The Man in Red
Der Mann in Rot.
Jeder kannte ihn, vom kleinsten Kind bis zum Erwachsenen. Den Mann in dem langen, flauschigen roten Mantel, der im Winter die Menschen verzauberte. Viele nannten ihn Santa Claus, den märchenhaften Geschenkebringer, dessen bloße Existenz die Augen der Kleinen zum Leuchten brachte. Jeder sehnte sich nach diesem besonderen Tag, wenn Santa Claus seine magische Reise antrat und die Herzen der Kleinkinder höherschlagen ließ. So auch die kleine Zoe.
Ihre blonden Haare hingen wellenförmig über ihre Schultern. Mit ihren sechs Jahren war sie das Nesthäkchen von drei Kindern und strahlte wie ein wahrer Engel. Es war noch früh am Morgen, und sie saß in ihrem Zimmer in einem gemütlichen Schlafanzug mit niedlichen Einhörnern. Sie spielte mit ihrer Lieblingspuppe Nancy. Letztes Jahr war sie ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum gewesen und seither überall dabei. Egal ob sie schlief oder die Vorschule besuchte. Ihre Puppe war ein fester Bestandteil ihres Lebens. Ihr sehnlichster Wunsch blieb bisher unerfüllt: den Mann im roten Mantel und weißen Bart kennenzulernen. Der Nachthimmel erstrahlte in ungewöhnlicher Klarheit, und funkelnde Sternschnuppen zogen wie glänzende Feuerwerke durch die Dunkelheit.
Die jüngste von drei Kindern stellte sich mit ihrer Puppe ans Fenster und sah hinauf zum Horizont. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte sie, als sie die funkelnden Sterne am Himmel sah, und ihre leuchtenden Augen spiegelten sich in ihrem unschuldigen Blick wider. In diesem magischen Moment fühlte sich das kleine Mädchen selbst wie eine Sternschnuppe, die ihren Wunsch ins Universum schicken konnte. Mit zitternder Vorfreude schloss sie ihre Augen, atmete tief ein und öffnete ihre Lippen, um leise, aber mit all ihrer kindlichen Kraft zu sprechen: “Bitte lass mich Santa Claus sehen und mit ihm reden.” Es war, als würde sie all ihre Hoffnungen und Träume in diese Worte legen, während ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Die Welt um sie herum schien still zu stehen, und die Atmosphäre war erfüllt von einem Hauch von Magie, der den Glauben der Kleinen an das Unerklärliche stärkte. Obwohl sie wusste, dass Santa Claus eigentlich nur eine Legende war, fühlte es sich in diesem Augenblick so real an, als könnte sie ihm tatsächlich begegnen.
Und so blieb sie am Fenster stehen, mit einem kleinen Schimmer in den Augen, bereit, die Geheimnisse des Weihnachtszaubers zu entdecken und zu erfahren, dass Träume manchmal wahr werden können.
Der Wunsch, Santa Claus zu sehen und mit ihm zu sprechen, entsprang einer tiefen Quelle in Zoes Herzen: Ihr ältester Bruder würde bald die Familie verlassen, da er sich der Armee angeschlossen hatte. Vor ein paar Tagen hatte er die freudige Mitteilung erhalten, dass er aufgenommen worden war. Brad war überglücklich, denn seit seiner Kindheit hatte er den Traum, einmal zum US-Militär zu gehören – und nun sollte dieser lang ersehnte Tag endlich Realität werden.
Die enge Verbundenheit in ihrer Familie war Zoe sehr wichtig, und der Gedanke an den Abschied ihres Bruders drückte schwer auf ihr Herz. Sie spürte, dass sich die Zeit der Veränderung näherte. Dennoch setzte sie ihr Spiel mit der Puppe fort, wenngleich eine Spur von Wehmut ihre spielerische Freude umgab. In einem liebevollen Akt zog sie der Puppe ein festliches Kleid an und gestaltete eine gemütliche Teestube, an der sie gemeinsam Platz nahmen. Mit kindlicher Ausgelassenheit goss Zoe imaginären Tee in die Tasse und verteilte köstliche Kuchen auf jedem Teller.
Während sie in ihrem eigenen kleinen Reich verweilten, konnte sie das geschäftige Treiben im unteren Teil des Hauses wahrnehmen. Die ganze Familie war damit beschäftigt, das Haus für das bevorstehende Weihnachtsfest auf Vordermann zu bringen. Zoes Geschwister, unbeirrt vom widrigen Schneetreiben, schmückten den Garten mit großer Hingabe, kämpften jedoch gegen den Wind an, der immer wieder die Dekorationen fortzutreiben versuchte. Letztendlich kehrten sie zurück ins warme Zuhause.
“Mutter, es ist unmöglich, draußen die Deko anzubringen. Das Schneetreiben ist zu stark”, hörte Zoe ihren Bruder Joe sagen.
Während sie die Worte ihres Bruders vernahm, konnte sie nicht anders, als an den bevorstehenden Abschied zu denken. “Wenn das Schneetreiben noch weiter so bleibt, dann muss er vielleicht gar nicht weg”, dachte das Kind in sich hinein. Zoe empfand zwar eine gewisse Erleichterung darüber, dass der Sturm ein Hinausgehen verhinderte, doch gleichzeitig bedeutete es auch, dass ihr eigener Wunsch, Santa Claus zu sehen, auf der Strecke blieb.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, und die Familie versammelte sich am Esstisch, um das abendliche Mahl zu genießen. Stillschweigend aßen sie, während der köstliche Duft des zubereiteten Essens das Haus erfüllte. Die Mutter hatte sich den ganzen Tag darum gekümmert, das Essen vorzubereiten, und das Ergebnis war göttlich. Nach dem Essen zogen sie sich in ihre Zimmer zurück. Zoe ging ins Bad, um sich für die Nachtruhe vorzubereiten. Ihr Bruder Brad begleitete sie in ihr Bett und las ihr eine Geschichte vor, was sie immer liebte. Als das Märchen zu Ende war, verabschiedete er sich mit einem Kuss auf die Stirn und wünschte ihr eine gute Nacht.
Jedoch konnte Zoe ihre Nervosität nicht abschütteln und fand keine Ruhe zum Schlafen. Schließlich gab sie auf und setzte sich auf. Sie ergriff ein Bilderbuch und stöberte darin herum. In der Stille des Hauses hörte sie plötzlich ein Geräusch aus dem unteren Teil des Gebäudes. Neugierig kletterte sie aus ihrem Bett und ging zu den Treppen. Vorsichtig lugte sie durch die Gitter und erkannte niemanden. Trotzdem war sie neugierig und schlich die Stufen hinab. Als sie den Türrahmen des Wohnzimmers erreichte, spähte sie hinein. Dort sah sie einen breit gebauten Mann am Kamin stehen, der einen roten Mantel, eine Mütze, eine Hose und glänzende schwarze Stiefel trug. Hinter ihm zog er einen riesigen Sack her. Zoe sah ihn mit leuchtenden Augen an - sie kannte ihn und hätte nie erwartet, dass sich ihr Wunsch erfüllen würde.
Der Weihnachtsmann sah sich um, entdeckte einen Sessel und einen Tisch mit einem Becher Milch und einem Teller voller duftender Kekse. Er ließ sich mit einem erleichterten Seufzen auf den Sessel fallen, schnappte sich den Becher und einen Keks und genoss die Leckereien sichtlich.
“Hmmm. Wie köstlich”, murmelte er. Die Menschen verwöhnten ihn zu gerne und er genoss es in vollen Zügen. Nachdem er alles verspeist hatte, erhob sich der Mann in Rot, ergriff seinen Beutel und platzierte die Geschenke sorgfältig unter dem Tannenbaum. Zoe beobachtete ihn eine Weile, bevor sie auf leisen Sohlen auf ihn zukam.
“Bist du der Weihnachtsmann?“, sprach sie ihn aus heiterem Himmel an. Santa Claus schreckte auf und sprang vor Schreck zur Seite.
“Bei meinem Klabautermann, hast du mich erschreckt, Zoe”, lachte er und legte eine Hand auf seinen Brustkorb.
“Du kennst meinen Namen?“, schaute das Mädchen verblüfft ihn an.
“Aber gewiss, meine Kleine. Ich kenne jedes Kind auf der Welt bei seinem Namen”, lachte er erneut, “aber solltest du nicht in deinem Bett sein und schlafen?”
“Ich konnte nicht einschlafen”, lächelte Zoe, “Ich wollte sehen, ob du echt bist.”
“Und so bin ich”, nickte Santa Claus.
“Dann ... hast du auch ein Geschenk für mich?“, sah das Mädchen fragend an.
“Ich verstehe. Du bist aufgeregt. Weihnachten ist nur einmal im Jahr.” Zoe nickte stumm. Sie war beeindruckt von dem Mann in Rot. Ihn leibhaftig zu sehen, verschlug ihr die Sprache.
“Du musst nicht schüchtern sein. Ich bin nur der Nikolaus.”
“Das weiß ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass sich mein Wunsch erfüllen würde.”
“Du hattest den Wunsch, mich zu sehen?“, der Weihnachtsmann war erstaunt. Warum wünschte sich das Mädchen dies? Es war nicht üblich, dass Kinder ihn sahen, da er still und heimlich in der Nacht vom Vierundzwanzigsten auf den Fünfundzwanzigsten die Geschenke verteilte.
“Ja, weil ich dieses Jahr mir keine Geschenke wünsche und lieber einen anderen Wunsch hätte.”
Der stattliche Mann setzte sich auf den Sessel, atmete tief durch und klopfte auf sein Bein. Zoe folgte seiner Bitte und kletterte hinauf. Beschämt schaute sie zu Boden und spielte mit ihren Fingern. Der Weihnachtsmann bemerkte, dass dem Mädchen etwas auf dem Herzen lag und sah sie auffordernd an.
“Dann sag mir, welchen Wunsch du hast, und ich schaue, was ich für dich tun kann”, sprach er mit sanfter Stimme.
“Ich wünsche mir, dass mein Bruder Brad nicht zur Armee geht und lieber bei uns bleibt.”
“Aber warum wünschst du dir gerade das?“, fragte der Weihnachtsmann.
“Ich liebe meinen Bruder und habe gehört, wie er mit Mum und Dad geredet hat, dass er vielleicht auch in den Krieg ziehen muss”, senkte sie ihre Stimme, und Tränen kullerten über ihr Gesicht, “Ich habe Angst um ihn und fände es schöner, wenn er bei uns bleiben würde.”
“Das ist ein sehr weiser Wunsch, vor allem, weil du nichts Materielles möchtest”, lachte der Weihnachtsmann. Solche Wünsche hatte er nicht oft auf den Listen stehen, “nur muss ich dir leider sagen, dass ich dir diesen nicht erfüllen kann.”
Zoe senkte den Kopf und weinte bitterlich. Der Nikolaus legte seine Arme um sie und tröstete sie.
“Mit wem redest du, Zoe?“, erklang eine Stimme aus dem Flur. Das Mädchen schreckte auf.
“Mit dem Weihnachtsmann.”
Zoes Bruder betrat das Wohnzimmer und schaute sich verblüfft um. Er sah niemanden außer seine Schwester, die zu schweben schien.
“Herzchen, ich sehe niemanden außer dich.”
“Brad ist zu alt, um an mich zu glauben”, sagte Santa Claus. Das Mädchen begriff und schaute Brad mit großen Augen an.
“Brüderchen, du musst an ihn glauben. Dann wirst du ihn auch sehen.”
“Ich bin schon erwachsen und glaube nicht mehr an ihn.”
“Bitte tu es für mich. Es gibt ihn wirklich.”
“Na gut, weil du es bist”, lachte Brad und schloss seine Augen. Er sah ihn bildlich vor sich und erinnerte sich, wie er als Kind am Fenster saß und zum Himmel schaute. Und sich wünschte, er würde ihm erscheinen. Kurz darauf öffnete er seine Augen wieder und sah den Weihnachtsmann, “Heilige Scheiße. Dich gibt es wirklich.”
“Nun Brad, wie du siehst, gibt es mich. Aber heilig, sei mal dahingestellt”, lachte er.
“Tut mir leid. Ich bin nur überrascht. Ich habe es mir jahrelang gewünscht, und jetzt wird er wahr.”
“Das freut mich zu hören. Aber kommen wir nun zu dem Wunsch deiner Schwester”, er zeigte auf das Mädchen auf seinem Schoß, “ich kann ihren Wunsch ohne dich nicht erfüllen. Ich denke, du hast gehört, was sie sich vom Herzen wünscht?”
“Ja, das habe ich”, sagte Brad, schritt auf seine Schwester zu und ließ sich auf die Knie fallen, “hör zu, Kleines. Ich habe mich verpflichtet, und bin gezwungen, mindestens ein Jahr der Armee zu dienen. Aber ich verspreche dir, sollte ich zu einem Einsatz ins Ausland müssen, dass ich dir jeden Tag schreibe oder anrufe.”
“Das ist nicht das Gleiche, als wenn du hier bist. Ich habe Angst, dich zu verlieren.”
“Das verstehe ich. Aber ändern kann ich es nicht. Wenn das Jahr vorüber ist, kann ich wieder austreten und einen normalen Job machen. Wäre das ein Deal, den du mit eingehen würdest?”
Zoe schaute zum Weihnachtsmann hinauf, dieser lächelte sie an.
“Was meinst du, Santa, wäre das eine gute Lösung?”
“Das, liebe Zoe, musst du selber wissen. Ich kann dir höchstens meine Meinung dazu sagen.”
“Ich bitte darum”, lachte das Mädchen.
“Also, ich finde, er hat recht. Es gibt Telefon und Briefe, und wenn er nur ein Jahr sich verpflichtet hat, dann ist es doch gut. Es kann immer etwas passieren, hab Vertrauen in deinen großen Bruder. Ich denke, er ist ein tapferer, mutiger und starker junger Mann.”
“Brad, versprich mir, dass du heil und gesund wiederkommst. Ich habe dich lieb und möchte dich nicht verlieren“, wandte sich Zoe an ihren Bruder.
“Danke, Santa, für die lieben Worte, die ich zwar nicht teile. Aber mal so hinnehme”, Brad errötete und senkte beschämt sein Haupt. Bevor er sich seiner Schwester widmete, “Zoe, ich werde mein Bestes tun, um deinen Wunsch zu erfüllen.”
Mit leuchtenden Augen sprang sie vom Schoss und rannte zu ihrem Bruder. Sie schloss ihn in ihre Arme und weinte vor Freude.
“Bitte, du musst wiederkommen”, sprach Zoe mit tränen erstickter Stimme.
“Das werde ich. Und nun ist es Zeit für dich, ins Bett zu gehen. Morgen ist ein besonderer Tag und den möchtest du doch nicht verpassen”, sagte er in einem sanften Ton. Das Mädchen nickte und rannte aus dem Raum. Bevor sie die Stufen emporstieg, drehte sie sich um und schaute zu Santa, “danke, dass du mir die Angst genommen hast und schön dich kennengelernt zu haben.”
“Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Es freut mich, dass ich dir etwas die Angst nehmen konnte”, lachte er und fügte hinzu, “Wenn du wieder Angst haben solltest, dann schau in den Himmel, und der hellste Stern bin ich.”
Zoe lächelte zufrieden und wanderte in die obere Etage. Sie stieg in ihr Bett und schlief friedlich ein. Unterdessen sammelte Santa seinen Beutel ein und platzierte die restlichen Geschenke.
“Auch ich würde mich gerne bedanken. Ich hätte nie erwartet, den leibhaften Santa Claus zu treffen“, flüsterte Brad. Als Kind hatte er sich immer vorgestellt vor ihm zu stehen. Was mit den Jahren immer mehr in den Hintergrund rutschte, bis er schlussendlich den Glauben an den Mann mit den Geschenken verloren hatte.
“Solange die Menschen an mich glauben, werde ich immer da sein, Brad. Dir wünsche ich eine gute Zeit bei der Armee. Deine Schwester scheint sehr an dir zu hängen.”
“Ja, das tut sie. Ich habe, seit meine Eltern Vollzeit arbeiten, viel Zeit mit ihr verbracht. Sie ist ein Engel“, lächelte der Soldat.
“Und sehr clever für ihr Alter“, gestand der Mann in Rot. Selten war ihm so etwas begegnet.
“Das stimmt. Nun möchte ich dich nicht noch länger aufhalten. Bis zum nächsten Jahr”, verabschiedete sich Brad und marschierte aus dem Raum.
Santa schnappte sich seinen Sack und stieg durch den Kamin zu seinem Schlitten. Seine Rentiere warteten voller Ungeduld auf ihn.
“Na, dann wollen wir mal weitermachen. Es warten noch einige Kinder auf ihre Geschenke”, sprach er zu seinen Tieren, griff nach den Zügeln und schlug sie durch die Luft, sodass sich das Gespann in Bewegung setzte. Bei seinem Abheben rief er aus voller Kehle, “HO HO HO, frohe Weihnachten!”
Brad genoss die Zeit mit seiner Familie, ehe er seine Pflicht bei der Armee antrat. Ein Jahr später traf dieser wohlbehalten im Elternhaus ein. Er hatte sein Versprechen gehalten und war jeden Tag mit Zoe in Kontakt getreten.
ENDE.