Melody
Melody muss bekifft gewesen sein, als sie entschied, mitten im Hochsommer aus ihrem Wohnheim zurück in ihr Elternhaus zu ziehen. Louisiana pfiff auf das Wetter. Wenn es dort mal ein bisschen bewölkt war, ein leichter Wind wehte oder ein kühler, schattiger Baum herumstand, war das so, als würde man von einem Hydranten verlangen, ein Stück Gras für die Hunde aus der Nachbarschaft wachsen zu lassen. In Woodland County hieß das für jeden: Schweißflecken und verfilzte Haare.
Sie hievte den letzten Karton, der ihren kleinen Mazda so tief in die Knie gezwungen hatte, weiter auf ihre Hüfte und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich halte das nicht mehr aus. Es ist hier draußen heißer als in der Hölle.“
Jackson, ihr ältester Bruder, warf ihr einen genervten Blick zu. „Sehr elegant, Mel. Warum erzählst du es nicht gleich noch den Nachbarn?“
Ihr anderer Bruder, Hayden, klopfte ihr auf den Rücken, und sie fummelte daran herum, den Karton besser festzuhalten. „Was hast du denn erwartet? Man muss schon Klasse haben, um elegant zu sein.“
Er wich ihrem Versuch aus, ihm in den Hintern zu treten. „Ich bin mir sicher, Mr. Cohen ist das ohnehin egal.“ Sie wollte erneut nach ihm treten, bemerkte aber, wie Jackson und Hayden sich flüchtige Blicke zuwarfen. Es war ja nicht so, als könnte Mr. Cohen, der körperlich behindert war, aufstehen, um an der Tür zu lauschen.
Sie beobachtete ihren Austausch genau. Trotz des Altersunterschieds war sie ihren Brüdern während des Aufwachsens nahegestanden, und ihre Mimik lesen zu können, war zur Notwendigkeit geworden. Sei es, um als kleines Kind einer Kitzelattacke zu entgehen oder einem Eimer Wasser am Morgen vor der Schule.
So traurig es klang, die Bindung hatte sich erst entwickelt, als sie zehn war, nach dem Mord an ihren Eltern. Da keiner ihrer Eltern Geschwister hatte, war Jackson eingesprungen und war wie ein Vater für sie geworden. Finanziell war es für sie nicht allzu schwer gewesen, da ihre Eltern für den Fall der Fälle ein Testament hinterlassen hatten. Ihr Vater besaß eine kleine Holzfirma, die Jackson nach seinem Tod übernahm, und sie brachte der Familie ein gutes Auskommen.
Emotional war es natürlich verheerend gewesen. Das war vor zwölf Jahren, aber Melody war sich sicher, dass sie niemals zu einhundert Prozent darüber hinwegkommen würden. Die Polizei hatte ihren Mörder nie gefasst. Jackson hatte es schwer getroffen und jahrelang alles versucht, um ihn zu finden, jedoch ohne Erfolg. Er hatte sich dann in das Geschäft seines Vaters gestürzt, um nicht ständig an den fehlenden Abschluss denken zu müssen. Für die frisch verwaisten James-Kinder gab es keine Pause.
Hayden fuhr sich mit einer schweren Hand durch sein verschwitztes, schokoladenbraunes Haar, das sie von ihrem Vater geerbt hatten. Das Haar ihrer Mutter war fast so weiß wie Schnee gewesen. Melody hatte es geliebt, als sie klein war; sie erinnerte sie an eine Prinzessin. „Mr. Cohen ist vor zwei Tagen gestorben.“
„Oh Gott. Wie?“, fragte sie.
Jackson schaute in Richtung von Mr. Cohens Haus und deutete ihnen, zu ihrem eigenen zu gehen. „Komm, lass uns reingehen.“
Melody eilte hinter ihnen die Stufen hinauf. „Also, was ist passiert? Und warum flüstert ihr? Es ist ja nicht so, als könnte er euch aus dem Grab hören.“
Jackson nahm ihr den Karton ab und ging in die Küche, wo er ihn auf die Kücheninsel stellte. „Wollt ihr was zu trinken?“
„Ja“, sagte Hayden.
Sie verengte die Augen und fixierte Jackson. „Raus mit der Sprache.“
„Er hatte einen Herzinfarkt, Mel.“
„Der arme Mr. Cohen“, flüsterte sie. „Aber das erklärt noch nicht die ganze Panik in deinem Gesicht.“
„Ist es auch nicht. Thane ist wieder in der Stadt.“ Jackson schob ihr das Wasser über die Kücheninsel, aber sie verfehlte es, während ihre Gedanken in weite Ferne schweiften.
Thane Cohen.
„In der Stadt, als in: nebenan?“, fragte sie und bückte sich, um die Flasche aufzuheben. Ihre Stimme war leiser, als sie es gewollt hatte.
Jackson schaute sie besorgt an. „Ja, aber es wird nichts passieren.“
Thane war das schwarze Schaf ihrer Stadt gewesen, der Typ, den jeder liebend gerne hasste. Als Jackson jahrelang versuchte herauszufinden, wer ihre Eltern ermordet hatte, fiel Thanes Name ständig. Sie waren an einem ruhigen Mittwochabend im Kino erschossen worden. Keine Zeugen.
Mehrere Leute hatten behauptet, Thane stecke mit drin, aber es gab keine Beweise. Er wurde befragt und wieder freigelassen. Das trieb Jackson fast in den Wahnsinn. Er wollte das Haus verkaufen und wegziehen, aber das Testament hielt ihn auf. Es war seit Jahrzehnten im Familienbesitz, zusammen mit den gut zehn Hektar Land, auf denen es stand.
„Hey“, sagte Hayden und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Alles okay bei dir?“
Sie nickte, öffnete ihre Wasserflasche und trank sie aus. Sie brauchte eine Ablenkung vom Reden. Worte fühlten sich in diesem Moment sehr weit weg an.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Jackson. „Er ist höchstwahrscheinlich nur für die Beerdigung hier. Er wird keinen Fuß hierher setzen. Ich bring ihn um, wenn er es doch tut.“
Sie kannte den Hass, der in Jacksons Bauch wuchs, denn er war einst auch in ihr gewachsen, doch bei ihr hatte er sich gelegt. Das Studium in einer anderen Stadt hatte ihr Frieden verschafft. Jackson und Hayden hatten diesen Frieden nie gefunden.
Obwohl Thane mit achtzehn weggezogen war, weil die Gerüchteküche gegen ihn brodelte, war die Erinnerung immer nebenan. Immerhin ließen ihre Brüder ihre Wut nie an Mr. Cohen aus. Er war nicht verantwortlich für das, was sein Sohn getan – oder angeblich getan – hatte.
„Ich kann mein Zimmer mit dir tauschen, wenn du willst“, sagte Hayden.
Melody lehnte sich mit gekreuzten Knöcheln gegen die Theke hinter sich. Hayden hatte sein Shirt ausgezogen und sich damit über die Stirn gewischt. Keiner der Jungs aus der Gegend würde es je wagen, sich mit den James-Brüdern anzulegen. Sie hatten nach Footballspielen schon genug Schlägereien mit Auswärtigen gehabt. Ihre Brüder waren kräftig gebaut, aber sie kannte eine Person, die keine Angst vor ihnen hatte.
Noch nie hatte er die.
Einmal, als sie jünger war, war sie in einem Baum steckengeblieben, der von ihrem Garten in den der Cohens ragte. Sie hatte um Hilfe geschrien, aber beide Eltern waren weg, und ihre Brüder hatten in ihrem Zimmer ferngesehen.
Thane war einen Moment später aus ihrer Hintertür gestürmt. Sie war damals erst acht, was ihn fast sechzehn machte. Sie erinnerte sich daran, wie er bei zahlreichen Gelegenheiten mit heruntergelassenem Fenster aus der Einfahrt gerast war, eine Zigarette im Mundwinkel.
Doch das hielt ihr Herz nicht davon ab, einen Schlag auszusetzen, als er ihr aus dem Baum half. „Du musst nicht hier drüben sein, Kleine“, sagte er gedehnt.
Melody hatte in seine dunkelblauen Augen geschaut und versucht zu verstehen, warum ihn alle für so böse hielten. Sie sah es nicht. Alles, was sie sah, war Traurigkeit.
Jackson war Augenblicke später aus dem Haus gestürmt, über den Zaun gesprungen und hatte sich vor Thane aufgebaut. Es waren Worte gefallen, aber weiter passierte nichts. Sie konnte sehen, wie furchtlos er war, als er dort mit ihrem Bruder auf Augenhöhe stand, ein wilder Ausdruck in diesen schönen, traurigen Augen, bis Mr. Cohen herauskam, um den Streit zu schlichten.
„Hallo?“, sagte Hayden und riss sie aus ihrer Trance. „Willst du in meinem Zimmer schlafen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut. Ihr seid ja im Haus.“
Jackson wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Eigentlich habe ich ein paar Nachtschichten in der Werkstatt übernommen. Einer unserer Leute hat eine Lungenentzündung.“
Melody versuchte, Jackson ein Lächeln zuzuzwingen. Er arbeitete die meisten Tage in der Werkstatt und kümmerte sich um Lohnabrechnungen und Pläne. Wenn er nicht anfing, auf sich selbst zu achten, sähe er mit unter dreißig aus wie ein Fünfzigjähriger.
„Ich bin aber hier“, sagte Hayden.
Jackson verdrehte die Augen und warf seine leere Wasserflasche nach ihm. „Du schläfst wie ein Stein. Vielleicht sollten wir uns einen Hund anschaffen.“
Sie seufzte. „Ich komme klar, Leute. Ich setze jetzt Koteletts auf und packe dann meine Sachen aus.“
„Ich muss noch zur Garage und Cody bei seinem Truck helfen. Ich bin zum Abendessen zurück“, sagte Hayden.
Die Tür fiel hinter Hayden ins Schloss und ließ Jackson und sie allein in der Küche zurück. Sie versuchte, nicht zu besorgt wegen Thane nebenan zu wirken, denn Jackson würde sich sonst noch krank vor Sorge machen. Sie goss die Suppe in den Schongarer, stellte ihn auf niedrige Stufe und begann, das Fleisch zu würzen. „Es ist schön, dass du wieder da bist.“
„Es ist schön, wieder da zu sein.“
Jackson legte seine Hand auf ihre Schulter und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie starrte in seine grünen Augen, die ihre eigenen widerspiegelten. Er hatte Lachfalten um die Augenwinkel, und wenn er lächelte, ließ es ihn älter wirken. „Ich habe heute Nacht frei, muss aber gleich noch in der Kirche arbeiten. Kommst du alleine zurecht?“
„Ich bin zweiundzwanzig. Ich schaffe das schon.“
Er drückte ihr einen Kuss auf den Kopf. „Das habe ich nicht gemeint, Mel. Schließ die Türen ab und mach für niemanden auf. Hayden und ich rufen an oder schreiben, wenn wir vorfahren, damit du weißt, dass wir es sind. Mach nicht die Tür auf.“
„Jackson“, sagte sie und setzte den Deckel auf den Topf. „Mir geht es gut. Das Abendessen kocht, und ich habe noch massenweise Kartons zum Auspacken.“
„Okay, aber ruf mich an, wenn du mich brauchst.“
Sie schloss die Tür hinter ihm ab und joggte nach oben. Ihr Zimmer hatte sich nicht verändert, seit sie mit neunzehn zum Studium aufgebrochen war. Ein Eminem-Pappaufsteller stand immer noch in der Ecke neben ihrem winzigen Kleiderschrank. Die türkisblaue Bettdecke und die Laken mussten gewaschen werden, denn sie wusste, dass ihre Brüder sie seit Jahren nicht angerührt hatten. Sie zog beides ab, umarmte das Bündel und sah sich in dem kleinen Raum um.
Es war kleiner als ihr ungewöhnlich geräumiges Zimmer im Wohnheim. Der kleine, wackelige Schreibtisch in der Ecke war leer, aber sie hatte einen Karton voller Bücher zum Auspacken. Sie sah sich noch einmal um, bevor sie nach unten in die Waschküche ging.
***
Einige Stunden später dröhnte Train aus ihren Handylautsprechern, während sie durch die Küche lief und den Kartoffelbrei und das Mischgemüse fertig machte.
Sie war sicher, dass ihre Brüder schon eine Weile keine vernünftige Mahlzeit mehr bekommen hatten. Kochen war schon immer ihr Ding gewesen. Jackson kümmerte sich um alles andere – Wäsche, Rechnungen, Fahrgemeinschaften, Footballspiele, Cheerleading-Training. Er war ihr Fels in der Brandung durch all das gewesen. Sie konnte zumindest sicherstellen, dass er eine gute, hausgemachte Mahlzeit bekam, wenn er zurückkam. Und Hayden … Hayden war schon immer der entspannte Bruder gewesen, seit Melody zurückdenken konnte.
Sie stellte den Schongarer auf die Warmhaltestufe und ging wieder nach oben, um ihre Bettdecke und Laken auf das Bett zu ziehen. Ihr winziges Schlafzimmer lag direkt gegenüber dem Haus der Cohens und Thanes Zimmer. Er war ausgezogen, bevor sie alt genug war, um ihn ausspionieren zu wollen oder zu erkennen, dass er eine verdammt attraktive Ablenkung gewesen wäre.
Langsam ging sie zu ihren verstaubten Vorhängen und zog sie beiseite. Das Licht in seinem Schlafzimmer war aus, aber er hatte die Vorhänge offen gelassen. Ein Teil von ihr war schon immer neugierig auf Thane gewesen, während sie aufwuchs. Sogar nachdem es Gerüchte gegeben hatte, dass er etwas mit dem Tod ihrer Eltern zu tun hatte. Zugegeben, damals ging es eher darum, endlich die Wahrheit darüber zu erfahren, was passiert war.
Ihre Brüder waren fest davon überzeugt, dass die Gerüchte stimmten. Sie war sich da nicht so sicher. Ihre kleine Stadt in Louisiana war bekannt dafür, dass sich Klatsch wie ein Lauffeuer verbreitete.
Ihr Zweifel an den Gerüchten war entstanden, nachdem sie ihm eines Tages in die Augen geschaut hatte.
In diesen viel zu blauen Augen lag Traurigkeit. Kein Zorn. Keine Wut.
Ein Schatten huschte über sein Fenster und zog sie näher an ihr eigenes heran. Das Licht erhellte den Raum, und sie starrte ihn an. Sein Gesichtsausdruck war distanziert, sein Körper angespannt. Sie konnte seine Augen aus der Entfernung zwar nicht sehen, aber seine markanten Brauen und der leicht geöffnete Mund sahen verdammt scharf aus. Bei seinen zerzausten Haaren und dem Unterhemd vermutete sie, dass er gerade erst aufgewacht war. Thane streckte die Arme über den Kopf, wodurch sein T-Shirt hochrutschte und den flachen Bauch freigab. Gott im Himmel, diese Muskeln waren einfach hinreißend. Sein Blick senkte sich, als er die Arme wieder sinken ließ.
Sie zuckte hinter die Wand zurück und kniff die Augen fest zusammen. Verdammt.
Sie kauerte sich hin und kroch quer durch das Zimmer in Richtung Tür. „Oh mein Gott, Melody“, flüsterte sie.
Sie stolperte auf die Beine, fuhr sich mit den Fingern durch das dunkle Haar und zupfte nervös am Saum ihrer kurzen Hose. Verdammt noch mal, warum musste ich mich so blöd anstellen?
Durch das Wohnzimmerfenster sah sie einen alten Pickup in Mr. Cohens Einfahrt stehen, was sein Erscheinen erklärte und sie traurig machte. Sie hatte niemanden zu Besuch gesehen, seit sie wieder zu Hause war. Der Mann war erst vor ein paar Tagen gestorben.
Es wäre nur anständig gewesen, vorbeizugehen und etwas zu essen mitzubringen. „Ich kann rübergehen“, murmelte sie. Auf ihrem Handy war es 16:45 Uhr, und Jackson würde erst um fünf nach Hause kommen. „Bring ihm was zu essen und sprich ihm mein Beileid aus. Sag ihm, dass es dir leid tut, dass du ihn angestarrt hast“, sagte sie zu niemandem im Besonderen.
Ihre Mutter hätte ungeachtet der Situation immer etwas zu essen vorbeigebracht. Sie war eine gute Seele gewesen, so wie Melody immer sein wollte.
„Wenn ich mich beeile, wird Jackson es nie erfahren“, flüsterte sie.
Sie beeilte sich, bevor ihr der Mut verließ, griff nach einem Einmachglas und füllte es mit Eistee, bevor sie einen Teller mit Koteletts, Gemüse, Maisbrot und Kartoffelbrei füllte. Ihre Nerven flatterten in ihrer Brust, als sie ihr Haus verließ und auf seines zuging.
Die Sonne stand noch am Himmel, begann aber bereits ihren Abstieg hinter die Hügel in der Ferne. Ihre Straße war ziemlich ruhig. Nicht zu nah an der Stadt, aber auch nicht direkt auf dem Land. Beide Häuser standen auf einem ziemlich großen Grundstück, und ein nahe gelegenes Waldstück gab ihnen die Privatsphäre, die dem Stadtleben fehlte. Das hatte sie im College vermisst.
Ihr Herzschlag war so laut in ihrem Kopf, dass sie sich kaum konzentrieren konnte. Angst strich über ihre Haut und trieb ihr trotz der Hitze Gänsehaut auf. Melody stellte das Glas auf die Veranda und klopfte mehrmals an die Tür, bevor sie es wieder aufhob. Schweiß rann ihr über die Brust unter ihr dünnes Unterhemd. Ich hätte mich umziehen sollen; ich war den ganzen Tag auf den Beinen.
Die Tür schwang auf und ließ einen Schwall kühler Luft zu ihr strömen. Thane sah gleich aus, aber doch anders, älter. War es möglich, dass er noch attraktiver war als früher? Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg und ein heißes Gefühl bis in ihre Zehen schoss. Ja, diese gequälten Augen waren sogar noch blauer und härter geworden. Das erklärte die Angst, die die meisten Leute vor ihm hatten, weil er dadurch gefährlich wirkte. Aber alles, was sie sehen konnte, war Schmerz.
Große Arbeitsstiefel füllten den Türrahmen aus, seine ausgefransten Jeans steckten darin. Schmale Hüften hielten sie fest, sie saßen wie eine zweite Haut. Ein weißes T-Shirt schmiegte sich an seine breiten Schultern und spannte sich um die Kurven seiner Bizepse. Ihr Blick traf wieder den seinen, und ihre Nerven spielten verrückt. Dieselben blauen Augen starrten auf sie herab, bewegungslos, aber so lebendig. Er lehnte sich vor, seine rechte Hand umklammerte den oberen Türrahmen. Der waldige Duft seiner Haut drang in ihre Welt ein. Die andere Hand fuhr rau durch sein rabenschwarzes Haar.
Aufmerksam musterte er sie von ihren unlackierten Zehennägeln in den Flip-Flops, über ihre Beine bis zu ihrer kurzen Hose und schließlich an ihrem feuchten Unterhemd vorbei bis in ihre Augen.
Sie hätte sich wirklich umziehen sollen, denn er schien sie langsam in sich aufzusaugen. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber sie glaubte, er mochte es, sie anzusehen. Gemächlich hob er eine Braue.
Stimmt ja, sie hatte an seiner Tür geklopft.
„Es tut mir leid wegen deines Vaters“, sagte sie.
Thane starrte sie eindringlich an, gab ihr aber keinen Hinweis darauf, was er dachte. „Danke“, sagte er schließlich.
Wieder breitete sich ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen aus, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, platzte es aus ihr heraus: „Ich habe dich vorhin nicht beobachtet!“
Thane leckte sich über die Unterlippe und neigte den Kopf zur Seite. „Niemand hat gesagt, dass du das getan hast.“
Das stimmte. Melody räusperte sich und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich – ich wollte nicht, dass du denkst, ich sei eine gruselige Nachbarin oder so etwas.“
Er rollte den Zahnstocher in seinem vollen Mund zur anderen Seite. Seine Augen wanderten zu dem Essen in ihren Händen, und sie zwang sich zu sprechen. Gib es ihm. Sag irgendwas, Melody.
„Ist das für mich?“, fragte er schließlich.
Sie nickte. „Ja. Ich hoffe, es schmeckt dir.“
Thane nahm ihr das Essen ab, und seine Finger streiften ihre, was ein brennendes Gefühl in ihrer Seele auslöste. Eine elektrische Spannung durchzog sie von innen heraus und raubte ihr fast den Atem. Er zog seine rauen Fingerspitzen schnell wieder zurück.
Für eine Sekunde lag etwas in seinem Gesicht, das aber genauso schnell wieder verschwand. Melody nahm an, er hätte nicht erwartet, dass sie überhaupt kommen würde, und schon gar nicht, um ihr Beileid wegen seines Vaters auszudrücken. Nicht nach all den Gerüchten. „Es riecht gut. Danke.“
„Du –“
„Melody, geh nach Hause.“
Melody wirbelte herum und sah Jackson am Zaunpfosten stehen, der ihre Grundstücke trennte. Sein Gesicht spiegelte pure Empörung wider, und sie befürchtete, dass er sich kaum noch unter Kontrolle hatte. Eine Faust war geballt an seiner Seite, die andere umklammerte den Pfosten. Sie hatte seinen Wagen nicht kommen hören, und sie war sicher, dass ihr hämmernder Herzschlag alles andere als Thanes raue Stimme übertönt hatte. Sie warf einen Blick zurück zu Thane, um etwas zu sagen –
„Sofort.“
Sie hielt den Mund, drehte sich um und lief über den Hof. Ein Kribbeln zog sich an ihrem Nacken hinunter, über ihre Kurven bis in die Zehenspitzen. Sie konnte spüren, wie er sie ansah, während sie wegging. Obwohl Jackson ganz in der Nähe stand, ließ sie ihre Hüften bei jedem Schritt noch deutlicher schwingen, im Wissen, dass er sie beobachtete. Es fühlte sich gefährlich an, dabei war noch gar nichts passiert.
Jackson brummte etwas vor sich hin, als sie an ihm vorbeiging, aber es war zu leise, um es zu verstehen. Er blieb ihr bis ins Haus dicht auf den Fersen, aber sie spürte Thanes blaue Augen immer noch auf sich, bis die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
Melody drehte sich zu Jackson um; die Wut in seinem Gesicht war unnachgiebig, sein finsterer Blick starr.
„Willst du es drauf anlegen, Melody? Was zum Teufel hast du da drüben gemacht?“
Sie stemmte die Hände in die Hüften und verlagerte ihr Gewicht. „Es tat mir leid, Jackson. Niemand hat ihm etwas zu essen gebracht. Sein Vater ist gerade erst gestorben.“
Jackson stieß ein hysterisches Lachen aus. „Hörst du dir eigentlich selbst zu? Sein Vater ist gestorben, Melody? Unsere Eltern sind beide tot!“
„Du weißt nicht, ob er das war, Jackson! Du hast keine Beweise!“
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und nickte kurz. „Du hast recht“, flüsterte er. „Ich weiß nichts mit Sicherheit. Aber ich weiß, dass dieser Mann nichts taugt. Noch nie hat er das, und das wird er auch nie. Lass dich nicht noch einmal dort drüben blicken. Hast du mich verstanden?“
„Ich bin erwachsen, Jackson. Ich muss nichts verstehen. Ich hab dich lieb, du bist mein Bruder, und ich respektiere dich verdammt noch mal dafür, dass du uns großgezogen hast, aber ich habe meine eigene Meinung. Ich plane keine Übernachtungsparty mit dem Mann; ich habe nur Mitleid gehabt, weil sein Vater gerade gestorben ist.“
Jackson starrte sie lange und eindringlich an. Er überragte sie um ein gutes Stück. Die Ringe unter seinen Augen ließen ihn älter aussehen als seine achtundzwanzig Jahre. Trotz der Müdigkeit in seinem Gesicht war er gut aussehend. Auf diese bodenständige, südstaatliche Art, genau wie ihr Vater.
„Du bist genau wie Mama. So verzeihend – so verständnisvoll.“
„Manchmal“, sagte sie. „Und manchmal möchte ich meine Brüder am liebsten ohrfeigen.“
Jackson schüttelte den Kopf. „Versprich mir, dass du nicht mit ihm redest, Melody.“
Melody runzelte die Stirn. Das war kein Versprechen, das sie geben konnte, aber die Traurigkeit in Jacksons Augen lastete schwer auf ihrer Brust. „Okay.“
„Danke. Und jetzt ab mit dir ins Bett. Ich hab keine Zeit für sowas.“
Sie lächelte und ging nach oben in ihr Zimmer, wo sie die Tür hinter sich abschloss. Ihre Vorhänge waren von vorhin noch offen, aber Thanes Jalousien waren nun geschlossen.