Onkel Jagger
Blut tropfte von meinem aufgeschlagenen Achsenbein, ein stetiges Rinnsal auf dem weißen Eis. Ich ließ mein Handgelenk kreisen, bewegte die Finger und spürte das scharfe Prickeln des Sieges. Der Typ, den ich gerade flachgelegt hatte, lag auf dem Rücken und stöhnte. Die Schiedsrichter taten so, als läge ihnen etwas daran, uns zu trennen. Die Menge rastete komplett aus.
„Killer Kane! Killer Kane!“
Ja, das bin ich. Jagger Kane. Der Mann für’s Grobe. Der Kerl, der dafür sorgt, dass niemand vergisst, wem diese Eisfläche gehört.
Ich schob meinen Gegner beiseite, während ich zur Bank skatete. Ein breites Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, als ich sah, wie seine Teamkollegen zögerten. Gut so. Sollen sie ruhig zögern. Sollen sie sich fragen, ob sie als Nächste dran sind.
Als die Schlusssirene ertönte, hatten wir den Sieg in der Tasche. Ich hatte zwei Tore erzielt, eine geprellte Rippe und eine kaputte Lippe. Ein gelungener Abend.
In der Bar war es laut. Überall waren Fans, die noch immer völlig aufgeputscht vom Spiel waren. Meine Teamkollegen fläzten sich im VIP-Bereich. Die meisten hatten ein Puck Bunny an der Seite und genossen die Aufmerksamkeit.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück, die Beine breit, ein Bier in der Hand. Es gefiel mir, wie die Leute mich ansahen – manche voller Ehrfurcht, manche mit Angst. So muss das sein.
Die Leute verglichen mich ständig mit meinem alten Herrn, aber sie lagen falsch. Er war großartig. Ich bin besser.
Ein Ausnahmetalent nannten sie mich. Die nächste Legende. Die Zukunft des Eishockeys.
Und ja, ich wusste das. Ich stand dazu. Ich verschwendete auch keine Zeit damit, dabei nett zu sein. Warum sollte ich? Die Leute kriechen dir in den Arsch, wenn du oben bist. Für falsche Höflichkeiten hatte ich keine Geduld. Ich habe hart für meinen Platz in dieser Liga gekämpft. Und ich würde noch härter kämpfen, um ihn zu behalten.
Aber es gab eine Person, für die ich alles stehen und liegen lassen würde.
Sophia.
Meine Nichte. Meine Welt. Sie kam taub zur Welt, aber das hielt sie nie davon ab, sich Gehör zu verschaffen.
Sie hatte vorhin meine Hand gepackt und an meinem Ärmel gezogen. Mit gerunzelter Stirn gebärdete sie: „Onkel Jagger, du hast es versprochen.“
Und einfach so stand meine ganze Welt Kopf.
So landete ich am nächsten Abend auf der Eisbahn der Stadt. Ich stand am Rand, während sich die Kinder mit staunenden Gesichtern am Geländer drängten.
Ich folgte ihren Blicken – und dann sah ich sie.
Sie war verdammt hübsch. Die Sorte Schönheit, bei der die Zeit stehen bleibt. Die Sonne ging hinter ihr unter und tauchte ihre Haut in ein goldenes Licht. Sie sah fast unwirklich aus. Ihr langes, kastanienbraunes Haar wehte hinter ihr her, während sie über das Eis glitt. Es wirkte mühelos, als wäre das Eis nur für sie gemacht worden.
Dann hob sie ab.
Ein kraftvoller Abstoß, eine schnelle Bewegung, und sie schoss in die Luft. Sie drehte sich – eins, zwei, drei Mal –, bevor sie sanft landete. Ihre Kufen schnitten in das Eis, als wäre es das Natürlichste der Welt. Die Kinder brachen in Jubel aus und klatschten begeistert. Sogar Sophia hüpfte auf und ab. Sie gebärdete etwas so schnell, dass ich es nicht mitbekam.
Ich konnte es ihr nicht verübeln.
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich völlig von der Rolle.
Und dabei hatte ich noch nicht mal einen Check eingesteckt.
Sophias kleine Hand umklammerte meine mit überraschender Kraft. Sie zog mich mit unerbittlicher Entschlossenheit vorwärts.
Ich stemmte mich dagegen, mein Körper wehrte sich aus reinem Instinkt. Auf gar keinen Fall.
„Soph“, gebärdete ich. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl sich mir der Magen umdrehte. „Was hast du vor?“
Sie antwortete nicht. Sie drehte sich nur um und gebärdete etwas Schnelles und Aufgeregtes. Dann zeigte sie auf die Eiskunstläuferin – Lilia.
Dieselbe Frau, die ich seit fünf Minuten wie ein verdammter Idiot angestarrt hatte.
Ich spannte den Kiefer an. „Sophia –“
Sie zog fester. Ich hätte sie stoppen können. Ich war ein verdammter Enforcer auf dem Eis. Ich kassierte beruflich Schläge von Typen, die doppelt so groß waren wie sie. Aber ihr Eifer machte es mir unmöglich, Nein zu sagen.
Ehe ich mich versah, stand ich viel zu nah am Eingang der Eisfläche, Auge in Auge mit ihr.
Aus der Nähe war sie sogar noch unglaublich schöner. Von der Sonne geküsste Haut und tiefbraunes Haar, das noch von der letzten Drehung wehte. Sie hatte ein Lächeln, das einen Mann wohl in die Knie zwingen konnte, wenn er nicht aufpasste.
Sophia zerrte an meinem Arm. Ihre kleinen Finger klammerten sich fest, als hätte sie Angst, ich würde weglaufen, wenn sie losließe.
Ich seufzte. Mir war klar, dass ich diesen Kampf bereits verloren hatte. „Was ist los, Soph?“
Sie drehte sich um. Ihre hellen Augen funkelten vor Entschlossenheit, während sich ihre Hände flink bewegten. „Onkel Jagger, kannst du ihr bitte meinen Namen sagen?“
Ich biss die Zähne zusammen. Ich atmete schwer durch die Nase aus. Mir graute schon vor dem, was ich jetzt tun musste.
Doch bevor ich meine Hände überhaupt heben konnte, sah ich ihre.
Sie tippte Sophia sanft an die Schulter. Sie stieg so mühelos in das Gespräch ein, als würde sie dazugehören. Als hätte sie jedes Recht dazu.
Ihre Hände bewegten sich flüssig. Ihre Finger gebärdeten ohne Zögern. „Mein Name ist Lilia. Wie heißt du, du hübsches Mädchen?“
Mein ganzer Körper verkrampfte sich.
Sophia strahlte wie ein Honigkuchenpferd und gebärdete ihren Namen.
„Läufst du gerne Schlittschuh?“, gebärdete Lilia meiner eifrigen Nichte zu.
Sophia nickte begeistert. Ihre Hände schossen in einem rasanten Tempo los. Ich bekam kaum die Hälfte mit. Lilia antwortete genauso schnell. Es wirkte nicht so, als wäre das eine Fremdsprache für sie – eher wie ihre einzige Sprache.
Ich stand einfach nur nutzlos daneben.
Es war nicht nur die Tatsache, dass Lilia die Gebärdensprache beherrschte. Es war die Art, wie sie sie benutzte – flüssig, natürlich, als müsste sie nicht eine Sekunde darüber nachdenken.
Und das war definitiv nicht alles.
Aus der Nähe war sie umwerfend. Ihre leuchtend grünen Augen hingen an Sophias Lippen und strahlten eine Wärme aus. Sie merkte gar nicht, wie ich sie anstarrte. Die Sommersprossen auf ihrer Nase schimmerten im goldenen Licht der Abendsonne. Ich spürte, wie mein Puls flatterte. Etwas brachte mich völlig aus dem Konzept, und ich verstand nicht, was es war.
Ich musste wegsehen.
Ich tat es nicht.
Und das Schlimmste daran? Lilia würdigte mich keines Blickes.
Sie hatte die volle Aufmerksamkeit meiner Nichte – und im Gegenzug gehörte ihr die von Sophia.
Und ich?
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich völlig abgeschrieben.
Ich wusste beim besten Willen nicht, was ich davon halten sollte.
Sie lachte leise, während sie Sophias begeisterte Bewegungen beobachtete, und hielt mühelos Schritt. Meine Nichte, die bei Fremden normalerweise schüchtern war, sah Lilia an, als hätte sie eine lang vermisste beste Freundin gefunden.
Ich räusperte mich und verschränkte die Arme. „Du beherrschst die Gebärdensprache?“
Lilias Blick huschte zu mir. Ihre Augen waren voller Rätsel. Dann grinste sie frech, als würde sie spüren, wie sehr ich aus dem Gleichgewicht war.
„Fließend“, sagte sie. „Du scheinbar nicht.“
Ich runzelte die Stirn und wollte gerade widersprechen, aber sie drehte sich schon wieder zu Sophia um und gebärdete weiter.
Das gefiel mir nicht. Mir passte nicht, wie leicht sie in diesen Moment passte. Wie mühelos sie einen Draht zu der einen Person fand, die mir am meisten bedeutete.
Mir gefiel nicht, dass mein Puls ohne jeden verdammten Grund schneller schlug.
Und mir gefiel ganz sicher nicht, wie sie mich ansah – als wäre sie nicht im Geringsten davon beeindruckt, wer ich war.
Und trotzdem konnte ich nicht aufhören, sie anzustarren.
Sophia wirbelte zu mir herum. Ihre Hände bewegten sich schon, bevor ich die Chance zur Flucht hatte.
„Onkel Jagger, darf ich einen neuen Trick von ihr lernen?“
Ihr Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Ihre kleinen Hände zitterten fast, so schnell gebärdete sie.
Ich seufzte und rieb mir den Nacken. „Soph –“
Ich hätte Nein sagen sollen. Ich hätte mir irgendeine Ausrede einfallen lassen sollen, um uns hier schleunigst zu verdrücken. Bevor diese Eiskunstläuferin – diese Frau – mich noch nervöser machte.
Aber wie zur Hölle sollte ich bei diesem Gesicht Nein sagen?
Meine Nichte war sechs Jahre alt und fest entschlossen zu laufen, auch wenn sie noch wackelig auf den Beinen war. Für meinen Geschmack war sie etwas zu furchtlos. Aber ich konnte nicht leugnen, dass sie für ihr Alter schon richtig gut wurde.
Sie war besessen von Eishockey – von mir.
Sophia und ihre Eltern – meine Schwester Carliegh und mein Schwager Hunter – kamen zu jedem Heimspiel. Sie saßen direkt hinter der Plexiglasscheibe und schwenkten Schilder, die sie selbst gebastelt hatte. Sie konnte das Brüllen der Menge nicht hören, aber sie spürte es. Und sie saugte es genauso auf wie ich.
Sie wollte genau wie ich sein.
Und verdammt, sie war auf dem besten Weg dorthin.
Ich atmete schwer aus und ließ geschlagen die Hände sinken. „Na gut, meinetwegen“, murmelte ich.
Sophia jubelte und hüpfte aufgeregt, bevor sie sich wieder Lilia zuwandte. Sie gebärdete ihre Bitte in Lichtgeschwindigkeit.
Lilia lachte und schüttelte amüsiert den Kopf, bevor sie zum ersten Mal meinen Blick suchte.
Und sofort bereute ich alles.
Denn sie grinste.
Als wüsste sie ganz genau, dass ich diesem Kind niemals einen Wunsch abschlagen konnte.
Als wüsste sie exakt, wie sehr meine Nichte mich in der Hand hatte.
Und ich hasste es, dass sie recht hatte.