1
I
Hell und warm schien die Morgensonne in einen weiten Hof, der zu einem langgestreckten Haus gehörte. Aus einem Strauch, der am Rande dieses Hofes unweit der Hauswand stand, war leises Zwitschern zu hören. Langsam öffnete der kleine Spatz seine Augen und blinzelte in die Sonne, die freundlich durch das Blätterdach schimmerte. Der kleine Vogel öffnete seine Augen weit und breitete freudig seine Flügel aus. Aufgeregt hüpfte er von Zweig zu Zweig, aus dem Schutz des Dickichts hinauf, der Sonne entgegen. Der kleine Spatz sprang an den anderen Spatzen vorbei, die mit ihrem Gesang freudig den neuen Tag begrüßten, brach durch die Blätter und landete auf dem höchsten Zweig. Die Sonne strahlte hell und der kleine Spatz stimmte freudig in das Lied der anderen Spatzen ein. Er breitete seine Flügel aus und schwang sich in die Lüfte. In einer Schleife flog er über den Hof, landete auf einer Fensterbank, balancierte darüber und öffnete seinen Schnabel um erneut ein Lied anzustimmen, doch erregte etwas im inneren des Hauses seine Aufmerksamkeit. Der Spatz blickte durch die Fensterscheibe in einen kleinen Raum hinein, über einen Tisch, hin zu einem Bett. In dem Bett lag ausgestreckt ein großer Mann. Neugierig beobachtete der kleine Vogel wie der Mann sich langsam regte.
Brandolf versuchte seine Augen zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Sie fühlten sich schwer und klebrig an. Was hatte er gestern denn gemacht?
Noch einmal versuchte er es angestrengt. Der kleine Spatz konnte sehen, wie sehr der Mann sich abmühte und hüpfte aufgeregt auf und ab.
Brandolf öffnete und schloss seine Augen, öffnete sie abermals und kämpfte, dass sie offen blieben, bis die verschwommenen Konturen seines Zimmers nach und nach Gestalt annahmen.
Trotz der Schwere die den Körper des Mannes zu umgeben schien, bemühte er sich aufzustehen. Der kleine Spatz flatterte mit den Flügeln und zwitscherte aufgeregt, als er sah, wie der Mann sich aufrichtete.
Nacheinander hob Brandolf seine schweren Beine über die Bettkante. Auch seine Arme fühlten sich wie Blei an. Wie ein nasser Mehlsack saß Brandolf auf seinem Bett und versuchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen, in denen, wie Aschewölkchen über einem Feuer, immer wieder kurze Erinnerungsfetzen aufflammten, und sogleich wieder verschwanden.
Gähnend rieb Brandolf seine brennenden Augen und nach und nach gewahrte er, wie hell sein Zimmer war. Durch das Fenster fiel warmes Sonnenlicht.
War er nicht gerade erst eingeschlafen? Brandolf runzelte die Stirn, erhob sich und schlurfte zum Fenster. Der Spatz zwitscherte erfreut, hüpfte auf und ab und flatterte wild mit den Flügeln, bevor er sich in die Lüfte erhob und sein Lied im ganzen Hof erklingen ließ. Brandolf öffnete das Fenster und sog die frische Morgenluft tief in seine Lungen. Er beobachtete die Spatzenfamilie, die in dem Strauch saß und zschirpend ihren morgendlichen Chor anstimmten. Wie schön, dachte Brandolf, jetzt bin ich wirklich zu Hause. In seinem Herzen breitete sich ein tiefer Friede aus, als ihm ein herrlicher Duft in die Nase stieg. Er reckte seine Nase. Eindeutig. Frischer Haferbrei. Ob das Frühstück schon fertig war? Am liebsten wäre er gleich durchs Fenster gekrochen. Zornig meldete sich sein Magen. Brandolf seufzte, er musste wohl in die Küche gehen. Er drehte dem Fenster den Rücken und streckte sich.
Was bin ich steif.
Brandolf runzelte seine Stirn. Hatte er in der Nacht komisch gelegen oder wurde er etwa alt?
Er blickte seinen Körper hinab und sah verwundert, dass er immer noch seine Reisekleidung, samt dem ledernen Brustpanzer trug.
Deshalb also fühlte er sich so steif.
Hatte er sich gestern tatsächlich so schlafen gelegt? Kopfschüttelnd trottete er zum Bett zurück und schälte sich aus den Kleidungsschichten. Er warf sie auf das Bett und wankte zu der kleinen Kommode gegenüber des Bettes. Brandolf kramte ein frisches Hemd und eine Hose daraus hervor und streifte beides über, fluchte entsetzlich, als eine Hosennaht riss und er mit einer Hand die Hose oben zu halten suchte, während er mit der anderen nach einem Gürtel fingerte.
Anschließend schlüpfte er in ein sauberes Paar Schuhe.
Brandolf schloss das Fenster und steckte den Kopf aus seiner Zimmertür. Er schnupperte. Sofort nahm seine Nase den Duft wieder auf und seine Füße setzten sich in Bewegung. Mit erhobener Nase trabte er Richtung Küche. Unterwegs begegnete er niemandem. Schliefen etwa noch alle? Wie spät war es überhaupt?
Mit jedem Schritt wurde der köstliche Duft intensiver. Wie das wahr gewordene Paradies, die Seligkeit auf Erden, zog er ihn wie magisch an. Freudig brummelnd stimmte sein Magen der Nase zu.
Brandolf drückte die Küchentür etwas zu kraftvoll auf, sie traf einen Stuhl, der hinter der Tür stand, und durch den Stoß ins wanken geriet. Einen Moment wippte er gefährlich hin und her, bevor er polternd umfiel. Brandolf bedachte den Stuhl mit einem verwunderten Blick, als könne er nicht begreifen, wieso er auf dem Boden lag. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten, hinter ihr schien es kräftig zu arbeiten. Dann endlich seufzte Brandolf, schloss die Küchentür und stellte den Stuhl wieder hin. Brandolf richtete sich auf und nun entdeckte er auch Alana, die am Herd stand und ihm mit erschrockenem Gesicht ansah. Brandolf lächelte. "Guten Morgen." Der unwiderstehliche Duft von Haferbrei mit Apfelkompott ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen und sein Magen feierte seinen Triumph.
"Guten Morgen, mein Junge", antwortete Alana. Brandolf umrundete den Tisch und plumpste auf die Bank.
Oh jee, dachte Alana. Aus dem Schrank nahm sie einen Becher und goss heißen Tee hinein, den sie zu Brandolf trug und vor ihm auf den Tisch stellte. Dieser kämpfte schon wieder gegen seine schwerer werdenden Augenlider. Alana lief zurück zum Herd, auf dem der Haferbrei kochte. Sie kostete und war zufrieden. Von einem Brett nahm sie einen Teller herunter und füllte eine große Portion Haferbrei mit Apfelkompott darauf. Sie trug ihn zu Brandolf hinüber und stellte den Teller vor ihn hin.
"Das riecht gut", sagte Brandolf und schnupperte.
"Ich dachte mir, dass du bestimmt Hunger hast. Hast du gut geschlafen?"
"Gut, ja, aber zu kurz", grunzte Brandolf. Alana bedachte ihn mit einem mitfühlenden Blick. Brandolf hob den Löffel, blies vorsichtig in den dampfenden Brei und kostete. "Himmlisch", sagte er kauend.
Ein breites Lächeln zog sich über Alanas Gesicht.
Laut knurrte Brandolfs Magen und Alanas Lächeln wurde noch breiter. Brandolf musste ebenfalls lachen, dann schaufelte er hungrig sein Frühstück runter. Gesättigt fühlte er sich schon deutlich besser. Zufrieden lehnte er sich zurück, wobei die Bank laut knarrend protestierte. Das vertraute Geräusch ließ Brandolf abermals die Mundwinkel heben. Zu Hause zu sein war doch wirklich das Beste.
Er nahm seinen Teebecher und schlürfte einen großen Schluck Minztee.
"Wie spät ist es eigentlich?", fragte Brandolf.
"Kurz nach der elften Stunde", antwortete Alana.
"Elf!" Erschrocken riss Brandolf die Augen weit auf. Alana winkte ab. "Mach dir keine Sorgen", beruhigte sie ihn, "Alle haben heute lange geschlafen. Ihr habt es gebraucht." Doch Brandolf hörte nicht zu. Schlagartig formten sich seine Erinnerungen zu klaren Bildern, bis ihm alles wieder vor Augen stand. Auch das Mädchen!
Wie von einer Biene gestochen fuhr er in die Höhe. "Wo sind sie?", fragte er energisch.
"Sie?" Alana war verwirrt.
"Die Soldaten? Das Mädchen? Sind sie schon da? Wo ist Aric? ", rief Brandolf.
"Aric ist bei Sonnenaufgang hoch zum Fürstenpalast. Kurz danach kam der Gefangenentransport an", antwortete Alana.
"Verdammt, wie konnte ich ihre Ankunft verschlafen?" Brandolf haute mit der Faust auf den Tisch.
"Brandolf, setz dich wieder hin, Junge. Sie beraten. Das Kind ist im Gefängnis."
"Im Gefängnis!" "Junge, beruhige dich!", fuhr Alana ihn überraschend scharf an. "Du kannst jetzt nichts tun."
Brandolf knirschte mit den Zähnen. Er wusste, dass sie recht hatte. Sein Ausbruch tat ihm leid. Beschämt sank er zurück auf die Bank. Unbedingt hatte er bei ihrer Ankunft dabei sein wollen, wollte sichergehen, dass es diesem Mädchen gut ging, dass sie gut behandelt wurde. Wie hatte er nur verschlafen können? Sicher waren die Soldaten nicht gerade freundlich mit ihr umgegangen. Ob sie ihr etwas zu essen gegeben hatten? Hoffentlich konnte Aric beim Fürsten etwas erreichen. Doch wenn Aric mit dem Fürsten beriet, konnte das lange dauern. Brandolf würde sich in Geduld üben müssen, ob es ihm passte oder nicht.
Alana ahnte was ihm durch den Kopf ging. "Brandolf was hältst du davon, wenn ich den Waschzuber hole und dir ein warmes Bad einlasse?"
Das Gesicht des Mannes hellte sich auf. "Das wäre toll", sagte er und die alte Dame erhob sich.
Geistesabwesend sah Brandolf zu, wie Alana den hölzernen Waschzuber hinter einem Vorhang hervor zog und sich am Herd zu schaffen machte.
Vor seinem inneren Augen lief das Erlebte in der Festung Nordwacht ab. Die Banditen, die sie nach langer Suche aufgespürt hatten, entpuppten sich als Werwölfe.
Brandolf wurde kalt. Wie, beim Allmächtigen im Himmelreich, war es möglich, dass ein Mensch sich in ein solches Monster verwandeln konnte?
Lykanthropie galt als ausgerottet, waren Arics Worte gewesen. Brandolf stockte der Atem, als ihm die Bedeutung dieser Worte mit einem Schlag bewusst wurde. Denn das bedeutete ja, dass es Wirklichkeit war. Brandolf spürte wie Übelkeit in ihm aufstieg. War es möglich, dass in den Tiefen der Wälder nochmehr Menschen hausten, die sich in Wölfe verwandeln konnten? Es galt als ausgerottet, offenbar hatte Aric sich geirrt. Brandolf dachte an die Legenden, die er von Stephan und Theo gehört hatte. Er hatte sie als solche gehalten, doch nun ging ihm auf, dass sie keine waren. Jede dieser Geschichte beruhte auf wahren Tatsachen. Doch was bedeutete das? Und das Mädchen? Erneut wanderten seine Gedanken zu der Kleinen. Was machte ein Kind bei Werwölfen? War sie etwa auch einer? Bei dieser Vorstellung krallten sich eiskalte Hände um sein Herz.
"... Brandolf?"
Brandolf zuckte zusammen. Verwirrt sah er zu Alana. "Verzeihung. Was sagtest du?"
"Ich sagte, es dauert noch etwas, bis das Bad so weit ist", sagte Alana.
Brandolf nickte. Wusste Alana bescheid?
Er musterte das Gesicht der alten Dame, die ihrerseits seine Gesichtszüge studierte. Wusste sie um das Mädchen? "Hat Aric mit dir gesprochen?", fragte er vorsichtig.
"Aric ist gestern Abend sofort in seine Kammer verschwunden, sagte, er wolle nicht gestört werden und, dass er heute früh sofort hoch zum Fürst müsse. Ich habe ihn seit dem nicht wieder gesehen. Aber Sarolf hat mir alles erzählt."
Brandolf öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch es kam kein Laut heraus und so schloss er ihn wieder. Nachdem er gestern Abend sein Pferd versorgt und endlich die Gilde betreten hatte, war er so erschöpft gewesen, dass er nicht mehr viel mit Alana gesprochen hatte. Er wusste nicht mehr, was er ihr gesagt hatte, denn in seinem Kopf klaffte eine Lücke. Das Letzte, an das er sich sicher erinnerte, war, wie er den Stall verlassen hatte. Vielleicht war er auch gleich ins Bett gefallen.
"Ich bin nur froh, dass euch nichts weiter passiert ist. Sarolfs Schulter wird schon wieder", sagte Alana.
Brandolf nickte. "Die Kleine...", presste er hervor.
"General Laudrius besteht darauf, dass sie ein Verfahren wegen Raubes bekommt, sagt Sarolf."
"Richtig."
Alanas Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. "Dieser herzlose Kerl", schimpfte sie los. "Ein kleines Kind anklagen, der ist doch nicht mehr bei Trost."
"Ich habe versucht sie..."
"Hierher zu bringen. Ich weiß, Sarolf hat es mir erzählt und ich finde deine Entscheidung goldrichtig. Ich hätte dasselbe vorgeschlagen", fuhr Alana in Rage fort.
"Ich begreife einfach nicht wie sie zu dieser Horde gekommen ist", sagte Brandolf frustriert.
Alana goss eine Ladung heißes Wasser in die Wanne und setzte auf dem Herd weiteres auf. Nachdenklich wanderte ihr Blick in die Ferne.
"Am naheliegensden ist wohl ...", begann sie.
Brandolf hob die Augen.
"Wenn man bedenkt, in welcher Gegend ihr wart..." Alana stockte, unfähig ihren Gedanken laut auszusprechen.
Brandolf runzelte die Stirn.
"Das ganze Land zerstört", sagte Alana stattdessen, "Vielleicht wurde ihr Zuhause auch zerstört und sie musste fliehen? In so chaotischen Zeiten sind Entscheidungen vom Überlebenswillen geprägt. Wenn die Kleine ihre Familie verloren hat, ist sie vielleicht tagelang allein herum geirrt, bis sie in dieser Bande eine, zwar fragwürdige, Form von Schutz und Gemeinschaft fand. Denn allein hätte sie unmöglich überleben können."
Brandolf nickte. Er spürte eine innere Kälte aufsteigen. Er wusste was Alana zuvor sagen wollte, doch er selbst brachte die Worte ebenfalls nicht über die Lippen. Zu ungeheuerlich waren sie.
Waren die Eltern dieses Mädchens unter den Banditen gewesen?
"Ich wünschte ich könnte etwas tun", murmelte Brandolf.
"Beten", sagte Alana. "Beten, dass Aric den Fürst irgendwie überzeugen kann, diesem Kind eine Chance zu geben. Ich habe in der Kirche eine Kerze für die Kleine angezündet. Wenn es Gottes Wille ist, wird sie leben."
Brandolf wusste, dass Alana sich damit selbst Mut zusprach. Vielleicht sollte er auch öfter in die Kirche gehen. Der Allmächtige hatte ihm schon so vieles genommen, konnte er ihm nicht einmal einen Wunsch erfüllen? Ein einziges Mal?
Alana schritt an den Herd, nahm den Topf und kippte einen schwall dampfendes Wasser in die Wanne.
"Wie geht es Sarolf?", fragte Brandolf.
"Ist Tapfer", antwortete Alana . Brandolf nickte. Sein Bruder war zäh.
"Wo ist er?"
"Liegt im Bett und ruht sich aus."
Verwundert schaute Brandolf sie an.
"Geht es ihm denn so schlecht?"
"Ach was, du kennst doch deinen Bruder. Am liebsten würde er schon wieder herumspringen wie ein Reh, aber ich habe ihm strenge Bettruhe verordnet." Aus einem großen Kübel goss Alana Wasser in den Topf, der laut zischte und dampfte, und schürte das Feuer. In der kleinen Küche wurde es nach und nach wärmer.
"Und Sarolf hat auf dich gehört?", fragte Brandolf ungläubig.
Alana richtete sich auf und rümpfte die Nase. "Du weißt doch wie dein Bruder ist. Er hat seinen eigenen Kopf, doch als eine gewisse junge Dame ihren Besuch ankündigte, war Sarolf wie ausgewechselt."
Brandolf grinste wissend.
"Wir sollten Maddie die Krankenpflege überlassen", sagte er verschwörerisch.
"Das denke ich auch."
Alana ging an den Herd zurück und kippte die nächste Ladung Wasser in die Wanne.
II
Zwei Stunden später saß Brandolf sauber und gewaschen in seiner Kammer vor dem Spiegel. Von Kopf bis Fuß hatte er sich geschruppt und auch die Nägel geschnitten. Nun mühte er sich mit dem Rasiermesser ab. Mit der stumpfen Klinge schabte er sich über Kinn und Wangen. Bärte waren wirklich lästig. Besonders im Sommer kratzten sie fürchterlich. Brandolf schabte den letzten Rest ab, nahm das Handtuch und trocknete sich das Gesicht. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel.
Jetzt fühlte er sich wieder wie ein Mensch. Ein unbeschreibliches Gefühl der Befreiung durchströmte ihn. Sauber zu sein war doch was anderes! Sein Haar war ordentlich gekämmt und hing ihm feucht auf die Schultern. Er trug ein sauberes Hemd und kramte unter seinem Bett nach ein paar Schuhen. Er fand sie und zog sie über. Jetzt wollte er sich seine Kammer vornehmen. Er sammelte die dreckigen Kleider ein, reihte seine Schuhe ordentlich neben die Tür, tauschte seine Strohmatratze gegen eine neue und öffnete das kleine Fenster um frische Luft einzulassen. Die warme Sommerluft die hereinströmte war wie ein Segen. Tief atmete er sie ein und spürte sie sanft um seine Haare streichen.
Sein Geist schweifte ab und erzeugte Bilder des Mädchens, wie es allein in einer kalten, finsteren Gefängniszelle hockte...
Brandolf schüttelte seinen Kopf. Dieses Kind raubte ihm noch jeden Gedanken. Sollte er nicht lieber an Sarolf denken? Wie ging es seinem Bruder? Ob er wohl Tee mochte? Aber Alana würde ihn mit Sicherheit mehr als genug damit verwöhnen.
Brandolf wandte sich vom Fenster ab und überquerte den Flur. Sein Zimmer lag dem seines Bruders gleich gegenüber. Er klopfte leise. Drinnen hörte er ein grunzen und Brandolf trat ein. "Grüß dich Bruder", grüßte er.
"Grüß dich auch", antwortete dieser. Brandolf zog einen Stuhl heran und setzte sich. "Wie geht es dir?"
"Bestens. Ich könnte Bäume ausreißen."
"Wirklich?"
"Wonach sieht's denn aus?", brauste Sarolf auf.
"Ach komm schon, hast du Schmerzen? Durst? "
"Nein überhaupt nicht", brummte Sarolf, "Alana behätschelt und betätschelt mich wieder viel zu gut." Brandolf musste grinsen, das war sein Bruder wie er leibte und lebte.
"Was ist daran denn so witzig?", fragte Sarolf, aber er war nicht wirklich verärgert. Im Gegenteil, Brandolfs grinsen wirkte ansteckend und auch seine Mundwinkel hoben sich zu einem schiefen Lächeln.
"Was habe ich verpasst?", fragte er.
Brandolf dachte daran, was Alana ihm heute früh erzählt hatte. Aric war in aller Frühe zum Fürsten gegangen.
"Heute morgen kam der Transport mit dem Mädchen an", sprudelte es aus Brandolf heraus. Er biss sich auf die Zunge. Mädchen? Er hatte doch von Aric berichten wollen.
"Mädchen?" Sarolf war einen Moment verwirrt, doch dann erinnerte er sich. "Das Banditenbalg", sagte er, "Mist, ich will hier raus und sehen was vor sich geht!"
"Alana meint, sie ist im Gefängnis. Aric ist bei einer Audienz mit dem Fürst um zu beraten", beeilte sich Brandolf zu sagen.
"Beraten? Was gibt es da zu beraten. Banditen gehören an den Galgen. Und Werwölfe sowieso!", brauste Sarolf auf. Brandolf machte ein betroffenes Gesicht. So harte Worte aus dem Mund seines Bruders hatte er nicht erwartet.
"Sie ist ein Kind", sagte er leise. Sarolf sah ihn an. "Ein Waisenkind, na und?
Brandolf wich jede Farbe aus dem Gesicht. Ungläubig starrte er seinen Bruder an.
"Wer weiß welches Biest in ihr schlummert." Sarolf musterte aufmerksam Brandolfs Gesicht. "Willst du es wirklich drauf ankommen lassen? Hier mitten in der Stadt? Unter so vielen Leuten?"
Brandolf schluckte schwer. Ein dicker Kloß steckte in seinem Hals.
"Gesetz ist Gesetz", brummte Sarolf. Brandolf fehlten die Worte. Sarolfs Sorge war berechtigt, aber er wollte es nicht glauben, konnte es einfach nicht. Würden sie wirklich ein kleines Mädchen an den Galgen hängen?
"Das wissen wir doch gar nicht", sagte er.
Sarolfs Gesicht entspannte sich und er sah traurig aus. "Glaub mir Bruder, ich finde es auch überhaupt nicht gut ein Kind zu hängen, aber das Risiko ist zu groß."
Der Kloß in Brandolfs Hals wurde dicker und er hatte das Gefühl zu ersticken. Er schnappte nach Luft.
Sein Bruder sah ihn an.
"Ich weiß was du denkst", sagte er in versöhnlichem Ton. "Aber du kannst nicht jedem herrenlosen Kind helfen. Überhaupt, was hast du immer mit Kindern?"
Brandolf wusste nicht was er dazu sagen sollte. Er ärgerte sich, dass er sich so wenig beherrschen konnte. Doch es war so falsch! Kinder gehörten nicht an den Galgen. Sie waren am allerwenigsten für die Missstände der Gesellschaft verantwortlich. Sie suchten sich ja nicht aus wo und unter welchen Umständen sie zur Welt kamen.
Nein, seiner Meinung nach gehörten Kinder beschützt!
Irgendwie musste sich doch feststellen lassen, ob dieses Mädchen ein Werwolf war oder nicht.
"Glaubst du, man kann es irgendwie rausfinden?", fragte Brandolf.
"Rausfinden? Ob sie auch ein Biest ist? Ich weiß nicht, ich wünschte ja. Aber du hast gehört was Aric gesagt hat. Lykanthropie gilt... galt als ausgerottet. Seit was weiß ich wie vielen Jahren. Ich weiß nicht wer heutzutage noch etwas darüber wissen könnte", sagte Sarolf nachdenklich.
"Ich auch nicht", sagte Brandolf, die Worte mühsam hervorbringend. Plötzlich musste er an Elin denken. Die Kleine sah aus wie sie in dem alter, oder hatte er sich das nur eingebildet?
"Du, sag mal...", presste Brandolf hervor. Er brauchte Gewissheit.
Sein Bruder sah ihn fragend an.
"Was gibt es?"
"Diese Kleine... meinst du... also findest du sie sieht aus wie Elin?"
Jetzt war es raus. Brandolf war gespannt auf Sarolfs Antwort, gleichzeitig fürchtete er sich davor.
Sarolf legte die Stirn in Falten. Einen Augenblick lang sah er seinen Bruder nachdenklich an, dann seufzte er.
"Bruder", sagte er in sanftem Ton, "Ich will dir mal ehrlich etwas sagen. Ich finde, du versteifst dich da viel zu sehr in etwas hinein. Meinst du nicht auch?"
Brandolf spürte wie ihm das Blut zu Kopf schoss, beschämt wandte er den Blick ab. Sarolf hatte vollkommen recht, was hatte er erwartet? Dass sein Bruder ihm freudig zustimmte? Wohl kaum. Sarolf hatte recht. Was hatte er immerzu mit Kindern? Speziell mit diesem?
Auf einmal schienen die Wände ihn zu erdrücken. Brandolf japste nach Luft.
"Ich geh' spazieren", presste er hervor und erhob sich. "Sag, wenn du was brauchst."
Sarolf lächelte gequält.
"Keine Sorge, ich werde rundum versorgt", knurrte er.
Eilig verließ Brandolf das Zimmer seines Bruders. Seine Beine bewegten sich automatisch, wie benommen lief er durch die Flure und achtete nicht darauf wohin sie ihn trugen. Immer wieder raufte er sich seine dunklen Haare. Er spürte Zorn aufwallen. Sarolf hatte recht. Alle hatten recht. Was hatte er nur mit diesem Kind? Sie war ein Waisenkind, die Eltern wahrscheinlich im Krieg gefallen oder sie war von diesen ausgesetzt worden, wie so viele Kinder. Verdammter Krieg!
Was trieb die Menschheit nur immer wieder dazu Krieg heraufzuführen? Er brachte nichts außer Trauer, Zerstörung und grenzenloses Leid.
Wütend hieb er mit der Faust gegen die Wand. Der Schmerz der daraufhin durch seine Faust zuckte, ließ ihn innehalten. Verwundert sah Brandolf auf seine aufgeplatzten Knöchel.
Was machte er denn? Er durfte nicht zulassen, dass er den Verstand verlor.
Verstohlen blickte er sich um, doch er war allein in dem langen Flur.
Fluchend zerrte Brandolf den Ärmel über die Hand und wandte sich zur Küchentür. Sollte er reingehen? Alana hörte ihm immer zu, doch bestimmt war sie beschäftigt und er wollte sie nicht immer volljammern. Aber er hatte das dringende Bedürfnis mit jemandem zu reden. Unschlüssig trat er von einem Bein aufs andere. Als er herannahende Schritte hinter sich hörte, drehte Brandolf sich um. Alana kam auf ihn zu, in beiden Händen je einen vollen Sack Kartoffeln. Brandolf eilte ihr entgegen und nahm ihr die schweren Säcke ab. Dankbar lächelte die alte Dame ihn an und ging voraus in die Küche. Brandolf folgte ihr und warf die Kartoffeln auf den Küchentisch. Ein paar Körner flogen im hohen Bogen herunter. Alana musterte ihn. Er ist unruhig. Er macht sich auch sorgen, dachte sie. Und was war mit seiner Hand?
"Ist Aric schon zurück?", fragte Brandolf.
"Ich habe ihn noch nicht wieder gesehen", antwortete Alana. Brandolf ließ sich auf einen Stuhl plumpsen, sprang gleich darauf wieder auf und lief wie ein gehetztes Tier durch die Küche. Alana beobachtete ihn einen Moment.
"Brandolf, ich kann deine Ungeduld verstehen, aber meinst du nicht es wäre gut dich zu beruhigen? Es bringt nichts, wenn du mir auch noch umfällst."
"Ja, du hast ja recht", sagte Brandolf zerknirscht. Alana ging zum Herd hinüber und machte Wasser heiß. Sie würde einen Beruhigungstee für ihn machen. Brandolf plumpste wieder nieder und starrte auf die Kartoffeln vor sich.
"Was gibt's heute? ", fragte er.
"Ich dachte an Kartoffeln mit Lachs", antwortete Alana und gab getrockneten Lavendel ins Wasser. "Nur dass ich keinen Lachs habe." Sie schöpfte einen Becher voll und stellte ihn vor Brandolf auf den Tisch. Dann goss sie sich selbst auch einen ein.
"Dann geh' ich zum Markt", rief Brandolf euphorisch und wollte schon aufspringen.
"Und zum Hospital, aber zuerst trinkst du deinen Tee aus", sagte Alana bestimmt. Brandolf wurde heiß, doch er hob artig den Becher an die Lippen.