgäste, die Abend für Abend schweigend meinen Liedern lauschten.“Du hast sicher keine Ahnung, wie Enttäuschung schmeckt”, murmelte ich und zog das Glas wieder zu mir. Seine Hand schnellte vor, hielt es fest.“Die einzige Enttäuschung hier bist du”, erwiderte er scharf.
Ich lachte ihn bitter an, was wusste er schon von mir? Was wusste er davon, was mir passiert war. Was würde einem so hübschen Kerl wie ihm schon widerfahren, dass seine Worte rechtfertigte.
Ich drehte ihm den Rücken zu. “Dann sieh einfach weg,” zischte ich durch die Zähne.Mein Blick fiel auf die Bühne, wo meine Gitarre verlassen im Scheinwerferlicht stand.“Scheiße,” murmelte ich und stürzte durch den Raum. Die Gitarre war mein einziger Besitz von Wert – ein Zugeständnis, das Kane mir nur widerwillig gemacht hatte, mit der klaren Warnung, dass es keine zweite geben würde.Mit geübten Bewegungen verstaute ich sie in ihrem Koffer, strich einmal über den abgenutzten Stoff und schloss den Reißverschluss. Achtzehn Stunden Gefangenschaft, bis meine Finger wieder über diese Saiten gleiten durften.
Adams Gesicht verschwamm mit jedem Auftritt wie ein verblassendes Foto. Die Bar hingegen wurde klarer, schärfer, notwendiger mit jedem Abend. Ich ertappte mich dabei, wie ich seine Umrisse in meinem Kopf suchte und mich fragte: Warum halte ich überhaupt noch an ihm fest? Der Mann, der mich aus meinem Leben gerissen hatte wie eine unerwünschte Seite aus einem Buch. Der mich wie einen Fehler behandelt hatte, bis er beschloss, dass ich doch etwas wert war – nur um mich dann ohne ein Wort wegzuwerfen wie einen ausgedienten Gegenstand. Ich schulterte meine Gitarre und trat hinaus in die Nacht, wo die Kälte an meiner Haut knabberte.
Acht schwarze Silhouetten standen wie immer vor der Bar, Kanes Wölfe, die mich zurück in meinen Käfig eskortieren würden. Mit einer knappen Handbewegung wies einer von ihnen auf die wartende Limousine, während ein anderer die Tür aufhielt – eine höfliche Geste für eine Gefangene.
Mit einem letzten Blick zur Bar – diesem Ort, der noch ein paar Stunden auf mich warten würde – stieg ich in den Wagen. Auf dem Rücksitz rutschte ich zur Mitte, machte mich klein, unsichtbar.
Das Ritual war immer dasselbe: vier Wölfe um mich herum positioniert wie lebende Käfigstäbe. Zwei vorne, einer links, einer rechts.
Die Türen fielen zu, ein synchrones Geräusch wie ein Schloss, das einrastet. Mein Blick wanderte wieder zum erleuchteten Eingang der Bar – morgen erst würde ich zurückkehren dürfen. Für ein paar kostbare Stunden Zuflucht.
In diesen Stunden fand ich zu mir selbst zurück, konnte atmen. Und akzeptieren, was ich geworden war: eine gefallene Mate.
Zurückgelassen.
Vor der Bartür erschien der selbe Typ, der mich vor ein paar Minuten beleidigt hatte. Mein Blick erfasste zuerst die schwarze Jeans, dann das dunkle Shirt, und blieb schließlich an den mitternachtsblauen Augen hängen, die mich schon einmal heute Abend durchbohrt hatten. Seine Hände verschwanden lässig in den Hosentaschen, während er dort stand, als gehöre ihm die Welt.
Seine dunkelbraunen Haare wirkten jetzt fast schwarz, nur an seinem Hinterkopf, der von der Barbeleuchtung angestrahlt wurde, sah man, dass es eigentlich braun war.
Mit einer nervösen Bewegung zog ich den Kragen meiner Lederjacke bis zum Kinn hoch und presste meine Arme schützend vor die Brust. Etwas in mir schrie Gefahr.
Mein Magen verkrampfte sich. Dieser Mann war mir fremd, und doch – mein Körper reagierte auf ihn, wie auf eine längst verheilte Narbe, die plötzlich wieder zu schmerzen beginnt.
Seine mitternachtsblauen Augen fixierten mich durch die Autoscheibe – ein seltsames Gemisch aus Verachtung und etwas, das fast wie Reue wirkte.
Sein Blick trug eine Vertrautheit, die mich verstörte – als hätte er mich schon immer gekannt, obwohl wir uns erst vor Tagen begegnet waren.
Der Motor heulte auf, der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein letzter Blick zurück zeigte nur noch Schatten, wo er gestanden hatte.
Mit gesenktem Kopf verbarg ich meine Unruhe vor den Wächtern. Niemand sollte sehen, wie ein Fremder mich verwirrte. Die kurze Fahrt zu Kanes Anwesen dauerte nur Minuten, doch sein Gesicht verfolgte mich die ganze Strecke.
Er benahm sich, als wäre er der Alpha hier, oder zumindest der Herrscher über diesen schäbigen Straßenzug, auf dem die Bar war.
In seinen schwarzen Jeans, die tief auf den Hüften saßen, einem Shirt, das so eng anlag, als wolle es die Muskeln darunter herausfordern, und mit diesem Gesicht, das ich gerne vergessen hätte, aber nicht konnte, weil es mich wie ein Magnet immer wieder in seinen Bann zog. Die Haare fielen ihm zu lässig in die Stirn. Seine Haltung war auffällig entspannt, als hätte er die Kunst perfektioniert, nirgendwo hinzugehören und doch überall Kontrolle auszuüben.
Mir wurde auf einen Schlag klar, wie falsch es war, ihn für einen zufälligen Besucher zu halten. Typen wie ihn gab es in dieser Gegend nicht zufällig: nicht zu dieser Zeit, nicht an diesem Ort, und schon gar nicht mit dieser Aura, die jeden Meter Luft um ihn herum zu besitzen schien.
Seine Anwesenheit war nicht zufällig.
Er hatte mich vorhin in aller Öffentlichkeit beleidigt. Erst jetzt fiel mir auf, dass keiner der Wölfe, die Kane als meine Schatten abgestellt hatte, darauf reagierte. Nicht der Hauch eines Zuckens, als er vor der Bar stand.
Kein Anzeichen, dass er vielleicht nur ein cleverer Gast war. Die Art, wie er sich bewegte, wie er die Luft im Raum einnahm, verriet, dass er dazugehörte.
Er stand er einfach da, als hätte er alle Zeit der Welt, während meine Aufpasser ein paar Meter entfernt taten, als bemerken sie ihn nicht.
Sie hatten Anweisung. Lass ihn gewähren – er gehört uns.
Er war einer von ihnen.








