Prolog
„Ich denke über den Tod nach.“
„Und was passiert, wenn du über den Tod nachdenkst?“
Ich spiele an dem Ring an meinem Zeigefinger herum. „Ich frage mich … ich frage mich, ob man sich überhaupt an mich erinnern wird.“
„Du willst, dass man sich an dich erinnert?“
Wer will das nicht? „Ja.“ Ich nicke. „Ich will … dass die Leute sich an mich erinnern.“
Donner grollt. Im Diner flackert das Licht.
„Und du glaubst, sie werden dich vergessen?“
Ich lache trocken auf. Dann sehe ich auf die kaum angerührten Pommes und den Burger auf meinem Teller. Er hatte das Essen und den schwarzen Kaffee bestellt. Er meinte, ich müsse etwas essen. „Kann ich wenigstens selbst bezahlen?“, hatte ich gefragt. Er zückte seine Brieftasche und sagte: „Schon gut. Ich lade dich ein.“ Er saß mir gegenüber und beobachtete mich. Er wartete darauf, dass ich aß. Also zwang ich mir ein paar Pommes rein, bevor ich auch den letzten Rest Appetit verlor.
„Ich weiß, das ergibt keinen Sinn. Was ich sage, ergibt sowieso nie Sinn.“ Ich schaue aus dem Fenster auf den strömenden Regen. Dann sehe ich ihn wieder an, direkt in diese stechend blauen Augen.
„Es ergibt schon Sinn.“ Er hält eine dampfende Tasse Kaffee in seinen langen Fingern. Wahrscheinlich wärmt er sich daran auf. Scheißregen. Ich spüre meine Füße nicht mehr und kann nicht mal mit den Zehen wackeln. Sie sind wie eingefroren. Es hilft auch nicht, dass die Heizung im Diner kaputt ist. Ich hatte die junge Kellnerin hinter der Theke gebeten, sie einzuschalten. Ohne mich anzusehen, meinte sie nur pampig, das Ding sei im Eimer.
„Es ist nicht falsch, wenn man will, dass die Leute nach dem Tod an einen denken. Ich glaube, es gibt Menschen, die dich nicht vergessen werden“, sagt er.
„Ach ja?“
Er nickt. „Deine Familie wird sich erinnern. Deine Freunde auch.“
Nur Jonah würde sich an mich erinnern. Meine Familie hingegen … nun ja, das ist eine ganz andere Geschichte.
Er sieht mich nachdenklich an. Es wirkt, als wollte er etwas sagen, wüsste aber nicht wie. Ich starre in seine blauen Augen. Er ist ein extrem gutaussehender Mann. Er hat ein Gesicht, nach dem sich die Leute umdrehen – schön und faszinierend. Dunkles Haar rahmt sein markantes Gesicht ein. Stechend blaue Augen. Er hat Tattoos auf den Händen. Er ist wunderschön.
Ich kenne diesen Mann nicht, nicht mal seinen Namen. Aber ich weiß eines: Er hat ordentlich Kohle. Die Louis-Vuitton-Manschettenknöpfe und der Mercedes vor der Tür sprechen Bände.
Er setzt an, etwas zu sagen, überlegt es sich dann aber anders. Sein Blick ruht auf mir. Mit diesen stechenden Augen mustert er mein Gesicht. Er überlegt wohl, was er sagen soll. Bei seinem intensiven Blick kann ich nur daran denken, dass ich furchtbar aussehe. Bestimmt sehe ich aus wie der Tod auf Latschen. Ich habe dunkle Augenringe vom Schlafmangel und rissige Lippen. Meine Augen sind wahrscheinlich rot und verquollen vom Weinen auf der Brücke – dort, wo er mich gefunden hat.
Nach einem Moment des Schweigens sage ich: „Wie auch immer, ich sollte gehen.“ Ich stehe auf. „Ich fass es nicht, dass ich einem Fremden meine Probleme erzählt habe“, sage ich mehr zu mir selbst.
Er sieht mich an. „Du gehst schon?“
„Ja, es sieht nicht so aus, als würde der Regen bald aufhören.“ Ich deute zum Fenster, gegen das der Regen peitscht. „Ich verschwinde besser. Sonst sitze ich hier fest.“
„Okay“, sagt er, nickt und steht ebenfalls auf. Er ist groß – wahnsinnig groß. Einen Augenblick lang steht er einfach nur da, so schön und so mächtig. Er starrt mich an, als würde er mich wieder studieren. Er kann mich wohl nicht einschätzen. Es wirkt, als wollte er mich unbedingt durchschauen. Er blickt mir durch meine braunen Augen direkt in die Seele. Dann sagt er: „Du bist so …“ Er hält kurz inne, als suche er nach einem Wort. „Man kann dich so schwer lesen. Das macht mich fertig.“
„Tatsächlich?“
Er nickt. „Ich bin eigentlich sehr gut darin, Menschen zu durchschauen. Aber bei dir klappt es nicht. Ich werde aus dir nicht schlau“, sagt er.
„Tja, da sind wir schon zwei. Ich werde aus mir selbst auch nicht schlau“, sage ich und packe meine Sachen zusammen.
Um diese Uhrzeit ist das Diner fast leer. Außer uns beiden ist kein Gast mehr da. Mein Blick wandert zu der jungen Kellnerin hinter dem Tresen. Sie kaut lautstark Kaugummi und starrt gebannt auf den kleinen Fernseher an der Wand. Die andere Kellnerin ist schon etwas älter. Sie sitzt auf einem Barhocker, blättert gelangweilt in einer Zeitschrift und zieht ein Gesicht.
„Verdiene ich keine Belohnung?“
Ich drehe mich zu ihm um und ziehe eine Augenbraue hoch. „Eine Belohnung? Wofür?“
Er tritt einen Schritt näher auf mich zu. „Ja, eine Belohnung. Immerhin habe ich dein Leben gerettet, weißt du noch?“
„Aber ich wollte gar nicht gerettet werden.“ Das klingt vielleicht hart, aber es ist die Wahrheit.
Ich habe ihn nicht darum gebeten.
Er hätte es lassen sollen.
Er macht ein nachdenkliches Geräusch und nickt. Dann sagt er: „Und was ist mit einer Belohnung dafür, dass ich dir zugehört habe?“
Ich starre ihn an. „Na gut, was willst du? Geld?“, frage ich. Sofort merke ich, wie dumm die Frage war. Der Mann sieht aus, als würde er in Geld schwimmen.
„Nein.“ Er schüttelt den Kopf. „Ich will nur deinen Namen wissen.“
Ich sehe ihn einen Moment zu lange fassungslos an. „Das ist alles? Mein Name?“ Er nickt.
„Schon gut“, sage ich mit einem Seufzer. „Das lässt sich machen. Nia. Mein Name ist Nia.“
„Kein Nachname, Nia?“ Er spricht meinen Namen aus, als würde er den Klang auf der Zunge prüfen.
„Mehr verrate ich nicht.“
„Okay.“ Er lächelt – ein perfektes Lächeln. „Schön, dich kennenzulernen, Nia.“
Ich lache kurz auf. „Ist es für Höflichkeiten nicht ein bisschen spät?“
„Da hast du wohl recht.“ Er lacht. Ich mag sein Lachen. Es ist ein sehr angenehmes Geräusch. Ich muss selbst lächeln. „Aber ich bin wirklich froh, dass ich dich heute Nacht getroffen habe, Nia.“
„Verrätst du mir deinen Namen auch?“, frage ich erwartungsvoll.
Er schweigt und scheint kurz zu überlegen. Dann sagt er: „Heute nicht. Aber du wirst ihn bald erfahren.“
„Na, das klingt ja überhaupt nicht beängstigend.“
„Du solltest jetzt gehen“, ist alles, was er darauf sagt.
„Stimmt.“ Ich hatte fast vergessen, dass ich im Aufbruch war. „Ich sollte gehen.“
„Nia?“, sagt er, bevor ich mich abwende. „Ich werde mich an dich erinnern.“
Ich zögere, den Rucksack in der Hand, und starre ihn mit brennenden Augen an. Mir steigen Tränen in die Augen.
„Fahr nach Hause, Nia“, sagt er leise.
Ich versuche, meine Stimme ruhig zu halten. „Ja, das werde ich.“
Ich werfe ihm einen letzten Blick zu und verlasse das Diner. Ich renne zu meinem Wagen. Dabei achte ich darauf, nicht in Pfützen zu treten, damit meine Sneaker nicht nass werden. Ich steige ein und drehe die Heizung voll auf. Ich hole mein Handy raus und scrolle durch die Nachrichten. Ich hoffe auf … irgendwas. Egal was. Aber da ist nichts, außer einem verpassten Anruf von Jonah. Natürlich ist da nichts. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Meine Mutter würde wahrscheinlich nicht mal merken, wenn ich eine Woche oder einen Monat weg wäre. Meine Brust zieht sich zusammen, alles fühlt sich schwer an. Ich schreie laut auf und schlage gegen das Lenkrad. Dann fange ich mich wieder und fahre nach Hause.