Kapitel 1
Das Belle Reve Hochsicherheitsgefängnis war eins der Löcher, von denen man als Insasse wusste, das man nie wieder herauskommen würde.
Zumindest nicht lebend.
Es war so konzipiert das es ausbruchssicher und isoliert war.
Man hatte sich den Eigenschaften der speziellen Insassen angepasst, so das jeder Ausbruchsversuch zum Scheitern verurteilt war.
Insassen die man keinesfalls unterschätzen sollte.
Rund um die Uhr war das bewaffnete Sicherheitspersonal im Einsatz.
Es sorgte dafür das hier alles ruhig und gesittet zuging. Insofern man die Gegebenheiten als solche noch so bezeichnen konnte. Viele Insassen waren schon derart lange in ihren Zellen isoliert das sie ihre Menschlichkeit und das dazugehörige Verhalten längst abgelegt hatten.
Die Wachen wurden alle drei Stunden ausgewechselt, damit ihnen nicht durch Übermüdung keine Fehler unterliefen.
Kameras überwachten die Trakte so das die Wachen alles im Blick hatten.
Griggs, einer der hinterhältigsten Wärter sagte immer das hier ein Stall voller Irren sei und das es solche Sachen brauchte um uns unter Kontrolle zu halten.
Immer mal wieder kam es zu kleinen Unruhen, weil ein Insasse versuchte das Weite zu suchen.
Meistens waren es die Neulinge unter den Häftlingen, die dafür verantwortlich waren.
Sie kannten sich hier noch nicht aus, wussten nicht das ein Ausbruchsversuch ebenso zwecklos wie unnötig war.
Ich selbst hatte es einmal versucht. Ein einziges verdammtes Mal in einer Zeit in der ich noch Hoffnung gehabt hatte.
Doch ich war nicht mal aus dem Zellentrakt heraus gekommen.
Aus diesem Gebäude führte kein Weg hinaus.
Es sei denn man wurde am Ende einer Haftstrafe frei gelassen oder in einem Leichensack hinaus transportiert.
Letzteres geschah öfter als das erste.
Das hier war die Müllhalde des menschlichen Abschaums der behauptete besser als wir zu sein.
Oder rechtschaffender.
Wer hier ankam, sah das Tageslicht niemals wieder und wurde vergessen.
Und das machte unsere Richter und Henker, die uns hier herbrachten nicht besser als uns.
Der Alltag in diesem Gefängnis war trist.
Die Häftlinge wurden sich selbst überlassen und lebten in kompletter Isolation.
Kontakt zu anderen Häftlingen gab es hier nicht.
Auch keinen Hofgang oder eine andere Aktivität der man nachgehen konnte.
Alles was wir hatten, war unsere enge Zelle und die Wärter die wir ab und an sahen.
Vermutlich war das der Grund warum hier schon der ein oder andere den Verstand verloren hatte.
Viele hier benahmen sich wie die Tiere.
Sie verwüsteten ihre Zellen, beschmierten die Wände mit ihren Exkrementen oder schlugen ihre Köpfe gegen die Gitterstäbe bis sie bluteten.
Und wer konnte es ihnen verdenken?
Durch die ständige Isolation wurde man irgendwann einfach verrückt.
Ich war eine dieser Häftlinge der dieses Schicksal vielleicht irgendwann blühte.
Und mit meinen 24 Jahren vielleicht sogar eine der jüngsten.
Natürlich könnte ich jetzt behaupten, dass ich unschuldig einsaß oder mir nicht erklären konnte wie ich an diesen Ort kam.
Aber das wäre eine Lüge gewesen.
Die Wahrheit war das ich mich selbst in diese Lage gebracht hatte.
Und dafür musste ich jetzt den Rest meines Lebens bezahlen.
Wenn man dreimal lebenslänglich absaß, dann wusste man das man diesen Ort nie wieder lebend verlassen würde.
Ich war eines der Meta-Wesen das man hier aufbewahrte.
Um die Menschheit vor mir und meiner Gabe zu schützen.
Superman war auch ein Meta-Wesen gewesen.
Doch der Kerl hatte sich für die Menschen eingesetzt.
Somit war er ein Held.
Ich hatte das genaue Gegenteil getan und war alles andere als ein Held.
Ich hatte meine Gabe nur dafür benutzt um Profit rauszuschlagen.
Nicht die feine englische Art ich weiß.
Doch es war ein Familienerbe das ich nie hinterfragt hatte.
Als Schwester des berühmten Captain Boomerang war ich in die Geschichte eingegangen.
Ich war mit seiner kriminellen Energie aufgewachsen, hatte nie etwas hinterfragt oder bereut.
Folgsam war ich ihm überall hin gefolgt.
Und niemand war da gewesen der Stopp gerufen hatte.
Es hatte niemanden gegeben der mich aufgehalten hatte.
Dabei hätte ich das am meisten gebraucht.
Digger Harkness war alles was ich an Familie gehabt und gewollt hatte.
Eltern hatten wir nie gehabt und so war Digger schon recht früh in die Rolle des Ernährers gerutscht.
Mein Vater war ein versoffener Trinker gewesen der sich und sein Leben aufgegeben hatte und meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben.
Also hatte Digger recht früh die Elternrolle übernehmen müssen um mich großzuziehen.
Und er hatte einen verdammt guten Job gemacht.
Dennoch gab es immer eine Sache die mich von ihm unterschied.
Ich war ein Meta-Wesen.
Er nicht.
Schon im Kindesalter hatten sich bei mir die ersten Anzeichen meiner Gabe bemerkbar gemacht.
Wenn ich wütend geworden war, hatten sich Gegenstände wie von Geisterhand bewegt.
Hatte ich am Anfang noch an einen Zufall geglaubt, hatte ich bald erkannt das ich es bewusst steuern konnte.
Als ich Digger davon erzählt hatte, da hatte er mir nicht glauben wollen.
Doch dann war es auch passiert als er dabei war.
Ich hatte begonnen mich mit meiner Gabe auseinander zu setzen.
Woher sie kam wusste ich nicht doch ich hatte es auch nie hinterfragt.
Mit vierzehn war ich dahinter gekommen das Digger ein gesuchter Bankräuber war.
Da ich ihm helfen wollte hatte ich recht schnell gelernt wie man Alarmanlagen manipulierte, Videokameras ausschaltete oder einen Tresor knackte. Ein gezielter Gedanke und uns hatte die ganze Welt offen gestanden.
Buchstäblich.
Wir waren wie Bonnie und Clyde gewesen, mit dem kleinen Unterschied das wir beide nicht gestorben waren.
Ich war der einzige Partner den Digger an seiner Seite duldete.
Wenn er sich mal einen neuen Partner dazu holte, dann starb dieser meistens kurz nach dem Raub.
Digger teilte eben nicht gerne.
Vermutlich hätten wir endlos so weitermachen können wäre Digger nicht an einem Abend von dem roten Blitz geschnappt worden.
Während ich draußen gewartet hatte, um die Lage zu checken hatte Digger unseren neuen Partner getötet.
Kurz darauf war er geschnappt worden. Als die Cops ihn aus dem Gebäude gebracht hatten, da hatte ich ihn zum letzten Mal für eine lange Zeit gesehen.
Ich selbst hatte fliehen können.
Von dem, was wir erbeutet hatten konnte ich eine Weile leben.
Doch dann musste ich wieder ran. Natürlich wäre es vernünftiger gewesen eine Ausbildung zu beginnen um mir mein Leben selbst finanzieren zu können.
Doch ich war kein normaler Mensch.
Würde es wahrscheinlich niemals sein.
Darüber hinaus hatte ich es nie etwas anderes gelernt.
Und so hatte ich im Alleingang eine Bank ausgeraubt.
Mit der Kraft meiner Gabe war es mir ein leichtes Gewesen den Banktresor zu knacken.
Und ich hätte mich mit der Beute auch absetzen können, hätte der rote Blitz nicht wieder zugeschlagen.
Nach einem längeren Aufenthalt im Arkham Asylum, der mit etlichen Untersuchungen verbunden gewesen war hatte man mir sagen können was ich war.
Eine Telekinetin.
Ein Metawesen das mit der Kraft ihrer Gedanken Menschen und Dinge beliebig steuern konnte.
Nachdem die Diagnose stand hatte man mich sofort ins Belle Reve gebracht.
Und in diese Zelle die ich seit jenem Tag nicht mehr verlassen hatte.
Nur ein kleines Fenster verband diese Zelle mit der benachbarten.
Und in dieser Zelle hauste mein Bruder.
Ich weiß nicht wer erstaunter von uns beiden gewesen war als wir uns unter diesen Bedingungen wiedergesehen hatten.
Digger hatte sich nach einigen Diskussionen damit abgefunden das ich sein Schicksal teilte.
Nun lebte ich schon das zweite Jahr hier und hatte eine Menge über das Belle Reve gelernt.
Die meisten Insassen hier hatten einen psychischen Knacks weg. Manche wurden so eingeliefert.
Andere wurden erst hier verrückt.
Und wenn man nicht schon verrückt war, dann wurde man es hier definitiv.
Die Enge der Zelle.
Die Isolation.
Die Einsamkeit.
Die Gewaltbereitschaft der Wärter.
Die Liste war endlos lang doch sie sorgte dafür, dass die Insassen hier auf kurz oder lang am Wahnsinn kratzten.
Es waren die Dinge, die einen völlig neuen Menschen aus dir machten.
Dich von Grund auf veränderten.
Ich bemühte mich tagtäglich darum, bei klarem Verstand zu bleiben.
Aber so schwer war das in meinem Fall auch nicht.
Um mich ruhig zu halten, verabreichten sie mir starke Medikamente.
Sie sorgten dafür das mir das Denken unmöglich war.
Ja selbst fühlen konnte ich nicht mehr.
Meine Gabe funktionierte durch mentale Befehle meinerseits.
Fühlte ich stark, machte sie sich zudem auch noch selbstständig so das die Dinge, die ich tun konnte, unkontrolliert geschahen.
Um auf Nummer Sicher zu gehen hatten sie mir Handschuhe übergezogen, die eigens für mich angefertigt worden waren.
Natürlich hätte ein mentaler Befehl gereicht, um meine Gabe zu aktivieren.
Doch ich hatte es mir angewöhnt sie mit meinen Händen zu lenken.
Die Wärter hatten eine Heidenangst vor mir.
Und aus dem reinen Aberglauben heraus hatten sie mir diese Handschuhe verpasst die an meinen Handgelenken mit einem kleinen Schloss gesichert waren.
Ich selbst konnte sie also nicht abstreifen.
Am Anfang waren sie sehr lästig gewesen und ich hatte versucht sie mit aller Kraft auszuziehen.
Aber es war mir nicht gelungen.
Nun hatte ich mich an sie gewöhnt und sie saßen an mir wie meine zweite Haut.
Die Medikamente, die sie mir gaben, erfüllten meistens ihren Zweck.
Sie lähmten mein Inneres und mein Äußeres.
Kurz um: Sie legten meinen Körper und meinen Geist lahm.
Erschöpfung.
Müdigkeit.
Schwächeanfälle.
Das waren alles Begleiterscheinungen, an die ich mich langsam gewöhnt hatte.
Es gab Tage an denen sie sich mit der Dosierung verschätzten.
Oder sie taten es, um mich zu quälen.
Wenn dem so war lag ich zugedröhnt auf meiner Pritsche und starrte die Decke an.
Stundenlang.
Heute war ein guter Tag.
Ich fühlte mich zwar benebelt, war aber noch in der Lage aktiv an meinem Leben teilzunehmen.
Während ich mich bequem mit dem Rücken an die kalte Wand gelehnt hatte, ließ ich meinen Blick durch die kleine Zelle wandern, die ich mein Eigen nennen durfte.
Trist war noch kein Ausdruck für mein bescheidenes Heim.
Ein Bett, ein Klo und ein Waschbecken waren alles, was mir zustand.
Eine Dusche gab es in meiner Zelle nicht.
Und auch in keiner anderen.
Alle vier Tage durften wir duschen, wenn Griggs gute Laune hatte.
Wenn.
Das war nicht immer der Fall.
Da ich mich auf den sprunghaften Wärter nicht verlassen konnte, benutzte ich mein Waschbecken dazu mich sauber zu halten.
Das war zwar beschwerlich, klappte aber im Großen und Ganzen ganz gut.
Meine Zelle verließ ich nur recht selten.
Und wenn dann kam ich auf direktem Weg auf die Krankenstation.
Mein Temperament war mir quasi in die Wiege gelegt worden.
Da war ich wie mein Bruder.
Wir ließen uns einiges gefallen aber eben nicht alles.
Ich ließ mir von Griggs nicht auf der Nase herumtanzen auch wenn der es ab und an versuchte.
Das brachte mir den ein oder anderen Aufenthalt auf der Krankenstation ein.
Natürlich hätte irgendwann der Lerneffekt einsetzen müssen, der mir zeigte, dass es besser war ab und an die Klappe zu halten
Aber in diesem Punkt war ich einfach unbelehrbar.
Mein Stolz den ich mir bewahrte, verbot es mir einfach aufzugeben.
Ich wollte mich nicht kleinkriegen lassen.
Nicht von diesen Mauern. Nicht von den Wärtern.
Nicht von diesem Leben.
Und so begann der Kampf für mich jeden Tag aufs neue.
Gegen mich.
Gegen die Wärter.
Und gegen die Einsamkeit die mein einziger Freund war.
Zweimal am Tag bekamen wir etwas zu Essen durch den kleinen Schieber an der Tür gereicht.
Ich war um Gottes Willen nicht verwöhnt.
Aber das, was sie uns hier vorsetzten, hätte ich nicht mal an ein Tier verfüttert.
Da es keine Alternativen gab, hatte ich es mir angewöhnt es runter zu würgen, um wenigstens ein bisschen bei Kräften zu bleiben.
Mein Zeitempfinden war seit meinem ersten Tag hier immer schlechter geworden.
Doch ich hatte das Gefühl, das die Essensausgabe nahte.
Langsam streckte ich meine Beine auf dem Bett aus, während ich gegen die Benommenheit ankämpfte die mich fest im Griff hat.
Ich fühlte mich wie ein gottverdammter Zombie.
Ich wusste schon nicht mehr wann ich das letzte Mal was Ernsthaftes gefühlt oder gedacht hatte.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Die Taylor die es mal gegeben hatte... sie existierte schon lange nicht mehr.
Sie war versunken in dem Sog aus Einsamkeit und Medikamenten, die ich fast täglich intravenös bekam, weil ich mich weigerte sie zu schlucken.
Während ich so unnütz herumsaß, wanderte mein Blick zu dem Kopfkissen, das neben mir auf der Pritsche lag.
Langsam schob ich meine Hand unter das Kissen, wohl wissend was sich darunter befand.
Mein Bruder hatte mal in einem Tobsuchtsanfall seine Zelle zerlegt.
Und seinen Spiegel.
Er hatte mir eine Spiegelscherbe durchs Fenster gereicht, die ich unter dem Kissen versteckt hielt.
,,Damit du niemals vergisst wer du bist Taylor. Happy Birthday Kleine.",hatte Digger gesagt.
So Unrecht hatte er damit nicht.
Langsam zog ich die Scherbe unter dem Kissen hervor.
Nachdem ich sie gedreht hatte, wagte ich einen Blick hinein.
Es klang ziemlich eitel aber ich brauchte diese kleinen Augenblicke, um mir darüber klar zu werden wer ich nun war.
Was dieses Gefängnis aus mir gemacht hatte.
Als ich mich im Spiegel ansah, wurde mir wieder klar, dass mich eine Fremde ansah.
Ich hatte mich in den zwei Jahren so verändert, dass ich mich kaum noch wiedererkannte.
Das kindliche war aus meinem Gesicht gewichen denn ich war hier schnell erwachsen geworden.
Grüne Augen sahen mir aus dem Spiegel entgegen.
Doch meine Pupillen waren so geweitet, dass sie die blassgrüne Farbe fast gänzlich verschluckten.
Eine weitere Begleiterscheinung meiner Medikamente.
Ich sah beinah aus wie eine Drogenabhängige.
Meine dunkelbraunen langen Haare hatten ihren Glanz verloren.
Stumpf und vom Schlafen noch etwas wirr lagen sie mir schlaff auf den Schultern.
Unter meinen Augen befanden sich dunkle Ringe, während meine Haut unnatürlich blass zu sein schien.
Ja ich war ein Frack und genauso fühlte ich mich auch.
Leer.
Ich fühlte mich einfach leergepumpt.
Fast so als hätte mir jemand die Lebenskraft entzogen um sie gegen dieses verdammte schwarze Loch in mir zu ersetzen.
Vorsichtig legte ich die Spiegelscherbe auf meine Beine.
Dann machte ich mich daran, Ordnung in meine Haare zu bringen.
Da ich keinen Kamm oder Bürste hatte, waren sie schon etwas verfilzt.
Wenn ich nicht bald etwas dagegen tat würde ich sie abschneiden müssen.
Langsam glitt mein Blick zu meinen Handschuhen, die an mir saßen wie eine zweite Haut.
In mir schlummerte eine Kraft, so gewaltig, dass sie anderen gefährlich werden konnte.
Doch gerade jetzt in diesem Moment fühlte ich mich so schwach wie noch nie zuvor.
,,Tay? Bist du wach?", rief mich die Stimme meines Bruders aus der Nachbarzelle.
,,So gut wie."
Das war zumindest nicht gelogen.
Durch die Medikamente befand ich mich immer in einem Zustand, der sich zwischen Schlaf und Wachsein befand.
Oft schlief ich einfach ein um dann Stundenlang durchzuschlafen.
Damit das jetzt nicht geschah, stützte ich mich an der Wand ab und zog mich auf die Füße.
Doch wirklich sicher stand ich nicht.
Hätte ich mich nicht an den Gitterstäben festgehalten, die sich in dem kleinen Fenster befanden, hätte ich einen Abflug auf den Fußboden gemacht.
Müde sah ich in die Zelle meines Bruders, die meiner so ähnlich war.
Kurz darauf erschien auch schon das Gesicht meines Bruders am Fenster.
Wieder wurde mir klar wie ähnlich wir uns sahen.
Die gleiche Haarfarbe hatten wir nicht aber unsere Augenfarbe war ähnlich.
Während ich versuchte mich auf den Beinen zu halten musterte Digger mich forschend.
Als sein Blick an meinen Augen hängen blieb, sah ich in seinen die Erkenntnis.
,,Sie haben dich wieder vollgepumpt."
Da es keine Frage sondern eine Feststellung meines Bruders war, musste ich weder etwas leugnen, noch es abstreiten.
Dennoch beschloss ich etwas dazu zu sagen.
,,Das sollte dich doch nicht mehr wundern Captain. Das tun sie doch jeden Tag."
Müde lehnte ich die Stirn an die kalten Gitterstäbe, kam mir mein Kopf mit einem Mal so schwer vor das ich ihn alleine nicht mehr halten konnte.
Generell spürte ich wie viel Kraft es mich überhaupt kostete mich auf den Beinen zu halten.
,,Du solltest nicht hier sein Taylor.", brummte mein Bruder worauf ich nur müde lächelte.
Er würde niemals damit aufhören sich Gedanken um mich zu machen.
Ein kleiner Lichtblick an diesem Ort.
Es war für mich immer etwas Besonderes gewesen zu wissen das mein großer Bruder da war um auf mich aufzupassen.
Im Grunde hatte ich mich immer selbst beschützen können.
Die Kraft dazu schlummerte in mir.
Doch zu wissen das da jemand war, der wenigstens versuchte für Schutz zu sorgen war einfach ein schönes Gefühl.
Und so wie er auf mich aufpasste, so kümmerte ich mich um seinen Schutz.
Wir hatten schon immer aufeinander aufgepasst.
Das änderte auch ein Ort wie das Belle Reave nicht.
,,Du weißt warum ich hier bin. Ich weiß noch nicht mal mehr wie viele Banken wir ausgeräumt haben. Menschen sind zu Schaden gekommen. Andere gestorben. Durch meine Hand. Ich gehöre hier her. So wie alle anderen auch.",murmelte ich leise, während ich meine Augen dazu zwang offen zu bleiben.
,,Darauf solltest du nicht stolz sein Tay. Ich hätte das niemals zulassen dürfen."
Sofort fiel mir der bittere Unterton in Digger's Stimme auf den er nicht mal versuchte vor mir zu verstecken.
Noch immer gab er sich die Schuld für alles was geschehen war.
Doch er hätte mich nicht daran hindern können ihm nachzueifern.
Dafür war ich einfach zu stur.
,,Diese Diskussion haben wir schon so oft geführt. Und wir werden sie wahrscheinlich noch öfter führen. Ich kann mit einem gezielten Gedanken töten. Und du weißt das ich es schon getan habe. Daran trägst du keine Schuld. An nichts was ich getan habe trägst du Schuld. Ich habe mir das hier selbst zuzuschreiben. Und weißt du was? Ich bereue nichts. Denn es hat uns wieder zusammen gebracht. Ich lasse dich nicht alleine. Niemals.", sagte ich mit aller Überzeugung und Ernsthaftigkeit die ich gerade aufbringen konnte.
Digger's Blick wurde sanft als er mein Gesicht nun musterte.
Mein Bruder der sich um mich gekümmert hatte, seit ich ein kleines Mädchen war.
Mein Bruder der immer hinter mir gestanden hatte.
Der auch jetzt noch hinter mir stand.
Ich würde ihn nicht an diesem Ort alleine lassen.
Wir waren schon immer zusammen gewesen und das würde sich wohl auch niemals ändern.
Zumindest, wenn es nach mir ging.
Schweigend sah ich in Digger's Augen in denen sich die unterschiedlichsten Gefühle abzeichneten.
Manchmal beneidete ich ihn darum das er wirklich etwas empfinden konnte.
Bei mir waren es nur Augenblicke, in denen sich nur negative Gefühle zeigten.
Gerade machte sich bei mir ein Anflug von Trauer breit.
Doch es verschwand so schnell wie es gekommen war.
,,Schau so lange ist es doch nicht mehr und..."
,,Taylor du hast dreimal lebenslänglich bekommen.", unterbrach Digger mich.
,,Eine verdammt lange Zeit. Eine Zeit in der ich dich lieber da draußen wüsste. Du hättest eine Familie gründen können. Du hättest eine Perspektive haben können. Einen Job. Ein sicheres Leben."
Ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, wusste aber wie ich ihn beruhigen konnte.
Langsam zwängte ich die Hand zwischen den Gitterstäben hindurch um sie an seine Wange zu legen.
,,Jemand wie ich hat aber nun mal keine Perspektive. Du hast mal gesagt du willst nicht das ich so werde wie du. Ich bin nicht so wie du Captain. Ich bin schlimmer. Und bevor ich dich verlassen muss oder noch jemanden verletzte bin ich lieber hier." Ernst sah ich meinen Bruder an der das nicht wahrhaben wollte. Das hatte er noch nie gewollt.
,,Das ist Bullshit! Du..."
,,Nein. Fang nicht wieder so an.", fuhr ich ihm diesmal sanft aber bestimmt über den Mund.
,,In deinen Augen bin ich unschuldig. Aber du belügst dich selbst. Du hast gesehen wozu ich fähig bin. Versuch mich nicht in eine Schublade zu sortieren in die ich nicht hinein passe."
Bittend sah ich Digger an der jetzt nichts mehr zu sagen hatte.
Doch in seinen Augen erkannte ich das wovor ich immer solche Angst gehabt hatte.
Digger sah mich nun so wie ich nun mal war.
Und er erkannte vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben wie viel Wahrheit in meinen Worten steckte.
Ich war ein Monster.
Eine Mörderin.
Ich war ihm in so vielen Punkten ähnlich, übertraf ihn aber doch in der Allgemeinheit.
Seufzend schloss Digger die Augen und lehnte den Kopf an meine Hand.
Behutsam strich ich ihm mit dem Daumen über die Wange.
Tränen brannten in meinen Augen als ich erkannte wie erschöpft mein Bruder zu sein schien.
Doch sie versiegten wieder wie sie es immer taten.
Ich konnte schon so lange nicht mehr weinen.
Dafür sorgen die Medikamente und die Verbitterung in mir.
Ich wollte gerade etwas sagen das meinen Bruder beruhigen konnte.
Irgendwas das ihm neue Kraft gaben würde.
Doch Geräusche hinter mir an der Tür sorgten dafür das ich meine Hand zurückzog und mich umdrehte.
Im nächsten Moment schwang die Tür nach innen auf.
Griggs betrat die Zelle, brachte auch gleich ein paar Wachen mit.
Das dreckige Grinsen in seinem Gesicht verriet mir gleich, dass das hier keinesfalls ein Höflichkeitsbesuch war.
Irgendwas hatte der Kerl wieder vor und das gefiel mir schon auf Anhieb nicht.
,,Harkness! Welch eine Freude dich zu sehen.", rief Griggs mir entgegen
. ,,Griggs.", erwiderte ich mit weniger Enthusiasmus in der Stimme.
,,Kann ich nicht unbedingt behaupten. Was verschafft mir die Ehre."
Erschöpft lehnte ich mich mit der Schulter an die Wand, während ich Griggs nicht aus den Augen ließ.
Der hasserfüllte Blick den ich gerade an den Tag legte, brachte meine Abneigung gegen diesen Mann nicht mal ansatzweise zur Geltung.
Ich hasste diesen Kerl so abgrundtief, dass es weh tat.
Jeder hier wusste das er eine Frau und zwei Kinder hatte.
Doch das hinderte Griggs nicht daran, die weiblichen Insassen zu belästigen.
Schon mehr als einmal hatte er bei mir seine Hände da gehabt wo sie nicht hingehörten.
Darüber hinaus war er auch nicht der Typ Mann der Probleme damit hatte eine Frau zu schlagen.
Was das anging, waren aber alle Wärter hier locker gestrickt.
Und wir Häftlinge waren diejenigen die es ausbaden mussten.
Egal ob wir es verdienten oder nicht.
,,Da ist ja mein kleines kratzbürstiges Kätzchen."
Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen kam Griggs auf mich zu.
Oh wie ich es hasste, wenn er mich so nannte.
Er hatte sich diesen Namen für mich ausgesucht, weil ich seiner Meinung nach so lebhaft war.
Oder die Krallen ausfuhr, wenn er mir zu aufdringlich wurde.
Seine Worte.
Nicht meine.
Während Griggs sich mir näherte, traten ein paar Wachen in meine Zelle.
Er war schon immer ein feiges Schwein gewesen das sich nur stark fühlte, wenn er nicht alleine war.
Wenn es zum Äußersten kam, schickte er seine Wachen los um sich feige dahinter zu verstecken.
Großes Maul und nichts dahinter.
Im Stillen fragte ich mich, warum er sie überhaupt mitgebracht hatte.
Im Moment war ich nur eine wehrlose Frau, die ihre Kraft nicht anzapfen konnte.
Ich war ihm also in keinster Weise eine Gefahr für ihn.
,,Wag es dich nicht sie anzufassen:"
Digger's Stimme hinter mir klang unfassbar wütend, jede Silbe eine einzige Drohung für sich.
Doch Griggs scherte sich einen Dreck darum.
,,Was willst du dagegen tun Captain.", fragte Griggs höhnisch.
Dabei griff er meinen Spitznamen für meinen Bruder auf.
Doch aus seinem Mund klang es eher wie eine Beleidigung.
,,Irgendwann komme ich hier raus. Und dann wirst du dir wünschen nie geboren worden zu sein."
Drohend sah Digger zu Griggs.
Doch der wusste genau wie ich das es bei der Drohung bleiben würde.
Denn wir kamen hier nicht raus.
Niemals.
Als er vor mir stand streckte Griggs eine Hand aus um mich zu berühren.
Dabei sah er meinen Bruder provokant an.
Angewidert schlug ich seine Hand weg, denn ich ertrug ich seine Berührungen in keinster Weise.
,,Na na na! Wer wird denn gleich."
Grinsend griff Griggs mir in die Haare um mich näher zu sich zu ziehen.
Unsanft zog er meinen Kopf nach hinten, sodass sich mein Oberkörper gegen seine Brust drückte.
Augenblicklich spürte ich wie mir die Galle hochkam während ich ihn wütend ansah.
Hinter mir hörte ich meinen Bruder toben.
Doch er konnte nichts tun.
Genauso wenig wie ich.
,,Na siehst du. So schlimm ist das doch nicht.", sülzte Griggs mich voll, während er eine Hand an meine Wange legte.
Langsam wanderte seine Hand an meinem Körper hinunter bis sie auf einer meiner Brüste zu liegen kam.
Grob begann er sie zu quetschen während sein Grinsen schmieriger wurde.
In mir tobte der Hass, so gewaltig, dass er brannte.
Doch um ihm nicht auch noch die Genugtuung zu geben mich leiden zu sehen, sah ich ihm eisern in die Augen.
,,Irgendwann werde ich dich töten. Und dann helfen dir deine Primaten nicht mehr.", schaffte ich es zwischen zusammen gebissenen Zähnen zu zischen.
Das brachte Griggs jedoch nur zum Lachen.
,,Nein das wirst du nicht. Du wirst nicht mal die Gelegenheit dazu haben.", sprach Griggs das aus was ich eigentlich schon wusste.
Und dieses Wissen sorgte dafür das ich mich hilflos fühlte.
Nichts mehr hasste ich auf der Welt als das Gefühl der Hilflosigkeit.
Doch es war da und sorgte dafür das ich innerlich erfror.
Langsam wanderte Griggs Hand über meinen Bauch nach unten.
Als er dabei war die Hand in meine Hose zu schieben, war ich bereits so wütend das ich kurz vor dem Überschäumen stand.
Während ich ihm hasserfüllt in die Augen sah, sammelte ich in meinem Mund so viel Speichel wie ich konnte.
Das war gar nicht so einfach denn die Medikamente sorgten dafür das ich immer einen trockenen Mund hatte.
Doch als ich genug zusammen hatte verengte ich die Augen und spuckte ihm ins Gesicht.
Nicht die feine englische Art aber genau das hatte er verdient.
Das und noch vieles mehr.
Digger hinter mir begann schadenfroh zu lachen während Griggs die Augen zusammen kniff.
Langsam hob er die Hand und wischte sich den Speichel aus dem Gesicht.
Dann holte er aus und schlug mir den Handrücken ins Gesicht.
Der Schlag holte mich von den Füßen, so das ich hart auf dem Boden landete.
Meine rechte Gesichtshälfte begann augenblicklich zu brennen während ich kurz die Orientierung verlor.
,,Ihr wisst was ihr zu tun habt!",wies Griggs seine Primaten an.
Sie wussten es.
Digger wusste es.
Ich wusste es.
Schnell drehte ich mich auf den Bauch und schlang die Arme um meinen Kopf um ihn zu schützen.
Gerade noch rechtzeitig denn die Wachen begannen mich mit Tritten und Schlägen zu bearbeiten.
Tränen traten mir in die Augen als ich einen harten Tritt in die Rippen kassierte.
Er war so mächtig, dass er mir die Rippen brach und mich zum Schreien brachte.
Der Schmerz war so überwältigend das mir die Tränen über die Wangen liefen.
Und ich hasste mich für jede einzelne.
Erholen konnte ich mich nicht denn es nahm einfach kein Ende.
Irgendwann wusste ich nicht mehr wo die Schmerzen am schlimmsten waren, denn es schmerzte überall.
Ein Wärter zog mir die Arme vom Kopf weg.
Schon im nächsten Moment bekam ich einen Tritt ins Gesicht der meinen Kopf herumschleuderte.
Vor meine Augen explodierte es heftig und meine Lippe platzte auf.
Wieder traf mich ein Stiefel im Gesicht der mir die Nase brach bis sie zu bluten begann und den Boden unter mir rot färbte.
Nur dumpf konnte ich Digger hören wie er immer wieder meinen Namen rief.
Doch reagieren konnte ich darauf nicht.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es heute so weit war.
Heute würden sie mich tot prügeln.
Ich sehnte den Zustand völliger Bewusstlosigkeit herbei, denn nur so konnte ich dieser Situation entfliehen.
,,Genug! Das reicht für heute!", kam der erlösende Befehl von Griggs.
Die Wachen entfernten sich von mir, ließen mich blutend und geschunden auf dem Boden liegen.
In meinen Ohren klingelte es schrill und mein Kopf fühlte sich an als würde er platzen.
Einfach alles an meinem Körper schmerzte so sehr das ich am liebsten schreien wollte.
Doch dazu kam ich nicht mehr.
Langsam drehte ich mich auf den Rücken, starrte an die Decke während sich die Ränder meines Sichtfeldes begannen schwarz zu färben.
Das letzte was ich hörte war mein Bruder.
Er klang so verzweifelt.
Und ich konnte nichts tun um ihn zu beruhigen.
Ich konnte mir ja gerade nicht mal selbst helfen.
Denn schon im nächsten Augenblick breitete die Ohnmacht ihre schützenden Schwingen aus.
Sie hüllte mich ein, zog mich in einen Zustand absoluter Schwerelosigkeit.
An einen Ort an dem mir niemand weh tun würde.
An dem ich sicher war.
Dort würde ich bleiben bis die Realität mich wieder einholen würde.
Ich hoffte das sie es nicht so bald wieder tun würde.
Denn wann immer sie mich besuchen brachten sie einen guten Freund mit der mir wohlbekannt war.
Der Schmerz. denen man als Insasse wusste, das man nie wieder herauskommen würde.
Zumindest nicht lebend.
Es war so konzipiert das es ausbruchssicher und isoliert war.
Man hatte sich den Eigenschaften der speziellen Insassen angepasst, so das jeder Ausbruchsversuch zum Scheitern verurteilt war.
Insassen die man keinesfalls unterschätzen sollte.
Rund um die Uhr war das bewaffnete Sicherheitspersonal im Einsatz.
Es sorgte dafür das hier alles ruhig und gesittet zuging. Insofern man die Gegebenheiten als solche noch so bezeichnen konnte. Viele Insassen waren schon derart lange in ihren Zellen isoliert das sie ihre Menschlichkeit und das dazugehörige Verhalten längst abgelegt hatten.
Die Wachen wurden alle drei Stunden ausgewechselt, damit ihnen nicht durch Übermüdung keine Fehler unterliefen.
Kameras überwachten die Trakte so das die Wachen alles im Blick hatten.
Griggs, einer der hinterhältigsten Wärter sagte immer das hier ein Stall voller Irren sei und das es solche Sachen brauchte um uns unter Kontrolle zu halten.
Immer mal wieder kam es zu kleinen Unruhen, weil ein Insasse versuchte das Weite zu suchen.
Meistens waren es die Neulinge unter den Häftlingen, die dafür verantwortlich waren.
Sie kannten sich hier noch nicht aus, wussten nicht das ein Ausbruchsversuch ebenso zwecklos wie unnötig war.
Ich selbst hatte es einmal versucht. Ein einziges verdammtes Mal in einer Zeit in der ich noch Hoffnung gehabt hatte.
Doch ich war nicht mal aus dem Zellentrakt heraus gekommen.
Aus diesem Gebäude führte kein Weg hinaus.
Es sei denn man wurde am Ende einer Haftstrafe frei gelassen oder in einem Leichensack hinaus transportiert.
Letzteres geschah öfter als das erste.
Das hier war die Müllhalde des menschlichen Abschaums der behauptete besser als wir zu sein.
Oder rechtschaffender.
Wer hier ankam, sah das Tageslicht niemals wieder und wurde vergessen.
Und das machte unsere Richter und Henker, die uns hier herbrachten nicht besser als uns.
Der Alltag in diesem Gefängnis war trist.
Die Häftlinge wurden sich selbst überlassen und lebten in kompletter Isolation.
Kontakt zu anderen Häftlingen gab es hier nicht.
Auch keinen Hofgang oder eine andere Aktivität der man nachgehen konnte.
Alles was wir hatten, war unsere enge Zelle und die Wärter die wir ab und an sahen.
Vermutlich war das der Grund warum hier schon der ein oder andere den Verstand verloren hatte.
Viele hier benahmen sich wie die Tiere.
Sie verwüsteten ihre Zellen, beschmierten die Wände mit ihren Exkrementen oder schlugen ihre Köpfe gegen die Gitterstäbe bis sie bluteten.
Und wer konnte es ihnen verdenken?
Durch die ständige Isolation wurde man irgendwann einfach verrückt.
Ich war eine dieser Häftlinge der dieses Schicksal vielleicht irgendwann blühte.
Und mit meinen 24 Jahren vielleicht sogar eine der jüngsten.
Natürlich könnte ich jetzt behaupten, dass ich unschuldig einsaß oder mir nicht erklären konnte wie ich an diesen Ort kam.
Aber das wäre eine Lüge gewesen.
Die Wahrheit war das ich mich selbst in diese Lage gebracht hatte.
Und dafür musste ich jetzt den Rest meines Lebens bezahlen.
Wenn man dreimal lebenslänglich absaß, dann wusste man das man diesen Ort nie wieder lebend verlassen würde.
Ich war eines der Meta-Wesen das man hier aufbewahrte.
Um die Menschheit vor mir und meiner Gabe zu schützen.
Superman war auch ein Meta-Wesen gewesen.
Doch der Kerl hatte sich für die Menschen eingesetzt.
Somit war er ein Held.
Ich hatte das genaue Gegenteil getan und war alles andere als ein Held.
Ich hatte meine Gabe nur dafür benutzt um Profit rauszuschlagen.
Nicht die feine englische Art ich weiß.
Doch es war ein Familienerbe das ich nie hinterfragt hatte.
Als Schwester des berühmten Captain Boomerang war ich in die Geschichte eingegangen.
Ich war mit seiner kriminellen Energie aufgewachsen, hatte nie etwas hinterfragt oder bereut.
Folgsam war ich ihm überall hin gefolgt.
Und niemand war da gewesen der Stopp gerufen hatte.
Es hatte niemanden gegeben der mich aufgehalten hatte.
Dabei hätte ich das am meisten gebraucht.
Digger Harkness war alles was ich an Familie gehabt und gewollt hatte.
Eltern hatten wir nie gehabt und so war Digger schon recht früh in die Rolle des Ernährers gerutscht.
Mein Vater war ein versoffener Trinker gewesen der sich und sein Leben aufgegeben hatte und meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben.
Also hatte Digger recht früh die Elternrolle übernehmen müssen um mich großzuziehen.
Und er hatte einen verdammt guten Job gemacht.
Dennoch gab es immer eine Sache die mich von ihm unterschied.
Ich war ein Meta-Wesen.
Er nicht.
Schon im Kindesalter hatten sich bei mir die ersten Anzeichen meiner Gabe bemerkbar gemacht.
Wenn ich wütend geworden war, hatten sich Gegenstände wie von Geisterhand bewegt.
Hatte ich am Anfang noch an einen Zufall geglaubt, hatte ich bald erkannt das ich es bewusst steuern konnte.
Als ich Digger davon erzählt hatte, da hatte er mir nicht glauben wollen.
Doch dann war es auch passiert als er dabei war.
Ich hatte begonnen mich mit meiner Gabe auseinander zu setzen.
Woher sie kam wusste ich nicht doch ich hatte es auch nie hinterfragt.
Mit vierzehn war ich dahinter gekommen das Digger ein gesuchter Bankräuber war.
Da ich ihm helfen wollte hatte ich recht schnell gelernt wie man Alarmanlagen manipulierte, Videokameras ausschaltete oder einen Tresor knackte. Ein gezielter Gedanke und uns hatte die ganze Welt offen gestanden.
Buchstäblich.
Wir waren wie Bonnie und Clyde gewesen, mit dem kleinen Unterschied das wir beide nicht gestorben waren.
Ich war der einzige Partner den Digger an seiner Seite duldete.
Wenn er sich mal einen neuen Partner dazu holte, dann starb dieser meistens kurz nach dem Raub.
Digger teilte eben nicht gerne.
Vermutlich hätten wir endlos so weitermachen können wäre Digger nicht an einem Abend von dem roten Blitz geschnappt worden.
Während ich draußen gewartet hatte, um die Lage zu checken hatte Digger unseren neuen Partner getötet.
Kurz darauf war er geschnappt worden. Als die Cops ihn aus dem Gebäude gebracht hatten, da hatte ich ihn zum letzten Mal für eine lange Zeit gesehen.
Ich selbst hatte fliehen können.
Von dem, was wir erbeutet hatten konnte ich eine Weile leben.
Doch dann musste ich wieder ran. Natürlich wäre es vernünftiger gewesen eine Ausbildung zu beginnen um mir mein Leben selbst finanzieren zu können.
Doch ich war kein normaler Mensch.
Würde es wahrscheinlich niemals sein.
Darüber hinaus hatte ich es nie etwas anderes gelernt.
Und so hatte ich im Alleingang eine Bank ausgeraubt.
Mit der Kraft meiner Gabe war es mir ein leichtes Gewesen den Banktresor zu knacken.
Und ich hätte mich mit der Beute auch absetzen können, hätte der rote Blitz nicht wieder zugeschlagen.
Nach einem längeren Aufenthalt im Arkham Asylum, der mit etlichen Untersuchungen verbunden gewesen war hatte man mir sagen können was ich war.
Eine Telekinetin.
Ein Metawesen das mit der Kraft ihrer Gedanken Menschen und Dinge beliebig steuern konnte.
Nachdem die Diagnose stand hatte man mich sofort ins Belle Reve gebracht.
Und in diese Zelle die ich seit jenem Tag nicht mehr verlassen hatte.
Nur ein kleines Fenster verband diese Zelle mit der benachbarten.
Und in dieser Zelle hauste mein Bruder.
Ich weiß nicht wer erstaunter von uns beiden gewesen war als wir uns unter diesen Bedingungen wiedergesehen hatten.
Digger hatte sich nach einigen Diskussionen damit abgefunden das ich sein Schicksal teilte.
Nun lebte ich schon das zweite Jahr hier und hatte eine Menge über das Belle Reve gelernt.
Die meisten Insassen hier hatten einen psychischen Knacks weg. Manche wurden so eingeliefert.
Andere wurden erst hier verrückt.
Und wenn man nicht schon verrückt war, dann wurde man es hier definitiv.
Die Enge der Zelle.
Die Isolation.
Die Einsamkeit.
Die Gewaltbereitschaft der Wärter.
Die Liste war endlos lang doch sie sorgte dafür, dass die Insassen hier auf kurz oder lang am Wahnsinn kratzten.
Es waren die Dinge, die einen völlig neuen Menschen aus dir machten.
Dich von Grund auf veränderten.
Ich bemühte mich tagtäglich darum, bei klarem Verstand zu bleiben.
Aber so schwer war das in meinem Fall auch nicht.
Um mich ruhig zu halten, verabreichten sie mir starke Medikamente.
Sie sorgten dafür das mir das Denken unmöglich war.
Ja selbst fühlen konnte ich nicht mehr.
Meine Gabe funktionierte durch mentale Befehle meinerseits.
Fühlte ich stark, machte sie sich zudem auch noch selbstständig so das die Dinge, die ich tun konnte, unkontrolliert geschahen.
Um auf Nummer Sicher zu gehen hatten sie mir Handschuhe übergezogen, die eigens für mich angefertigt worden waren.
Natürlich hätte ein mentaler Befehl gereicht, um meine Gabe zu aktivieren.
Doch ich hatte es mir angewöhnt sie mit meinen Händen zu lenken.
Die Wärter hatten eine Heidenangst vor mir.
Und aus dem reinen Aberglauben heraus hatten sie mir diese Handschuhe verpasst die an meinen Handgelenken mit einem kleinen Schloss gesichert waren.
Ich selbst konnte sie also nicht abstreifen.
Am Anfang waren sie sehr lästig gewesen und ich hatte versucht sie mit aller Kraft auszuziehen.
Aber es war mir nicht gelungen.
Nun hatte ich mich an sie gewöhnt und sie saßen an mir wie meine zweite Haut.
Die Medikamente, die sie mir gaben, erfüllten meistens ihren Zweck.
Sie lähmten mein Inneres und mein Äußeres.
Kurz um: Sie legten meinen Körper und meinen Geist lahm.
Erschöpfung.
Müdigkeit.
Schwächeanfälle.
Das waren alles Begleiterscheinungen, an die ich mich langsam gewöhnt hatte.
Es gab Tage an denen sie sich mit der Dosierung verschätzten.
Oder sie taten es, um mich zu quälen.
Wenn dem so war lag ich zugedröhnt auf meiner Pritsche und starrte die Decke an.
Stundenlang.
Heute war ein guter Tag.
Ich fühlte mich zwar benebelt, war aber noch in der Lage aktiv an meinem Leben teilzunehmen.
Während ich mich bequem mit dem Rücken an die kalte Wand gelehnt hatte, ließ ich meinen Blick durch die kleine Zelle wandern, die ich mein Eigen nennen durfte.
Trist war noch kein Ausdruck für mein bescheidenes Heim.
Ein Bett, ein Klo und ein Waschbecken waren alles, was mir zustand.
Eine Dusche gab es in meiner Zelle nicht.
Und auch in keiner anderen.
Alle vier Tage durften wir duschen, wenn Griggs gute Laune hatte.
Wenn.
Das war nicht immer der Fall.
Da ich mich auf den sprunghaften Wärter nicht verlassen konnte, benutzte ich mein Waschbecken dazu mich sauber zu halten.
Das war zwar beschwerlich, klappte aber im Großen und Ganzen ganz gut.
Meine Zelle verließ ich nur recht selten.
Und wenn dann kam ich auf direktem Weg auf die Krankenstation.
Mein Temperament war mir quasi in die Wiege gelegt worden.
Da war ich wie mein Bruder.
Wir ließen uns einiges gefallen aber eben nicht alles.
Ich ließ mir von Griggs nicht auf der Nase herumtanzen auch wenn der es ab und an versuchte.
Das brachte mir den ein oder anderen Aufenthalt auf der Krankenstation ein.
Natürlich hätte irgendwann der Lerneffekt einsetzen müssen, der mir zeigte, dass es besser war ab und an die Klappe zu halten
Aber in diesem Punkt war ich einfach unbelehrbar.
Mein Stolz den ich mir bewahrte, verbot es mir einfach aufzugeben.
Ich wollte mich nicht kleinkriegen lassen.
Nicht von diesen Mauern. Nicht von den Wärtern.
Nicht von diesem Leben.
Und so begann der Kampf für mich jeden Tag aufs neue.
Gegen mich.
Gegen die Wärter.
Und gegen die Einsamkeit die mein einziger Freund war.
Zweimal am Tag bekamen wir etwas zu Essen durch den kleinen Schieber an der Tür gereicht.
Ich war um Gottes Willen nicht verwöhnt.
Aber das, was sie uns hier vorsetzten, hätte ich nicht mal an ein Tier verfüttert.
Da es keine Alternativen gab, hatte ich es mir angewöhnt es runter zu würgen, um wenigstens ein bisschen bei Kräften zu bleiben.
Mein Zeitempfinden war seit meinem ersten Tag hier immer schlechter geworden.
Doch ich hatte das Gefühl, das die Essensausgabe nahte.
Langsam streckte ich meine Beine auf dem Bett aus, während ich gegen die Benommenheit ankämpfte die mich fest im Griff hat.
Ich fühlte mich wie ein gottverdammter Zombie.
Ich wusste schon nicht mehr wann ich das letzte Mal was Ernsthaftes gefühlt oder gedacht hatte.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Die Taylor die es mal gegeben hatte... sie existierte schon lange nicht mehr.
Sie war versunken in dem Sog aus Einsamkeit und Medikamenten, die ich fast täglich intravenös bekam, weil ich mich weigerte sie zu schlucken.
Während ich so unnütz herumsaß, wanderte mein Blick zu dem Kopfkissen, das neben mir auf der Pritsche lag.
Langsam schob ich meine Hand unter das Kissen, wohl wissend was sich darunter befand.
Mein Bruder hatte mal in einem Tobsuchtsanfall seine Zelle zerlegt.
Und seinen Spiegel.
Er hatte mir eine Spiegelscherbe durchs Fenster gereicht, die ich unter dem Kissen versteckt hielt.
,,Damit du niemals vergisst wer du bist Taylor. Happy Birthday Kleine.",hatte Digger gesagt.
So Unrecht hatte er damit nicht.
Langsam zog ich die Scherbe unter dem Kissen hervor.
Nachdem ich sie gedreht hatte, wagte ich einen Blick hinein.
Es klang ziemlich eitel aber ich brauchte diese kleinen Augenblicke, um mir darüber klar zu werden wer ich nun war.
Was dieses Gefängnis aus mir gemacht hatte.
Als ich mich im Spiegel ansah, wurde mir wieder klar, dass mich eine Fremde ansah.
Ich hatte mich in den zwei Jahren so verändert, dass ich mich kaum noch wiedererkannte.
Das kindliche war aus meinem Gesicht gewichen denn ich war hier schnell erwachsen geworden.
Grüne Augen sahen mir aus dem Spiegel entgegen.
Doch meine Pupillen waren so geweitet, dass sie die blassgrüne Farbe fast gänzlich verschluckten.
Eine weitere Begleiterscheinung meiner Medikamente.
Ich sah beinah aus wie eine Drogenabhängige.
Meine dunkelbraunen langen Haare hatten ihren Glanz verloren.
Stumpf und vom Schlafen noch etwas wirr lagen sie mir schlaff auf den Schultern.
Unter meinen Augen befanden sich dunkle Ringe, während meine Haut unnatürlich blass zu sein schien.
Ja ich war ein Frack und genauso fühlte ich mich auch.
Leer.
Ich fühlte mich einfach leergepumpt.
Fast so als hätte mir jemand die Lebenskraft entzogen um sie gegen dieses verdammte schwarze Loch in mir zu ersetzen.
Vorsichtig legte ich die Spiegelscherbe auf meine Beine.
Dann machte ich mich daran, Ordnung in meine Haare zu bringen.
Da ich keinen Kamm oder Bürste hatte, waren sie schon etwas verfilzt.
Wenn ich nicht bald etwas dagegen tat würde ich sie abschneiden müssen.
Langsam glitt mein Blick zu meinen Handschuhen, die an mir saßen wie eine zweite Haut.
In mir schlummerte eine Kraft, so gewaltig, dass sie anderen gefährlich werden konnte.
Doch gerade jetzt in diesem Moment fühlte ich mich so schwach wie noch nie zuvor.
,,Tay? Bist du wach?", rief mich die Stimme meines Bruders aus der Nachbarzelle.
,,So gut wie."
Das war zumindest nicht gelogen.
Durch die Medikamente befand ich mich immer in einem Zustand, der sich zwischen Schlaf und Wachsein befand.
Oft schlief ich einfach ein um dann Stundenlang durchzuschlafen.
Damit das jetzt nicht geschah, stützte ich mich an der Wand ab und zog mich auf die Füße.
Doch wirklich sicher stand ich nicht.
Hätte ich mich nicht an den Gitterstäben festgehalten, die sich in dem kleinen Fenster befanden, hätte ich einen Abflug auf den Fußboden gemacht.
Müde sah ich in die Zelle meines Bruders, die meiner so ähnlich war.
Kurz darauf erschien auch schon das Gesicht meines Bruders am Fenster.
Wieder wurde mir klar wie ähnlich wir uns sahen.
Die gleiche Haarfarbe hatten wir nicht aber unsere Augenfarbe war ähnlich.
Während ich versuchte mich auf den Beinen zu halten musterte Digger mich forschend.
Als sein Blick an meinen Augen hängen blieb, sah ich in seinen die Erkenntnis.
,,Sie haben dich wieder vollgepumpt."
Da es keine Frage sondern eine Feststellung meines Bruders war, musste ich weder etwas leugnen, noch es abstreiten.
Dennoch beschloss ich etwas dazu zu sagen.
,,Das sollte dich doch nicht mehr wundern Captain. Das tun sie doch jeden Tag."
Müde lehnte ich die Stirn an die kalten Gitterstäbe, kam mir mein Kopf mit einem Mal so schwer vor das ich ihn alleine nicht mehr halten konnte.
Generell spürte ich wie viel Kraft es mich überhaupt kostete mich auf den Beinen zu halten.
,,Du solltest nicht hier sein Taylor.", brummte mein Bruder worauf ich nur müde lächelte.
Er würde niemals damit aufhören sich Gedanken um mich zu machen.
Ein kleiner Lichtblick an diesem Ort.
Es war für mich immer etwas Besonderes gewesen zu wissen das mein großer Bruder da war um auf mich aufzupassen.
Im Grunde hatte ich mich immer selbst beschützen können.
Die Kraft dazu schlummerte in mir.
Doch zu wissen das da jemand war, der wenigstens versuchte für Schutz zu sorgen war einfach ein schönes Gefühl.
Und so wie er auf mich aufpasste, so kümmerte ich mich um seinen Schutz.
Wir hatten schon immer aufeinander aufgepasst.
Das änderte auch ein Ort wie das Belle Reave nicht.
,,Du weißt warum ich hier bin. Ich weiß noch nicht mal mehr wie viele Banken wir ausgeräumt haben. Menschen sind zu Schaden gekommen. Andere gestorben. Durch meine Hand. Ich gehöre hier her. So wie alle anderen auch.",murmelte ich leise, während ich meine Augen dazu zwang offen zu bleiben.
,,Darauf solltest du nicht stolz sein Tay. Ich hätte das niemals zulassen dürfen."
Sofort fiel mir der bittere Unterton in Digger's Stimme auf den er nicht mal versuchte vor mir zu verstecken.
Noch immer gab er sich die Schuld für alles was geschehen war.
Doch er hätte mich nicht daran hindern können ihm nachzueifern.
Dafür war ich einfach zu stur.
,,Diese Diskussion haben wir schon so oft geführt. Und wir werden sie wahrscheinlich noch öfter führen. Ich kann mit einem gezielten Gedanken töten. Und du weißt das ich es schon getan habe. Daran trägst du keine Schuld. An nichts was ich getan habe trägst du Schuld. Ich habe mir das hier selbst zuzuschreiben. Und weißt du was? Ich bereue nichts. Denn es hat uns wieder zusammen gebracht. Ich lasse dich nicht alleine. Niemals.", sagte ich mit aller Überzeugung und Ernsthaftigkeit die ich gerade aufbringen konnte.
Digger's Blick wurde sanft als er mein Gesicht nun musterte.
Mein Bruder der sich um mich gekümmert hatte, seit ich ein kleines Mädchen war.
Mein Bruder der immer hinter mir gestanden hatte.
Der auch jetzt noch hinter mir stand.
Ich würde ihn nicht an diesem Ort alleine lassen.
Wir waren schon immer zusammen gewesen und das würde sich wohl auch niemals ändern.
Zumindest, wenn es nach mir ging.
Schweigend sah ich in Digger's Augen in denen sich die unterschiedlichsten Gefühle abzeichneten.
Manchmal beneidete ich ihn darum das er wirklich etwas empfinden konnte.
Bei mir waren es nur Augenblicke, in denen sich nur negative Gefühle zeigten.
Gerade machte sich bei mir ein Anflug von Trauer breit.
Doch es verschwand so schnell wie es gekommen war.
,,Schau so lange ist es doch nicht mehr und..."
,,Taylor du hast dreimal lebenslänglich bekommen.", unterbrach Digger mich.
,,Eine verdammt lange Zeit. Eine Zeit in der ich dich lieber da draußen wüsste. Du hättest eine Familie gründen können. Du hättest eine Perspektive haben können. Einen Job. Ein sicheres Leben."
Ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, wusste aber wie ich ihn beruhigen konnte.
Langsam zwängte ich die Hand zwischen den Gitterstäben hindurch um sie an seine Wange zu legen.
,,Jemand wie ich hat aber nun mal keine Perspektive. Du hast mal gesagt du willst nicht das ich so werde wie du. Ich bin nicht so wie du Captain. Ich bin schlimmer. Und bevor ich dich verlassen muss oder noch jemanden verletzte bin ich lieber hier." Ernst sah ich meinen Bruder an der das nicht wahrhaben wollte. Das hatte er noch nie gewollt.
,,Das ist Bullshit! Du..."
,,Nein. Fang nicht wieder so an.", fuhr ich ihm diesmal sanft aber bestimmt über den Mund.
,,In deinen Augen bin ich unschuldig. Aber du belügst dich selbst. Du hast gesehen wozu ich fähig bin. Versuch mich nicht in eine Schublade zu sortieren in die ich nicht hinein passe."
Bittend sah ich Digger an der jetzt nichts mehr zu sagen hatte.
Doch in seinen Augen erkannte ich das wovor ich immer solche Angst gehabt hatte.
Digger sah mich nun so wie ich nun mal war.
Und er erkannte vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben wie viel Wahrheit in meinen Worten steckte.
Ich war ein Monster.
Eine Mörderin.
Ich war ihm in so vielen Punkten ähnlich, übertraf ihn aber doch in der Allgemeinheit.
Seufzend schloss Digger die Augen und lehnte den Kopf an meine Hand.
Behutsam strich ich ihm mit dem Daumen über die Wange.
Tränen brannten in meinen Augen als ich erkannte wie erschöpft mein Bruder zu sein schien.
Doch sie versiegten wieder wie sie es immer taten.
Ich konnte schon so lange nicht mehr weinen.
Dafür sorgen die Medikamente und die Verbitterung in mir.
Ich wollte gerade etwas sagen das meinen Bruder beruhigen konnte.
Irgendwas das ihm neue Kraft gaben würde.
Doch Geräusche hinter mir an der Tür sorgten dafür das ich meine Hand zurückzog und mich umdrehte.
Im nächsten Moment schwang die Tür nach innen auf.
Griggs betrat die Zelle, brachte auch gleich ein paar Wachen mit.
Das dreckige Grinsen in seinem Gesicht verriet mir gleich, dass das hier keinesfalls ein Höflichkeitsbesuch war.
Irgendwas hatte der Kerl wieder vor und das gefiel mir schon auf Anhieb nicht.
,,Harkness! Welch eine Freude dich zu sehen.", rief Griggs mir entgegen
. ,,Griggs.", erwiderte ich mit weniger Enthusiasmus in der Stimme.
,,Kann ich nicht unbedingt behaupten. Was verschafft mir die Ehre."
Erschöpft lehnte ich mich mit der Schulter an die Wand, während ich Griggs nicht aus den Augen ließ.
Der hasserfüllte Blick den ich gerade an den Tag legte, brachte meine Abneigung gegen diesen Mann nicht mal ansatzweise zur Geltung.
Ich hasste diesen Kerl so abgrundtief, dass es weh tat.
Jeder hier wusste das er eine Frau und zwei Kinder hatte.
Doch das hinderte Griggs nicht daran, die weiblichen Insassen zu belästigen.
Schon mehr als einmal hatte er bei mir seine Hände da gehabt wo sie nicht hingehörten.
Darüber hinaus war er auch nicht der Typ Mann der Probleme damit hatte eine Frau zu schlagen.
Was das anging, waren aber alle Wärter hier locker gestrickt.
Und wir Häftlinge waren diejenigen die es ausbaden mussten.
Egal ob wir es verdienten oder nicht.
,,Da ist ja mein kleines kratzbürstiges Kätzchen."
Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen kam Griggs auf mich zu.
Oh wie ich es hasste, wenn er mich so nannte.
Er hatte sich diesen Namen für mich ausgesucht, weil ich seiner Meinung nach so lebhaft war.
Oder die Krallen ausfuhr, wenn er mir zu aufdringlich wurde.
Seine Worte.
Nicht meine.
Während Griggs sich mir näherte, traten ein paar Wachen in meine Zelle.
Er war schon immer ein feiges Schwein gewesen das sich nur stark fühlte, wenn er nicht alleine war.
Wenn es zum Äußersten kam, schickte er seine Wachen los um sich feige dahinter zu verstecken.
Großes Maul und nichts dahinter.
Im Stillen fragte ich mich, warum er sie überhaupt mitgebracht hatte.
Im Moment war ich nur eine wehrlose Frau, die ihre Kraft nicht anzapfen konnte.
Ich war ihm also in keinster Weise eine Gefahr für ihn.
,,Wag es dich nicht sie anzufassen:"
Digger's Stimme hinter mir klang unfassbar wütend, jede Silbe eine einzige Drohung für sich.
Doch Griggs scherte sich einen Dreck darum.
,,Was willst du dagegen tun Captain.", fragte Griggs höhnisch.
Dabei griff er meinen Spitznamen für meinen Bruder auf.
Doch aus seinem Mund klang es eher wie eine Beleidigung.
,,Irgendwann komme ich hier raus. Und dann wirst du dir wünschen nie geboren worden zu sein."
Drohend sah Digger zu Griggs.
Doch der wusste genau wie ich das es bei der Drohung bleiben würde.
Denn wir kamen hier nicht raus.
Niemals.
Als er vor mir stand streckte Griggs eine Hand aus um mich zu berühren.
Dabei sah er meinen Bruder provokant an.
Angewidert schlug ich seine Hand weg, denn ich ertrug ich seine Berührungen in keinster Weise.
,,Na na na! Wer wird denn gleich."
Grinsend griff Griggs mir in die Haare um mich näher zu sich zu ziehen.
Unsanft zog er meinen Kopf nach hinten, sodass sich mein Oberkörper gegen seine Brust drückte.
Augenblicklich spürte ich wie mir die Galle hochkam während ich ihn wütend ansah.
Hinter mir hörte ich meinen Bruder toben.
Doch er konnte nichts tun.
Genauso wenig wie ich.
,,Na siehst du. So schlimm ist das doch nicht.", sülzte Griggs mich voll, während er eine Hand an meine Wange legte.
Langsam wanderte seine Hand an meinem Körper hinunter bis sie auf einer meiner Brüste zu liegen kam.
Grob begann er sie zu quetschen während sein Grinsen schmieriger wurde.
In mir tobte der Hass, so gewaltig, dass er brannte.
Doch um ihm nicht auch noch die Genugtuung zu geben mich leiden zu sehen, sah ich ihm eisern in die Augen.
,,Irgendwann werde ich dich töten. Und dann helfen dir deine Primaten nicht mehr.", schaffte ich es zwischen zusammen gebissenen Zähnen zu zischen.
Das brachte Griggs jedoch nur zum Lachen.
,,Nein das wirst du nicht. Du wirst nicht mal die Gelegenheit dazu haben.", sprach Griggs das aus was ich eigentlich schon wusste.
Und dieses Wissen sorgte dafür das ich mich hilflos fühlte.
Nichts mehr hasste ich auf der Welt als das Gefühl der Hilflosigkeit.
Doch es war da und sorgte dafür das ich innerlich erfror.
Langsam wanderte Griggs Hand über meinen Bauch nach unten.
Als er dabei war die Hand in meine Hose zu schieben, war ich bereits so wütend das ich kurz vor dem Überschäumen stand.
Während ich ihm hasserfüllt in die Augen sah, sammelte ich in meinem Mund so viel Speichel wie ich konnte.
Das war gar nicht so einfach denn die Medikamente sorgten dafür das ich immer einen trockenen Mund hatte.
Doch als ich genug zusammen hatte verengte ich die Augen und spuckte ihm ins Gesicht.
Nicht die feine englische Art aber genau das hatte er verdient.
Das und noch vieles mehr.
Digger hinter mir begann schadenfroh zu lachen während Griggs die Augen zusammen kniff.
Langsam hob er die Hand und wischte sich den Speichel aus dem Gesicht.
Dann holte er aus und schlug mir den Handrücken ins Gesicht.
Der Schlag holte mich von den Füßen, so das ich hart auf dem Boden landete.
Meine rechte Gesichtshälfte begann augenblicklich zu brennen während ich kurz die Orientierung verlor.
,,Ihr wisst was ihr zu tun habt!",wies Griggs seine Primaten an.
Sie wussten es.
Digger wusste es.
Ich wusste es.
Schnell drehte ich mich auf den Bauch und schlang die Arme um meinen Kopf um ihn zu schützen.
Gerade noch rechtzeitig denn die Wachen begannen mich mit Tritten und Schlägen zu bearbeiten.
Tränen traten mir in die Augen als ich einen harten Tritt in die Rippen kassierte.
Er war so mächtig, dass er mir die Rippen brach und mich zum Schreien brachte.
Der Schmerz war so überwältigend das mir die Tränen über die Wangen liefen.
Und ich hasste mich für jede einzelne.
Erholen konnte ich mich nicht denn es nahm einfach kein Ende.
Irgendwann wusste ich nicht mehr wo die Schmerzen am schlimmsten waren, denn es schmerzte überall.
Ein Wärter zog mir die Arme vom Kopf weg.
Schon im nächsten Moment bekam ich einen Tritt ins Gesicht der meinen Kopf herumschleuderte.
Vor meine Augen explodierte es heftig und meine Lippe platzte auf.
Wieder traf mich ein Stiefel im Gesicht der mir die Nase brach bis sie zu bluten begann und den Boden unter mir rot färbte.
Nur dumpf konnte ich Digger hören wie er immer wieder meinen Namen rief.
Doch reagieren konnte ich darauf nicht.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es heute so weit war.
Heute würden sie mich tot prügeln.
Ich sehnte den Zustand völliger Bewusstlosigkeit herbei, denn nur so konnte ich dieser Situation entfliehen.
,,Genug! Das reicht für heute!", kam der erlösende Befehl von Griggs.
Die Wachen entfernten sich von mir, ließen mich blutend und geschunden auf dem Boden liegen.
In meinen Ohren klingelte es schrill und mein Kopf fühlte sich an als würde er platzen.
Einfach alles an meinem Körper schmerzte so sehr das ich am liebsten schreien wollte.
Doch dazu kam ich nicht mehr.
Langsam drehte ich mich auf den Rücken, starrte an die Decke während sich die Ränder meines Sichtfeldes begannen schwarz zu färben.
Das letzte was ich hörte war mein Bruder.
Er klang so verzweifelt.
Und ich konnte nichts tun um ihn zu beruhigen.
Ich konnte mir ja gerade nicht mal selbst helfen.
Denn schon im nächsten Augenblick breitete die Ohnmacht ihre schützenden Schwingen aus.
Sie hüllte mich ein, zog mich in einen Zustand absoluter Schwerelosigkeit.
An einen Ort an dem mir niemand weh tun würde.
An dem ich sicher war.
Dort würde ich bleiben bis die Realität mich wieder einholen würde.
Ich hoffte das sie es nicht so bald wieder tun würde.
Denn wann immer sie mich besuchen brachten sie einen guten Freund mit der mir wohlbekannt war.
Der Schmerz.








