Kapitel 1 – Der Anfang
Es ist kurz nach Mitternacht. Seit gefühlten Stunden starre ich auf denselben Fleck auf meinem Schlafzimmerboden. Den Flur hinunter dröhnt Franks Stimme durch die dünnen Wände. Er ist betrunken und aggressiv, so wie immer. Er schreit meine Mutter an.
Ich bin mir sicher, dass ihn heute Nacht das ganze Haus hören kann.
Wir sind vor zwei Jahren hierhergezogen. Damals beschloss Frank, dass er ein „Stadttyp“ sei. Er tauschte unsere ruhige Nachbarschaft gegen überfüllte Straßen und ständigen Lärm ein.
Ich versuche, das Gebrüll auszublenden. Doch als mein Name fällt, verdrehe ich nur die Augen. Früher hat meine Mutter mich immer verteidigt. Mit der Zeit hat sie jedoch gelernt, dass es einfacher ist, den Mund zu halten. Ich kann es ihr nicht einmal verübeln.
Normalerweise würde ich mir die Ohrstöpsel reinstecken und alles übertönen. Aber heute Nacht bin ich unruhig. Ein Spaziergang scheint mir eine bessere Idee zu sein. Es ist meine letzte Woche vor dem Abschluss. Was macht da schon eine schlaflose Nacht?
Ich gleite vom Bett und schlüpfe in meine Sandalen. Der Fensterriegel klickt, als ich ihn aufdrücke. Die kühle Nachtluft strömt herein und lindert sofort meine Angst.
Ich springe hinaus und lande sanft im Gras. Dann schließe ich das Fenster so leise wie möglich. Ich atme tief ein und genieße die Pause von der ganzen Schreierei.
Das leise Schnurren eines Motors reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke auf und sehe Josh, meinen süßen Nachbarn. Er fläzt in seinem Auto, einen Arm hat er lässig aus dem Fenster hängen.
Oh Gott. Ich sehe wahrscheinlich total bescheuert aus.
Leider starrt er mich direkt an. Jetzt gibt es kein Entkommen mehr.
Ein freches Grinsen umspielt seine Lippen. Ich fühle mich sofort unwohl in meiner Haut.
„Ist es nicht ein bisschen spät, um sich rauszuschleichen?“, fragt er neckend. „Es ist unter der Woche, weißt du?“
Ich werde rot. „Sieht wohl so aus. Was bist du, ein Polizist?“ Ich mache einen kleinen Schritt auf ihn zu.
„Wo willst du hin?“, fragt er entspannt.
Ich zucke gezwungen mit den Schultern und weiche seinem Blick aus. „Ähm… egal wohin, Hauptsache weg von hier.“
Er weiß genau, was ich meine. Da er direkt nebenan wohnt, kennt er Franks Suff-Anfälle nur zu gut.
Er hebt träge die Hand und hält einen Joint hoch. „Willst du mal ziehen? Ein bisschen entspannen?“
Ich lache verlegen. „Nein danke, so cool bin ich nicht.“
Die Worte rutschen mir raus, bevor ich mir etwas Schlaueres überlegen kann. Sofort schäme ich mich. Kann man eigentlich noch uncooler rüberkommen?
Er zuckt mit den Schultern und lehnt sich zurück. Bevor er noch etwas sagen kann, hebe ich kurz die Hand.
„Na ja… man sieht sich.“
Ich gehe am Auto vorbei und spüre seine Blicke im Rücken. Gott, bitte lass mich jetzt nicht stolpern.
Ich schiebe die Hand in meine Tasche und ziehe einen zerknitterten Fünf-Dollar-Schein heraus. Den hatte ich fast vergessen.
Die Straße runter gibt es einen Kiosk. Vielleicht hole ich mir ein Wasser und gehe dann wieder ins Bett.
Auf der Hauptstraße angekommen, blicke ich in den dunklen Himmel. Ich suche nach Sternen.
Natürlich sind keine da. Nicht hier in der Stadt.
Ich überquere den Parkplatz des Ladens. Die Tür quietscht leicht, als ich sie aufdrücke. Die kleine Glocke über mir bimmelt schrill.
Die Verkäuferin blickt kaum von ihrem Handy auf. Sie sieht völlig gelangweilt aus.
Ich gehe nach hinten und nehme mir ein Wasser aus dem Kühlregal. Plötzlich macht sich ein beklemmendes Gefühl in meiner Brust breit.
Es kommt ganz plötzlich, schwer und drückend. Meine Schritte werden unsicher.
Ich schüttle das Gefühl ab und will zur Kasse gehen. Doch bevor ich den nächsten Schritt machen kann –
RUMS.
Hinter mir fliegt die Tür auf. Die Glocke schrillt wie verrückt.
Ich zucke zusammen, mein Herz macht einen Satz. Mein Instinkt übernimmt das Kommando.
Ich gehe hinter dem nächsten Regal in die Hocke. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Das verheißt nichts Gutes.
Die Stimme eines Mannes schneidet durch die Luft, scharf und aggressiv. Ein lauter Knall hallt von den Wänden wider. Etwas wird hart auf den Tresen geschlagen.
Ich halte den Atem an. Mit großen Augen wage ich einen Blick um die Ecke.
Ein Mann steht an der Kasse. Er trägt eine schwarze Skimaske, sein Körper ist extrem angespannt. Seine Worte sind kurz und befehlend, aber mein Gehirn nimmt sie kaum wahr.
Denn da ist eine Waffe. Ein Metallschimmer in seiner Hand. Er zielt direkt auf die Verkäuferin. Ein eisiger Schauer läuft mir über den Rücken.
Die Verkäuferin nestelt mit zitternden Händen an der Kasse herum. Sie versucht, seinen Forderungen nachzukommen.
Ich verstehe kein Wort. Ich höre nur mein eigenes Herz, das so laut klopft, dass es alles andere übertönt.
Ich atme flach und hastig. Mit dem Rücken drücke ich mich gegen ein Chipsregal und mache mich so klein wie möglich.
Mein Blick wandert zum Sicherheitsspiegel in der Ecke.
Oh Gott. Wenn ich ihn sehen kann… dann kann er auch mich sehen.
Eine Welle von Übelkeit überrollt mich. Das kann nicht wahr sein.
Der Gedanke dringt kaum durch das schrille Pfeifen in meinen Ohren. Irgendwo hinter dem Nebel aus Panik höre ich das verzweifelte Schluchzen der Verkäuferin. Das Rascheln von Geldscheinen. Das Knistern einer Plastiktüte.
Dann ein lautes Scheppern.
Etwas kracht plötzlich zu Boden. Ich zucke zusammen. Ein leises Wimmern entwischt mir, bevor ich es unterdrücken kann. Oh Gott.
Die Luft zum Atmen wird knapp. Die Verkäuferin bewegt sich weiter, gehorcht ihm, aber ansonsten ist alles still. Viel zu still.
Ich muss gar nicht hinsehen. Ich weiß es längst. Er hat mich gehört. Ich habe es vermasselt. Und zwar gewaltig.
Ein langsames, schweres Stampfen bricht die Stille. Stiefel. Sie kommen näher. Jeder Schritt ist ruhig. Absichtlich. Als würde er es genießen. Als würde er meine Angst förmlich aufsaugen, die in Wellen von mir ausgeht. Ich kneife die Augen fest zu.
Dann… nichts mehr. Die Schritte hören auf. Direkt vor mir.
Ich möchte die Augen geschlossen halten und so tun, als wäre ich unsichtbar. Aber ich spüre ihn. Seine bloße Anwesenheit raubt mir den Atem.
Ein heftiger Impuls durchzuckt mich. Meine Lider flattern auf. Mein Blick wandert nach oben. Langsam. Voller Furcht. Hilflos.
Er überragt mich völlig. Seine Silhouette schluckt das dämmrige Licht über uns. Er ist zu groß. Zu nah. Er legt den Kopf leicht schief, als würde er mich mustern. Er begutachtet meine Angst, meine zitternden Glieder und meine großen, flehenden Augen.
Mir rutscht das Herz in die Hose.
Bevor ich begreifen kann, was passiert, bevor ich überhaupt denken kann, bewegt er sich.
Mit einer blitzschnellen Bewegung schnellt seine Hand vor. Seine Faust krallt sich in mein Shirt.
Ich kann kaum reagieren, da werde ich schon hochgerissen. Gegen seine Kraft wirke ich federleicht. Ein erstickter Schrei entweicht meiner Kehle. Meine Sandalen rutschen mir von den Füßen, die kaum noch den Boden berühren.
Sein Griff ist unerbittlich. Besitzergreifend.
Er zieht mich näher an sich heran. Ich spüre die Hitze seines Körpers und sein massives Gewicht gegen mich drücken. Mein Atem stockt, meine Brust ist wie zugeschnürt vor Panik.
Seine Augen gleiten langsam an mir auf und ab.
Dann atmet er aus. Er lässt ein leises, tiefes Brummen hören. Das Geräusch vibriert in seiner Brust, als würde er den Moment richtig genießen.
Seine Lippen teilen sich. Als er spricht, ist seine Stimme tief, sanft… und voller Genugtuung.
„Na sieh mal an… was für eine nette Überraschung.“
Er spricht die Worte langsam aus. Ein leiser Nervenkitzel liegt in der Luft, der sich wie Rauch ausbreitet. Es klingt, als wäre er amüsiert. Als hätte er Interesse.
Als hätte er bereits entschieden, dass ich ihm gehöre.
Ich wehre mich gegen seinen Griff, aber es bringt nichts. Er packt nur noch fester zu.
Ich höre, wie er scharf durch die Nase einatmet. Er scheint den Augenblick aufzusaugen und meine Angst einzuatmen, bevor er mich näher zu sich heranzieht.
Seine Hitze ist erstickend. Sie erdrückt mich fast.
Ohne Vorwarnung bewegt er sich. Schnell. Gewalttätig. Ein brutaler Ruck lässt mich nach vorne stolpern. Mein Körper prallt gegen seinen, während er mich zum Ladenausgang schleift, als würde ich gar nichts wiegen.
„Hör auf!“, schreie ich verzweifelt aus tiefster Kehle. „Bitte!“
Seine Reaktion folgt sofort. Gnadenlos.
Ein weiterer Ruck, diesmal noch fester. Mein Körper wird hart gegen seinen gepresst. Mir bleibt die Spucke weg, während er mich fest im Griff behält.
Seine Hitze geht auf mich über, Hüfte an Hüfte. Jede harte Muskelpartie, jeder kontrollierte Atemzug ist erstickend nah.
„Lass die Scheiße.“
Seine Stimme ist ein tiefes, gefährliches Krächzen. Sie ist voller Warnung und noch dunklerer Absichten. Das Beben seiner Stimme geht durch mich durch, bis ich es tief in meinen Knochen spüre.
Mein Atem geht zittrig, aber seine Augen sind es, die mich völlig fertigmachen.
Dunkel. Intensiv. Er starrt mich mit einer unerschütterlichen Sicherheit an. So, als wüsste er längst, wie diese Nacht enden wird.
Dann… wandert sein Blick nach unten.
Langsam, fast schon träge, gleiten seine Augen zu meinen Lippen. Er verweilt dort ganz bewusst. Dann sieht er mir wieder in meine weit aufgerissenen, zitternden Augen.
Mein Magen zieht sich zusammen, mein Puls rast. Aber es ist nicht nur Angst, die mir den Rücken hochkriecht. Da ist noch etwas anderes, Dunkleres. Etwas, das mich verwirrt.
Todesangst pulsiert in mir, doch ich kann den Blick kaum von ihm abwenden. Ich werfe dem Mädchen hinter dem Tresen einen letzten, panischen Blick zu. Ein stummer Hilfeschrei.
Bevor ich begreifen kann, was passiert, bewegt er sich.
Die Tür fliegt auf. Die kühle Nachtluft trifft auf meine erhitzte Haut. Aber das hilft nicht gegen das schwindelerregende Chaos in meinem Kopf.
Sein Griff lockert sich kein bisschen. Eine Hand hält mich unnachgiebig fest, während die andere eine Tasche voller Geld umklammert.
Ein verzweifelter Schrei sitzt mir im Hals fest. Er ist in meiner Angst gefangen und erstickt, noch bevor er herauskommen kann.
Ich versuche mich mit den Fersen in den Boden zu krallen und Widerstand zu leisten. Aber er ist stärker. Und schneller.
Das Nächste, was ich höre, ist das scharfe Klicken einer Autotür, die aufgerissen wird.
Ein Stoß. Ein harter Stoß.
Ich werde nach vorne geschleudert und lande auf dem Sitz. Bevor ich mich fangen oder wegkrabbeln kann, knallt die Tür hinter mir zu.
Endgültig. Verriegelt. Gefangen.
Ich kriege keine Luft mehr. Alles in mir schreit danach, mich zu bewegen, nach dem Türgriff zu greifen oder gegen das Glas zu treten. Aber ich kann nicht.
Ich bin wie erstarrt. Völlig gelähmt vor Angst.
Dann… eine andere Tür. Die Fahrerseite.
Sie wird mit einem schnellen, geübten Griff aufgerissen. Er rutscht auf den Sitz, völlig ungerührt von dem Chaos, das er gerade angerichtet hat.
Ohne zu zögern, lässt er den Motor aufheulen. Der Wagen setzt ruckartig zurück.
Ich werde nach vorne geschleudert und pralle gegen seine Rückenlehne. Ein unterdrückter Schrei entweicht mir, als ich durch die Wucht auf den Boden rutsche. Schmerz schießt durch meine Glieder.
Die Reifen quietschen und Gummi brennt auf dem Asphalt. Er rast davon und reißt mich aus meinem ganzen bisherigen Leben.
Ich mache mich ganz klein, völlig außer Atem und zitternd. Mein Kopf dreht sich.
„Das passiert nicht wirklich. Das darf nicht wahr sein.“
Die Worte kommen nur als schwaches Flüstern über meine Lippen. Sie gehen im Dröhnen der Nacht unter, die uns beide verschlingt.
Meine Stimme wackelt und ist kaum lauter als ein Hauch. „Ich will nach Hause.“
Dieses Eingeständnis bricht etwas in mir.
Heiße Tränen brennen auf meinen Wangen. Die ganze Last bricht plötzlich über mir zusammen. Meine Kehle schnürt sich zu. Ich habe das Gefühl, meine Brust wird zerquetscht, während sich die bittere Wahrheit tief in mich hineinfrisst.
Ich sollte zu Hause sein. Ich sollte in meinem Bett liegen. Nicht hier. Nicht im Auto eines Fremden.
Ein heftiges Zittern durchläuft mich, aber ich merke es kaum. Meine Gedanken rasen und überschlagen sich. Ich versuche zu begreifen, wie zum Teufel das alles passieren konnte.
Wie ich von einem heimlichen Spaziergang… hier landen konnte.
Ich kneife die Augen fest zu und drücke meine Stirn gegen meine zitternden Hände.
Aber es gibt kein Entkommen. Kein Aufwachen. Man kann es nicht ungeschehen machen. Es ist real. Es passiert jetzt gerade. Und es gibt keinen Ausweg.
Mein Gesicht ist in meinen Händen vergraben, die Knie fest an die Brust gezogen. Jede scharfe Kurve schleudert mich zur Seite. Mir ist speiübel vor Angst, die in unaufhörlichen Wellen über mir zusammenschlägt.
Ich weiß nicht, wie lange wir schon fahren. Minuten? Stunden? Das monotone Summen der Reifen ist zu einem fernen Rauschen in meinen Ohren geworden.
Dann folgt ein heftiger Ruck.
Das Auto bremst scharf ab. Die Reifen quietschen auf dem Asphalt. Die Wucht reißt mich nach vorne und presst mir die Luft aus den Lungen.
Dann herrscht Stille. Eine dicke, erstickende Stille. Er schaltet den Motor aus.
Eine Tür quietscht beim Öffnen.
Dann — BAMM.
Das Geräusch ist hart und endgültig. Mein Herz hämmert wild gegen meine Rippen.
Er bewegt sich. Er kommt zu mir.
Seine Schritte sind langsam. Bedächtig. Er lässt sich Zeit. Er genießt das hier.
Die Schritte hören auf. Direkt vor meiner Tür.
Mein Atem stockt, flach und unsicher, aber ich wage nicht, mich zu rühren. Ich lausche angestrengt. Ich versuche mich auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommt.
Aber alles, was ich höre…
… ist Schweigen.
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