Kapitel 1
132 Tage in Fußketten.
Ich trug sie beim Duschen, beim Schlafen, bei der Hausarbeit. Beim Essen, beim Lesen, beim Workout. Ich wusste nicht mehr, wie es sich anfühlte, meine Beine mehr als dreißig Zentimeter auseinanderzubewegen.
Heute war der 133. Tag.
„Auf geht’s, mach schon! Ich komm sonst zu spät zur Arbeit.“
Sein strenger Blick lag auf mir, während ich die Spülmaschine fertig einräumte, Spülmittel in das dafür vorgesehene Fach gab und die Spülmaschine laufen ließ. Die Küche war wieder sauber, jedes Anzeichen unseres Frühstücks beseitigt.
„Wird’s bald?“
Resigniert sah ich auf und meinem Peiniger direkt in die dunklen Augen. Ungeduld umspielte das düstere Braun, die großen Augen waren leicht verengt. Die buschigen Augenbrauen in dem ansonsten viel zu hübschen Gesicht ließen seinen Blick noch beängstigender wirken. Der Dreitagebart hätte mal wieder eine Rasur nötig.
„Komm.“
Wie jeden Morgen folgte ich ihm in kleinen Schritten und mit klirrender Kette in die kleine Kammer, in die er mich sperrte, während er bei der Arbeit war. Schallisoliert, zwei mal drei Meter groß, ausgestattet mit einem schmalen Bett, einem kleinen Schreibtisch und einer mobilen Komposttoilette, die ich nach seiner Rückkehr säubern musste.
Meine Brust wurde enger. Ich hasste die vielen Stunden in diesem Raum, auch wenn es der einzige Ort war, an dem ich mich einigermaßen sicher fühlte. An dem ich wusste, dass ich meine Ruhe vor ihm hatte. Dennoch war es eine Qual, neun Stunden am Tag in einem sechs Quadratmeter kleinen Raum zu verbringen, der derart gut isoliert war, dass ich mich vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt fühlte.
Als ob ich das nicht ohnehin wäre. Seit über einem viertel Jahr. Seit mich mein Stalker beim Joggen angegriffen und verschleppt hatte. Seit er meinte, sich ein Leben mit mir aufbauen zu wollen. Jeden Tag, wenn ich in der einsamen Kammer auf dem Bett lag, schalt ich mich dafür, dass ich die Anzeichen nicht ernst genug genommen hatte. Dass ich niemandem erzählt hatte, wenn ich mich beobachtet gefühlt hatte. Nicht meinen Kommilitonen an der Uni, nicht meinen Eltern, nicht meiner Schwester. Ich hatte gedacht, dass sie mich auslachen würden.
„Du und deine blühende Fantasie.“
Ja, ich hatte eine blühende Fantasie, hatte ich schon immer gehabt. Ich war anders als andere Kinder gewesen, hatte mich lieber in Bücher und das Erfinden eigener Geschichten vertieft, anstatt fernzusehen oder Computerspiele zu spielen. Manchmal spielte meine Fantasie mir tatsächlich Streiche, aber das mit dem Stalker hatte ich mir nicht eingebildet. Als eines Tages ein Blumenstrauß vor meiner Tür stand, hatte meine Schwester nur gemeint, ich hätte wohl einen heimlichen Verehrer – oder jemand hätte sich einen Scherz erlaubt.
Ein Scherz war es nicht gewesen. Und ein Verehrer auch nicht. Nein, ein besessener Stalker. Ein Stalker, der es irgendwann nicht mehr ausgehalten hatte, von mir getrennt zu sein.
„Das ist dein Zimmer, wenn ich nicht da bin. Wenn ich da bin, darfst du dich frei im Haus bewegen, nachts schlafen wir in unserem gemeinsamen Schlafzimmer.“
Ich erinnerte mich an den ersten Tag, als wäre es gestern gewesen. Frei. Frei bewegen. Von wegen. Schon am ersten Tag hatte er mir die Fußketten angelegt. So konnte ich mich nicht zu schnell bewegen, sodass er mir immer problemlos hinterherkam, falls ich vor ihm flüchten wollte. Und er hörte mich, wann immer ich mich durch das kleine Haus bewegte. Ich hasste das kalte Metall und das Geräusch, das es machte, wenn ich mich regte. Es war zu meinem ständigen Begleiter geworden, der mir jeden Tag und zu jeder Zeit von neuem zuflüsterte: „Du lebst ein Leben in Gefangenschaft. Und solange er das so will, wird sich daran niemals etwas ändern. Dein Leben gehört nicht mehr dir.“
Ich konnte nicht mehr zählen, wie oft ich weinend in der Kammer lag. Ich vermisste mein Leben, meine Freunde, das Lehramtsstudium und meine Bücher. Er gab mir zwar Bücher, dass mir weniger langweilig war, solange er arbeitete, aber das Lesen fühlte sich nicht mehr an wie früher. Ich konnte nicht so darin versinken. Konnte die Welt um mich herum nicht vergessen. Denn schon einzelne Wörter aus den Büchern konnten mich triggern. Wörter, die er einmal gesagt hatte. Wörter, die ich mit meiner Gefangenschaft in Verbindung brachte. Oder Situationen, die mich schmerzlich an mein früheres Leben erinnerten. Wenn die Protagonisten die Freiheit hatten, morgens joggen zu gehen. Wenn sie im Sommer ins Freibad gingen. Wenn sie mit Freunden kochten – etwas, was ich mit meinen Studienfreunden jedes Wochenende tat. Würde ich jemals wieder etwas von dieser Freiheit schmecken? Die Sehnsucht nach allem, was die Protagonisten in den Büchern erlebten, war so groß, dass ich es manchmal kaum ertragen konnte. Alltägliche Dinge, die mir genommen worden waren. Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung. Dinge, die mir der Umzug in eine neue Stadt und das Studium ermöglicht hatten. All das war verloren. Und diesen Verlust erlebte ich in den Büchern wieder und wieder. Es war schmerzhaft. Schmerzhaft in so vielerlei Hinsicht. Denn es schmerzte auch, dass mein Stalker mir meine große Leidenschaft genommen hatte.
Ich sehnte mich nach der Freiheit, die Lesen früher einmal für mich bedeutet hatte. Deshalb gab ich es auch nicht auf. Ich bat ihn immer wieder um ein neues Buch und wartete auf den Moment, in dem ich mich voll und ganz darin verlieren konnte, um meine grausame Realität für eine Weile zu vergessen.
In den ersten Wochen hatte ich noch hart gegen ihn angekämpft. Hatte mir viele blaue Flecken und andere Blessuren eingefangen. Hatte Nächte an sein Bett gekettet verbracht. Hatte seine Lust befriedigt, wann immer er danach verlangt hatte und war darunter zerbrochen. Irgendwann hatte ich eingesehen, dass ich es mir selbst leichter machte, wenn ich mein neues Leben einfach hinnahm.
„Du gehörst zu mir. Hör auf, es dir so schwer zu machen. Ich kann dir ein guter Mann sein, wenn du es zulässt. Wir werden eines Tages eine glückliche Familie.“
Eine Familie.
Nein, so weit würde ich es niemals kommen lassen! Die Vorstellung, dass ein Kind unter diesen Bedingungen aufwachsen musste, schnürte mir jeden Tag die Kehle zu. Jedes Mal, wenn er sich nahm, was er wollte, bekam ich kaum noch Luft vor Angst.
Angst, schwanger zu werden.
Doch nun war es passiert. Seit zwei Wochen blieb meine Periode aus und ich wusste, was das bedeutete. Ich musste handeln. Musste es nach all den gescheiterten Fluchtversuchen schaffen, diesem gutaussehenden Monster endlich zu entkommen.
Der Plan, der seit Wochen in mir reifte, musste endlich in die Tat umgesetzt werden.
Seit zwei Wochen spielte ich dem Vater meines ungeborenen Kindes also schon vor, ihm näherzukommen. Mich in ihn zu verlieben. Stockholm Syndrom. Es war nicht ungewöhnlich, dass die grausame Einsamkeit die Psyche eines Menschen dazu brachte, sich in den einen Menschen zu verlieben, der einem die ersehnte Nähe schenken konnte.
Er genoss es, wenn ich abends beim Fernsehen näher zu ihm rutschte und mich an ihn lehnte. Wenn ich zärtlich meine Hände in seinen Schoß legte. Ich ging vorsichtig vor, sonst würde er mir meinen Gefühlswandel niemals abnehmen. Er musste glauben, dass ich den Widerstand vollständig aufgegeben hatte und mich meinem Schicksal fügte. Dass ich lernte, ihn zu lieben, so wie er es sich wünschte. Ich wusste nicht, was in seiner Kindheit schiefgelaufen war, dass er mit 28 Jahren so kaputt im Kopf war, dass er eine Frau entführte und sie zwang, mit ihm zusammenzuleben und eine Familie zu gründen. Vielleicht war er nie geliebt worden. Um es mir selbst erträglicher zu machen, ihn zu berühren und ihm nahe zu sein, sah ich ihn als kleinen Jungen vor mir, der sich einfach nur nach ein wenig Liebe sehnte. Denn andernfalls zerriss es mich entzwei, ihm meine Zärtlichkeit zu schenken, die er beim besten Willen nicht verdient hatte.
„Kannst du mich zum Abschied in den Arm nehmen?“, fragte ich, als er die Tür aufgeschlossen und ich die Kammer betreten hatte. „Ich bin die nächsten neun Stunden allein. Ich ertrage das nicht mehr.“
Mein Herz pochte wie wild in meiner Brust. Dieser Mann war gefährlich. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung und alles, was ich mir mühsam erarbeitet hatte, könnte verloren sein. Was ich vorhatte, glich einem Selbstmordkommando, wenn es schiefging.
Er legte seinen Kopf schief und sah mich einen Moment lang an. Ließ seinen Blick von meinen gepflegten braunen Haaren – er bestand darauf, dass ich stets präsentabel war – über mein schmales Gesicht und meine vollen Lippen wandern. Blieb ein wenig zu lange an meinen gut geformten Brüsten hängen. Seit der Schwangerschaft waren sie leicht geschwollen und ich lebte jeden Tag in der Angst, dass es ihm auffallen könnte.
Fast in Zeitlupe schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen.
„Selbstverständlich, meine Liebste. Vielleicht sollte ich bei der Arbeit kürzertreten, dass du nicht mehr so viel alleine bist. Ich werde mit meinem Chef darüber sprechen. Vielleicht kann ich auch einen Tag von zu Hause aus arbeiten. Es freut mich, dass du so langsam zur Besinnung kommst.“
Ich nickte, verzweifelt darum bemüht, ihm meine wahren Gefühle nicht zu zeigen. Die Abneigung, den Hass, die eiskalte Angst.
„Ich… denke, ich würde mich freuen, wenn du nicht mehr so viel weg wärst“, spielte ich mit. Ich durfte ihm keine zu großen Zugeständnisse machen, durfte ihn aber auch nicht von mir stoßen. Es war eine stetige Gradwanderung.
„Dann werde ich das mit meinem Chef besprechen, mein Herz.“
Er trat auf mich zu und ich musste mich beherrschen, um nicht einen Schritt zurückzutreten, als er seine Arme hob. Stattdessen kam ich ihm ebenfalls näher und ließ die Umarmung zu, um die ich ihn gebeten hatte.
Mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust. Mir war übel. Meine Finger zitterten, die Hände waren schweißnass und eiskalt zugleich. Doch ich musste es schaffen. Musste schaffen, was ich seit Wochen übte. Jedes Mal, wenn er das Haus verließ und mich alleine ließ, zog ich meine Hose aus und befestigte sie an dem Stuhl am Schreibtisch, so als stände ein Gegenüber vor mir, der die Hose trug. Und dann übte ich. Übte, so unauffällig wie möglich in die Hosentasche zu greifen. Wie ein Taschendieb.
Es durfte nichts schiefgehen. Sollte er auch nur den Hauch einer Berührung spüren, würde das übel für mich ausgehen. Ich wusste, dass er sein Handy immer in die Gesäßtasche seiner Hose steckte, wenn er das Haus verließ. Das hatte ich vor ein paar Wochen festgestellt, woraufhin dieser Plan in mir gereift war. Doch ich hatte nie den Mut aufgebracht, ihn umzusetzen. Das hatte sich erst mit der mutmaßlichen Schwangerschaft geändert. Ich musste von hier weg, bevor er etwas von dem Kind ahnte.
Ich drückte ihn ein wenig fester als sonst, sodass er sich voll und ganz auf die Umarmung konzentrierte, die Stellen, an denen ich ihn berührte.
„Ich glaube, ich werde hier drin so langsam verrückt. Denn ich beginne zu verstehen, warum du mich zu dir geholt hast. So sehr ich mich dagegen zu sträuben versuche, ich fürchte, ich entwickle Gefühle für dich.“
Ein Ablenkungsmanöver. Eines, das ihn hoffentlich genug von meiner Hand ablenkte, die sich gefährlich seiner Gesäßtasche näherte.
Ich glaubte das schnellere Schlagen seines Herzens an meiner Brust zu spüren. Seine Umarmung wurde fester. „Ich habe dir doch immer gesagt, dass wir füreinander geschaffen sind. Du musst nur aufhören, dagegen anzukämpfen. Dann können wir sehr glücklich werden.“
Als er die Umarmung löste, stand mir der kalte Schweiß auf der Stirn. Ich bekam kaum noch Luft und hatte Schwierigkeiten, ihm mein Gefühlschaos nicht zu offenbaren. Stattdessen zwang ich ein zurückhaltendes Lächeln auf meine Lippen, während ich meine Hände hinterm Rücken verbarg.
„Hab einfach noch ein wenig Geduld mit mir. Bitte.“
Sein Blick wurde zärtlich, er glaubte sich auf der Zielgeraden.
„Heute Abend bringe ich dir etwas Schönes mit. Und dann lassen wir es uns gemeinsam gutgehen. Ich besorge dir auch das Buch, um das du mich gebeten hast.“
Ich nickte, schaffte es aber leider kaum, das Zittern meines Kiefers zu unterdrücken.
„Alles okay, mein Schatz?“
„Es… ist nur alles ein bisschen viel gerade. Ich verstehe meine eigenen Gefühle nicht.“
Seine Mundwinkel zuckten. „Das ist okay. Du bist auf dem richtigen Weg. Heute Abend werde ich dir zeigen, welche schöne Zukunft vor dir liegt.“
„Okay“, brachte ich hervor.
Und jetzt geh bitte! Bitte geh!
Viel länger würde ich meine Emotionen nicht mehr in Schach halten können. Die Nervosität fraß mich auf! Ich konnte mich kaum mehr aufrecht halten.
„Leider muss ich jetzt wirklich gehen. Ich komme sonst zu spät.“
Ich nickte nur hastig und ging rückwärts auf mein Bett zu. Die Kette scharrte über den Boden, bis ich erleichtert die Kante des Bettes in meinen Kniekehlen spürte und mich darauf niederließ.
„Bis heute Abend“, verabschiedete ich ihn.
„Bis heute Abend.“
Kurz darauf war die Tür geschlossen und ich fiel in mir zusammen. Wie ein bebendes Nervenbündel lag ich rücklings auf dem Bett – das Gerät in meiner rechten Hand fest umklammert.
Meine einzige Chance auf Rettung war gekommen.








