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Green Manor School - WG Widerwillen

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Von ihren Eltern aufs Internat abgeschoben, beginnt für Jamie das letzte Schuljahr. Auf der Green Manor School füttern sie einen nicht nur mit Wissen, sondern wollen die Schüler auch auf ein selbstständiges Leben vorbereiten. Anders als gewöhnlich ist diese Schule, geführt vom unnachgiebigen Drachen namens Miss Tolliver, allemal. Jamie muss sich nicht nur eine WG mit vier anderen Mädchen teilen, sondern auch mit ihrer Kunst- und Sportlehrerin Miss Walker. Wird das gut gehen? Dies ist eine LGBTQ+ Story, daher gilt: Don't like it, don't read it ;) © Alle Rechte vorbehalten

Status:
In Arbeit
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Da stehe ich nun. Ich höre das Knirschen des Kieses unter meinen Füßen, als ich näher an das mit Efeu bewachsene Haus herantrete. Man könnte auch Schloss sagen, denn es ist echt riesig. Meine Augen scannen die riesige Eichentür ab und ich überlege, ob ich nicht meinen Seesack schnappe, mich umdrehe und einfach abhaue. Denn das hier ist wirklich nicht meine Welt. Ich meine, wer will schon freiwillig in ein Internat und dann auch noch in die entlegenste Ecke des Landes? Seufzend lasse ich meinen Blick in den Himmel wandern, der mich mit einem strahlenden Blau nur so verhöhnt. Ja ja, wirklich witzig du da oben.


Wieder wandern meine Augen über die Fassade meines zukünftigen Zuhauses und ich balle wütend meine Hände zu Fäusten und frage mich erneut, womit ich es verdient habe, ausgerechnet hier ausgesetzt zu werden. Ja richtig gehört. Ausgesetzt. Denn so kommt es mir vor, nachdem mich meine lieben Eltern hier heraus gelassen haben. Mein Dad hat meinen Koffer und meinen Seesack auf die mit Kies verlegte Einfahrt gestellt, während meine Mum mein Arm drückte und mir zischend ins Ohr flüsterte, dass ich mich doch bitte benehmen soll und nicht das gleiche Theater machen soll wie an meiner alten Schule.


Traurig schüttel ich meinen Kopf, wenn ich an meine ehemalige Schule denke. Dort habe ich alles zurück gelassen, was mir wichtig war. Meinen besten Freund Jordy und auch meine Clique. Sie konnten es nicht fassen, dass ich nun meilenweit von ihnen entfernt auf ein Internat gehen muss. Natürlich weiß ich, dass ich kein Engel bin und in der Vergangenheit habe ich so ziemlichen Scheiß gebaut, der letztendlich dafür sorgte, dass ich von meinen Eltern von der Schule genommen wurde. Ich dachte erst sie würden scherzen und versprach ihnen rasch, dass ich mich bessern würde, aber als dann die Anmeldeformulare und die Broschüren für Internate auf dem Tisch lagen, wusste ich das meine Tage gezählt waren.


Nun stehe ich hier, mit Groll im Bauch und Tränen in den Augen und schrecke zusammen, als ein hochgewachsener Junge plötzlich neben mir steht.


»Hi. Kann ich dir helfen? Oder stehst du gerne 'ne halbe Ewigkeit hier rum und guckst in der Gegend rum? Bist du neu?« Seine Stimme ist tief und während braune Augen mich neugierig anschauen, lasse ich meinen Blick über ihn gleiten. Er ist fast zwei Köpfe größer als ich. Seine Haare liegen in wirren Locken auf seinem Kopf und ich sehe, dass er wohl versucht sich einen kleinen Bart stehen zu lassen. Aber dennoch ist seine Ausstrahlung sehr freundlich und ich entscheide mich eben nicht in die Defensive zu gehen so wie ich es sonst meistens mache.


»Hi. Ja ich bin neu hier. Aber ich überlege noch ob ich rein gehe oder doch lieber abhaue.« Ich reiche ihm meine Hand und sage: »Ich bin Jamie. Und du bist?«


»Ich heiße Oliver. Hi.« Damit nimmt er meine Hand und schüttelt sie. Und ich bin froh, dass er einen festen Händedruck hat, denn ich kann es absolut nicht leiden, wenn ich Hände schütteln muss, die sich wie ein toter Fisch anfühlen.


»Wenn du möchtest, kann ich dir den Weg zum Sekretariat zeigen. Oder eine kleine Hütte im Wald, wo du dich verstecken kannst. Es ist ganz dir überlassen.« grinst Oliver und ich merke, dass wir scheinbar humormäßig auf einer Wellenlänge sind. Oliver ist mir direkt sympathisch und ich hoffe, dass die Mehrzahl der Schüler hier es ebenso sind.


»Ach weißt du, ich glaube ich schaue mir den Kasten erst mal an. Abhauen kann ich ja dann immer noch. Aber vielleicht lässt du einfach eine Karte da, die mir den Weg zur Hütte zeigt. Nur für den Fall.« scherze ich.


Olivers Lachen ist tief und ich kann mir vorstellen, dass viele Mädchen auf ihn stehen. Er schnappt sich meinen Koffer, während ich mir meinen Seesack über die Schulter werfe und gemeinsam gehen wir auf die große Tür zu. Oliver stemmt sie auf und lässt mich vor. Sekunden später stehe ich in einer großen Halle mit einer hohen Decke. Mein Blick fällt sofort auf die Treppe, an der ein Geländer aus geschnitztem Holz montiert ist. Von der Decke hängen viele Lampen, die die Halle dennoch sanft beleuchten. Kein Vergleich zu den Neonröhren in meiner alten Schule, die immer nervig geflackert haben. Zu meiner linken Seite befindet sich eine großzügige Lounge mit einigen Sesseln und Tischen. Und zu meiner rechten Seite befinden sich zwei Türen und ein großes Brett mit unzähligen bunten Zetteln, die auf verschiedene Freizeitaktivitäten hinweisen.


»Dort ist das Sekretariat und direkt daneben ist das Büro der Direktorin.« Oliver zeigt auf die zweite Tür. Diese ist ebenso wie die Eingangstür aus dunkler Eiche und auf dem Schild steht Miss Tolliver.


»Egal was du tust, schau der Direktorin niemals in die Augen. Es sei denn du möchtest dich in eine Salzsäule verwandeln. Diese Frau ist ein richtiger Drachen und glaub mir, wenn ich dir sage, dass sie noch nie gute Laune hatte.«


Na das kann ja was werden. Genervt verdrehe ich meine Augen und folge Oliver in das Sekretariat. Dort sitzt eine kleine rundliche Frau im mittleren Alter und schaut mit freundlichen Augen zu uns, als Oliver sich über die Theke lehnt und mein Ankommen ankündigt. Auf dem kleinen Schild neben einem süßen kleinen Kaktus kann ich den Namen Emilia Davis lesen. Sie ist also die Sekretärin. Während Oliver mit ihr redet, lasse ich erneut meinen Blick umher wandern und egal wohin ich schaue, überall stehen Grünpflanzen. Auf ihrem Schreibtisch, auf den Ablagen an der hinteren Wand und natürlich auch auf dem Fensterbrett.


Oliver reißt mich aus den Gedanken, als er meine Schulter anstupst und meint: »Wir sehen uns bestimmt später. Bis dann Jamie.« und schon ist er verschwunden.


Ein leichtes Räuspern lässt mich wieder auf die Sekretärin konzentrieren, die mich mit einem wirklich freundlichen Blick anlächelt. »Also Jamie. Dann mal herzlich willkommen. Ich bin Miss Davis, aber alle nennen mich Emilia. Für mich ist es in Ordnung, wenn die Schüler mich duzen, denn so alt bin ich ja noch nicht.« Lachend zeigt sie mir ihre kleine Zahnlücke und ich merke, dass ich sie auf jeden Fall mag.


»Du kannst dich dort auf den Stuhl erst mal setzen. Ich melde dich schnell bei Direktorin Tolliver an. Es wird nicht lange dauern.« Ich nicke und lasse mich auf besagtem Stuhl nieder, während Emilia an das Büro der Direktorin klopft und hinein geht. Während Emilia mich also ankündigt, krame ich mein Handy aus meiner Jackentasche und entsperre es. Neben unzähligen Nachrichten in meiner Freundesgruppe, habe ich auch eine von meinem besten Freund.


Jordy: Hey Jamie. Bist du schon angekommen? Oder direkt wieder abgehauen? Ich kann immer noch nicht fassen, dass wir das letzte Jahr nicht gemeinsam auf der Schule sind. Am liebsten würde ich mir deine Alten mal vorknöpfen. Du fehlst uns allen und mir besonders.


Sofort steigen mir wieder die Tränen in die Augen, nachdem ich seine Nachricht gelesen habe. Mit verschwommenem Blick versuche ich die Tastatur meines Handys zu treffen.


Ich: Jordy. Du glaubst nicht, wie gut es tut von dir zu lesen. Ihr fehlt mir auch alle so sehr. Ich hasse meine Eltern dafür das sie mich hier her verfrachtet haben. Sitze jetzt im Sekretariat und werde gleich die Direktorin kennenlernen. Angeblich ist sie ein Drache, aber du kennst mich. Ich kann auch Feuer speien. Ich melde mich später noch mal. Love


Direkt nachdem ich die Nachricht versendet habe, öffnet sich die Tür der Direktorin und Emilia bittet mich einzutreten. Ich stecke also mein Handy wieder in meine Jacke, trete meinen Seesack zur Seite damit er nicht im Weg steht und betrete dann die Höhle des Drachens ähm ich meine das Büro der Direktorin.


Vor mir sitzt eine elegant gekleidete Frau im mittleren Alter, ihre leicht silbernen Haare sind zu einem strengem Dutt frisiert und auf ihrer spitzen Nase thront eine Brille, wie sie jede strenge Bibliothekarin trägt. Ihre Augen sind wachsam auf mich gerichtet und mir kommt als erstes ein Geier in den Sinn, wenn ich sie so betrachte. Miss Tolliver sitzt stolz und aufrecht in ihrem großen Ledersessel, der hinter einem ebenso großen Schreibtisch steht. Davor stehen zwei Ledersessel, die nicht dazu gedacht sind, dass man sich wohlfühlt. Und obwohl ich nicht auf den Mund gefallen bin, bin ich im ersten Moment doch irgendwie eingeschüchtert.


»Guten Tag Miss Wright und herzlich Willkommen an der Green Manor School. Meine Name ist Olivia Tolliver und ich bin die Schuldirektorin an dieser Schule.«


Hm, so weit so gut. Auch wenn sie ein strenges Äußeres hat, so ist ihre Stimme freundlich und warm. Aber es muss schon einen Grund haben, warum ich direkt am Anfang von Oliver vor ihr gewarnt wurde.


Ich begrüße sie freundlich und setze mich dann auf einen der Stühle, nachdem sie mir mit einer Geste angedeutet hat mich zu setzen. Ich lasse mich hinein fallen und kann meinen vorherigen Gedanken bestätigen, das diese Stühle nicht dafür gemacht sind das man sich wohlfühlt. Im Gegenteil, sie sind knochenhart. Bemüht eine lockere Haltung zu zeigen, lasse ich meine Arme auf beide Lehnen nieder und strecke meine Beine von mir.


Mit Argusaugen beobachtet Miss Tolliver mein Auftreten und ich kann sehen, wie sie missbilligend ihren Mund zusammen kneift, so das mehrere kleine Fältchen entstehen.


»Nun Miss Wright, wie ich anhand Ihrer Schulakte entnehmen kann, sind Sie nicht gerade ein Musterbeispiel einer fleißigen Schülerin. Ihre Noten sind eher mittelmäßig bis schlecht, dazu haben Sie zahlreiche Fehltage, viele davon unentschuldigt und auch das Schreiben Ihrer ehemaligen Klassenlehrerin und das Ihres ehemaligen Schuldirektors strotzen nicht wirklich vor Lob. Ganz im Gegenteil. Sie haben sich an Ihrer alten Schule ja einiges zu Schulden kommen lassen. Schwänzen, rauchen auf dem Schulhof und auch Schlägereien mit Mitschülern.«


Uff, da hab ich aber ein ordentliches Gepäck mitgebracht, denke ich mir und kann mir mein Grinsen gerade so verkneifen.


»An der Green Manor School werde ich ein solches Verhalten nicht dulden. Und wenn Sie daran denken, hier derart negativ aufzufallen das ich gezwungen bin, Sie von der Schule zu verweisen, dann sei Ihnen gesagt, dass ich bisher mit JEDEM Problem klar gekommen bin. Hier werden Sie nicht nur für Ihre berufliche Zukunft lernen, sondern auch Grundlagen für ein selbstständiges Leben.«


Damit überreicht sie mir plötzlich einen dicken Stapel an Dokumenten und allein schon beim durchblättern, erkenne ich unter anderem die Schulordnung. Die ist fast so dick wie der fünfte Band von Harry Potter. Ich hoffe, dass ich das nicht auswendig lernen muss.


»In den Unterlagen finden Sie die Schulordnung, die Hausregeln und auch die Hymne der Schule, die bei Verlangen aufgesagt werden muss.« Dachte ich es mir doch. Genervt verdrehe ich die Augen und lasse den Stapel Papiere auf meinem Schoß fallen. Die grau-blauen Augen meiner Schuldirektorin starren mich an und ich glaube, sie überlegt ob sie mich nicht doch in den hauseigenen Kerker einsperren sollte. Ich bin mir absolut sicher, dass es sowas hier irgendwo gibt.


»Setzen Sie sich bitte wieder draußen bei Miss Davis hin. Ich lasse jemanden aus Ihrem Wohnbereich kommen, der Ihnen alles zeigen und erklären wird.« Damit zeigt sie mit ihren knochigen Fingern zur Tür. Als ich bereits die Klinke in der Hand habe, höre ich sie hinter mir räuspern. »Ach und Miss Wright? Wehe ich muss Sie bereits in der ersten Woche in mein Büro zitieren. Halten Sie sich an die Regeln und wir werden keinerlei Probleme haben.« Damit war ich entlassen und kann endlich aus diesem Büro fliehen.


Erleichtert lasse ich mich bei Emilia am Tresen wieder auf den Stuhl fallen und atme einmal fest ein und aus.


»Na schon alles überstanden?« fragt Emilia und beugt sich über die Theke um mir ein strahlendes Lächeln zu zeigen. Ich mag sie wirklich sehr und frage mich, warum sie hier bei dem Drachen arbeitet. Aber bevor ich die Frage stellen kann, geht die Tür des Sekretariats auf und ein Mädchen mit langen roten Haaren kommt herein gestürzt. Mein Blick gleitet über ihr Erscheinungsbild. Ihre Augen sind grün und strahlen mit der Sonne um die Wette. Und während ein freundliches Lächeln auf ihren Lippen liegt, kräuselt sich ihre Nase und die Sommersprossen auf ihrem Gesicht schauen aus als würden sie tanzen. Sie hebt ihre Hand und winkt Emilia zu. Diese zeigt dann mit dem Finger auf mich und bittet darum, dass man mir alles wichtige zeigt und erklärt.


Dann kommt das Mädchen zu mir und stellt sich direkt vor mich hin. Ihr Blick ist offen und weiterhin freundlich und auch das Lächeln ist gefühlt ansteckend, denn ich merke wie sich meine Mundwinkel nach oben schieben.


»Hey. Ich bin Stephanie und für heute deine Reisebegleitung. Bitte nimm dein Gepäck und folge mir.« zwinkert sie mir zu und macht einen Schritt zurück, damit ich aufstehen kann und erneut meinen Seesack schultern kann. Der Koffer, den Oliver vorhin für mich getragen hat, steht noch immer vor dem Sekretariat.


Grinsend reiche ich Stephanie meine Hand und stelle mich vor. Schon die dritte nette Person. Eine gute Quote bisher. Wir winken Emilia zu und verlassen das Büro. Erneut stehe ich in der großen Halle, in der jetzt ein paar mehr Schüler sind. Und ich spüre sofort neugierige Blicke auf mir, doch das macht mir nichts aus. Stephanie zieht mich zu einer Gruppe Mädchen, die auf ein paar der Sessel Platz genommen haben.


»Mädels, das ist unser Neuzugang Jamie.« Ich winke schüchtern den anderen zu, die mich nun von oben bis unten mustern. Und wenn ich mich so umschaue, merke ich das ich ziemlich auffalle. Während alle die Schuluniform des Internats tragen, bestehend aus einem weißen Hemd oder einem T-Shirt, dazu entweder ein schwarzer Rock oder eine schwarze Hose mit einem weißen Streifen an der Seite und Strümpfe bis hoch zu den Knien. Wahlweise kann man auch eine schwarze Jacke tragen, ebenfalls mit weißen Streifen an den Ärmeln und dem Logo des Internats auf der Brusttasche. Aber es scheint, als hätte man den Schuhen freie Auswahl, denn einige der Mädchen haben Stiefel an, während andere Chucks tragen.


Ich blicke an mir herunter, wo ich eine zerrissene schwarze Jeans sehe, während meine Füße in meinen geliebten neongrünen Chucks stecken. Außerdem trage ich meine heißgeliebte Lederjacke, die ich von Jordy letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen haben und darunter ein graues Shirt mit dem Gesicht von Jennifer Beals drauf.


»Jamie, das sind Ella, Sascha und Rosie. Sie sind, wie auch ich, in deiner Wohngemeinschaft.« Ich hebe noch ein mal meine Hand zum Gruß.


»Nettes Piercing.« grinst Ella mir entgegen und ich erwidere ihr Lächeln. »Willkommen in der Wohngemeinschaft der Irren.« lacht Rosie und ich frage mich was sie damit meint. Doch ehe ich nachfragen kann, erhebt Stephanie schon wieder ihre Stimme.


»Okay Mädels, wir sehen uns später. Ich zeige Jamie jetzt erst einmal alles.« Gemeinsam verlassen wir die Halle und steigen die Treppen hinauf in den nächsten Stock.


Vor uns liegt ein langer Gang mit wenigen Türen und ich frage mich unwillkürlich, wie groß wohl die Zimmer hinter den Türen ausschauen. Während wir gemeinsam den Gang entlang trotten, erzählt meine neue Mitbewohnerin mir alle möglichen Details der anderen WGs. Natürlich sind die Jungen und die Mädchen auf unterschiedlichen Etagen untergebracht, aber es kommt dennoch vor, dass sich mal ein Junge hier her schleicht oder das die Mädchen die Jungs besuchen. Außerdem erfahre ich, dass wir wohl das Glück haben, die netteste Lehrerin des gesamten Internats als Aufsichtsperson zu haben.


Ich frage mich, wie das wohl ist mit einer Lehrerin zusammen eine WG zu teilen. Benutzen wir alle das gleiche Bad oder den Wohnbereich? Wie läuft das ab? Generell habe ich noch nie von so einer merkwürdigen Einteilung der Schüler- und Lehrerschaft gehört. Ich hoffe natürlich, dass die Lehrerin wirklich so nett ist wie Stephanie das nun schon mehrmals behauptet hat.


Während wir also noch immer den Gang entlang laufen, bemerke ich auch hier wieder neugierige Blicke. Die meisten schauen mich freundlich an, aber es gibt auch das ein oder andere Mädchen, dass eher missgünstig schaut. Aber das ist mir eigentlich egal, wie man mich hier sieht. Ich bin ich und ich lasse mich nicht irgendwie einschüchtern. Wer ein Problem mit mir hat, kann das gerne haben.


Endlich sind wir vor unserer WG angekommen und Stephanie steht spannungsgeladen vor der Tür, die Hand schon auf dem Türknauf. Ich weiß nicht, worauf sie wartet. Auf einem Trommelwirbel oder so? Natürlich bin ich aufgeregt, aber momentan macht mir das Gewicht des Seesacks auf meiner Schulter eher mehr Probleme.


»Muss ich irgendein Rätsel lösen, damit sich diese Tür öffnet oder wie ist das?« scherze ich und deute an, das Stephanie doch bitte endlich diese Tür öffnet. Und als könnte sie meine Gedanken lesen, dreht sie den Türknauf und lässt mich eintreten.


Wir stehen in einem hellen Flur, denn direkt am Ende ist ein Fenster, welches warmes Sonnenlicht herein lässt. Hier stehen mehrere Kommoden, vermutlich für Schuhe und andere Dinge, die man draußen anzieht. Außerdem hängen ebenfalls mehrere Spiegel an beiden Wänden, die mit Fotos, Stickern und Lichterketten verziert sind. Als wir den Flur entlang gehen, führt ein Türbogen auf der rechten Seite in ein großes Wohnzimmer. Dort stehen drei dunkle Sofas, auf denen bunte Kissen und Decken verteilt sind. In der Mitte der Sofas steht ein großer runder Couchtisch auf einem weichen grauen Teppich. Zwei große Fenster sorgen dafür das der Raum lichtdurchflutet ist. Mein Blick fällt sofort auf ein großes Regal voller Bücher. Ebenfalls in dem Regal befinden sich mehrere Pflanzen und kleine Dekorationen. In einer Ecke bei den Fenstern steht eine kleine Stereoanlage, an die man sein Handy ankoppeln kann. Und auch wenn ich dem ganzen Internat noch immer skeptisch gegenüber stehe, fühle ich mich dennoch schon wohl.


Stephanie führt mich nun in eine ebenfalls großzügige Küche, in der ein großer Esstisch für sechs Personen steht. Im Gegensatz zum Wohnzimmer ist die Küche aber eher praktisch eingerichtet. Es gibt einen kleinen Herd und eine Spüle. Mehrere Schränke, in denen sich wohl Dinge wie Teller und Tassen befinden. Was mir allerdings auffällt, ist der riesige Kühlschrank. Und in dem gibt es wohl so etwas wie ein Ablagesystem. Jeder hat sein eigenes Fach, welches mit dem jeweiligen Namen versehen ist. Stephanie warnt mich davor, die Joghurts von Rosie zu nehmen, denn die könnte da wirklich sauer werden.


»Es gibt noch zwei gemeinsame Fächer, die für irgendwelche Dinge da sind, wenn wir zum Beispiel zusammen kochen wollen. Hier wird viel gekocht, was daran liegt, dass das Essen im Speisesaal nicht wirklich lecker ist. Kannst du kochen?«


»Eigentlich überhaupt nicht. Ich schaffe es sogar, dass bei mir das Wasser anbrennt.« scherze ich und hoffe, dass ich kein Essen zum Einstand kochen muss. Es sei denn natürlich die anderen wollen unbedingt eine Lebensmittelvergiftung. Dann kann ich das gerne übernehmen.


»Oh, dann würde ich sagen, dass du es bald lernst.« Ein wirklich schlauer Ratschlag.


Nachdem Stephanie mir noch die anderen Besonderheiten in der Küche erklärt, kommt nun der wichtigste Teil auf der Entdeckungsreise in der WG. Mein Zimmer. Vom Wohnzimmer aus geht eine Tür in einen weiteren, aber kleineren Flur und von dort gibt es noch vier andere Türen. Ganz vorne, gegenüberliegend, befinden sich die Zimmer von Ella und Sascha und von Stephanie und Rosie. Ein kurzer Blick zeigt mir, dass sich in diesen Räumen zwei Betten befinden, an deren Ende jeweils ein Schreibtisch steht. An der gegenüberliegenden Wand stehen zwei Kleiderschränke und zwei Kommoden. Ein paar Schritte den Flur entlang befinden sich wieder zwei gegenüberliegende Türen. Eine davon steht offen und Stephanie deutet an, dass ich in das Zimmer gehen kann. Im Gegensatz zu den anderen Zimmern ist dieses hier kleiner, aber es befindet sich nur ein Bett darin. Ebenso ein Kleiderschrank, eine Kommode und auch ein Schreibtisch. Und wie es scheint, habe ich das Zimmer für mich allein und darüber bin ich wirklich froh. Denn so habe ich meine Ruhe und muss mich mit niemandem arrangieren und gewisse Regeln einhalten. Hier kann ich mich ausleben und das Zimmer einrichten, wie ich es gerne hätte.


Stephanie steht noch immer in der Tür zu meinem neuen Zimmer und nickt zufrieden nach der Besichtigung und meint dann: »Naja, pack du erst einmal dein Zeug aus und lebe dich ein bisschen ein. Ich kann mir vorstellen, dass das Ganze etwas viel ist für dich. Ich lass dich mal alleine. Wenn was ist, ich bin im Wohnzimmer.« Stephanie lächelt mir aufmunternd zu und nachdem ich mich bedankt habe, schließt sie hinter sich die Tür.


Allein liege ich nun hier, starre an die Decke über mir und lasse noch ein mal alles Revue passieren. Die Mädchen, mit denen ich zusammen wohne, sind auf dem ersten Blick nett. Aber ob das auch wirklich so ist, wird sich wohl in den nächsten Wochen zeigen. Und es wird sich wohl auch zeigen, ob ich es zukünftig schaffe etwas ordentliches zu kochen. Ich bin froh, dass ich zumindest mein Zimmer nicht mit jemanden teilen muss. Und auch wenn es mir nicht wirklich behagt, dass ich nun für ein Jahr auf dieses Internat gehen muss, hoffe ich dennoch das es hier nicht so schlimm wird, wie ich es mir vorher vorgestellt habe.


Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, öffne den Messenger und drücke in Jordys Chat auf den Button für den Videocall. Kurz darauf sehe ich das grinsende Gesicht meines besten Freundes und ich spüre, wie die Tränen in meine Augen schießen.


»Jamie! Es tut gut, dein Gesicht zu sehen. Ich vermisse dich.« trällert Jordy mir entgegen und ich kann nicht verhindern das die Tränen nun an meinen Wangen herunter fließen.


»Jordy, ich vermisse dich auch.«

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