Die Gefährtin meines Stiefvaters

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Zusammenfassung

Ava, eine 20-jährige Studentin und Halb-Werwolf, hat seit Jahren nicht mehr mit ihrer Mutter gesprochen. Eines Tages erhält Ava einen beunruhigenden Anruf von Lucas Blackthorn, dem Ehemann ihrer Mutter und Alpha des Blackthorn-Rudels: Ihre Mutter ist verstorben. Doch nichts kann sie auf die Wahrheit vorbereiten, die ans Licht kommt, als sie Luca das erste Mal persönlich gegenübersteht. Er ist ihr Mate.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
40
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Ava:

Die Espressomaschine zischte wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. In meinem Kopf fühlte es sich ganz genauso an.

Die Luft im Coffeeshop auf dem Campus war dick. Es gab hier zu viel Koffein und zu wenig Schlaf, genau wie immer am Ende der Prüfungswoche.

Überall um mich herum hockten Studenten mit glasigen Augen über ihren Lehrbüchern und Laptops. Ich saß hinten in der Ecke unter einer flackernden Lampe. Das Ding funktionierte schon seit den Zwischenprüfungen nicht mehr richtig. Ich nippte langsam an meinem lauwarmen Caramel Macchiato und bereitete mich auf meine letzte Hausarbeit für 2025 vor. Ausgerechnet in Chemieingenieurwesen.

Meine Finger schwebten über der Tastatur, aber mir fielen einfach nicht die richtigen Worte ein. Mein Kopf war irgendwo gefangen. Ich schwankte zwischen komplizierten wissenschaftlichen Theorien und der erdrückenden Last all der Dinge, die ich nicht laut aussprach.

Und dann klingelte mein Handy.

Ich blickte auf das Display. Ich dachte, es wäre eine Nachricht von meiner Lerngruppe oder eine Warnmeldung vom Campus. Aber das war es nicht.

Es war eine Nummer, die ich nicht kannte. Die Vorwahl kam aus Oregon.

Mir drehte sich der Magen um.

Niemand aus Oregon rief mich an. Es sei denn, sie war es.

Beim dritten Klingeln nahm ich ab. „Hallo?“

Eine Pause entstand. Dann erklang eine tiefe, ruhige Stimme am Telefon. „Ava?“

Ich blinzelte. Der Name passte nicht zu der Stimme. „Ja?“

„Hier spricht Lucas Blackthorn.“

Ich erstarrte.

Ich kannte den Namen. Nicht gut, aber es reichte. Das war der neue Ehemann meiner Mutter. Der Mann, den sie geheiratet hatte, nachdem sie mal wieder aus meinem Leben verschwunden war.

Ich hatte noch nie mit ihm gesprochen. Ich hatte ihn auch nie getroffen.

Ich antwortete nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich es überhaupt konnte.

Am anderen Ende der Leitung war ein Atmen zu hören. Dann sagte er leise, aber bestimmt: „Ich rufe mit... schwierigen Neuigkeiten an. Deine Mutter ist letzte Nacht verstorben.“

Zuerst begriff ich die Worte gar nicht. Sie standen einfach so im Raum, schockierend und still. „Sie ist... was?“

„Sie ist im Schlaf gestorben. Friedlich.“ Seine Stimme zitterte nicht. Sie brach auch nicht. „Es tut mir leid, dass ich dir das sagen muss.“

Ich starrte ausdruckslos aus dem Fenster des Coffeeshops. Draußen wiegten sich die Bäume sanft im Wind. Studenten gingen in Gruppen vorbei und lachten. Aber ich fühlte mich wie unter Wasser. Ich trieb dahin. Nein – ich ertrank.

Ich hatte meine Mutter seit Jahren nicht mehr gesehen. Als ich letzten Monat zwanzig wurde, hatte sie sich nicht einmal gemeldet. Und jetzt würde sie es nie wieder tun.

„Ich dachte, du solltest es wissen“, fuhr Lucas fort. „Die Beerdigung ist morgen Abend im Blackthorn-Packhouse im Norden von Oregon. Sie wollte sicher, dass du kommst.“

Packhouse.

Dieses Wort hallte irgendwo in meinem Hinterkopf nach. Es weckte halb begrabene Erinnerungen an spitze Zähne und leises Heulen. Ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter manchmal den Mond anstarrte, als würde er nur zu ihr sprechen. Es war das Leben, das sie einem Leben mit mir vorgezogen hatte.

Meine Stimme klang steif und ungerührt, obwohl ich innerlich am Ende war. Ich war voller Gefühle, die ich nicht einmal einordnen konnte. „Okay.“

„Ich kann jemanden schicken, der dich abholt. Oder ich gebe dir die Adresse, falls du lieber allein kommen möchtest.“

„Ich fahre selbst.“

„Alles klar. Ich schicke dir die Koordinaten per SMS.“

Es gab eine lange Pause. Ich überlegte, einfach aufzulegen, tat es aber nicht.

„Gegen Ende hat sie nach dir gefragt“, sagte er. „Sie hat gehofft, dass du kommst.“

Ich gab keine Antwort darauf.

„Ich lasse dich dann mal allein“, sagte er schließlich. „Gute Reise, Ava.“

Er legte auf, bevor mir irgendetwas einfiel, was ich hätte sagen können.

Danach starrte ich lange auf mein Handy. Mein Name auf dem Display kam mir fremd vor. Als wäre ich nicht mehr echt. Als wüsste ich nicht mehr, wer ich eigentlich war.

***

Ich weinte nicht. Weder im Auto, noch beim Packen. Auch nicht, als ich das alte Foto ansah, das ich ganz unten in meiner Socken-Schublade aufbewahrte. Es zeigte sie, wie sie mich als Baby im Arm hielt. Ihr Gesicht war müde, aber strahlend, und ihr wildes, goldenes Haar verfing sich im Wind.

Sie war schon so lange weg. Früher sagte sie immer, dass der Wolf in ihr lauter sei als die Welt um sie herum. Dass er sie vom gewöhnlichen Leben wegzog. Deshalb hatte sie meinen Vater verlassen, und deshalb hatte sie mich verlassen. Jahrelang redete ich mir ein, dass es okay sei und ich sie nicht bräuchte. Doch jetzt starrte ich auf die Wildnis von Oregon vor meiner Windschutzscheibe. Mir wurde klar, dass ich das nie geglaubt hatte. Nicht wirklich. Sie war meine Mutter.

Ich fuhr stundenlang nach Norden, immer tiefer in die Wildnis hinein. Ich entfernte mich immer weiter von meinem alten Leben. Raus aus der Stadt, weg von allem Vertrauten. Die riesigen Kiefern wurden dichter. Sie waren höher, als es eigentlich möglich sein sollte.

Das Blackthorn-Territorium war auf keinem GPS verzeichnet. Ich musste die Koordinaten benutzen, die Lucas mir geschickt hatte, und sie per Hand eingeben.

Die Straße wurde schmaler. Erst war es Schotter, dann nur noch Erde. Nebel kroch zwischen den Bäumen hervor. Moos hing von den Ästen herab.

Als ich schließlich vor den riesigen Toren hielt, atmete ich schwer aus. Ich stieg aus dem Wagen. Der Kies knirschte unter meinen schwarzen Lederstiefeln.

Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht einen Pförtner oder eine Wache. Vielleicht sogar Lucas selbst. Aber da war niemand.

Die Tore knarrten auf, als würden sie auf mich reagieren. Ganz automatisch und lautlos. Dahinter schlängelte sich die Straße nach oben durch Bäume, die älter als die Zeit selbst wirkten. Der Wald ragte auf beiden Seiten des Grundstücks empor – gewaltig und üppig. Die Luft war hier schärfer und dünner. Ich konnte den Duft der Kiefern förmlich riechen.

Ich folgte dem gewundenen Pfad, bis er sich zu einer Lichtung öffnete. Und da stand es.

Das Blackthorn-Packhouse.

Das Packhouse war eher eine Festung als ein Haus. Es erhob sich aus der Erde, als wäre es daraus gewachsen. Holz und Stein, massive Balken, geschwungene Dächer und ein schweres Dachgebälk.

Ich parkte am Rand der Auffahrt und blieb eine ganze Minute im Auto sitzen. Mein Herz hämmerte und mein Atem ging flach.

Ich war halb Wolf, halb Mensch. In diesem Moment fühlte ich mich keiner der beiden Seiten zugehörig.

Niemand kam heraus, um mich zu begrüßen. Niemand schaute auch nur aus dem Fenster. Ich fühlte mich wie ein Eindringling auf der Beerdigung meiner eigenen Mutter.

Meine Finger zitterten, als ich meine Reisetasche nahm und in die dunkle Nacht hinausstapfte.

Die Haustür ragte vor mir auf. In das Holz waren Symbole geschnitzt, die ich nicht verstand. Spiralen, Krallen, Mondsicheln und Wölfe.

Ich hob die Hand und klopfte so laut ich konnte.

Nichts.

Ich wartete und klopfte dann noch einmal – immer noch keine Antwort.

Dann knarrte die Tür ein Stück weit auf. Sie gab den Blick auf das Innere des Packhouse frei – warm, still und wenig einladend. Ich zögerte. Dann trat ich ein.

Zuerst traf mich der Geruch. Kiefernholz, Asche, Fell. Alter Rauch und feuchte Erde. Der Duft meiner Mutter hing noch in der Luft.

Der Eingangsbereich war leer. Dahinter erstreckte sich ein langer Flur. Dunkle Holzböden, Tierfelle an den Wänden und Stammesschätze.

Ich umklammerte den Riemen meiner Tasche fester und rief leise: „Hallo?“

Keine Antwort. Die Stille war absolut. Ich wusste nicht, ob ich hier willkommen war.

Auf dem Holztisch neben der Treppe lag ein Zettel. Mein Name stand in schwarzer Tinte darauf.

Ava, dein Zimmer ist am Ende des Flurs. Die Beerdigung findet morgen bei Sonnenuntergang statt. Ruh dich gut aus.

Es gab keine Unterschrift, aber ich wusste, von wem die Nachricht war. Lucas. Mein Stiefvater. Der Mann meiner Mutter.

Es gab keine Fotos meiner Mutter auf den Kaminsimsen oder Tischen. Keine Gesichter lugten aus den Türen hervor. Man hörte nur den Wind gegen die Fenster und die Dunkelheit von draußen, die das künstliche Licht im Haus verschluckte.

Ich folgte dem Flur bis zur letzten Tür. Meine Stiefel hallten auf dem Hartholzboden wider.

Mein Zimmer war schlicht, aber warm genug. Es gab ein Bett, eine Holzkommode und ein kleines Fenster mit Blick auf den endlosen Wald. Das Mondlicht fiel über das Bettzeug und auf mich.

Ich stellte meine Tasche ab, setzte mich aber nicht hin. Ich stand lange Zeit einfach nur da, schlang die Arme um mich und starrte ins Leere.

Dieser Ort war kein Zuhause. Es war nicht direkt Trauer, die mich erfüllte. Es war dieser hohle Schmerz über etwas Ungeklärtes. Eine Wunde, die nie wirklich verheilt war.

Ich wusste nicht, wer meine Mutter in ihren letzten Jahren gewesen war. Ich wusste nicht, warum sie weggeblieben war und warum sie nicht angerufen hatte. Sie hatte sich ein Leben ohne mich aufgebaut.

Aber jetzt war ich hier. Und morgen würde ich sie an einem Ort begraben, an dem ich noch nie zuvor war. Unter Wölfen, die ich nie gekannt hatte.