Vollendete Gegenwart

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Zusammenfassung

Ida beschäftigt an ihrem ersten Arbeitstag mehr, als ihr attraktiver Kollege Augustin. Ein Unbekannter, namens David, benötigt ihre Hilfe. Alle Versuche ihm zu helfen, schlagen fehl. Einzig ein Walkie-Talkie hält die mysteriöse Verbindung zwischen ihnen aufrecht. Hin und hergerissen zwischen der Verantwortung, die sie als Polizistin hat und dem Verdacht, dass es sich um einen bösen Scherz ihrer neuen Kollegen handelt, lässt sie sich auf die merkwürdigen Gespräche mit ihm ein.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
21
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Altersfreigabe
18+

Ankunft

Hinauseilende und hineingehende Polizisten verfolgte mein Auge vor dem Revier, während ich am Treppengeländer vor dem Eingang lehnte.

Mein neues Revier.

Es war nur eine kleine Wache in Hamburg. Genau das, was ich brauchte. Keine komplizierten Fälle, eine überschaubare Anzahl an Kollegen und vor allem weit genug weg von meinem Ehemann.

Er würde hier nicht spontan auftauchen und mich nicht vor allen lächerlich machen können. Davon abgesehen, stand es in meiner Akte und jeder wusste von ihm, der sie sich angesehen hatte. Das war die unangenehme Seite meines Jobs.

Wenn es im Privatleben schieflief, war es für jeden sichtbar, der sich dafür interessierte. Seit ich meinen Mann angezeigt hatte, waren die Details meines Privatlebens quasi für jeden meiner Kollegen abrufbar.

Es machte keinen Unterschied, ob ich hier arbeitete, im Bundeskriminalamt in Berlin, wo ich herkam oder in einer kleinen Polizeistation auf dem Land.

In mir gärte der Gedanke, dass es schon längst passiert war. Neben all den neuen Kollegen, die kamen und gingen, tat es einer nicht.

“Ida!“, hörte ich Mayas Stimme nach mir rufen, doch ich war viel zu gefesselt von einem Bild von einem Mann, der am Eingang stand. Er ignorierte jeden, der ihn grüßte und an ihm vorbeilief, nur mich nicht.

Er hatte seine stechend grünen Augen, die selbst aus der Distanz sichtbar waren, auf mich geheftet und es war fast unmöglich wegzusehen.

“Augustin, beweg’ dich!” Mayas zierlicher Körper tauchte neben ihm auf und ihre Hand gab ihm einen guten Schlag gegen die Schulter. Mein Blick schweifte zu dem Namensschild auf seiner Brust, die nicht einmal zuckte.

AUGUSTIN in Großbuchstaben, stand dort geschrieben.

“Hey, Ida! Löß deine Augen von Augustin!” Maya stellte sich auf die Zehenspitzen vor mich und versuchte mir die Sicht zu verdecken. Für einen kurzen Moment spürte ich den Drang, sie zur Seite schubsen.

“Maya”, seufzte ich enttäuscht.

“Ja?“, fragte sie belustigt.

“Maya”, räusperte ich ihren Namen erneut und versuchte mich auf sie zu konzentrieren.

“Bin ich nicht hübsch genug?“, lachte sie und hüpfte vor mir auf und ab.

“Scheiße”, fluchte ich und war jetzt wieder Herr meiner Sinne.

“Jeder hat diese Gedanken hier. Das ist unsere Revierschnitte”, sagte sie laut und amüsiert, während sie mit dem Daumen über ihre Schulter zu diesem Augustin zeigte.

Mir war klar, dass er genau gehört hatte, was Maya sagte. Er ließ es sich jedoch nicht anmerken. Er hatte sich überhaupt nicht von der Stelle gerührt und stand da, als würde ihn so schnell nichts in die Flucht schlagen, selbst Mayas Worte nicht.

“Jeder denkt mehrmals täglich daran, wie es ist, von ihm gevögelt zu werden.” Mayas Worte waren gleichgültig und ohne jegliche Emotion. Dennoch lösten sie in mir ein Lachen und erst in der nächsten Sekunde Entrüstung aus.

“Halt die Klappe”, rümpfte ich meine Nase und spitzelte noch einmal über ihre Schulter.

“Worüber genau?“, grinste sie mich an und mir fiel auf, dass ihr Schneidezahn abgebrochen war. Ich tippte auf meinen Eigenen und sah sie fragend an.

“Trainingsunfall. Stört nicht beim Küssen.” Maya war ganz die Alte. Sex war und blieb ihr Hobby.

“Wir sind nicht mehr auf der Polizeischule”, merkte ich an. Allein der Gedanke daran, dass sie sich nicht geändert hatte, ließ mich schmunzeln. Ihre Affären waren schon immer Kinoreif gewesen.

“Stimmt, jetzt sind wir endlich umgeben von richtigen Kerlen”, grinste sie mich schamlos an.

“Du wirst dich nie ändern”, stellte ich fest.

“Hab noch keinen Grund gefunden. Im Gegenteil, es gibt lauter gute Gründe, es nie zu tun”, lachte sie laut und herzlich.

Maya hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ein Tag ohne Sex ein verlorener Tag war. Ihr lockerer Umgang damit und ihre speziellen Vorlieben, die sie jedem mitteilte, lehrten jeden, der im ersten Moment schockiert war, dass er dazulernen musste und machte sie nur um so sympathischer.

“Ich hätte öfter auf dich hören sollen”, murmelte ich leise und sah über ihre Schulter zu Augustin, der immer noch zu uns hinübersah. Ich sollte meine Brille herausholen, um mehr von ihm sehen zu können, doch das war zu offensichtlich.

“Du stehst nicht auf Weiber, oder hat sich da etwas geändert? Du hast nichts erwähnt.” Maya’s Worte ließen mich wieder zu ihr blicken.

“Nein, du bist die Einzige, in die ich verliebt bin”, versicherte ich ihr.

“Das heißt nicht, dass ich deine Pussy lecken darf.” Maya sah mich ernst an und ich schüttelte schnell den Kopf. Während des Studiums hatte sie fast darum gebettelt. Erst spielerisch, dann mit Nachdruck und ich zweifelte nicht daran, dass sie es jetzt nicht ernst meinte oder wieder versuchen würde.

“Richtig, Maya. Das hat sich nicht geändert!”

“Schade. Das steht trotzdem dieses Jahr auf meinem Wunschzettel für Weihnachten. Wenn es sich wieder nicht erfüllt, dass schätze ich, den Weihnachtsmann gibt es nicht.” Maya klimperte enttäuscht mit ihren Augen.

“Zumindest nicht die Weihnachtsfrau.”

“Du bist langweilig. Ich könnte dir echt viel Freude bereiten”, Maya schürzte schmollend die Lippen und sah mich mit wackelnden Augenbrauen an.

Sie war einfach göttlich. Rotbraune Haut, dunkle, geheimnisvolle Augen, lange schwarze Haare. Sie wäre vor tausend Jahren mit Sicherheit auf einem Aztekentempel geopfert worden. Einerseits, weil sie so bildhübsch war und andererseits für ihre frivolen Gedanken.

“Du hast mein Einverständnis, mich in den nächsten Wochen zu ändern.”

“Wochen? Das ist nicht dein Ernst. Da musst du mir schon helfen, sonst wird das nichts in den nächsten Jahren.” Mayas Zeigefinger stupste gegen meine Brust, fuhr unter meine Achseln und fing mich an zu kitzeln.

Selbstbeherrschung fiel mir gerade schwer.

“Ich leg dich gleich übers Knie. Lass das!“, warnte ich sie.

“Das finde ich heiß. Vielleicht schaffe ich es doch in ein paar Wochen”, lachte sie und zog ihre Hand zurück.

“Ich hab dich vermisst”, gab ich zu.

“Das ist zu wenig. Wenn du mir nicht sagst, dass du einen Schrein für mich in deiner Wohnung hast, ist das wenig überzeugend.”

“Apropos Wohnung. Hamburg ist noch ätzender, als Berlin.”

“Was hast du gefunden?”

“Zwei Monate in einer Studenten-WG, weil jemand im Ausland ist.”

“Das ist gut, dass dir das zusagt. Etwas Besseres wirst du so schnell nicht finden, es sei denn du willst die Hälfte deines Gehalts opfern.”

“Das heißt, ich kann bei dir nicht einziehen?”

“Richtig.”

“Schade.”

“Meine Bedingung kennst du, vielleicht überlege ich es mir, wenn du zusagst ausschließlich nackt in meiner Wohnung zu laufen?”

“Nein. Studenten-WG ist ganz okay, denke ich”, lehnte ich ab.

“Das Angebot hat kein Verfallsdatum, Süße. Jetzt zeige ich dir den langweiligen Teil unseres Reviers, den heißen hast du schon gesehen.” Maya zeigte offensiv mit ihrem Daumen Richtung Augustin und für einen Augenblick bildete ich mir ein, ihn schmunzeln zu sehen.

“Komm”, forderte sie mich auf und zerrte an meinem Trench. “Jeder hat sich hier schon vorgestellt, wie es ist, von ihm gefickt zu werden.”

Es gab keinen Zweifel, dass mein Kopf hochrot war, wie eine Boje im Wasser. Wie die rote Flagge, die gehisst wird, wenn schwimmen zu gefährlich wurde.

“Sei still!“, zischte ich.

“Wieso?“, fragte sie lautstark, just als wir an Augustin vorbeigingen. Sein ausdrucksloser Blick verfolgte jeden meiner Schritte und in mir schrillten alle Alarmglocken. Ich war hier, um von einem Stalker wegzukommen und mir nicht einen neuen zu angeln.

“Es gibt Wetten darauf, wer ihn zuerst zwischen seine Beine bekommt, doch er scheint immun.” Maya blieb stehen und sah Augustin kopfschüttelnd an. Der bemerkte es jedoch überhaupt nicht. Sein stummer Blick blieb an mir heften, wie die Mücke auf einem Spinnennetz.

“Regt sich da etwas zwischen deinen straffen Schenkeln? Darauf hoffe ich schon seit ein paar Jahren!“, zwinkerte Maya in meine Richtung, doch ihre Augen blieben auf Augustin. Der wiederum sah sie an mit einer Mischung aus Überraschung und Neugier.

Diese wurde durch Gleichgültigkeit ausgetauscht. Enttäuschung und Ratlosigkeit hätte ich es vielleicht genannt, als er mir wieder und die Augen blickte.

“Gut, dass es dir genauso geht, wie mir und allen anderen. Jeder findet ihn heiß. Gut, dass in dir noch Leben ist!” Sie übertrieb wie immer maßlos.

“Alles lebendig und die Batterien in meinem Vibrator prüfen das jeden Abend”, antwortete ich in ihrer Art, weil ich wußte, es gefiel ihr.

“Du bekommst den Schreibtisch neben ihm und ich hoffe, dass der wichtigste Teil an dir dadurch auch ohne Hilfsmittel wieder zum Leben erweckt wird!” Innerlich fluchend sah ich in ihre schelmisch aufblitzenden Augen, verkniff mir jedoch einen weiteren Kommentar.

“Sollten wir nicht langsam erwachsen werden?“, frage ich während ich ihr folgte.

“Du bist in Hamburg. Wilder Sex und unerfüllte Sehnsüchte können hier wahr werden.”

“Kannst du etwas leiser reden?”

“Nein!“, sagte sie bestimmt. “Jeder kennt meine Vorliebe für heiße Polizisten, nur bei Augustin beiße ich mir die Zähne aus.” Ich sah noch einmal zurück auf die Eingangstür und konnte nur noch einen Teil von ihm sehen.

“So, wie er dich angestarrt hat, denke ich, dass du mehr Glück hast, als ich.”

“Vielleicht war er nur fassungslos über deine Worte?”

“Wohl kaum, ihn bringt nichts aus der Ruhe.”

“Außer du?”

“Nein, unmöglich. Ich hab es versucht. Keine Chance.” Ihre Enttäuschung war deutlich zu hören. Sie sah über ihre Schulter hinter mich zu ihm und dann wieder zu mir. “Das, was ich seit ein paar Jahren versuche, hast du in fünf Minuten geschafft”, schmunzelte sie zufrieden.

“Er sah aus, als hätte er einen Geist gesehen. Er trägt zudem einen Ehering”, antworte ich ihr. Keine Ahnung, warum ich darauf zuerst geachtet hatte, wahrscheinlich, weil ich meinen vor einer Stunde in der Elbe versenkt hatte.

“Du schaust auf seine Finger? Sehr gut. Dein Ziel hast du wenigstens schon gesetzt.”

“Maya”, schlug ich ihr genervt gegen die Schulter.

“Das wird Spaß, Ida! Ich bin so froh, dass du hier bist”, sie gab mir einen Kuss auf die Wange und zerrte mich in Rekordtempo durch die Wache. Sie deutete auf einen Schreibtisch mit einem sauberen Stapel Akten und zeigte auf eine Kaffeemaschine in einem anderen Raum, der von Glaswänden abgetrennt war.

“Willkommen in Hamburg”, flötete sie und verschwand.

Maya und ich hatten zusammen die Polizeischule besucht. Wir verbrachten nicht nur unsere Ausbildung in Berlin zusammen, sondern teilten auch eine Einzimmerwohnung in einem Hinterhof in Wedding.

Nach meiner gescheiterten Ehe brauchte ich ihren Frohmut noch mehr als einen Ortswechsel. Als Maya mir sagte, dass sie hier in Hamburg jemanden wie mich suchen, war die Entscheidung schnell gefallen und das Glück nach meiner Bewerbung auf meiner Seite.