Kapitel 1
„Brent, ich mach das schon, mach dir keinen Kopf.“
„Nein, ist schon okay, Whit. Ich krieg das hin.“
„Aber du müsstest doch gar nicht ...“
„Ich weiß, dass ich nicht muss, Schätzchen. Aber ich will.“
„Und warum?“
„Weil ich dich liebe.“
Whitney lächelt und kommt näher. Ich spüle das Geschirr ab, bevor ich es in die Spülmaschine stelle. Sie gibt mir einen Kuss, während ich die Lüge ausspreche, in der ich inzwischen so geübt bin, dass sie mir ganz leicht über die Lippen geht. Es ist nicht völlig gelogen. Ich liebe sie und sorge mich auf meine Art um sie. Aber es ist nicht diese romantische Liebe, die sie sich vorstellt. Trotzdem bin ich ihr Ehemann und der Vater ihrer Kinder. Ich habe eine Rolle zu spielen und bisher spiele ich sie verdammt gut.
Whitney geht ins Wohnzimmer. Dort schauen Justin und Isabelle ihre Cartoons, bevor sie ins Bett müssen. Vor einem Jahr hätte ich meine Frau und meine Kinder fast verlassen. Aber dann bin ich aufgewacht und habe begriffen, was das für Folgen gehabt hätte. Man sagt ja, dass Leute den Verstand verlieren, wenn sie sich verlieben. Und ich hatte mich ausgerechnet in den Menschen verliebt, der falscher nicht hätte sein können: William, der Bruder meiner Frau. Ich war kurz davor, Whitney zu sagen, dass ich nicht mehr dasselbe für sie empfinde wie bei unserer Hochzeit. Dass sich etwas Grundlegendes in mir verändert hat. Doch dann hat William mir das Herz gebrochen. Als ich mich wieder gefangen hatte, schwor ich mir, dass mir das nie wieder jemand antun würde. Da wurde mir klar, dass ich mich doch nicht so sehr verändert hatte. Nicht wirklich.
Wissen Sie, das Verlangen nach Männern, das William in mir geweckt hatte, war schon immer da. Unbewusst hatte ich es so tief vergraben, dass ich es selbst nicht merkte. Wenn man in einer streng patriarchalen Familie aufwächst, hält man sich eben an das, was von einem erwartet wird. Man weicht nicht vom Weg ab. Als ich die ersten Gedanken an Männer hatte, habe ich das gar nicht richtig registriert. Es war zu subtil.
Es fing als Teenager an. In der Umkleide nach dem Football-Training, wenn wir rumgealbert und uns gegenseitig mit nassen Handtüchern auf den Arsch gehauen haben. Ich dachte immer, ich bewundere nur den Körperbau meiner Mitschüler, weil ich auch so aussehen wollte. Das stimmte zwar, aber darunter lag eine andere, dunklere Wahrheit. Einer Wahrheit, der ich mich erst stellte, als William mir zeigte, was möglich ist – und ich zugriff.
Frauen stießen mich nicht ab. Ich hatte eigentlich immer gerne Sex mit ihnen. Aber ich mochte eben auch Sex mit Männern. Das zuzugeben hat eine ganze Weile gedauert.
Jetzt, wo ich wusste, wer ich wirklich bin, fiel mir der Spagat meines Doppellebens viel leichter. Ich stellte das letzte schmutzige Teil in die Maschine und wollte sie gerade einschalten. Da hörte ich, wie Whitney den Kindern sagte, sie sollen nach oben gehen und Zähne putzen. Ich holte mein Handy aus der Tasche. Es war Viertel vor neun. Ich entsperrte es und öffnete meine Nachrichten.
Wollen wir uns treffen?, schrieb ich und drückte auf Senden. Zwei Minuten später, ich holte mir gerade ein Glas Apfelsaft aus dem Kühlschrank, kam die Antwort.
Klar. Bin in etwa dreißig Minuten bei dir in der Gegend, lautete die Nachricht.
Bis gleich, tippte ich und ging nach oben, um meine Sporttasche zu holen. Ich packte gerade ein sauberes T-Shirt und frische Unterwäsche ein, als Whitney ins Zimmer kam.
„Gehst du schon wieder zum Sport?“, fragte sie.
„Ich war seit drei Tagen nicht mehr, Schatz“, antwortete ich.
„Schon, aber ich dachte, du bleibst heute Abend mal zu Hause. Es ist schließlich Freitag.“
Freitag war unser Sex-Abend, aber das hatte ich total vergessen. Ein schlechtes Gewissen hatte ich trotzdem nicht. Wir hatten es die letzten zwei Freitage auch ausfallen lassen. Außerdem kam ich sonst voll auf meine Kosten, also gab es keinen Grund zur Klage.
„Ja, aber ich habe Lance schon geschrieben und kann ihm jetzt nicht mehr absagen“, sagte ich. „Wir können ja was machen, wenn ich zurückkomme.“
„Du weißt genau, dass ich morgen super früh raus muss“, meinte Whitney. „Ich gehe wahrscheinlich bald schlafen.“
„Vielleicht nächste Woche“, sagte ich. „Die letzten zwei Male ist es ausgefallen, weil du wieder Überstunden machen musstest. Hab bitte ein bisschen Verständnis.“
Sie seufzte. Gegen die Karte „letztes Mal warst du schuld“ kam sie nicht an. „Na gut“, sagte sie. „Ich weiß ja, dass du dein Wort nicht brichst. Viel Spaß.“
„Werde ich haben“, antwortete ich. Sie hatte ja keine Ahnung, wie viel.
Als ich auf den Parkplatz des Fitnessstudios fuhr, wartete Lance bereits in seinem Wagen. Ich ging zu ihm rüber und stieg ein.
„Alles klar, Mann?“, fragte ich.
„Läuft bei dir?“, gab er zurück und wir machten einen Faustgruß.
Lance war zehn Jahre jünger als ich, aber er war echt cool. In den letzten sechs Monaten waren wir ziemlich dicke geworden. Er war der einzige Typ, mit dem ich was am Laufen hatte, während das mit William noch aktuell war und als ich danach nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Ich traf Lance zufällig wieder, als ich meine Depression überwunden hatte und wieder mit dem Training anfing. Er hat nie jemandem erzählt, dass wir es uns nach dem Training einmal gegenseitig in der Dusche besorgt haben. Er verhielt sich ganz normal, als wäre nie etwas passiert. Als ich merkte, dass ich ihm vertrauen konnte, hingen wir immer öfter zusammen ab. Erst trainierten wir zusammen, danach rieben wir unsere Schwänze aneinander. Es war heiß und riskant, weil wir jederzeit hätten erwischt werden können. Lance ist eigentlich hetero, genau wie ich. Also, er steht auf Frauen und würde nie einen Typen daten. Aber gegen ein bisschen Action von Mann zu Mann hat er ab und zu nichts einzuwenden. Irgendwann ließen wir das Training ganz sein und kamen direkt zum spaßigen Teil. Aber wir trafen uns trotzdem immer am Fitnessstudio.
„Wollen wir rein?“, fragte ich ihn.
„Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du mit zu mir kommen willst“, sagte Lance.
„Was ist mit Julie?“, hakte ich nach. Julie war seine Freundin, mit der er seit einem Jahr zusammen war.
„Julie ist nach Michigan geflogen, ihre Familie besuchen. Sie ist zehn Tage weg“, sagte Lance.
„Warum sagst du das nicht gleich? Ich hätte direkt zu dir kommen können.“
„Du weißt doch, dass ich bestimmte Dinge nicht gerne schreibe. Ich wollte dich lieber persönlich fragen. Außerdem wohne ich von hier aus nur acht Minuten entfernt“, erklärte Lance.
„Bin dabei“, sagte ich. „Lass uns abhauen.“
„Aber ich bin nicht allein“, fügte Lance hinzu.
Ich war verwirrt. „Wie meinst du das?“, fragte ich. „Ich dachte, Julie ist in Michigan.“
„Ist sie auch“, sagte Lance. „Ich hab ein paar Kumpels da.“
„Oh“, sagte ich enttäuscht. „Wie sollen wir da was machen, wenn die dabei sind?“
„Die stört das nicht“, sagte Lance mit einem fetten Grinsen. Da dämmerte es mir.
„Was für Kumpels sind das, Lance?“, fragte ich.
„Gute Kumpels, genau wie du“, antwortete er.
Es gab also noch andere Männer wie mich da draußen, und sie waren alle mit Lance befreundet. Diese Möglichkeit hatte ich nie in Betracht gezogen. Jetzt war ich doch ziemlich neugierig. Aber zuerst brauchte ich mehr Infos.
„Wie viele sind es?“
„Drei“, sagte Lance. „Mit mir sind es vier. Und wenn du mitmachst... tja, rechne selbst.“
„Wie alt sind die?“
„Einer ist siebenundzwanzig, der zweite einunddreißig und einer ist vierzig“, sagte Lance. Es würde also jemand dabei sein, der älter war als ich. Mein Interesse war offiziell geweckt. Aber eine Frage musste ich noch loswerden.
„Sind die alle so diskret wie wir?“
Lance grinste wieder. „Zu einhundert Prozent, Alter“, sagte er. „Ich würde nie was machen, ohne dass die Diskretion garantiert ist. Zwei von ihnen sind verheiratet, der dritte ist in einer Beziehung, genau wie ich. Alles Typen, die eigentlich auf Frauen stehen, wie gesagt. Genau wie du und ich.“
Das gab den Ausschlag. „Dann bin ich dabei“, sagte ich. „Abfahrt.“
Lance strahlte über das ganze Gesicht. „Ich wusste doch, dass du kein Feigling bist.“
Er fuhr los. Mein Herz klopfte von Minute zu Minute schneller. Aber ich hatte mich entschieden: Ich war bereit, meinen Horizont zu erweitern und mich auf Neues einzulassen. Wenn mir letztes Jahr jemand gesagt hätte, dass ich bald mit einem zehn Jahre jüngeren Hengst zu drei anderen Kerlen fahre, um nackten Spaß zu haben – ich hätte ihn wahrscheinlich ausgelacht oder für verrückt erklärt. Aber heute war ich ein anderer Mann.
Als wir ankamen, sah ich zum ersten Mal Lances Haus. Zwei Autos standen bereits davor. Das Haus war groß und schick. Ich wusste nie genau, was Lance beruflich machte. Aber was auch immer es war, es musste gut bezahlt sein. Er schien finanziell keine Sorgen zu haben.
„Das ist dein Haus?“, fragte ich ihn.
„Na ja, ich miete es nur, aber ja, bis zum Ende des Vertrags gehört es mir“, sagte er, während wir ausstiegen.
Ich sah mich nach neugierigen Nachbarn um. Aber hinter den Fenstern blieb es ruhig. Niemand war mit seinem Hund unterwegs oder machte einen Spaziergang. „Sind deine Nachbarn locker drauf?“
Lance zuckte mit den Schultern. „Für die sieht es so aus, als kämen ein paar Kumpels auf ein Bier vorbei“, sagte er. Als ich darüber nachdachte, merkte ich, dass er recht hatte. Wenn ich sehen würde, wie Männer bei meinem Nachbarn einkehren, während seine Frau weg ist, würde ich auch nicht an Sex denken. Ich würde denken, sie spielen Poker, trinken Bier, klopfen Sprüche und kraulen sich die Eier.
Lance schloss die Haustür auf. Wir betraten einen geräumigen Flur. Wäre ich nicht so nervös gewesen, hätte mich das Haus sicher mehr interessiert. Ich atmete einmal tief durch den Mund aus.
„Ganz locker, Alter“, sagte Lance und klopfte mir auf den Rücken. „Alle hier sind cool, wie ich gesagt habe. Wir sind alle aus demselben Grund hier, also komm dir nicht komisch vor. Das Wohnzimmer ist da lang. Ich packe noch ein paar Biere in den Eiskübel und komme dann nach. Geh schon mal rein und stell dich vor.“
Ich ging nach links, wo laut Lance das Wohnzimmer lag. Als ich reinkam, sah ich als Erstes, dass alle Jalousien unten und die Vorhänge zugezogen waren. Gut, so konnte uns wenigstens niemand belauschen oder beobachten. Dann bemerkte ich zwei Typen auf dem Sofa, die sich unterhielten. Sie wirkten entspannt, aber es lag dieses gewisse Prickeln in der Luft, das man bei einem normalen Männerabend nicht hat.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, sagte der Typ, der näher bei mir saß, und stand auf. Er war sportlich, hatte rote Haare und einen Dreitagebart. Er trug ein blaues T-Shirt und weiße Shorts. Er hielt mir die Hand hin. Ich schüttelte sie. „Ich bin Josh“, sagte er.
„Brent“, sagte ich und nickte ihm zu. Langsam wurde es ernst.
„Das ist Vincze“, sagte Josh und zeigte auf den anderen Typen neben ihm. Er war blond, hatte blaue Augen und trug ein weißes Langarmshirt mit V-Ausschnitt und Jeans. „Er ist Ungar.“
„Freut mich“, sagte ich zu ihm. „Brent.“
„Hallo, Brent“, sagte Vincze mit starkem Akzent. „Schön, dich kennenzulernen.“
„Ganz meinerseits“, erwiderte ich. Also machten nicht nur Amerikaner solche Sachen, dachte ich mir. Ich setzte mich in den großen Sessel neben Josh. Beide hatten ein Bier vor sich stehen. Vinczes Flasche war leer, Joshs fast. Vor dem anderen Sofa gegenüber standen noch zwei Flaschen. Der Fernseher lief leise im Hintergrund, irgendein Musiksender.
„Wo ist Lance?“, fragte Josh.
„Er holt Nachschub“, sagte ich. Ich sah Josh und Vincze an und versuchte ihr Alter zu schätzen. Josh wirkte wie Anfang dreißig, also war er wohl der Einunddreißigjährige, von dem Lance erzählt hatte. Vincze war definitiv der Jüngste, das sah man ihm an. Er war der Siebenundzwanzigjährige. Wo war dann der Vierzigjährige? Ich wollte nicht der Älteste in der Gruppe sein. Obwohl Josh und Vincze verstohlen auf meine Beule starrten, schienen sie nicht enttäuscht von mir zu sein. Lance suchte sich seine Kumpels nach sportlichem Aussehen aus, so viel stand fest.
„Und wie kennt ihr Lance?“, fragte ich, um das Schweigen zu brechen, da ich kein Bier hatte und nicht wusste, wohin mit meinen Händen.
„Lance und ich gehen zusammen zur Uni“, sagte Vincze.
Uni, dachte ich. Wie waren sie dann dazu gekommen, sich gegenseitig die Schwänze zu reiben? Ich war mir sicher, dass ich das heute Abend noch erfahren würde.
„Wir haben früher im selben Fitnessstudio trainiert“, sagte Josh. „Dann ist er in diesen Teil der Stadt gezogen, aber wir treffen uns trotzdem noch ab und zu.“
Ich musste nicht fragen, warum sie sich trafen. Die Antwort kannte ich bereits. Es war ein bisschen unbehaglich. Gerade als ich fragen wollte, wo der älteste Kerl steckt, kam Lance mit den Bieren zurück.
„Was geht, Jungs!“, rief er und strahlte über beide Ohren. „Verdammt, ich hätte nie gedacht, dass ich alle meine Kumpels mal für so einen Abend zusammenkriege. Das war eine Spitzenidee, Josh!“
Josh nickte und wurde ein bisschen rot. Ich lächelte ihm aufmunternd zu, woraufhin er sich entspannte.
„Ein Bier für dich, Vincze“, sagte Lance, während er die Flaschen öffnete und verteilte. „Ein Bier für dich, Brent.“ Ich nahm es mit einem Dankeschön an. „Und du trinkst das erst mal aus, bevor du ein neues kriegst, Josh.“
Josh leerte seine Flasche auf ex. Lance gab ihm lachend ein neues Bier. Er war sichtlich aufgedreht. So aufgeregt hatte ich ihn noch nie gesehen.
„Wo ist dein Freund, Josh?“, fragte Lance.
„Der ist im Bad“, sagte Josh und nahm einen Schluck von seinem neuen Bier.
„Meinst du, alles okay bei ihm?“, fragte Vincze mit seinem Akzent. „Er ist schon ewig weg.“
„Wahrscheinlich telefoniert er mit seiner Frau“, meinte Josh. „Die kann manchmal ein echter Albtraum sein.“
„Ein Prost auf unsere Frauen und Freundinnen!“, sagte Lance, und wir stießen alle an.
Ich nahm einen Schluck und stellte die Flasche auf den Tisch. Ich nahm mir vor, nicht zu viel zu trinken, weil ich ja noch fahren musste. Ich wusste nicht, wie lange das hier dauern würde. Ich überlegte, ob ich Whitney später schreiben sollte, dass ich noch bei einem Kumpel aus dem Fitnessstudio auf ein paar Bier versackt bin. Aber für eine Entscheidung war es noch zu früh.
„Brent?“, sagte plötzlich eine Stimme.
Ich blickte auf und sah den fünften Mann der Runde. Mir rutschte das Herz in die Hose. Es war unser Freund George Warren. Dannys Vater, der Kumpel, mit dem sich unsere Kinder zum Spielen trafen, und Elizabeths Ehemann.