Snowball's Chance - Part 1
Ein Zugpfiff gellte durch die Luft. Als der Zug in die Stadt einrollte, wurde das Rumpeln der Wagen auf den Schienen so laut, dass es das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf den Straßen übertönte. Auf beiden Seiten der Gleise war die Stadt zum Leben erwacht. Die Bäume trugen wieder Blätter, beschatteten die Gehwege und spendeten Schutz vor der Sonne. Das Schuljahr war zu Ende, also konnten die Kinder nach Lust und Laune durch die Rasensprenger laufen oder zum öffentlichen Schwimmbad gehen. Endlich war Sommer.
Nate lief der Schweiß den Rücken hinunter, als er aus dem Auto stieg. Die frühsommerliche Hitze war ihm fremd und absolut unangenehm. Das Auto seines Freundes Jared hatte zwar eine Klimaanlage, doch die blies nur laue Luft heraus. Da Nates Truck gerade in der Werkstatt war, um die Federung reparieren zu lassen, mussten sie sich damit begnügen, bei heruntergelassenen Fenstern herumzufahren. In einer Kleinstadt, in der das Tempolimit kaum über dreißig Meilen lag und an jeder Kreuzung ein Stoppschild wartete, war das jedoch nicht besonders effektiv.
Es wäre aber eine Schande gewesen, den ganzen Tag drinnen zu hocken und Videospiele zu spielen, nachdem das kalte Wetter und der Frühlingsregen endlich schöneren Tagen gewichen waren. Das konnten sie sich für Juli und August aufheben, wenn die Hitze unerträglich wurde.
Der beliebteste Snowball-Stand der Stadt feierte heute seine große Eröffnung, also beschlossen sie, dort vorbeizuschauen. Wie jedes Jahr hatten die Besitzer die Sandkästen aufgefrischt, Picknicktische aufgestellt und eine Reihe tropischer Bäume mit riesigen Blättern gepflanzt, die den Winter ohnehin nicht überleben würden. Eine Gruppe Kinder half dabei, ein Wandbild an die Seite des kleinen, schuppenartigen Gebäudes zu malen. Sie hatten Farbe an den Fingern und klebrigen Sirup im Gesicht. Nate schauderte beim Anblick, als sie zum Fenster gingen. Jared kicherte.
„Was willst du wetten, dass ihre Eltern sie gleich mit nach Hause nehmen und mit dem Gartenschlauch abspritzen?“, fragte er, während sie auf das Fenster zugingen.
Nate verdrehte die Augen und lächelte das Mädchen an, das ihre Bestellung aufnehmen wollte. Sie kam ihm bekannt vor, aber das taten in einer kleinen Stadt wie dieser viele Leute. Sie hielt einen kleinen, summenden Ventilator in der einen Hand und tippte mit der anderen auf ihrem Bildschirm herum, während er und Jared ihre Bestellungen herunterratterten. Dann kaute sie auf ihrem Kaugummi und drehte den Bildschirm zu Nate herum, damit er bezahlen konnte.
Er und Jared stritten sich längst nicht mehr darum, wer bezahlen musste. Sie waren schon lange genug befreundet, dass es stillschweigend klar war: Wenn einer von ihnen dieses Mal zahlte, übernahm der andere beim nächsten Mal die Rechnung.
Während das Mädchen sich umdrehte, um ihre Snow Cones zuzubereiten, sah sich Nate auf dem tropischen Sandstrand um, den die Besitzer zu erschaffen versucht hatten.
„Die sollten irgendwo einen Schlauch haben, damit die Eltern ihre Kinder abspritzen können, bevor sie sie ins Auto setzen“, plapperte Jared weiter. Doch Nate hörte nicht zu, denn er hatte Bailey Alexander entdeckt, der auf einer der Picknickbänke lag.
Sein Unterarm lag über seinen Augen, wodurch sein kurzes Oberteil hochrutschte und den Ansatz eines neuen Tattoos auf seinen Rippen entblößte. Mit lockeren Fingern hielt er auf seinem Bauch den Styroporbecher mit seinem Snow Cone, und sein Handy lag schief auf seiner Brust und seinem Hals, als hätte er es dort fallen lassen, bevor er seine Augen bedeckte.
Jared schnaubte, weil Nate ihm nicht zuhörte, und folgte seinem Blick. Dann richtete er sich auf und warf einen skeptischen Blick auf Nates Gesichtsprofil. „Das ist Bailey.“
„Ja“, stimmte Nate zu. Das Mädchen brachte ihre Snow Cones und schob sie zum Fensterrand. Nate nahm seinen, ohne den Blick von Baileys ausgestrecktem Körper abzuwenden.
Er und Bailey vertrugen sich etwa so gut wie Öl und Wasser. Wie Hund und Katze. Was auch immer. Und doch schienen sie sich der Anziehungskraft des anderen nie entziehen zu können. Damals in der Highschool gab es immer irgendetwas – sei es der letzte Parkplatz, der bessere Sitzplatz am Fenster oder ein verirrter Ball beim Sportunterricht. Sie fanden immer einen Grund, sich zu streiten, was Lehrer und Eltern über die Jahre hinweg zur Verzweiflung brachte.
Eigentlich hätten sich ihre Kreise nicht überschneiden dürfen. Ihre Kurse kaum. Bailey war ein Einser-Schüler, während Nate so etwas nicht war. Nate war Mitglied in einem privaten Boxclub und hielt sich von den AGs und dem Schulsport auf dem Gelände fern. Sie waren nicht einmal Rivalen beim Daten gewesen, da Bailey seit der Mittelstufe offen schwul war und Nate erst nach dem Abschluss anfing, sich auszuprobieren. Aber zwischen der neunten und zwölften Klasse verging kaum ein Monat, in dem sie sich nicht gegenseitig anbrüllten.
Seit ihrem Abschluss vor ein paar Jahren hatte sich nicht viel geändert. Bailey war zum Studieren weggezogen, also war er nur an Feiertagen und im Sommer in der Stadt, und eigentlich gab es keinen Grund, warum sie überhaupt miteinander zu tun haben sollten. Doch sie liefen sich ständig über den Weg, die Krallen ausgefahren. Genau wie früher in den Schulfluren starrten sie sich durch die Menge hindurch an, und wenn einer von ihnen besonders mies drauf war, knallten sie den anderen gegen die Spinde.
„Weißt du“, Jared stupste mit seinem Plastiklöffel in seinem Eisbecher herum, während Nate den ahnungslosen Bailey anstarrte, „wir sind nicht mehr in der Highschool.“
„Das macht ihn nicht weniger nervig“, brummte Nate. „Ich meine, schau dir nur an, wie er da über die Picknickbank hingestreckt ist.“
Er nahm die gesamte Seite ein, seine langen Beine waren ausgestreckt und sein nackter Bauch war zu sehen – das Tattoo war zu klein, als dass Nate hätte erkennen können, was es darstellte. Zwei Mädchen saßen auf der anderen Seite des Tisches, die ihm vage aus der Schule bekannt vorkamen. Sie waren vorbeugebeugt und starrten auf eines ihrer Handys.
„Das hat doch nichts mit dir zu tun. Du wolltest dich sowieso nicht an den Tisch setzen“, merkte Jared an. Er schob sich einen Löffel voll Eis in den Mund und hob herausfordernd die Augenbrauen. Nate sah sich um und runzelte die Stirn.
„Na ja, es gibt sonst nirgendwo einen Platz.“ Damit marschierte er auf Bailey zu. Jared fluchte leise vor sich hin und folgte ihm.
„Hey“, Nates Schatten fiel auf Baileys Figur, „du weißt schon, dass auch andere Leute vielleicht mal sitzen wollen.“
Die beiden Freundinnen, Megan und ein zweites Mädchen, deren Name Ashley, Alicia oder so ähnlich war, blickten mit hochgezogenen Augenbrauen auf. Als sie Nate sahen, verdrehten sie die Augen und sahen wieder auf ihr Handy.
Bailey hob den Arm gerade so weit, um denjenigen böse anzublicken, der es wagte, ihn zu stören. Sobald er Nate sah, weiteten sich seine Augen ein wenig. Dann ließ er die Hand auf den Tisch sinken und zog sich hoch, ohne den Blick abzuwenden, obwohl er in der Sonne blinzeln musste. Seine Füße landeten auf beiden Seiten der Bank, sodass er sie nun rittlings umklammerte.
„Ist doch genug Platz.“ Er klopfte auf das Holz zwischen seinen Beinen und grinste Nate von unten herauf an.
Jared trat neben sie und winkte den beiden Mädchen zu. „Hey, Meg. Hey, Amy.“
„Hey, Jared!“ Sie lächelten ihn fröhlich an.
Nate schnaubte. „Warum machst du nicht etwas Platz für andere, wenn du mit deinem Eis fertig bist, Arschloch.“
„Ich bin noch nicht fertig.“ Bailey schmollte trotzig in seinen Becher. Darin war nur noch die geschmolzene blaue Flüssigkeit seines einstigen Snow Cones. Er rührte mit dem Plastiklöffel darin herum.
„Du bist fertig“, sagte Nate. Er riss Bailey den Becher aus der Hand und ignorierte dessen Protestgeschrei. Er drehte den Becher um und schüttete die restliche Flüssigkeit ins Gras. Bailey sah ihm schockiert und irritiert zu.
„Echt jetzt?“, stöhnte Jared.
Nate konnte die Standpauke schon in seinem Kopf hören – jede Tonlage von Jareds Stimme war glasklar. Warum suchte er immer Streit mit Bailey? Sie hatten sich über sechs Monate nicht gesehen, und das Erste, was Nate tat, war, Baileys Eis wegzuschütten. Würde das den ganzen Sommer so weitergehen? Die Stadt würde es wahrscheinlich nicht verkraften, wenn Bailey und Nate wie letztes Jahr ihre jährliche Dosis an Streitereien in einen einzigen Sommer quetschen würden. Es war ein Wunder, dass keiner von ihnen festgenommen wurde.
Die zwei Mädchen starrten Nate nun beide zutiefst beleidigt an. Wäre Bailey derjenige gewesen, der auf Streit aus war, wäre das Eis jetzt auf Nates Kopf gelandet. Dennoch hielten die Leute Nate immer für den Aggressiveren, nur weil er größer war und einen genervten Gesichtsausdruck hatte, während Bailey aussah wie die personifizierte Sonne. Aber das kleine Arschloch fing genauso oft Streit an wie Nate – vielleicht sogar öfter.
Nate drückte den leeren Becher zurück in Baileys Hand. Bailey starrte ihn einen Moment an und sah dann zu Nate hoch. „Willst du Stress?“
„Blamier dich nicht, Zahnstocher.“ Nate benutzte den alten Spitznamen, obwohl Bailey während seines Jahres am College ordentlich zugelegt hatte. Seine Schultern waren breiter geworden und seine Arme waren muskulös definiert. Seine Beine sahen auch gut aus, der nervige kleine Bastard. Er nahm Nates Worte als das, was sie waren – eine Provokation – und schwang sein Bein über die Bank, um aufzustehen.
Nate stellte seinen Snow Cone gerade noch rechtzeitig auf den Tisch, bevor Bailey sich auf sein Shirt stürzte und versuchte, ihn zu packen. Sie stürzten zu Boden, ein wildes Knäuel aus Gliedmaßen und Ellbogen, während sie versuchten, sich gegenseitig in den Schwitzkasten zu nehmen oder Schläge in Richtung der Nieren zu landen.
Bailey schaffte es, sich aus dem Haltegriff zu befreien, in den Nate ihn zwingen wollte. Er nutzte seine neue Kraft, um Nate herumzudrehen, bevor er selbst unter ihm gefangen war. Unglücklicherweise nutzte Nate den Schwung, um sie weiter durch das Gras rollen zu lassen.
Ebenfalls unglücklich war, dass der Sandkasten ihrem Treiben ein jähes Ende setzte, als Bailey mit dem Knie dagegen knallte. Er stieß einen Schrei aus und verzog das Gesicht, als wäre ihm das Bein vor Schmerz taub geworden, aber er machte sofort weiter und versuchte wieder, die Oberhand zu gewinnen.
„Hey!“ Eine weibliche Stimme schnitt durch den Tumult, der bei ihrem Kampf ausgebrochen war. Bailey und Nate erstarrten, die Fäuste in die Shirts des jeweils anderen gekrallt, die Brust schwer atmend. Sie drehten sich um und sahen das Mädchen, das den Stand betrieb.
„Hört sofort auf!“, schrie sie und fuchtelte mit ihrem Handy herum. „Ich rufe die Polizei, Bailey. Ist mir egal! Hier sind Kinder!“
Sie warfen einen Blick auf die Gruppe von Kindern, die sie weitgehend ignorierten und munter damit fortfuhren, mit der Farbe ein riesiges Chaos anzurichten. Die Erwachsenen sahen je nach Alter mit einer Mischung aus Aufregung und Enttäuschung zu.
Bailey drückte seine Hand flach auf Nates Brust und stieß ihn weg. „Verpiss dich.“
Nate ließ los und stützte sich auf seine Knie zurück. Als Bailey sich aufsetzte, rutschte sein Shirt wieder über seinen Oberkörper, doch nicht, bevor Nate das neue Tattoo in seiner Gänze sehen konnte. Es waren die Linien eines Drachen. Bailey funkelte Nate böse an, klopfte sich die Grasflecken von der Shorts und erhob sich. Nate stand ebenfalls auf.
Bevor sie noch etwas sagen oder wieder handgreiflich werden konnten, schoss Jared dazwischen und drückte Nate seinen zurückgelassenen Snow Cone in die Hand. „Das schmilzt! Du solltest es essen!“
Dann strahlte er Bailey an. „Hey, Bailey! Schön, dass du für den Sommer wieder da bist. Ich wusste gar nicht, dass du und Sarah euch kennt.“
Jared deutete mit dem Daumen auf das Mädchen am Stand, die anscheinend jeder kannte – außer Nate. Sie starrte sie immer noch aus den schattigen Tiefen des Verkaufsfensters heraus an, während sie die Bestellung von jemand anderem aufnahm.
Bailey schnaubte: „Das ist meine Stiefschwester.“
„Oh wow! Das wusste ich nicht“, lachte Jared nervös. Er packte Nates Ärmel und zerrte ihn zum kleinen Ausgang durch den kniehohen weißen Lattenzaun, der die Picknicktische und Sandkästen umgab. „Wir sehen uns, Bailey!“
Nate ließ sich mitziehen und stieß wütend seinen Löffel in das Eis. Es war mittlerweile so weit geschmolzen, dass es leicht flüssig war – genau, wie er es mochte. Als sie über den Kiesparkplatz zu Jareds Schrotthaufen von Auto liefen, fragte Nate: „Woher kennst du Baileys Stiefschwester?“
„Ahaha“, Jared kratzte sich im Nacken und warf Nate einen Blick aus den Augenwinkeln zu. „Erinnerst du dich, als ich sagte, ich hätte neulich in der Bar ein Mädchen kennengelernt?“
Nate blieb abrupt stehen, der Kies knirschte unter seinen Turnschuhen. Er wirbelte herum und sah über die Schulter zurück, wobei er das Mädchen wieder kritisch beäugte. „Alter, ich hätte geschworen, dass die noch auf die Highschool geht.“
„Nein“, kicherte Jared, „sie ist älter als wir, Mann.“
„Warum habt ihr euch denn so verhalten, als würdet ihr euch nicht kennen?“, grinste Nate. „War es so schlimm?“
Jared machte ein entsetztes Gesicht. „Es war einfach unfassbar gut.“ Dann zuckte er mit den Schultern. „Sie hat so getan, als würde sie mich nicht kennen, also wollte ich sie nicht in Verlegenheit bringen. Aber enttäuschend war es schon, weil sie verdammt scharf war.“
Nate schüttelte den Kopf, als Jared in ein leises, anerkennendes Pfeifen verfiel. Die Details blieben ihm erspart, als Jared sehnsüchtig zurück zum Stand schaute und die Augen aufriss. Nate sah sich um und entdeckte Bailey, der auf sie zumarschierte. Er hielt etwas vor sein Gesicht, um es beim Gehen zu lesen, und achtete nicht auf den Weg – so ungeschickt wie immer.
„Hast du beim Führerscheinamt dein Fahndungsfoto angegeben, Nate?“, überlegte Bailey laut, als er nah genug war. „Das ist ja mal ein verdammt hässliches Bild.“
Er blickte zwischen dem, was er in der Hand hielt, und Nate hin und her. Es dauerte ein paar qualvolle Sekunden, bis Nate begriff, dass es sein Portemonnaie war, mit dem Bailey beiläufig herumspielte, und sein Ausweis, den er sich ansah. Nate klatschte sich auf den Oberschenkel, nur um festzustellen, dass seine Tasche flach und leer war.
„Gib es her“, knurrte er und ging auf ihn zu. Bailey lachte, seine Augen blitzten, während er ein paar Schritte zurückwich. Nate schleuderte seinen Eisbecher beiseite und rannte los.
Und schon waren sie wieder dabei, sich gegenseitig in den Schwitzkasten zu nehmen und über den Kies zu rollen. Das tat verdammt weh, aber Nates ganzer Fokus lag darauf, sein Portemonnaie zurückzuholen und dieses unverschämte Grinsen von Baileys Gesicht zu wischen.
„Wollt ihr mich verarschen!“, konnte er Sarah im Hintergrund vage rufen hören.









You've a nice story line Dude
Lol, they need to grow up... they are acting worse than the kids painting the shack 😂🤣