Kapitel 1 - RUHIG BLUT
DAVOS, SCHWEIZ
NICHOLAS
Ich hatte einen verdammten Auftrag, und ich habe ihn versaut.
Kein Wunder. Andrej selbst ist an seinem Auftrag gescheitert, als eine Frau ins Spiel kam, und so bin ich auch gescheitert.
Bljad.
Mein Problem heißt Himari, ist etwa einen Meter fünfundfünfzig groß, hat kastanienbraunes Haar und schwarze Augen. So schwarz wie ihre Seele.
Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals eine Frau hassen könnte, aber was ich in diesem Moment für Himari empfand, war nichts anderes als pure Wut. Wut, so groß, dass ich sie am liebsten umbringen würde.
Himari war zwar klein, aber sie konnte treten und schlagen wie eine Große. In dieser Hinsicht hatte ich sie unterschätzt, denn sie war eine verdammte Killerin. Was ist passiert? Ich will gar nicht darüber nachdenken, was passiert ist... Ich will auch nicht wissen, was Sergej mit mir machen wird, wenn er erfährt, dass Himari frei herumläuft.
Ich konnte nur hoffen, dass Andrej so schnell wie möglich kommen würde, um mir bei der Suche zu helfen. Riad, der Idiot, war zu nichts zu gebrauchen, oder vielleicht dachte ich das nur. Ich bin so wütend, dass ich meine blutende Wange nicht wahrnehme und auf alles schimpfe. Die Wunde verläuft neben meinem linken Auge, und wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich fast mein Auge verloren.
Mein Handy vibriert.
ANDREJ: Der Flug geht in einer Stunde, versuche in der Zeit nützliche Informationen zu finden und mach nichts Falsches.
NICHOLAS: Das Miststück soll beten, dass sie mir in der nächsten Stunde nicht über den Weg läuft, ich bringe sie um.
ANDREJ: Reiß dich zusammen, sonst laufen wir Gefahr, selbst dabei umzukommen. Ruhig Blut...
Rajkov hat das immer gesagt... Ruhig Blut. In der Ruhe liegt die Kraft, nichts soll überstürzt werden.
Ich atme noch einmal durch und versuche, meine Gedanken zu ordnen, während ich wieder ins Hotel Belvedere gehe. Die Angestellten schauen mich schockiert an, aber es ist mir egal, was sie über meine Situation denken. Wahrscheinlich würden sie am liebsten den Notarzt zu Hilfe rufen, aber das ist für mich kein Thema. Mir geht es gut.
Ich laufe ins Bad, nehme eine heiße Dusche und ziehe mich danach frisch an. Ich schnappe mir meinen Laptop und mache das, was ich am besten kann. Ich hacke mich in jede Kamera, suche nach jeder noch so kleinen Information, die mir bei der Suche nach Himaro helfen könnte.
Ich muss sie einfach finden.
Drei Wochen zuvor:
NICHOLAS
Riad, Yuri und ich wurden in Sergejs Büro gerufen.
Das ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn man mich fragt, denn Sergej hatte uns nicht gesagt, warum er uns sehen wollte.
Etwas musste schief gelaufen sein.
Seine Tochter war schwanger von Andrej, meinem Bratwa-Bruder. Ob das erlaubt war?
Na ja... wenn man die Tochter seines Chefs fickt... Das kommt definitiv nicht gut an. Andrej hatte Glück, dass er von Sergej quasi aufgezogen wurde. Rajkov, unser verstorbener Pachan, hatte Andrej damals gefunden, ihn in die Bratwa aufgenommen und dafür gesorgt, dass es ihm gut ging. So wie wir alle, außer Riad. Riad war bis vor kurzem in der Londoner Bratwa, während wir fester Bestandteil der Texas-Zelle sind.
Der große Verräter Dimitri, ehemaliger Bratwa-Bruder, wurde von Andrej getötet, nachdem er Sergejs Tochter Latonya an die Yakuza ausliefern wollte, welche im Moment unsere Feinde sind.
Warum erzähle ich das alles?
Das, meine Damen und Herren, erklärt wahrscheinlich, warum wir in diesem Büro stehen und darauf warten, was Sergej uns sagen wird.
"Ihr wisst wohl, warum ich euch hergebeten habe?", fragt Sergej, während er gemächlich in das Büro schlendert.
Yuri und ich schauen uns an. Yuri kenne ich seit meiner Zeit bei der Bratwa. Er ist wie ich und Riad etwa 190 cm groß, hat einen Kurzhaarschnitt und einen Dreitagebart, der seine kantige Kieferpartie betont. Manchmal erinnert er mich an Tom Hardy. Yuris Geschichte? Ihr möchtet sie besser nicht hören, ich verrate euch nur, dass Juri gehörlos ist.
Ich korrigiere: Er wurde taub gemacht. Nach einem brutalen Zwischenfall wurde sein Gehörgang so stark beschädigt, dass er seitdem nichts mehr hört. Er hat sich das Lippenlesen und die Gebärdensprache angeeignet, ist aber sehr zurückhaltend damit. Er ist in sich gekehrt und lebt praktisch nur noch für die Bratwa, nachdem Rajkov ihn gerettet hat. Yuri ist in seiner Kraft ein brutaler Kämpfer, der vor nichts zurückschreckt. Er ist das, was man einen Vollstrecker nennt. Er bringt zu Ende, was andere begonnen haben. Taub.
Riad unser Sunnyboy, sonnengebräunt, grüne Augen und ein verdammter Player, redet mehr als er sollte. Nach allem, was ich über ihn herausfinden konnte, war seine Mutter keine Russin, nur sein Vater. Was er wirklich kann, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht... Zumindest sollte ich es jetzt herausfinden.
Im Alter von achtzehn Jahren beschloss er, nach London zu gehen, um dort zunächst zur Schule zu gehen und später zu studieren, aber daraus wurde nichts. Auf der Suche nach seinem Vater geriet er in die Bratwa. Seiner Mutter erzählte man, er sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen, oder besser gesagt, er wäre beinahe ums Leben gekommen. Laut dem Londoner Polizeibericht war der Unfall so schwer, dass Riad mehrere Monate in einer Reha-Klinik verbringen musste, um wieder gesund zu werden, und nun scheint es mir, als lebe er einfach mit dem Wissen, dass er eines Tages sterben könnte.
Und ich? Ich war das, was man heute einen Hacker nennen würde, der Kopf der Bratwa, die Augen und Ohren. Alles, was an ein Kabel angeschlossen oder im Netz war, war mein Revier. Ich habe das Unmögliche möglich gemacht und nach sechs Monaten sogar Latonya gefunden. Sechs Monate, in denen Andrej nach ihrer Flucht verzweifelt nach ihr gesucht hatte.
Während wir alle Sergej weiterhin keine Antwort geben, fixiert er mich mit seinem Blick. Ein Blick, der nichts zu sagen scheint. Wir wissen immer noch nicht, ob wir es sein werden, die für Andrej den Kopf hinhalten müssen. Andrej und Latonya haben sogar mit seinem Segen geheiratet, was in der Bratwa-Geschichte einmalig ist. Eigentlich ist es verboten, eine Frau zu heiraten. Der Grund? Die Familie führt eben zu solchen Problemen. Die Menschen, die man liebt, werden zur Zielscheibe und das lässt einen irrational denken.
"Ich nehme an, es geht um Andrej und Latonya?", frage ich schließlich und zucke mit den Schultern. Gott sei Dank ist Sergej kein Diktator. Wir betrachten ihn als Bruder, besser gesagt als unseren Pachan, mit gewissen Nettigkeiten.
"Nicht ganz", antwortet Sergej und zündet sich an seinem Schreibtisch lehnend eine Zigarre an.
Was ich an Sergej mag? Er hat Stil. Er ist ein Mann mit Klasse, sieht immer gepflegt aus, hat eine tolle Ausstrahlung und hat uns bewiesen, dass er anders ist. Vielleicht nicht für alle, aber in mancher Hinsicht kann er es sein. Das stärkt die Beziehung.
"Ishiro hat versucht, meiner Tochter etwas anzutun, hat mich praktisch gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben, der die Hälfte unseres Einkommens betrifft..."
Riad runzelt demonstrativ die Stirn und zieht die Augenbrauen hoch.
"Betrifft?", hakt er bei Sergej nach, der ihm ein teuflisches Lächeln schenkt.
"Glaubst du, ich unterschreibe irgendwelche Verträge? Nein mein Junge... Aber er wird es wieder versuchen, indem er versucht Latonya... meine Schwäche, anzugreifen. Früher war mir alles egal, aber jetzt ist sie schwanger und ich werde es nicht mehr dulden, dass sie in Gefahr gerät." Er atmet ein und aus, fixiert mich mit seinem Blick und spricht weiter.
"Lange Rede, kurzer Sinn: Ich will, dass Ishiros Tochter in unserer Gefangenschaft, während Latonya mit Andrej unterwegs ist. Ich will, dass Ishiro leidet und was seine Tochter betrifft, ist er noch empfindlicher", Sergej klatscht einmal in die Hände.
"Befehl verstanden?", fragt er uns alle, während ich stumm nicke und Riad nur ein "Aye" aus dem Mund bekommt. Auch Yuri nickt und schaut mich wieder an, als hinge alles von mir ab.
"Sobald Latonya wirklich in Sicherheit ist, gebe ich euch Bescheid. Dann beginnt euer Part, ist das klar?"
"Ja", sagen Riad und ich unisono, während Yuri nickt.
"Gut, ich danke euch für euren tollen Einsatz. Ihr könnt jetzt gehen", weist uns Sergej an, während Yuri als Erster, ich in der Mitte und Riad als Letzter aus Sergejs Büro treten.
Als wir außer Reichweite sind, fängt Riad an zu reden.
"Wie zum Teufel sollen wir eine Frau finden, von der wir keine Ahnung haben, wer sie ist?", fragt er mich, während ich mir verzweifelt auf die Unterlippe beiße und Yuri anschaue, der mit den Schultern zuckt und mein Unbehagen versteht. Er versteht, dass ich von Riad genervt bin und eigentlich ohne ihn besser dran wäre.
"Wir wissen schon, wer sie ist und wo sie ist...", werfe ich ein, als er mir direkt ins Wort fällt.
"Wirklich? Dann ist die Mission ja schon zur Hälfte erledigt..."
Yuri zieht grinsend die Augenbrauen hoch, während er mich weiter ansieht.
"Ich glaube nicht, dass es so einfach wird. Wir müssen in die Schweiz fliegen... Den Rest erkläre ich dir auf dem Flug, ja?", ich zwinkere ihm zu und verschwinde in die Küche.
Ishiros Tochter war gerade in Davos in der Schweiz. Zumindest glaubte Ishiro, dass sie dort in Sicherheit war. In diesem Glauben würde ich ihn auch lassen, solange Sergej uns nicht das GO gab. Aber die Sorge war: Was mache ich mit ihr, wenn ich sie gefangen habe? Ich musste den weiteren Ablauf organisieren, damit alles reibungslos klappte. Es war vielleicht nicht schlecht, Yuri dabei zu haben, aber Riad? Bei Riad hatte ich das Gefühl, dass er zwei linke Hände hatte, obwohl das in London bei der Schießerei anders aussah.
Ich konnte nur zu Gott beten, dass alles gut gehen würde, denn sonst könnte Andrej sein Babyglück nicht unbeschwert genießen. Der Gedanke, dass Latonya mit dem Baby verletzt werden könnte, machte mir Angst.
Er erinnerte mich an meine jüngste Vergangenheit: Valya.
Mir sträuben sich die Haare, wenn ich nur daran denke. Rajkov, der schon tot ist, weiß von den Umständen und Andrej, der damals zufällig dabei war, sonst niemand.
Ich war ein verdammter Unmensch und hätte zum Tode verurteilt werden müssen.
Ich habe Valya nicht nur gehen lassen, nein. Ich ließ sie im Glauben, ich sei tot. Sie war schwanger, aber ich wusste nichts davon. Ich habe wirklich nichts davon gewusst, das schwöre ich bei Gott! Und selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich mich niemals auf diese Scheiße einlassen dürfen. Ich habe meine ganze Familie zurückgelassen, um mein Leben bei der Bratwa fortzusetzen.
Ich habe sie im Glauben gelassen, tot zu sein, und musste zusehen, wie sie in den Abgrund stürzte...









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