Kapitel 1: Prolog
Warnung: Dieses Kapitel enthält Szenen von häuslicher Gewalt.
Paige - POV
Songauswahl: Broken Shadow, Karen Elson
Zehn Wochen zuvor:
Der Schmerz in meinem Kopf ist unerträglich, als er auf dem Holzboden aufschlägt. In meinen Ohren dröhnt es. Ich versuche aufzustehen und mein Gleichgewicht wiederzufinden, nachdem ich so völlig unerwartet getroffen wurde. Aber zum Reagieren bleibt keine Zeit.
Ein brennender Schmerz schießt durch meinen Hinterkopf. Onkel Darin zerrt mich an den Haaren vom Boden hoch und drückt mich mit dem Rücken gegen die Wand. Ich spüre die raue Struktur des Putzes durch mein dünnes T-Shirt auf der Haut.
Er knurrt mich an. Sein heißer Atem schlägt mir ins Gesicht und stinkt ekelhaft nach billigem Bier. „Wo warst du heute?!“ Die eiskalten Finger seiner anderen Hand legen sich um meinen Hals. Panik schnürt mir die Brust zu.
„Er denkt immer nur das Schlechteste von mir. Ständig glaubt er, ich würde irgendetwas anstellen.“
Ich beeile mich, ihm die Wahrheit zu sagen. „Spazieren… ehrlich, ich schwöre, mehr war da nicht.“ Ich hebe die Hände, um zu zeigen, dass ich mich ergebe. „Ich war am Pier von Ocean Beach und hab einfach nur die Meeresbrise genossen.“
Wütend bohrt er nach: „Am Pier? Anstatt hier im Haus deine Arbeit zu erledigen? Du läufst am Strand rum und verschwendest Zeit, während du eigentlich Patty beim Kochen von *meinem* Abendessen helfen sollst?“
Seine Frau, Patty, steht untätig im Türrahmen meines Schlafzimmers und sieht zu, wie er mich misshandelt. Wie üblich schweigt sie. Sie raucht ihre Zigarette und rührt keinen Finger, um mir zu helfen. Ich weiß, dass ich keine Hilfe von ihr erwarten kann. Wenn sie versuchen würde einzugreifen, würde er sich leider auch gegen sie wenden und ihr dasselbe antun.
In seinem Alkoholrausch spuckt Darin auf meine Erklärung. „LÜGNERIN!“ Ich spüre, wie sich seine massiven Finger anspannen und seine eiserne Faust meinen Hals noch enger umschließt. In seinen dunklen Augen funkelt der Zorn. Mir steht wohl eine lange Nacht voller Qualen bevor.
Ich bettle: „Bitte… Onkel — lass mich los.“ Mein ganzer Körper zittert vor Angst. Ich warte darauf, was er als Nächstes tut. Wenn er trinkt, ist seine Laune so unberechenbar, dass ich ihn nie einschätzen kann. Ich merke, wie seine andere Hand meine verfilzten Haare loslässt. Einige Büschel hängen noch zwischen seinen Fingern…
„KLATSCH!!“
Seine schwere Handfläche knallt gegen meine Wange. Meine rechte Gesichtshälfte brennt wie Feuer.
Er beschuldigt mich: „Anstatt ein braves Mädchen zu sein und deine Aufgaben zu erledigen, schleichst du dich wohl bei den neuen Jungs rum, die die Straße runter eingezogen sind, was?“
Meine Füße verlieren den Bodenkontakt, er würgt mich. Aus Instinkt versuche ich, seine Hände von meinem Hals wegzuzerren. Dabei hinterlasse ich blutige Kratzer auf seinen Armen, was seine Wut nur noch weiter anstachelt.
„Du bist genau wie deine Mutter“, schreit Darin mir ins Gesicht. „Die war auch ein leichtes Mädchen und ist immer nur den Kerlen nachgelaufen! Du bist kein Stück besser!“
Es versetzt mir einen Stich ins Herz, wie respektlos er über meine verstorbene Mutter spricht. Sie ist seit elf Jahren tot, und er hasst sie immer noch so abgrundtief. Ich verstehe nicht, warum. In meinen Erinnerungen war sie immer lieb und sanft.
Ein zweiter Schlag reißt meinen Kopf zur Seite. Meine Wange ist schon so stark geschwollen, dass mein rechtes Auge zuschwillt. Ich will vor Schmerz schreien, aber Darin presst mir die Hand auf Mund und Nase. *„Er macht es schon wieder“*, begreife ich.
Er wird die Hand dort lassen, bis ich ohnmächtig werde.
In meinem Kopf macht es klick, und ich reagiere aus reinem Selbsterhaltungstrieb. Ich beiße fest in seinen fleischigen Handteller, bis Blut fließt. Ich kann den salzigen Geschmack in meinem Mund spüren. Er stößt ein plötzliches Geheul aus und lässt mich los.
„Das ist meine Chance“, sage ich mir. „Jetzt oder nie, ich muss weg hier.“
Ich trete meinem Onkel blitzschnell gegen das Schienbein seines schlechten Beins und stürme aus dem Zimmer. Ohne Rücksicht auf Verluste rempele ich Patty um und renne direkt aus der Haustür. Endlich spüre ich die Freiheit, nach der ich mich so lange gesehnt habe.
Doch dann höre ich jemanden brüllen: „KOMM — SOFORT — ZURÜCK, MÄDCHEN!!“
Die wütende Stimme meines Onkels hallt durch die Nacht. Ich renne um mein Leben, weg von dem heruntergekommenen Bungalow aus den 30ern in der Brighton Ave, hin zur Sicherheit der Sunset Cliffs. Meine Ohren sausen noch immer. Meine rechte Wange brennt höllisch dort, wo er das weiche Fleisch meines Gesichts immer wieder geschlagen hat.
Ich habe zu große Angst, um jetzt zu weinen. Adrenalin flutet meinen Körper, weil ich fürchte, dass Darin mich einholen könnte.
Ich muss weg von diesem Ort, weg von ihm. Ich halte seine Misshandlungen keine Minute länger aus. Es bringt meine Seele langsam um.
Das Geräusch einer Bierflasche, die auf dem Gehweg zersplittert, lässt mich noch schneller laufen. Eine Scherbe trifft mein Bein. Warmes Blut rinnt meine Wade hinunter.
Die Stimme meiner Tante Patty gellt in das sterbende Sonnenlicht, während die Sonne im Pazifik versinkt und die Nacht hereinbricht. „Komm zurück!! Paige…! Du machst es für dich nur noch schlimmer!!“
Der wahre Grund für ihr Schreien ist, dass sie will, dass er mich verprügelt und nicht sie als seinen persönlichen Boxsack benutzt.
Wegen Darins ständigen Saufgelagen und den Gewaltandrohungen kann ich nicht länger in diesem Haus bleiben. Auf der Straße zu leben ist sicherer.
Seit diesem schrecklichen Abend, an dem ich weggelaufen bin, habe ich nicht mehr zurückgeblickt…
Gegenwart:
Das harte Leben auf den Straßen von San Diego bedeutet, dass ich Fremde um Geld anbetteln und in stinkenden Müllcontainern nach Essensresten suchen muss. In den letzten zehn Wochen ist mein Leben zu einem reinen Überlebenskampf geworden.
Die Obdachlosenheime sind wegen des schlechten Wetters völlig überfüllt. Die meisten nehmen sowieso keine Frauen auf.
Ich bin jetzt hier, weil mich dieses Plakat die ganze Nacht lang angestrahlt hat. Ich lag unter der dreckigen, nach Urin stinkenden Überführung, um Schutz vor dem späten Winterwind und dem Regen zu suchen. Schlafen konnte ich nicht.
Es leuchtete mir entgegen wie ein Rettungssignal. Ein Neon-Engel in der Dunkelheit, der mir versprach, mich zu retten.
„Paige Seaver?“
Die Stimme einer Frau an der Tür neben dem Empfang ruft meinen Namen. Das reißt mich aus meinen Gedanken darüber, wie ich eigentlich hier gelandet bin.
Als ich aufstehe und den Blick hebe, sehe ich eine Krankenschwester in hellblauem Kasack. Sie lächelt mich freundlich an – etwas, das ich schon lange nicht mehr erlebt habe. In ihren haselnussbraunen Augen liegt kein Vorwurf, nur Güte.
„Hier entlang bitte. Wir gehen in das dritte Zimmer auf der rechten Seite.“ Sie zeigt mit ihrem Stift den Flur hinunter in die Richtung, in die ich gehen soll.
Wir betreten das eiskalte, steril wirkende Behandlungszimmer. Ich sehe mich kurz um. Es gibt ein Waschbecken, einen mit weißem Papier bedeckten Untersuchungstisch und einen Hocker.
Die Krankenschwester stellt sich als Linda vor und beginnt mit der Aufnahme: Größe, Gewicht, Blutdruck und Temperatur. All das Übliche, was bei einer körperlichen Untersuchung eben gemacht wird.
Dann stellt sie mir die Standardfragen, die sie auch immer in der kostenlosen Klinik stellen, in die Patty mich bringt, wenn ich krank bin.
„Also Paige, wie alt bist du?“
Meine Stimme zittert nervös: „Neunzehn.“
„Wann hattest du deine letzte Periode?“
Ich kämpfe gegen meine Angst an und zwinge mich zur Antwort. Diesmal klinge ich etwas sicherer. „Ich glaube, sie hat am siebten Februar angefangen.“
Sie hakt nach: „Also vor fünf Tagen, richtig?“
Ich erinnere mich, dass heute der zwölfte ist. Ich nicke auf Schwester Lindas Frage hin.
„Ist deine Periode schon vorbei und wenn ja, wann?“
Ich nestle am Saum meines zerrissenen T-Shirts herum. Der Wind, der draußen durch die Bäume fegt, und die dunkelgrauen Regenwolken vor dem Fenster im zweiten Stock lenken mich ab. In diesem Moment achte ich eigentlich gar nicht mehr auf sie. Ich funktioniere nur noch wie auf Autopilot und sorge mich darum, wo ich heute Nacht schlafen werde.
Wie von selbst antworte ich schließlich: „Ja, sie hat heute aufgehört.“
Das schnelle Klackern ihrer Finger auf der Tastatur verrät mir, dass sie alle Daten brav in ihren Laptop tippt. Linda macht mit ihrem Fragenhagel weiter.
„Hast du schon Kinder?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein.“
„Gut“, sagt sie und schaut mit einem netten Lächeln von ihrem Bildschirm auf. „Und wann hattest du das letzte Mal Geschlechtsverkehr?“
Ich sitze einen Moment lang schweigend da und überlege. Die seltsame Frage macht mich sprachlos. Sie hat sie so gestellt, als wäre es das normalste Gesprächsthema der Welt… „Das hier ist eine ganz schlechte Idee. Vielleicht sollte ich einfach gehen.“
Alles geht viel zu schnell, und die vielen Fragen schüchtern mich ein. Dabei hat der eigentliche Teil noch gar nicht angefangen.
„Das ist erst die Krankenschwester. Was will der Arzt dann erst alles wissen?“, frage ich mich.
Kurz überrollt mich die Panik. Ich atme tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus, um mich zu beruhigen. Ich entscheide mich gegen das Weglaufen.
Das hier ist meine letzte Chance, mich zu retten. Sonst muss ich zurück zu Onkel Darin, und ich weiß, dass das absolut keine Option ist.
Bei dem Gedanken kneife ich die Augen fest zu und versuche, ihn zu verdrängen. „Wenn ich in sein Haus zurückkehre, warten dort nur Schmerz und Elend auf mich.“
„Paige? Liebes, ist alles okay?“, fragt die Schwester und klopft mir sanft aufs Knie, als ich die Augen wieder öffne. Ich weiche zurück. Sie bemerkt, wie unangenehm mir körperlicher Kontakt ist, und zieht ihre Hand sofort zurück.
Sie räuspert sich und fragt: „Hast du meine letzte Frage gehört?“
„Oh, äh… ja.“ Mit einem schweren Seufzer gestehe ich flüsternd: „Ich bin noch Jungfrau…“
„Hm…“, macht sie interessiert. Ihre Stirn legt sich jedoch in Falten, während sie meine Antwort in den Computer tippt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas Falsches gesagt habe. „Hätte ich lügen sollen?“
„Nun gut, das waren erst mal alle Fragen von mir.“ Sie deutet auf eine weitere Tür in der Ecke des Zimmers.
„Dort geht es in die Umkleide“, erklärt sie. „Die Kittel liegen im Oberschrank. Bitte zieh dich für den Arzt um.“
Schwester Linda reicht mir einen leeren Becher für die Probe und schenkt mir ein strahlendes Lächeln, während sie ihre Sachen packt, um zu gehen.
„Wir brauchen vor der Untersuchung auch noch eine Urinprobe. Rechts neben dieser Tür ist eine Toilette. Stell den Becher einfach in den kleinen Silberschrank, wenn du fertig bist.“
„Und kopf hoch…“, sagt sie, „du brauchst nicht nervös zu sein. Wir beißen nicht.“
Damit verschwindet sie und lässt mich allein.









what's the name of the 3rd book?
Couldn't help noticing that 3 people thought this 1st chapter was funny... ayfkm?
Great start👏👏