1.
Entspannt saß Sarah auf der Hollywoodschaukel auf der Terrasse im warmen Schein der Nachmittagssonne. Ein leichter Wind versetzte die Schaukel, in Bewegung. Neben ihr, auf dem weichen Polster mit dem kitschigen Blumenmuster lag ihre Tochter Fee und schlief. Sie hatte wie so oft den Zeige- und kleinen Finger in den Mund gesteckt und saugte daran, während Mittel- und Ringfinger am Kinn auflagen. Die blonden Haare klebten dem Säugling in der Stirn. Es war einer der letzten Frühlingstage und ungewohnt warm für diese Zeit. Auf ihrem Arm hielt Sarah Fees Zwillingsbruder, der, obwohl eindeutig müde, gegen den Schlaf ankämpfte und immer wieder die Augen aufriss.
Es quietschte leise, als die Frau die Schaukel stärker schwingen ließ. Das gleichmäßige Knarzen der schlecht geölten Federn schien den Jungen zu beruhigen. Schließlich begann Ty, am Daumen zu lutschen und wenig später schlossen sich seine Augen. Erleichtert stand Sarah auf und legte ihren Sohn neben seine Schwester. Sie griff nach dem Stillkissen, das bis eben noch ihren Rücken gestützt hatte, und packte es vor die Zwillinge, damit diese nicht von der Schaukel herunterfallen konnten. Erst dann stieg sie die drei Stufen von der Terrasse hinab und ging auf die Zufahrt zu, wo ihre mittlere Tochter mit dem Dreirad fuhr. Die beiden geflochtenen Zöpfe wehten im Wind, als Ava die Füße von den Pedalen nahm und mit dem Fahrzeug die abschüssige Abfahrt hinunter schoss. „Schau mal, Mama, wie schnell ich bin“, jauchzte das Mädchen. Erst ganz am Ende der Einfahrt stemmte das Kind die Füße in den Boden und brachte ihr Gefährt so zum Stehen. Und obwohl das Vorderrad bereits auf die Straße hinausragte, blieb Sarah entspannt. Anders als in ihrer Heimat in Deutschland, wo sie mitten in der Großstadt an einer stark befahrenen Straße gelebt hatten, fuhr hier so gut wie nie ein Auto entlang. Oft spielten die Kinder sogar direkt auf der Fahrbahn. Die wenigen Autos, die vorbei kamen, nahmen Rücksicht auf sie. Sarah lächelte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, die Zelte in der Heimat abzubrechen und in die USA auszuwandern. Seit einem Monat lebten sie nun schon in der Kleinsiedlung mitten im Nirgendwo, irgendwo im mittleren Westen.
Sarah hob das Handgelenk und sah auf die Armbanduhr. Kurz vor halb vier. Sie blickte die Straße hinab. Jeden Moment müsste der Schulbus, der ihren Ältesten nach Hause brachte, über die Kuppe hinter den letzten Häusern fahren. Danach würde es auch nicht mehr lange dauern, bis auch ihr Ehemann von der Arbeit zurückkehrte. Sarah hörte das Rattern und Brummen des alten, klapprigen Schulbusses, noch bevor sie ihn sah. „Ava, Liebes. Geh von der Straße weg. Der Schulbus kommt.“ Gehorsam lenkte das Mädchen ihr Dreirad auf den Gehweg. Im nächsten Moment näherte sich bereits der typisch gelbe Bus, der eine dichte Rußwolke hinter sich her zog. Deutlich war das Klappern und Schlagen des Getriebes zu hören. Mit quietschenden Bremsen kam das Gefährt direkt vor der Frau zum Stehen. Sarah hustete, als der Bus dabei noch mehr Rauch und Qualm ausstieß.
Der Busfahrer, ein hagerer, blasser Mann, zog am Hebel, der die Tür öffnete. Paul stand bereits ungeduldig auf der Trittfläche. Kaum, dass die Tür weit genug geöffnet war, sprang der Junge heraus und zog dabei achtlos seinen Rucksack hinter sich her, der polternd über die Stufen glitt. Grinsend drehte er sich um und winkte den Kindern zu, die ihre Nasen an der Scheibe platt drückten und neugierig zu ihm sahen. „Bye, see you tomorrow“, rief er ihnen noch zu, dann hatte sich die Tür bereits wieder geschlossen und der Bus fuhr klappernd an. Sarah trat auf ihren Sohn zu, um ihn zur Begrüßung zu umarmen, doch Paul tauchte unter dem Arm seiner Mutter weg und wich so der drohenden Liebkosung aus. Mit seinen zehn Jahren war er für so etwas zu alt. Zumindest seiner Meinung nach. „Lass das, Mama. Ich bin kein Baby mehr.“ Sarah seufzte und sah ihrem Jungen hinterher, der auf den sorgsam gestutzten Rasen lief, der zu dem Grundstück gehörte. Auf halber Strecke ließ er achtlos seinen Rucksack fallen und setzte sich in den alten Autoreifen, der an einem Seil von der wohl hundertjährigen Eiche herabhing. Die Kinder wurden einfach viel zu schnell groß. Ganz besonders Paul. Und noch mehr, seit sie Deutschland verlassen hatten. Sie konnte kaum glauben, dass heute erst sein vierter Schultag war. Anders als Ava, die erst im Herbst mit der Vorschule – oder wie man hier sagte: der Preschool – starten würde, musste Paul bereits jetzt die Schulbank drücken. Und das, obwohl er kaum ein Wort Englisch sprach. „Er wird es schnell lernen“, hatte die Direktorin ihr und ihrem Mann Peter versichert. „Es ist wichtig, dass er möglichst schnell Kontakt zu Gleichaltrigen hat. Im Sommer werden wir dann sehen, ob er weit genug ist, um in die nächste Klasse vorzurücken.“
Mit einem Kopfschütteln blickte Sarah auf die Stelle, an der bis vor Kurzem noch der Bus gestanden hatte. Die letzten Tage hatte Peter den Jungen auf dem Weg zur Arbeit an der Schule abgesetzt. Doch an diesem Morgen hatte Paul darauf bestanden, den Schulbus zu nehmen. „Ihr behandelt mich wie ein Baby. In Frankfurt bin ich doch auch alleine zur Schule gegangen. Und da musste ich sogar umsteigen. Was soll hier schon passieren? Der Bus hält direkt vor der Schule und außerdem will ich mit meinen Freunden zusammen fahren.“ Das war das entscheidende Argument gewesen. Sarah und Peter hatten sich nur kurz angeschaut. Beide waren sie erleichtert, dass ihr ,kleiner Junge‘ nach nicht einmal einer Woche bereits die ersten Freundschaften geschlossen hatte. Wie konnten sie es ihm da verwehren, mit den anderen Kindern gemeinsam im Bus zu sitzen? Von der Schmach einmal ganz abgesehen, der sie ihn aussetzen würden, wenn er als einziger von Mama und Papa kutschiert wird? Als der Bus dann jedoch am Morgen vorgefahren war, hatte Sarah den gemeinsamen Entschluss bereits bereut. Das Fahrzeug machte alles andere als einen guten Eindruck. Vielmehr wirkte es, als ob es bei der geringsten Unebenheit der Straße auseinanderfallen würde. Auch der Fahrer wirkte mit seiner langen, spitzen Nase, der Glatze und der blassgrauen, porzellanartigen Haut nicht gerade vertrauenserweckend. Sarah schüttelte es noch jetzt, wenn sie an die unnatürlich glatte und ebenmäßige Haut dachte. Seine Glieder waren übermäßig lang und feingliedrig gewesen, die Finger einem Skelett gleich. Stoisch hatte der Mann Mutter und Sohn aus dunklen, ausdruckslosen Augen entgegengeblickt. Und diesem Kerl sollte sie ihr Kind anvertrauen? Doch es war ohnehin zu spät gewesen. Peter war bereits 20 Minuten zuvor zur Arbeit aufgebrochen. Ein zweites Auto hatten sie nicht und so war ihr nichts anderes übrig geblieben, als Paul in den Bus steigen zu lassen und das beste zu hoffen.
Sarah wandte sich von der Straße ab und ging auf das Einfamilienhaus zu. Sie bückte sich und hob den Rucksack ihres Sohnes auf. „Paul, Zeit für die Hausaufgaben.“ Paul stöhnte. „Die kann ich doch eh nicht machen. Ich verstehe ja nicht einmal, was dort steht.“ Sarah seufzte innerlich. Gerne hätte sie noch in Deutschland die Zeit bis zum Sommer genutzt, um ihren Kindern wenigstens etwas Englisch beizubringen. Doch dann waren sie deutlich früher als geplant aufgebrochen. Die Zeit war daher einfach zu kurz gewesen. Und kaum in der neuen Heimat angekommen, hatte die Schulbehörde darauf bestanden, dass zumindest Paul zeitnah die Schule besuchte. „Deine Lehrer wissen, dass du ihre Aufgaben nicht im vollen Umfang bearbeiten kannst. Aber sie erwarten dennoch, dass du es versuchst. Also komm. Ich helfe dir auch.“
Mit einem widerwilligen Brummen sprang Paul von dem Reifen herunter, folgte seiner Mutter auf die Terrasse und setzte sich an den Tisch. Während seine Mutter nach den Zwillingen sah und die Schaukel noch einmal leicht anstieß, packte er bereits die Bücher und Hefte aus. „Mit was willst du anfangen?“ „Mathe“, war die knappe und wenig begeisterte Antwort. „Rechnen tut man hier ja wohl genauso.“ „Maths“, erklärte Sarah. Sie warf einen Blick in das inzwischen aufgeschlagene Buch und unterdrückte ein Stöhnen. Textaufgaben. Ausgerechnet Textaufgaben. Auch Paul stöhnte. Er wollte frustriert das Buch zuklappen, doch seine Mutter hielt ihre Hand dazwischen und stoppte ihn. „Ich übersetze dir den Text.“ Paul hatte die erste Aufgabe noch nicht beendet, als ein Auto in die Einfahrt fuhr. Grund genug für ihn, die Hausaufgaben Hausaufgaben sein zu lassen, die Stufen mit einem Satz herunter zu springen und auf seinen Vater zuzustürmen.
Sarah blickte vom Mathebuch auf und ihrem Sohn hinterher. Einige Häuser weiter sah sie Ava, die mitten auf der Straße zusammen mit den Nachbarskindern auf ihrem Dreirad um die Wette fuhr. Auch die älteren Kinder spielten rund um die Häuser Ball, fuhren mit dem Fahrrad oder spielten Verstecken oder Fangen. Es herrschte ein reges Treiben. Die Eltern der anderen Familien saßen auf der Terrase, tranken selbstgemachte Limonade oder arbeiteten im Garten. Es herrschte ein reges Treiben. Sarah runzelte wie bereits an den vergangenen Tagen die Stirn. Wann hatte sich die Straße eigentlich derart mit Leben gefüllt? Wann waren die anderen Kinder von der Schule nach Hause gekommen? Im Schulbus waren sie auf jeden Fall nicht gewesen. Dann zuckte sie jedoch die Schultern. Die einfachste Erklärung war wohl, dass die Kinder der Nachbarschaft nicht wie Paul die staatliche, sondern eine der teuren, aber besseren Privatschulen besuchten. Oder aber, dass die Eltern den Chauffeur für ihren Nachwuchs spielten, was sie bei dem Busfahrer und dem Zustand des Schulbusses nicht einmal verwundern würde.
Peter legte die Aktentasche auf das Dach des Autos und boxte seinen Sohn zur Begrüßung gegen die Schulter. „Na wie war dein Tag, mein Großer?“ Mit einem begeisterten Funkeln in den Augen boxte Paul seinen Vater zurück. Vergessen war der Frust über die Hausaufgaben. „Heute hatten wir Sport. Das war richtig cool. Viel besser als zu Hause in Frankfurt." „Was habt ihr denn gemacht?" „Ringen. Und der Lehrer hat gemeint, ich hätte dafür Talent und soll überlegen, ob ich nicht in die Mannschaft möchte." Peter lachte leise. "Ja. Hier gibt es ganz andere Sportarten. Ich habe mir schon gedacht, dass dir Ringen gefallen könnte." Er griff nach seiner Tasche und legte Paul den Arm um die Schulter. „Aber lass uns rein gehen. Bist zu schon fertig mit den Hausaufgaben?" Sofort war die gute Laune des Jungen verflogen. „Nein." „Na dann auf." Peter gab seinem Sohn einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf. "Umso schneller hast du es hinter dir." Sich in das Unvermeidliche fügend, setzte Paul sich an den Tisch und begann mit den Aufgaben. Peter hingegen ging vor Ava, die mit dem Dreirad inzwischen neben ihn gefahren war, auf die Knie, um nun auch seine Tochter zu begrüßen. Mit dem Mädchen auf dem Arm stand er wieder auf. „Und wie war dein Tag, Prinzessin?" Das kleine Mädchen legte die Arme um den Hals ihres Vaters und zog einen Flunsch. „Ich will auch endlich in die Schule gehen. So wie Paul. Hier ist es so langweilig. Aber mit dem Bus will ich nicht fahren." Liebevoll strich der Vater dem Kind durch die Haare. "Im Herbst, Ava. Im Herbst darfst du auch zur Schule gehen. Aber was ist mit dem Bus?" Fragend sah er zu Sarah, die jedoch nur abwinkte."Später, Peter." Mit Ava auf dem Arm stieg Peter die Stufen hinauf und umarmte nun auch seine Frau. Kurz wanderte der Blick zur Hollywoodschaukel, wo die beiden Jüngsten immer noch friedlich schliefen. „Sie sind vorhin erst eingeschlafen. Nachdem sie den halben Tag unruhig waren." Peter nickte und setzte sich zu Paul an den Tisch. "Und wir zwei machen jetzt zusammen deine Hausaufgaben. Dann hast du es ganz schnell geschafft." Behutsam, um die Zwillinge nicht zu wecken, setzte Sarah sich auf die Hollywoodschaukel und sah sich nach ihrer Tochter um. Ava sprang gerade mit einem Jauchzen von ihrem Dreirad hinab. Es rollte auf der abschüssigen Straße ein kleines Stück weiter, bevor sich der Lenker verdrehte und das Fahrzeug zum Stoppen kam. „I win!“, jubelte das Mädchen. „Yes. You won“, lachte ein Junge und stieg von seinem Kettcar ab. „You were faster.“
Plötzlich schien jeder in der Straße zu verharren. Dann hörte es auch Sarah. Von ferne klang blechern ein amerikanisches Kinderlied an ihre Ohren. Dann war das dunkle Brummen eines Motors zu hören. Bereits im nächsten Moment tauchte am Ende der Straße ein alter Eiswagen auf, aus dessen Lautsprecher am Dach fröhlich „Do your ears hang low“ schepperte.