Lektion in Leichtfertigkeit
Ellie
Es lag am Champagner.
Das war die einzige Entschuldigung, die ich für meine Entscheidung in jener Nacht hatte.
Sechs ganze Monate lang war ich brav gewesen. Ich hatte mich an die Regeln gehalten, die mein Vater und mein Therapeut aufgestellt hatten. Ich war die perfekte Tochter, die meine Mutter sich wünschte.
Doch als der erste Schluck des edlen Alkohols meine Zunge berührte, spürte ich, wie meine Beherrschung zerbröckelte. Ich hielt das Glas fest umschlungen und beobachtete, wie die Perlen im Kelch aufstiegen.
Eigentlich hatte ich gar nicht vor, das Glas auszutrinken. Doch aus einem Glas wurden plötzlich zwei. Das dritte Glas drückte mir Keller in die Hand, als gerade niemand hinsah. Das reichte aus, damit ich alle Hemmungen verlor.
Es reichte aus, um nach oben in mein Schlafzimmer zu flüchten. Ich wollte weg von meinen Eltern und den Freunden aus der Privatschule, die alle in meinem großen Garten meinen achtzehnten Geburtstag feierten.
Es reichte aus, um dieses steife, pfirsichrosa Kleid auszuziehen, in das meine Mutter mich gezwungen hatte. Stattdessen schlüpfte ich in abgeschnittene Jeans-Shorts und ein schwarzes Tanktop. Ich starrte mein Spiegelbild an. Da war ich: struppiges, langes kupferfarbenes Haar, viel zu große blaue Augen und ein schmaler, langer Körper, der vor Energie vibrierte.
Es reichte aus, um mich mit Keller aus dem Garten zu stehlen. Sie war meine beste Freundin und ein durch und durch schlechter Einfluss. Wir rannten um die Wette zum Strand, wo ihr Freund Jake uns treffen wollte.
Mein Herz hämmerte, als Jake uns Plastikbecher mit Bier und einen Joint reichte. Meine nackten Zehen gruben sich in den Sand. Ich beobachtete Keller, wie sie einen tiefen Schluck nahm, einmal zog und dann anfing, Jake zu küssen, während hinter ihnen ein Lagerfeuer loderte.
Ich zögerte nur einen Moment, bevor ich einen Schluck vom Bier nahm. Ich hätte mich fast übergeben, schaffte es aber, alles bei mir zu behalten. Dabei musterte ich die Menge um mich herum.
Ich kannte niemanden am Strand. Es war ein Samstag im Sommer. Wie an jedem anderen Samstag in Arrowhead Pines – der kleinen Küstenstadt, in der ich mein ganzes Leben verbracht hatte – war die Dorfjugend an den Strand gepilgert. Sie waren hier, um zu trinken, zu feiern und Sex zu haben.
Und das nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Aber das hier war nicht mein üblicher Kreis aus handverlesenen Freunden. Es waren nicht die Klassenkameraden, mit denen ich mich auf Geheiß meiner Eltern in den letzten Monaten abgeben durfte.
Dieses Volk hier war einheimisch. Es waren Kellers Leute, nicht meine. Ich fühlte mich isoliert und deplatziert, während ich am Rand stand. Ich war nicht betrunken genug, um mitzumachen, aber auch nicht nüchtern genug, um zu gehen.
Trotzdem schweifte mein Blick umher. Ich sah Körper, die im flackernden Licht des Feuers rot und orange leuchteten. Paare rieben sich aneinander, knutschten oder spritzten sich Zeug. Der Anblick ließ meinen Puls noch schneller rasen.
Früher hätte ich für so etwas gelebt. Früher war das meine ganze Welt gewesen.
Doch von diesem Mädchen hatte ich mich distanziert. Das war ich nicht mehr. Zumindest versuchte ich, mir das einzureden.
Nur war es mir heute Nacht egal. Die Worte fühlten sich hohl und kraftlos an. Heute Nacht war ich frei, benebelt und rastlos.
„Trink dein Bier aus“, befahl Keller. Ich gehorchte und kippte das Zeug lachend die Kehle hinunter.
Körper drängten sich gegen mich, während wir uns zur Musik wiegten. Das Rauschen des Ozeans, der an den Strand peitschte, übertönte meine innere Stimme, die mir sagte, ich solle nach Hause gehen.
„Ich hab da jemanden für dich, Ellie“, lallte Keller. Sie löste sich lange genug von Jake, um sich zu mir zu beugen und mir die vom Wind zerzausten Haare aus dem Gesicht zu streichen. „Er ist ein Geburtstagsgeschenk. Du kannst mir später danken.“
Ein Junge tauchte aus der Menge auf. Sein Blick war mit hungriger Absicht auf mich gerichtet. Ich beobachtete ihn, wie er näher kam. Er packte mich an der Taille und zog mich an sich.
Ich schluckte und ließ hastig die leere Flasche fallen. Dann trafen seine Lippen meine in einem Kuss, der mich schwindelig machte.
Ich hatte diesen Typen schon ein paar Mal in der Stadt gesehen. Seinen Namen kannte ich nicht. Ich wusste nicht, auf welche Schule er ging. Ich besuchte die einzige Privatschule in der Gegend und hatte kaum Kontakt zu Leuten, die nicht strengstens von meinen Eltern abgesegnet waren. Ich wusste nur, dass er düster und gefährlich wirkte. Jetzt waren seine Hände unter meinem Shirt und umfassten meine Brüste. Ich schnappte nach Luft, während die Sterne über mir zu kreisen schienen. Er flößte mir mehr Bier ein. Träge folgte er mit seiner heißen Zunge der Spur, die mein Dekolleté hinunterlief, und leckte den Alkohol auf.
Ich besaß gerade noch genug Verstand, um meinen Kopf zu Keller zu drehen. „Sollte ich das wirklich tun?“, fragte ich.
„Alles gut“, sagte sie siegessicher. „Ich pass auf dich auf. Ich lass nicht zu, dass was Schlimmes passiert.“
Ich wandte mich wieder dem Jungen zu, zurück zu seinen warmen Lippen und den fordernden Händen. Irgendwie blinzelte ich, und plötzlich standen wir nicht mehr bei Keller und Jake. Wir lagen nun auf einer Decke hinter einer Düne. Die Finger des Jungen öffneten bereits den Knopf meiner Shorts.
Ich versuchte, mich einfach treiben zu lassen und das Unvermeidliche geschehen zu lassen.
Ich konnte das. Ich konnte zulassen, dass dieser Junge auf mir lag und meinen Körper benutzte. Ich hatte das schon dutzendfach getan und früher immer eine Art kranke Genugtuung daraus gezogen. Doch egal, wie viel Alkohol ich intus hatte, mein Körper wehrte sich dagegen, es wieder zu tun.
„Warte.“ Ich erkannte meine eigene schwache Stimme kaum. Der Wind riss sie fort, noch bevor sie richtig in der Luft verhallen konnte.
„Entspann dich einfach“, befahl der Junge, der mich nach unten drückte. Er biss mir in den Hals, während seine Hände mich kneteten, streichelten und bloßlegten. „Keller hat mir gesagt, was du brauchst. Ich kümmere mich um alles.“ Er drückte mich mit seinem Körper tiefer in den Sand. Ich hörte die Selbstgefälligkeit in seinem Lächeln, als er weitersprach: „Und du willst es doch auch, oder, Ellie?“
Mein Verstand geriet ins Stocken. Die Frage, die Art, wie er meinen Namen aussprach – all das jagte mir einen Schauer über die nackte Haut. Ich wusste nicht mehr, ob ich das wirklich wollte. Ich brauchte es ganz sicher nicht. Ellie brauchte das nicht.
Doch ich war unfähig, meine Glieder zu bewegen. Ich war erstarrt zwischen einer verschwommenen Gegenwart und meinem alten Ich, dem das früher gefallen hatte.
Die Verzögerung gab dem Jungen die Zeit, meine Beine auseinanderzudrücken. Er fing an, seinen Hosenstall zu öffnen und schob sich über mich.
Ich kenne seinen Namen nicht, hämmerte es in meinem Kopf. Ich kenne seinen Namen nicht.
Ich bäumte mich auf. Ein Schrei bildete sich in meiner Kehle, während ich mich auf das gefasst machte, was als Nächstes kommen würde.
Doch der Schrei kam nie. Von einem Atemzug zum nächsten war der Junge verschwunden. Meine Lungen füllten sich mit klebriger, salziger Luft, als die Sterne über mir wieder klarer wurden.
„Steh auf, Elodie.“
Ich sah zur Seite. Der Junge krabbelte bereits zurück zum Lagerfeuer und warf dabei panische Blicke über seine Schulter.
„Elodie.“
Ich strich an mir herunter und stellte fest, dass ich noch fast ganz angezogen war. Ich zog mein Shirt nach unten und schloss mit tauben, zitternden Fingern meine Shorts.
„Wenn ich deinen Namen noch einmal sagen muss...“
Schließlich blickte ich auf in die brennenden Augen von Hunter. Er war der Leibwächter, den mein Vater mir vor sechs Monaten zugeteilt hatte. Seitdem war er ständig an meiner Seite und beurteilte jede meiner persönlichen Entscheidungen mit herablassender Miene.
Anfangs war es bizarr gewesen, diesen Mann ständig im Schlepptau zu haben – mit seinen scharfen grauen Augen, dem kurzen dunklen Haar und dem kräftigen, athletischen Körper. Er war älter, mindestens Ende zwanzig, und ich wusste nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte. Er war kein Junge, den ich manipulieren konnte. Er war kein Mann, den ich respektieren wollte. Er war einfach immer da, den Blick auf mich gerichtet, mit einem Gesichtsausdruck, den ich nie lesen konnte. Ich fürchtete und hasste es gleichermaßen, wie mein Herz raste und mein Körper heiß wurde, wann immer er in meiner Nähe war.
Doch heute Nacht raste mein Herz nicht, und mein Körper war nicht heiß. Der Alkohol hatte all das weggespült.
Meine Stimme klang überraschend klar, als ich aufstand und antwortete: „Ich heiße nicht Elodie. Sondern Ellie.“
„Ellie ist dein Spitzname. Dein Vater hat dir den Namen Elodie gegeben, und den werde ich auch weiterhin benutzen.“
„Ich habe es dir schon hundertmal gesagt. Ich mag es nicht, wenn mich jemand Elodie nennt.“
Hunter ignorierte mich und leuchtete mir mit seinem Handy direkt in die Augen. „Was hast du genommen?“
Ich zuckte zusammen und wandte mich von ihm ab. „Nichts. Ich amüsiere mich nur.“
„Der Spaß ist jetzt vorbei. Deine Eltern erwarten dich zu Hause.“
Ich drehte mich von ihm weg und wollte zurück zum Feuer. „Lass mich in Ruhe.“
Hunter packte mich am Arm und hielt mich fest. „Ich kann dich nicht in Ruhe lassen. Du bist betrunken, wehrlos und...“
„Ich bin kein Kind mehr!“, fauchte ich zurück.
„Du führst dich aber verdammt nochmal so auf.“
Ich schüttelte ihn ab und trat einen Schritt zurück. „Ich hab gesagt, lass mich in Ruhe. Dein Job hier ist erledigt.“
Hunter hielt meinem Blick stand. „Mein Job ist erst erledigt, wenn du in Sicherheit bist.“
Ich fuhr mir wütend durch die Haare und bemerkte am Rande, dass sie voller Sand waren. „Du kannst meinem Vater berichten, dass du mich vor einer weiteren Fehlentscheidung bewahrt hast. Streich den Bonus ein, den er dir versprochen hat. Und jetzt verpiss dich.“
„Ellie? Alles okay?“ Keller kam angerannt, ihre Augen waren glasig. „Wo ist Matt?“
„Wer ist Matt?“, fragte ich stirnrunzelnd.
„Der Typ, mit dem du gerade ficken wolltest“, antwortete Hunter scharf.
Ich blinzelte. Ich hatte ihn schon wieder vergessen.
„Scheiße“, hauchte Keller, als sie den Mann neben mir zum ersten Mal richtig bemerkte. „Der Soldat ist da. Kannst du Ellie nicht eine Nacht mal in Ruhe lassen? Sie hat verdammt noch mal Geburtstag.“
„Nein, kann ich nicht“, erwiderte Hunter kurz angebunden. „Jemand muss sich jetzt um sie kümmern.“
Ich verzog das Gesicht, als Hunter mich wieder am Arm packte. Ich hatte keine Kraft mehr, mich zu wehren. Mein anfänglicher Widerstand war in eine tiefe Erschöpfung umgeschlagen, die mich wie eine unerbittliche Strömung mitzog.
„Nimm die Pfoten von ihr weg“, protestierte Keller barsch. „Ich bin Ellies beste Freundin. Ich kann auf sie aufpassen.“
Hunter zog mich an seine Seite und schoss eine heftige Breitseite gegen meine Freundin ab: „Du hast Elodie dazu ermutigt, sich zu betrinken und die Sicherheit ihres Zuhauses zu verlassen. Du hast sie mit einem Jungen allein gelassen – schon wieder – obwohl sie sich nicht wehren oder klar denken konnte. Und das nach dem, was vor sechs Monaten passiert ist. Du bist eine miserable...“
„Hör auf.“ Meine Stimme zitterte und war kaum mehr als ein Flüstern, aber Hunter hielt trotzdem inne und warf mir einen genervten Blick zu.
„Hör auf, Keller die Schuld zu geben“, fuhr ich fort. „Ich wollte hierher kommen. Und jetzt will ich gehen. Also hör auf zu schreien und bring mich nach Hause.“
„Ellie, nein!“, protestierte Keller. „Du musst nicht auf ihn hören. Er ist nur ein dämlicher Mietbulle. Bleib hier.“
„Tut mir leid, dass ich heute keine Stimmungskanone war“, sagte ich zu Keller und schnitt ihr damit jedes weitere Wort ab. „Wir sehen uns bald, okay?“
Hunters Griff um meine Hand wurde fester und ich zuckte erneut zusammen.
Er tat mir nicht weh. Aber seine Berührung katapultierte mich zurück zu unserer ersten Begegnung, unter Umständen, die weitaus schlimmer waren als diese hier. Ich hätte fast eine Überdosis in irgendeinem Haus ein paar Städte weiter genommen. Ich war mit dem Jungen, mit dem ich damals rumhing, dorthin gegangen. Ich wusste genau, was mich dort erwarten würde, und bin trotzdem mitgegangen. Und ich behielt recht. In dem Haus warteten andere Jungs auf mich. Jungs, von denen ich wusste, dass sie mehr von mir wollten, als ich normalerweise gab. Aber die Drogen – erst eine Pille und dann das Zeug, das durch meine Venen raste, während die Nadel auf den dreckigen Boden fiel – hatten jeden Widerstand im Keim erstickt.
Doch Hunter hatte mich gefunden, bevor es dazu kam. Er hatte mich da rausgeschleift, während ich mich wie eine Wildkatze gewehrt hatte. Er hatte noch wochenlang Kratzer auf der Wange.
Obwohl ich wusste, dass ich dieses Haus noch kaputter verlassen hätte, als ich ohnehin schon war, hatte ich gegen den Mann gewütet, der mich retten wollte. Die Sache war nämlich die: Damals wollte ich gar nicht gerettet werden.
Heute war das anders.
Doch die Erinnerungen an mein altes Ich von vor sechs Monaten drohten mich zu ersticken. Sie vermischten sich mit dem Bier und dem Champagner in meinem Magen, bis ich wusste, dass ich mich gleich übergeben würde.
Ich ließ mich von Hunter wegführen – weg vom Licht, der Musik und den Menschen. Ich ließ mich wegführen von einer schweigenden Keller.
Sie war damals auch in diesem Haus gewesen. Sie war sauer, dass man mich weggeholt hatte, bevor wir unseren Spaß hatten. Und sie war noch saurer, als klar wurde, dass Hunter ein fester Bestandteil meines Lebens bleiben würde. Zumindest bis ich achtzehn wurde und selbst entscheiden konnte, ihn loszuwerden.
Aber offiziell war ich erst in ein paar Stunden achtzehn. Hunter musste mich ein letztes Mal retten, damit er seinen Bonus kassieren und von meinem Vater ein Schulterklopfen für gute Arbeit ernten konnte.
Ich war einfach zu müde, um noch weiterzukämpfen.
Als ich schwankte, mein Blick verschwamm und mein Magen erneut rebellierte, ließ ich zu, dass Hunter einen Arm um mich legte und mich stützte. Er führte mich zurück in die Sicherheit meines Zuhauses, zu meinem Vater und der harten Realität meines neuen Lebens.
Nun ja... fast. Es stellte sich heraus, dass ich für diese Nacht noch nicht fertig war. Und Hunter auch nicht.