Kapitel 1
Sienna
Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, durch die man sich manchmal unertrĂ€glich einsam fĂŒhlen kann.
GlĂŒckliche Paare zu sehen, wenn man sich gerade erst von jemandem getrennt hat â und die Trennung nicht die eigene Wahl war â, fĂ€llt definitiv genau in diese Kategorie.
Im Moment erlebe ich jedoch eine ganz neue, schreckliche Variante genau dieser Art von Folter.
Ich versuche mich so sehr auf mein Buch zu konzentrieren, aber mein wĂŒtender Blick wandert immer wieder zu dem Paar auf der anderen Seite des Pools.
Sie können die Finger nicht voneinander lassen und versuchen, sich eine Sonnenliege zu teilen. Eine haben sie schon geschrottet, wofĂŒr sie von einem Mitarbeiter etwas Anschiss bekommen haben, aber das scheint sie nicht davon abzuhalten, es wieder zu versuchen.
Wie bin ich nur in dieser Situation gelandet? frage ich mich wĂŒtend.
âDieser Urlaub wird der Hammer!â, hatte Kate vor zwei Tagen darauf bestanden, als wir im Flugzeug nach Kefalonia saĂen. âWir nennen es âSiennas groĂe Single-Feierâ.â
âDas mĂŒssen wir wirklich nichtâ, murmelte ich und wĂŒnschte, meine beste Freundin wĂ€re etwas leiser. âEs ist nicht gerade etwas, das ich feiern möchte.â
Vor drei Wochen meinen Freund von zwei Jahren in flagranti mit einer Arbeitskollegin zu erwischen, war verstĂ€ndlicherweise immer noch ein wunder Punkt bei mir. Es ist schon schlimm genug herauszufinden, dass dich jemand betrĂŒgt; das visuelle Bild dazu macht es noch viel schlimmer. (Es hat sich quasi in meine Lider eingebrannt, und das Bild taucht so gut wie jedes Mal auf, wenn ich die Augen schlieĂe. Schlafen war nicht einfach.)
Dann zu entdecken, dass er sie tatsĂ€chlich schon seit fast der HĂ€lfte unserer sogenannten Beziehung nebenher gepoppt hatte â eine Beziehung, wohlgemerkt, bei der ich dachte, wir wĂŒrden bald zusammenziehen â, war der Schlag ins Herz, den ich echt nicht gebraucht habe. Vor allem, als er dann mit mir Schluss machte, um mit ihr zusammenzuziehen.
Ich sollte wohl froh sein, dass wir noch nicht zusammenwohnten, als ich die Wahrheit herausfand. Es wĂ€re viel schwieriger gewesen, unsere Leben zu entwirren, wenn das der Fall gewesen wĂ€re. Ich wĂŒnschte jetzt allerdings, Greg hĂ€tte mir keinen SchlĂŒssel zu seiner Wohnung gegeben. Er hatte mir Hoffnung auf eine Zukunft mit ihm gemacht und mir diese Zukunft dann entrissen, als ich seinen Verrat mit ansehen musste.
Ich war direkt nach der ganzen Sache natĂŒrlich völlig am Ende, und Kate entschied, dass die beste Art, mir ĂŒber den Trennungsschmerz hinwegzuhelfen, ein gemeinsamer Urlaub sei.
Mir war eigentlich gar nicht danach zumute.
Ehrlich gesagt war mir nach gar nichts zumute. Ich wollte eigentlich nur in meiner Wohnung versauern, mich von Haribo und Rhabarber-Gin ernĂ€hren und dazu meine eigene Heulerei und Folgen von âModern Familyâ hören. Das war jetzt mein Leben. TagsĂŒber ging ich zur Arbeit, setzte ein tapferes Gesicht auf und tat so, als wĂ€re ich professionell. Danach kam ich nach Hause und suhlte mich im Elend, Alkohol und Weingummi.
Kate lieĂ jedoch nicht locker. Deshalb saĂ ich nun im Flugzeug, mit einem Plastikbecher ĂŒberteuertem, lauwarmem WeiĂwein in der einen und einer winzigen, ebenso ĂŒberteuerten Packung Pringles Sour Cream & Onion in der anderen Hand â das ultimative Klischee beim Fliegen â wĂ€hrend sie mir aufgeregt ihre PlĂ€ne fĂŒr uns erzĂ€hlte.
âWir gehen jeden Abend schick essenâ, sagte sie begeistert. âIch habe ein paar Restaurants bei TripAdvisor rausgesucht. Es gibt so viele LĂ€den mit gebackenem Feta auf der Karte, du wirst im siebten Himmel sein!â
Ich liebe KĂ€se. Bei dem Gedanken an gebackenen griechischen KĂ€se spĂŒrte ich einen winzigen Funken Hoffnung in mir aufsteigen und merkte, wie sich ein ganz kleines LĂ€cheln auf meine Lippen stahl. Momentan ergriff und klammerte ich mich an jedes bisschen GlĂŒck, das ich finden konnte. Ich schĂ€mte mich nicht dafĂŒr.
âDie Inselhauptstadt liegt auch gleich hinter dem HĂŒgel, wo wir wohnen, also können wir dorthin laufen â vielleicht können wir uns sogar ein Auto mietenâ, fuhr sie aufgeregt fort. âOder einen Bootsausflug machen?â
Sie stieĂ ihren Becher gegen meinen fĂŒr ein halbherziges âProstâ. Mit Plastik hat das nicht wirklich den gleichen Effekt, aber ich versuchte in Stimmung zu kommen und nahm einen groĂen Schluck Wein.
âDas wird ein riesiger SpaĂâ, schloss sie und lĂ€chelte zufrieden. âWir werden dich komplett ĂŒber diesen Wichser Greg hinwegbringen.â
Ich hatte fast angefangen, ihr zu glauben.
Wir waren an jenem ersten Tag frĂŒh genug in Lassi angekommen, um ein paar Drinks am Pool zu nehmen. Ich fing an, mich etwas entspannter zu fĂŒhlen, so wie man sich eben im sonnigen Urlaub im Ausland fĂŒhlt.
Ich postete sogar ein Foto auf Facebook, diesen alten Klassiker âHot Dogs oder Beineâ, auf dem man den Ausblick von meiner Sonnenliege sieht, wĂ€hrend ich eine Flasche Mythos in der Hand halte. (Jeder weiĂ, dass man so ein Foto posten muss, wĂ€hrend alle anderen zu Hause noch arbeiten, damit man ihnen unter die Nase reiben kann, dass man im Urlaub ist und sie nicht â das ist ein ungeschriebenes Gesetz der sozialen Medien.)
Nachdem wir uns ein paar Stunden in der spĂ€ten Maisonne gebraten hatten, zogen wir uns hĂŒbsche Sommerkleider an, legten ein bisschen Make-up auf und gingen in eines der nahegelegenen Restaurants. Wir stopften uns mit gebackenem Feta, Moussaka, einer Zehn-Euro-Liter-Karaffe WeiĂwein und ein bisschen Baklava voll. Es war so viel, wie ich seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen hatte â mein Appetit geht nur dann flöten, wenn mein Herz gebrochen ist.
Als wir zurĂŒck in unserem Apartmentkomplex waren, war die Poolbar beleuchtet und voller Leute, dazu lief lebhafte Musik. Wir tanzten, tranken noch etwas und unterhielten uns mit anderen GĂ€sten, bevor ich mich entschuldigte, um ins Bett zu schlĂŒpfen. Unser Flug war frĂŒh gewesen und ich war hundemĂŒde. âIch komme mitâ, bot Kate an, aber sie war noch voller Tatendrang und hatte SpaĂ, also sagte ich ihr, sie solle bleiben.
Das war wohl ein Fehler, denke ich jetzt, wĂ€hrend ich dem notgeilen Paar weiterhin heimlich wĂŒtende Blicke zuwerfe.
Denn kurz nachdem ich die Bar verlassen hatte, traf Kate Jack . . . und seit fast anderthalb Tagen kleben sie nun schon so aneinander.
Ein glĂŒckliches Paar ist schon schlimm genug... aber wenn die eine HĂ€lfte des glĂŒcklichen Paares die Freundin ist, mit der du in den Urlaub gefahren bist, um MĂ€nner zu vergessen . . . Dann ist es erst recht ein Albtraum.