Prolog
Kitana
Zwei Jahre.
Das sind vierundzwanzig Monate.
Das sind siebenhundertdreißig Tage.
So lange hat man mich hinter Gitter gebracht, nur weil irgendeine strohdoofe, wasserstoffblonde Hure beschlossen hat, meine Schwester an ein paar menschenhandelnde Drecksäcke zu verkaufen. Die Comptons. Alles nur, weil sie Geld wollte, und weil Alison mit Gunner zusammen war. Pearl wollte Dinge, die sie nicht haben konnte, also musste sie das Leben aller anderen zur Hölle machen. Wie bin ich für zwei Jahre im Knast gelandet? Ich habe ihr höflicherweise eine Knarre an den Kopf gehalten, und der Typ, mit dem sie unterwegs war, stellte sich als Polizist heraus.
An dem Tag, als Pearl meine vierjährige Schwester Rebecca mitgenommen hat, war ich gerade verprügelt und ausgeraubt worden – oder wie auch immer man das nennen will. Man sagte mir, Pearl hätte meine kleine Schwester als Bezahlung mitgenommen, weil ich ihre Drecksarbeit nicht mehr machen wollte. Ich hatte wegen der Scheiße, die ich abziehen musste, schon Ärger mit Anastasia und Big Bass bekommen. Alles nur, weil ich das neue Mädchen war und sie eifersüchtig darauf war, wie die Jungs auf mich abfuhren.
Meine Schwester bedeutete mir viel, auch wenn sie nur meine Halbschwester war.
Eigentlich sollte ich nur ein Jahr bekommen, aber die dumme Schlampe schob mir in die Schuhe, dass sie von Alison eine Abreibung kassiert hatte. Ich verurteile Alison nicht dafür, und ich habe die zwei Jahre gerne in Kauf genommen, denn am Ende des Tages hatte ich niemanden, zu dem ich hätte zurückkehren können. Ich hatte keinen Mann in meinem Leben. Ich hatte nur meine Mutter und meine Schwester, aber unsere Mutter war nie zu Hause. Sie war immer unterwegs, um sich zuzudröhnen oder sich zu besaufen. Als ich Alison also bat, auf Rebecca aufzupassen, wusste ich, dass sie bei ihr sicher wäre.
Ich musste nur meine Zeit absitzen, hier abhauen, den Laden wiedereröffnen und mich von dem ganzen Ärger fernhalten. Aber ich hatte so ein Gefühl, dass das nicht so einfach werden würde. Als Alison mich das erste Mal besuchen kam, habe ich erst überlegt, ob ich sie überhaupt sehen will. Aber als sie sagte, dass sie Rebecca haben, wusste ich, dass ich mit ihnen reden musste.
Irgendetwas würde passieren, egal ob hier drin oder draußen in der echten Welt. Ich konnte es im Urin spüren.
Ich bin jetzt seit sechs Monaten hier. Ich wurde schon abgestochen und zusammengeschlagen. Das gehört eben dazu, wenn man einsitzt. Der Knast ist ein gruseliger Ort. Die Leute tun sich zusammen und gehen auf dich los, nur weil du Frischfleisch bist. Du bist die Neue.
Ich saß gerade mit den Mädels aus meinem Block beim Kartenspielen, als fünf oder sechs neue Häftlinge über den Hof liefen. Sie trugen ihre Körbe mit ihrem ganzen Hab und Gut. Die Mädels um uns herum fingen an zu pfeifen und die Neuen anzuschreien. Als ich mir das letzte Mädchen ansah, sah ich jemanden, von dem ich gehofft hatte, sie nie wiedersehen zu müssen. Pearl...
Ich stand langsam auf, als sich unsere Blicke trafen. Ich grinste, als ich sah, wie ihr die Angst ins Gesicht schrieb, als sie endlich begriff, wer ich war und was sie mir angetan hatte. Ich würde sie dafür bezahlen lassen. Sie huschte schnell mit den anderen davon, und ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. „Kennst du die?“, fragt Mel, als ich mich wieder hinsetze.
„Das ist das Mädchen, das mich hier reingebracht hat“, sagte ich ihr und dem Rest der Mädels. Wir waren nur zu fünft. Mel saß wegen schweren Diebstahls, Scars wegen Körperverletzung, Birdie wegen versuchten Mordes und dann war da noch Mute, die wegen Drogenhandels einsaß. Als wir zurück in unseren Block kamen, sahen wir, dass die Zelle neben meiner offen stand. Als ich zu meiner ging, hörte ich ihre nervige Stimme, wie sie sich den anderen vorstellte: „Hi, ich bin Pearl.“
„Ja, wir wissen bereits, wer du bist“, sagt Mel.
„W-Woher...?“, fragte Pearl, als ich gerade aus meiner Zelle trat. Pearl hatte mir den Rücken zugedreht, bis Mel ihr Kinn hob, um ihr zu bedeuten, sie solle sich umsehen. „S-Scheiße“, murmelt sie vor sich hin, als sie sich umdreht und mich dort hinter sich stehen sieht. „H-Hey Kit, w-wie geht’s dir?“, fragt sie mich. Ich knurre sie nur an und trete einen Schritt näher. „G-guck mal Kit, i-ich tut mir so leid.“
Ich packte sie an der Kehle und knallte sie gegen die Wand zwischen den Zellentüren, sodass sie kurz aufschrie, bevor ich ihr die andere Hand auf den Mund drückte. „Halt die Fresse“, knurrte ich und fuhr fort: „Du solltest verdammt noch mal aufpassen, wem du den Rücken zukehrst.“ Ich starrte ihr tief in die Augen, während sie vor Angst zitterte. „Verstanden?“, fragte ich sie. Pearl nickte hastig. Ich trat zurück und ließ meine Augen über ihren Körper in dem grauen Gefängnisanzug schweifen, während ich grinsend beobachtete, wie viel Angst sie hatte.
„Was ist denn hier los?“, hörte ich jemanden fragen. Die Mädels hinter mir grüßten Mr. Howell, einen der Wärter, der hier Patrouille lief. Ich ließ Pearl nicht aus den Augen, bis ich hörte, wie Mr. Howell näher kam. „Hanson?“, fragte er mich, und ich drehte den Kopf, um ihn anzusehen.
„Nichts, Mr. Howell“, sagte ich zu ihm. Er brummte nur und schaute an mir vorbei zu Pearl. „Ich heiße nur die Neue willkommen“, sagte ich und warf Pearl ein Grinsen zu.
„Musst du nicht in die Küche, Hanson?“, fragte Mr. Howell mich.
„Ich bin schon auf dem Weg“, sagte ich. Ich warf Pearl noch einen letzten Blick zu, bevor ich zu den Mädels sah, die mir zunickten. Dann eskortierte mich Mr. Howell aus unserem Block. Ich musste tief durchatmen und meine Hände zu Fäusten ballen, bevor ich mich wieder beruhigte. Ich musste stark sein.
Ich durfte nicht zulassen, dass Pearl mich fertig macht.