Kapitel 1
Erwartung und Realität . . .
Diese beiden Wörter sind in meinen Augen totale Gegenteile. Erwartung ist meistens einfach nur eine Fantasie. Die Realität ist dann die eiskalte Dusche, die diese Fantasie gnadenlos wegspült. Zumindest ist das meine Erfahrung. Aber gut, ich habe wohl einfach chronisches Pech.
Weil ich dazu noch unverbesserlich optimistisch bin, werde ich oft von der Realität enttäuscht . . . Und trotzdem lerne ich es einfach nicht.
Das ist auch der Grund, warum ich gerade im Dunkeln unter Declans Bett herumkrieche.
„Hast du ihn schon gefunden, Abby?“, fragt Declan ungeduldig von irgendwo über mir. Die Suche wirkt aussichtslos. Das Chaos unter seinem Bett ist schrecklich. Es sieht so aus, als würde er seinen ganzen Müll einfach hastig darunter fegen, wenn er Besuch von einem Mädchen bekommt.
Und ich bin wahrscheinlich nicht das einzige Mädchen, wird mir klar, während die Tränen immer schneller fließen. Ach ja, das ist die andere Sache, die meine Suche ein wenig behindert. Meine Sicht ist gerade stark eingeschränkt, weil mir massenweise Salzwasser aus den Augen läuft.
„Ich suche noch!“, sage ich. Ich unterdrücke ein Schluchzen und schiebe vorsichtig einen stinkenden Turnschuh beiseite. Dann wische ich mir mit einer Hand über die Augen. Ich versuche, meine Stimme locker und beruhigend klingen zu lassen. „Ich finde ihn bestimmt gleich.“
„Kannst du dich beeilen?“ In seiner Stimme schwingt jetzt Panik mit. Angesichts der Lage kann ich es ihm nicht einmal verübeln.
Man kann wohl sagen, dass meine positiven Erwartungen für den heutigen Tag definitiv zerstört wurden.
Es fing mit dem Mittagessen mit dem Team an. Darauf hatte ich mich wirklich gefreut. Meine Firma bezahlt das immer, und ein kostenloses Essen schlage ich nie aus. Vor allem nicht im TGI Friday, da dort alles ein bisschen überteuert ist. Da ich mich abends mit Dec auf Drinks treffen wollte, konnte ich mich so günstig mit Kohlenhydraten vollstopfen. Eine gute Grundlage für mein geplantes „Bett-Cardio“ später am Abend.
Mein verräterischer Magen knurrte noch immer voller Vorfreude bei dem Gedanken an gefüllte Kartoffelschalen. Doch dann erklärte uns die Frau am Empfang entschuldigend, dass sie keine Reservierung von uns finden könne.
Und dass sie leider keinen Platz hätten, um unsere etwas größere Gruppe so kurzfristig unterzubringen.
Ehrlich gesagt hätte ich in dem Moment heulen können. Das war fast so schlimm wie damals, als ich eine Diät machte und unbedingt einen Schokoriegel wollte. Als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, sündigen zu wollen, war der Automat kaputt. Damals konnte ich einen Nervenzusammenbruch gerade noch so verhindern.
Falls es noch nicht klar ist: Wenn es um Essen geht, verstehe ich keinen Spaß.
Am Ende landeten wir bei Wagamama. Das war ganz nett, aber eben nicht das, was ich essen wollte.
Erwartungen 0 – Realität 1
Dann fing einer meiner Kollegen Streit mit der Person an, die offensichtlich vergessen hatte, bei TGI zu reservieren. Alle waren „hangry“, und die Stimmung war gereizt. Es wurde laut. Leute an anderen Tischen starrten uns an. Es war mir furchtbar peinlich, überhaupt dabei zu sein. Also erfand ich eine Ausrede über ein vergessenes Meeting und flüchtete.
Ich hatte nur ein paar Gabeln von meinem Katsu-Curry geschafft, bevor das Drama losging. Ich war immer noch am Verhungern.
Trotzdem, dachte ich mir auf dem Rückweg ins Büro. Ich hatte nur eine Packung Chips und einen Milky Way dabei. Wenigstens würde ich Dec in ein paar Stunden sehen.
Declan Breslin war mein Freund. Sozusagen.
Okay . . . ich sollte hier wohl ganz ehrlich sein. Er war zehn Monate lang mein Freund gewesen. Unsere Dates waren immer toll. Die Chemie zwischen uns stimmte einfach, sowohl im Alltag als auch im Schlafzimmer. Wir waren für ein langes Wochenende zusammen auf Ibiza. Wir hatten uns gegenseitig gesagt, dass wir uns lieben. Wir hatten sogar kurz – wenn auch im Süff – über eine gemeinsame Zukunft gesprochen.
Deshalb war es ein Schock für mich, als er vor zwei Monaten vorsichtig vorschlug, dass wir eine „Pause machen“ sollten.
„Es ist einfach . . . Es ist alles ein bisschen zu schnell zu intensiv geworden“, sagte er leise. Er tätschelte meine Hand, als wäre ich ein nervöses Kätzchen, das ihn jeden Moment kratzen könnte. „Ich denke, wir müssen einen Schritt zurücktreten. Wir müssen sichergehen, dass wir das beide wirklich wollen.“
„Aber ich will das doch!“, protestierte ich völlig überrumpelt. „Ich will mit dir zusammen sein.“
Er nickte verständnisvoll. „Ich weiß. Und ich glaube, ich will auch mit dir zusammen sein. Aber . . . Schau mal, man vermisst Dinge erst, wenn sie weg sind. Ich muss einfach mal durchatmen, bevor ich mich fest an jemanden binde.“
Ich verstand es nicht. Ich konnte es nicht verstehen. Entweder er wollte mit mir zusammen sein oder eben nicht. Meine Gefühle hatten sich nicht geändert. Liebte er mich etwa nicht mehr? Aber er schaffte es irgendwie, mich zu überzeugen, dass es das Beste sei. Wenn wir ein paar Monate getrennt verbringen würden, wären wir danach umso stärker.
Also war ich in den letzten acht Wochen wahnsinnig geduldig. Ich war schon immer stolz darauf, alles so gut wie möglich zu machen, egal ob im Job oder privat. Also beschloss ich, diese neue Rolle perfekt zu spielen. Ich würde die fantastischste „Nicht-ganz-Ex-aber-auch-nicht-ganz-Freundin“ sein, die es je gab.
Ich zwang mich dazu, ihm nicht ständig zu schreiben. Wenn der Drang zu groß wurde, schrieb ich stattdessen einer Freundin. Wir gingen aus, und ich sorgte dafür, dass ich auf Social Media markiert wurde, wie ich die beste Nacht meines Lebens hatte. Ich suchte im Internet nach den lustigsten Memes, die ich ihm ganz zufällig schicken konnte. Das war besser als die eher vorwurfsvollen Nachrichten, die ich eigentlich schreiben wollte.
Ihr wisst schon, welche Art von Nachrichten ich meine, oder?
„Bist du jetzt bereit zum Reden?“
„Liegt dir eigentlich noch was an mir?“
„Wird diese Pause jemals enden?“
Aber ich weigerte mich, bedürftig zu wirken. Ich gab ihm den Freiraum, den er wollte. Tatsächlich war ich so gut im Vorspielen, dass Declan mir am Ende öfter schrieb als ich ihm. Ich glaube, ich hatte ihn komplett getäuscht.
Was im Nachhinein betrachtet vielleicht mein eigener Fehler war.
Als er fragte, ob wir uns heute Abend auf ein paar Drinks treffen wollen, um uns „auszutauschen“, war ich total aus dem Häuschen. Das war es endlich. Der Moment der Wahrheit. Ich stellte es mir bildlich vor . . .
„Ich lag falsch mit dem Gedanken, dass ich Abstand von dir brauche“, würde er mir sagen. Seine schiefergrauen Augen wären voller Emotionen. „Das waren die schlimmsten zwei Monate meines Lebens.“ Er würde flehentlich meine Hände ergreifen. „Bitte, bitte sag mir, dass sich deine Gefühle nicht geändert haben. Du bist meine Zukunft. Du bist mein Ein und Alles.“
Ja, ich weiß, dass ich mir da was vorgemacht habe. Schieben wir es auf die kleine Optimistin in mir. Die werde ich einfach nicht los, egal wie sehr ich es versuche.
Aber niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich nur wenige Stunden später weinend unter dem Bett liegen würde. Während mein nackter – und jetzt endgültig Ex- – Freund oben am Kopfteil festgekettet ist.
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