Kapitel 1:
Becca Williams:
Ich war wieder ein Kind. Ich saß auf einem roten Samtsessel in einem Raum mit Eichenwänden. An den Fenstern hingen rote und goldene Samtvorhänge. Überall standen goldene Wolfsstatuen. Meine kleinen Finger strichen über das Gesicht einer Statue. Ich berührte die goldene Schnauze und spürte das kalte Metall an meinen Fingerspitzen.
Das Sonnenlicht warf Schatten in den Raum. Auf einem Schreibtisch stapelten sich Papiere. In den Holzregalen standen viele Bücher, die in Leder gebunden waren.
„Becca!“, rief eine tiefe Stimme.
Ich drehte mich sofort zu dem Mann um. Er war groß und hatte gebräunte, leicht faltige Haut. Seine Augen waren leuchtend blau wie der Ozean. Seine Lippen zuckten, als er mich ansah. Er wollte lächeln, obwohl er versuchte, in diesem Moment ernst zu bleiben.
„Was habe ich über das Berühren unserer alten Erbstücke gesagt?“, fragte er.
Ich rutschte tiefer in meinen Sessel. Ich wusste, dass er sauer war, weil ich die Statue so unvorsichtig angefasst hatte. Ich hätte besser aufpassen müssen. Ich weiß, dass sie heilig ist. Sie könnte leicht vom Tisch fallen und eine Beule bekommen.
Ich nickte, um zu zeigen, dass ich verstanden hatte.
Seine Stimme wurde sanfter, als er näher kam. Die Anspannung in seinem Gesicht löste sich ein wenig. Er setzte sich auf den Stuhl gegenüber von mir.
„Schon gut, Schätzchen“, tröstete er mich. Er gab mir einen Kuss auf den Kopf. Ich fing sofort an zu strahlen.
Plötzlich hörte man lautes Poltern und hektische Schritte vor der Tür.
Ich sah den Mann an. Seine Augen wurden weit und er erstarrte. Es wirkte, als hätte er eine stille Warnung erhalten. Er starrte starr auf das Bücherregal vor sich, als würde er ins Leere blicken.
Er wirbelte herum und rannte zum Mahagoni-Schreibtisch. Er wühlte in extremem Tempo durch die Schubladen.
Schnell zog er seine Hand wieder heraus. Er hielt einen kleinen Beutel fest umschlossen und eilte zurück zu mir. Er öffnete den braunen Sack hastig. Er tauchte seine Finger hinein und verstreute ein unbekanntes Pulver auf meinen Haaren und meiner Kleidung. Dann drückte er mir den Beutel in die Hand und umschloss meine Finger mit seinen.
„Nimm das“, sagte er eilig. Er zog mich hoch und drängte mich zur Tür.
Er reckte die Nase in die Luft, um einen fremden Geruch aufzunehmen. Ich roch es auch.
Er nahm mich auf den Arm und rannte zum Bücherregal. „Alles wird gut, Liebes“, flüsterte er leise.
Ich wusste, dass das nicht stimmte. Aber aus irgendeinem Grund glaubte ich ihm.
Ein Klick am Regal genügte, und ein Geheimgang öffnete sich. Er setzte mich auf den Boden.
„Ich liebe dich, Schätzchen. Sei ganz leise. Bleib versteckt. Papa liebt dich, Becca.“
„Aber Papa“, flüsterte ich. Meine Stimme zitterte und Tränen stiegen mir in die Augen.
Ich wusste, dass das, was hier geschah, mein Leben ruinieren würde. Ich wusste, dass mein Vater in großer Gefahr war. Als ich die fernen Schreie hörte, war mir klar, dass ich ihn nie wiedersehen würde.
„Bitte hör auf Papa, Becca“, flüsterte er. Dann schloss sich die Tür und es wurde stockfinster um mich herum.
Das Letzte, was ich sah, war die tiefe Traurigkeit in seinen Augen. Und hinter dieser Traurigkeit lag auch nackte Angst.
Ich hatte auch Angst vor dem, was kommen würde. Aber ich erinnerte mich an seine Worte. Sie wiederholten sich immer wieder in meinem Kopf, während ich im Dunkeln saß und den kleinen Sack festhielt. Ich liebe dich, Schätzchen. Sei ganz leise. Bleib versteckt. Papa liebt dich, Becca.
Die Angst packte mich. Ich hörte markerschütternde Schreie. Ich roch Feuer, das um mich herum brannte.
Es fühlte sich so echt an.
Bis ich aufwachte.
So geht es mir fast jede Nacht. Etwa zweimal pro Woche habe ich denselben Traum. Oder eher denselben Albtraum.
Ich bin fünf Jahre alt und in einem eleganten Zimmer. Ein Mann ist bei mir, der sich mein Vater nennt. Alles ist schön, bis der Mann plötzlich verstummt. Er starrt ins Leere, als würde er mit Stimmen in seinem Kopf sprechen. So erfährt er von der Gefahr. Dann bestreut er mich mit Staub – nennen wir es Feenstaub, so unrealistisch klingt es. Er sagt mir, ich soll mich verstecken und leise sein. Er sagt, er liebt mich und alles wird gut. Ich sitze in der Dunkelheit eines Verstecks, während um mich herum geschrien wird. Ich spüre, dass ein Kampf tobt. Ich rieche Feuer und höre die Qualen leidender Menschen. Und dann wache ich auf.
Die Bilder verblassen. Ich frage mich dann immer, ob das nur ein Traum oder die Wirklichkeit war.
Ich meine, es fühlt sich so... so verdammt echt an. Als wäre es ein Teil meiner Vergangenheit. Eine Erinnerung, die ich verdrängt habe.
Die Szene kommt mir bekannt vor. Auch der Mann wirkt seltsam vertraut.
Ich sehe sogar seine blauen Augen in meinen eigenen, wenn ich in den Spiegel schaue.
Ist es vielleicht doch kein Albtraum, sondern eine echte Erinnerung?
Ich habe mich schon viel zu oft mit diesem Gedanken gequält. Man kann nicht sagen, ob es wahr ist oder nur ein schlimmer Traum aus meiner Kindheit, die wahrscheinlich voller Traumata war.
Dann schlage ich die Augen auf. Mir bleiben nur die Fetzen eines Traums und Fragen, auf die ich niemals Antworten finden werde.
Ich klinge verrückt, oder? Wahrscheinlich bin ich reif für die Klapse.
Eigentlich ist es fast schon lustig. Ich glaube, so stelle ich mir mein Leben insgeheim vor – selbst wenn es in einem Albtraum endet.
Ich wollte mir vorstellen, dass ich einen Vater habe. Jemanden, dem ich wichtig bin und der mich vor allem Bösen beschützt. Ich wollte mir vorstellen, dass ich in einem Palast voller Luxus gelebt habe. Ich wollte glauben, dass mein Leben früher gut war – so richtig gut –, bevor alles so beschissen wurde.
Aber ich weiß, dass das alles nur Einbildung ist.
Ich würde alles dafür geben, nicht in meiner jetzigen Lage zu sein.
Ich bin zwanzig Jahre alt und eine Waise. Aber ich schätze, wenn man erwachsen ist, gilt man nicht mehr als Waise, oder? Also bin ich wohl einfach zwanzig und war früher mal im Heim.
Ich atmete tief durch und drehte mich auf die Seite. Die Sonne schien hell durch die Lücken im Vorhang, den ich gestern offen gelassen hatte.
Ich war nach der Arbeit einfach nach Hause gekommen und sofort umgekippt. Meine Füße brachten mich um. Mein Kopf und mein Bauch auch. Ich hatte gestern Abend gar nicht ans Essen gedacht. Jetzt war ich am Verhungern. Mein Magen knurrte so laut, dass man es nicht ignorieren konnte.
Mein Leben gibt nicht viel her.
Ich habe vieles verschwiegen. Das war Absicht, weil es mir peinlich ist. Aber ich schätze, Scham gehört zum Leben dazu, wenn man na ja... halbwegs menschlich ist.
Ich bin zwanzig Jahre alt und eine verwaiste Werwölfin.
Aber da ist noch mehr.
Ich bin zwanzig, eine Werwölfin, war früher im Waisenhaus und arbeite jetzt als Stripperin.
Und das Wichtigste habe ich noch gar nicht gesagt: Ich bin ein Rogue.
Rogue-Werwölfe sind... sagen wir mal so: Es ist nichts Gutes, ein Rogue zu sein.
Auf uns Rogues wird herabgesehen. In der Welt der Werwölfe stehen wir ganz unten in der Nahrungskette.
Werwölfe leben normalerweise in Rudeln. Es gibt eine feste Rangordnung. Ich bin zwar Teil dieser Gesellschaft, aber eben auf der untersten Stufe.
Da ich mit fünf Jahren zur Waise wurde, kam ich in ein Werwolf-Waisenhaus. Einige hatten Glück. Sie wurden Dienstboten in Rudelhäusern. Aber dann gibt es Leute wie mich. Wir werden nicht einmal für die miesesten Jobs ausgewählt und bleiben einfach Rogues.
Eigentlich bin ich froh, dass ich nicht als Dienstmädchen bei irgendeinem Alpha gelandet bin. Oder noch schlimmer: als Zuchtstute oder bloß zum Ficken.
Ein Rogue zu sein, hat auch Vorteile, besonders als Erwachsene. Niemand kann dich mehr adoptieren. Du bist frei und kannst deine eigenen Entscheidungen treffen.
Und meine Entscheidung war eben dieser Job, um mich über Wasser zu halten.
Rogues haben nicht viele Möglichkeiten. Die Auswahl ist klein. Als ich mit siebzehn aus dem Waisenhaus flog, hatte ich zwei Optionen: 1. Ein Job bei den Menschen – langweilig, aber dort urteilt niemand über mich. Oder 2. Ein Job in der Werwolf-Welt – zum Beispiel als Stripperin.
Ich habe kurz überlegt, das Werwolf-Leben ganz aufzugeben. Ich hätte einen normalen Job suchen, aufs College gehen und einen öden Typen heiraten können. Ich habe wirklich darüber nachgedacht.
Es wäre die sicherste Lösung gewesen. Aber irgendetwas in mir – mein innerer Wolf – hat mich davon abgehalten.
Ich war wohl einfach noch nicht bereit, alles hinter mir zu lassen. Ich kannte das Leben unter Werwölfen seit meiner Geburt. Auch wenn sie mich wie Dreck behandelten, war es doch meine Welt.
Außerdem gab es da diesen kleinen Funken Hoffnung. Vielleicht waren meine Eltern noch irgendwo da draußen? Vielleicht suchten sie sogar nach mir?
Die Chance war gering, das wusste ich. Wahrscheinlich hatten sie mich aus gutem Grund weggegeben.
Werwölfe beschützen ihre Jungen, besonders die Mütter. Meine Mutter muss mich absichtlich verlassen haben. Sonst würde sie nach mir suchen. Außer sie ist tot? Auch unwahrscheinlich. Die logischste Antwort war: Sie wollten mich nicht.
In den letzten fünf Jahren habe ich gelernt, damit zu leben. Es ist einfacher, die Wahrheit zu akzeptieren, als sie zu leugnen.
Ich weiß noch, wie ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr das Personal im Waisenhaus genervt habe. Ich wollte Antworten, habe nachgeforscht und gehofft, meine Eltern zu finden. Dabei konnte ich mich nicht einmal an ihre Gesichter erinnern. Ich wusste nicht, wie sie aussah oder wie sie hießen.
Aber niemand wusste etwas. Es war, als wäre ich ein Geist – und meine Familie ebenfalls.
Melissa, die Leiterin des Waisenhauses, erzählte mir, dass ich bei meiner Ankunft nicht einmal meinen Namen wusste. Erst nach ein paar Wochen sagte ich ihr, dass ich Becca heiße.
Ich setzte mich im Bett auf und seufzte schwer.
Gestern hatte ich die frühe Schicht im Club. Aber heute Nacht musste ich bis zum Schluss bleiben.
Nach drei Uhr morgens wurde es im „Claws“ immer ungemütlich. Alle Stripperinnen dort sind Wölfinnen. Die Kunden sind fast nur Werwölfe, manchmal sogar Alphas.
Drei Uhr morgens ist die Geisterstunde – oder in diesem Fall die Werwolf-Stunde.
Ganze Haufen von Frust, Ego und Testosteron in einem Raum voller nackter Frauen – das ist eine Mischung, die immer irgendwann explodiert.
Na dann, auf einen weiteren Tag als Stripperin.
Hey, wenigstens bezahlt es die Rechnungen.