Kapitel 1 - Prolog
Der Flughafen ist überfüllt, es ist früh am Morgen und die Menschen strömen in alle Richtungen. Lärm und Stimmengewirr durchdringen das Terminal, aber ich sitze mit Marius im Wartebereich und versuche, mir einen Plan zu machen.
Einen Plan, bei dem diesmal meine Kleidung nicht in Flammen aufgeht, wenn ich mit meiner Gefährtin spreche.
Das grelle Licht der Leuchtstoffröhren ermüdet meine Augen, in der Luft liegt der Geruch von schlechtem Kaffee. Marius lehnt sich zurück, ein Grinsen auf den Lippen, und stellt die Frage, die ich nicht hören will: „Wie lange hast du sie schon nicht mehr gesehen?“
Ich drehe den Kopf leicht und sehe ihn aus den Augenwinkeln an. Ich hasse diese Frage. Wir sind sie schon so oft durchgegangen, dass es lächerlich ist, dass er sie überhaupt noch stellt.
Als ob er nicht wüsste, dass ich seit zwei Jahren, seit ich achtzehn bin, nicht mehr zu den Familienfeiern gegangen bin. Wegen ihr.
Genauso wie ich nicht mehr zu Hause war. Er weiß alles. Er will mich nur nerven.
Unsere Familien sind so eng miteinander verwurzelt, dass man meinen könnte, wir wären alle eine große, chaotische Sippe. Das heißt aber auch, dass es so gut wie keine Geheimnisse gibt. Jeder kennt jeden und unsere Eltern sind schon seit ihrer Kindheit miteinander befreundet.
Man könnte sagen, es ist wie in einem Rudel. Nur kleiner und deutlich intensiver.
In meinen letzten Leben, die ich gelebt habe, hatte ich auch Freunde und beste Freunde. Aber diese Gruppe von Gestaltwandlern, Wölfen, Hexen und Menschen, die hier zusammen gefunden haben, das ist wirklich beängstigend.
Vielleicht ist es die Gegend, die Siedlung, die sowieso etwas von einer Sekte hat.
Marius beugt sich vor und schaut mich direkt an, als ich nicht antworte. „Das ist so verrückt! Ist dir klar, dass du versuchst, mit deiner Cousine zu schlafen?“ Ich spüre wie sich eine Welle der Wut in mir aufbaut. Jetzt drehe ich mich zu ihm um und blicke direkt in sein dämliches Grinsen. Er weiß genau, dass er mich mit dieser ‘Ihr seid doch verwandt’-Scheiße auf den Sack geht.
„Sie ist nicht meine Cousine. Sie ist genauso wenig mit mir verwandt wie du“, erinnere ich ihn, aber sein Grinsen hört nicht auf.
„Aber du bist mein Bruder“, erwidert er. Marius ist einer von denen, die immer einen lockeren Spruch auf den Lippen haben. Ich weiß, dass er es nicht böse meint, aber im Moment nervt es mich. Genauso wie mich alles andere nervt.
Vielleicht ist es eine späte Pubertät, die der Körper durchmacht, vielleicht aber auch nur die Tatsache, dass ich sie nach zwei Jahren wiedersehen werde.
„Du weißt, dass es für mich anders ist als für dich“, erkläre ich Marius und er macht nur eine dramatische Geste. Er ist genau wie seine Eltern. Wirklich faszinierend.
Aber er weiß auch ganz genau, dass der Unterschied zwischen uns nicht nur die Tatsache ist, dass ich adoptiert wurde, nachdem meine leiblichen Eltern ermordet wurden.
Sondern die Tatsache, dass ich schon viele Leben gelebt habe. Er ist der Einzige in unserer Familie, der das weiß. Denn leider hat er auch irgendwie Recht. Wir sind die besten Freunde, fast wie Brüder. Genau so, wie es sich unsere Eltern für uns gewünscht haben.
Eigentlich wollte ich ihm nichts von meinem früheren Leben erzählen oder die Wahrheit darüber, was ich wirklich bin. Aber ich geriet ein wenig in Bedrängnis, als unser Zimmer an der Universität durch ein magisches Feuer in Brand gesetzt wurde, gerade als er einzog.
Etwas oder jemand sucht mich, traut sich aber nicht, mir entgegenzutreten. Zumindest noch nicht. Er oder es will mich nur töten und nimmt dabei in Kauf, Unschuldige zu verletzen.
Die Durchsage für unseren Flug ertönt und teilt allen mit, dass wir noch eine Stunde Verspätung haben.
Fuck!
Marius schaut mich an, ich kann sehen das er wieder überlegt mich mit irgendeinem Spruch aufzuziehen. „Du weißt das sie dich umbringen werden, oder?“
„Ich will erst mal nur mit ihr reden und alles klären. Der Rest wird sich schon von selbst ergeben“, erkläre ich, obwohl ich selbst nicht ganz überzeugt bin. Marius lacht. „Zuerst werden sie dich töten wollen, und dann mich, weil ich es wusste“, ergänzt er.
Ich kann nicht anders, als ihn genervt anzuschauen. Normalerweise würde ich darüber lachen, was er sagt, und wir würden wahrscheinlich darüber diskutieren.
Aber kurz vor unserer Abreise habe ich versucht, sie zu erreichen. Wollte nur wissen, ob sie überhaupt kommt. Wollte nett sein und ‘das Eis brechen’, auch wenn ich es schon weiß. Ich spüre, wo sie ist, das kann ich immer, und sie ist schon seit vier Tagen wieder zu Hause.
Aber statt einer Antwort habe ich festgestellt, dass sie mich überall blockiert hat. Als ob es nicht dramatisch genug gewesen wäre, mich nach unserem letzten ‘Gespräch’ aus ihrem Kopf zu verbannen, damit ich nicht mehr so mit ihr in Kontakt treten kann.
Das hat sie noch nie gemacht. Nicht, dass ich vor diesem Leben wirklich versucht hätte, so mit ihr zu kommunizieren, aber ich konnte sie vorher spüren. Und seitdem sie mich aus ihrem Kopf verbannt hat, kann ich nur noch ihren Aufenthaltsort lokalisieren, aber der Rest ist mir verschlossen.
Es ist ein ekelhaftes Gefühl. Ich wusste nie, dass ich es brauche, aber jetzt, wo es weg ist, fehlt es mir.
„Sie wird mir zuhören müssen, ob sie will oder nicht“, sage ich entschlossen, mehr zu mir selbst als zu ihm. „Ich habe Mist gebaut und ich will es wieder gut machen, mich entschuldigen.“
Marius zuckt mit den Schultern und sieht mich an. „Bring ihr doch ein paar Blumen mit.“ Und genau wie die letzten Male, als er mir das vorgeschlagen hat, seufze ich genervt.
„Glaub mir, das reicht nicht als Entschuldigung.“
Ich habe Marius zwar viel erzählt, fast alles aus meinen früheren Leben. Aber was ich ihr angetan habe, das habe ich für mich behalten, wie ein Geheimnis.
„Bevor wir fliegen, wollte ich dir noch etwas sagen, was dir wahrscheinlich nicht gefallen wird“, beginnt Marius und versucht, seinen Blick auf etwas anderes als mich zu richten.
Er schweigt eine gefühlte Ewigkeit und ich beobachte, wie er nervös wird. „Kommt noch was oder war’s das?“ frage ich ihn ungeduldig.
„Mama hat gesagt, dass sie nicht alleine zum Familienfest kommt. Der Freund vom letzten Jahr, mit dem ist sie immer noch zusammen“, erklärt er mir.
„Das hat nichts zu bedeuten, das weißt du doch. Sie kann diese Gefühle, die sie für mich hat, nicht mit jemand anderem teilen. Sie ist kein Mensch oder irgendeine kleine Hexe. Sie ist genauso an mich gebunden wie ich an sie.“
„Es gibt etwas, was ich dir nicht über ihn erzählt habe“, fügt Marius leise hinzu.
Wieder warte ich eine gefühlte Ewigkeit, bis er seine Worte gesammelt hat.
„Marius“, ermahne ich ihn und er verzieht entschuldigend das Gesicht.
„Er ist ein Vampir“, murmelt er leise, so dass die Leute um uns herum es nicht hören können.
In diesem Moment packe ich ihn an der Jacke und ziehe ihn auf die Beine, direkt in Richtung Herrentoilette.
„Wo willst du hin?“, fragt er überrascht, als ich ihn durch die Menge ziehe.
„Nach Hause, und zwar sofort“, antworte ich.
Die Familienfeier wird auch ohne zusätzliche Überraschungen kompliziert genug. Ich muss jetzt handeln, bevor alles aus dem Ruder läuft.









uuuuh, ich freu mich schon wenn es weiter geht 🤩
Schön schön .... die Zusammenhänge erkannt 👍👏👏👏👏 ich freu mich auf diese Geschichte 🥰😍