Kapitel 1
Scarlet POV
Es hat seine Vorteile, mit seinem besten Freund zusammenzuwohnen, der zufällig schwul ist. Zum Beispiel jetzt, wo ich in der Modehölle feststecke. Ich habe alles durchprobiert, aber kein einziges Teil in diesem Zimmer fühlt sich richtig an.
Heute Abend ist etwas Besonderes. Ich will nicht meinen üblichen Kram tragen, sondern etwas Einzigartiges, das dem Anlass gerecht wird. Ich reiße die Tür auf, immer noch nur in Unterwäsche.
„Zain!“, rufe ich. Ich trete einen Schritt zurück und betrachte das Chaos in meinem Zimmer. Das muss ich vor heute Abend auch noch aufräumen. Er kommt herein und lacht.
„Hast du hier drin eine Bombe gezündet und beim Explodieren zugeschaut?“ Er lässt den Blick über das Durcheinander schweifen. „Meine Güte, Scar, was hast du gesucht? Ein Outfit für jeden Tag des Jahres?“ Er hält meine Sport-Leggings hoch. „Ich bin echt verwirrt. Brauchst du ein Dienstmädchen?“
Ich stöhne genervt auf und werfe ein Kleid nach ihm. „Hilf mir lieber! Ich brauche was für heute Abend!“
Seufzend kommt er näher. „Dir ist schon klar, dass nur ein paar Leute kommen? Es ist keine große Sache. Du musst dich also nicht so aufdonnern.“
Das weiß ich selbst. „Ja, ich weiß, aber ich dachte, heute wäre der perfekte Abend, um bei Jacob aufs Ganze zu gehen.“ Ich habe das jahrelang vor mir hergeschoben. Jetzt fühlt es sich wie eine Last an, die mich bremst.
Seine Augen werden groß. „Okay, dann brauchen wir eine Generalüberholung. Davon hier geht gar nichts.“ Er wirft mir die Leggings zurück und macht ein tadelndes Geräusch. „Du brauchst Hilfe, und zwar dringend, wenn du wirklich vorhattest, so was zu tragen.“
„Soll das ein Witz sein? Hier muss doch irgendwas dabei sein.“
„Liebes, du bist kurz davor, etwas zu verlieren, das vielen heilig ist. Etwas, das du selbst jahrelang gehütet hast. Wir machen das jetzt richtig. Also reiß dich zusammen, wir gehen shoppen.“
Ich stöhne noch lauter und lasse mich rücklings aufs Bett fallen, während meine Beine nutzlos in der Luft zappeln. „Zain, ich will nicht shoppen. Kannst du nicht einfach...“ Ich greife mir wahllos ein schwarzes Kleid aus dem Chaos und halte es hoffnungsvoll hoch. „... daraus was machen? Mit einem Gürtel vielleicht? Das würde doch super aussehen, oder?“
Er nimmt es mir mit zwei Fingern ab, als wäre es giftig. „Süße, außer du willst um deine Jungfräulichkeit trauern, passt das überhaupt nicht. Wo zur Hölle hast du dieses Teil her? Sag’s lieber nicht, ich will es gar nicht wissen.“
Ich ziehe eine Schnute und bewerfe ihn mit einem Kissen. „Was soll ich denn dann anziehen?“
„Nicht das hier“, sagt er dramatisch und pfeffert das Kleid hinter sich. „Und jetzt los, zieh dich an. Leggings, Sneaker, Hoodie. Praktisch, nicht schick. Das Schicke heben wir uns für heute Abend auf.“
Ich bleibe liegen und stöhne in die Bettlaken. „Du bist eine echte Plage.“
Zain ignoriert mich. Er reißt meine Schubladen auf und wirft mir ein Teil nach dem anderen zu. „Hopp, beweg dich. Wenn es sein muss, schleife ich dich in Unterwäsche durch die Mall.“
Leise vor mich hinfluchend rapple ich mich auf und fange an, mich anzuziehen. Hoodie über den Kopf, Leggings hochgezogen. Ich hüpfe herum und versuche, in meine Sneaker zu schlüpfen, während Zain meine gesamte Existenz kritisiert.
„Scar, um Himmels willen, die Leggings ist auf links.“
Echt jetzt! Ich reiße sie mir schnell wieder runter.
„Mach hinne, bevor ich dem Sicherheitsdienst erklären muss, warum meine beste Freundin die Leute flasht.“
Ich zeige ihm den Mittelfinger, zwänge mich aber trotzdem in die Leggings. Dabei hüpfe ich auf einem Bein, um in den engen Stoff zu kommen. „Vielleicht kannst du sie ja mit einer Gesangs- und Tanzeinlage ablenken“, schlage ich vor.
„Schatz, du weißt, dass ich das tun würde“, antwortet er und wirft mir die Schuhe hin.
„Der Uber ist in drei Minuten da“, verkündet er und wirft sich seine Umhängetasche über. „Zack, zack, Jungfernkönigin.“
„Hör auf, mich so zu nennen!“, zische ich.
Ich ziehe die Schuhe hastig an, ohne die Schnürsenkel zu lösen. Ich schnappe mir meine Handtasche vom Stuhl, stopfe Handy und Portemonnaie hinein und reiße die Wohnungstür auf.
„Du bringst mich noch ins Gefängnis.“
„Ich versuche nur, die richtige Stimmung für den Abend zu schaffen!“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Heute verabschieden wir uns von Prinzessin Unschuld.“
Ich boxe ihn gegen den Arm, muss aber auch lachen. Meine Nerven flattern. Ich bin froh, dass ich ihn habe. Er macht das alles so viel leichter. Ohne ihn als Unterstützung würde ich mir wahrscheinlich vor Angst in die Hose machen.
„Schlüssel?“, mahnt Zain, der schon halb im Flur steht.
Ich hechte zurück und greife die Schlüssel vom Beistelltisch. „Hab sie!“ Ich schließe die Tür hinter uns ab, drehe den Schlüssel zweimal um und ziehe ihn ab. Zain tänzelt schon ungeduldig am Treppenabsatz herum.
„Du bist langsamer als meine Oma in High Heels“, neckt er mich.
„Ja, vielleicht hat deine Oma ja auch mehr Energie als ich“, kontere ich, aber ich meine es nicht böse.
Wir poltern gemeinsam die Treppen hinunter. Der Beton ist kühl unter meinen Sohlen. Im Treppenhaus riecht es nach Staub und verschüttetem Essen. In der Lobby angekommen, stoße ich die Tür auf und halte sie für Zain offen.
Draußen ist die Abendluft frisch und riecht nach den Essensständen in der Nähe. Ein Windstoß fährt mir unter den Hoodie und lässt mich erschauern.
Zain streift sofort seine leichte Jacke ab und legt sie mir um die Schultern. „Wir können nicht riskieren, dass du dir die Titten abfrierst, bevor du flachgelegt wirst.“
Ich lache schnaubend und ziehe die Jacke enger um mich. „Du bist so ein Charmeur.“
„Ich weiß“, sagt er strahlend und tippt auf seinem Handy herum.
Ein Auto biegt um die Ecke und hält vor uns an. Die Scheinwerfer streifen den Bürgersteig. „Das ist unser Uber“, verkündet er.
Wir gehen hin und Zain hält mir galant die Tür auf. Ich rutsche als Erste auf die Rückbank, um ihm Platz zu machen. Er schlägt die Tür zu und schnallt sich mit einer fließenden Bewegung an.
Der Fahrer, ein Typ um die vierzig mit Baseballkappe, schaut kurz in den Rückspiegel. „Velour Mall, richtig?“
„Ganz genau!“, zwitschert Zain.
Der Fahrer nickt und fährt los, hinein in den Stadtverkehr.
Die Stadt zieht in einem Wirbel aus Neonschildern und Bremslichtern an uns vorbei. Ich spiele nervös mit dem Gurt meiner Tasche. Je näher wir kommen, desto flauer wird mir im Magen.
Zain bekommt von meiner inneren Panik nichts mit, er scrollt schon wieder durch sein Handy.
„Okay“, sagt er und hält mir den Bildschirm hin. „Zuerst gehen wir zu Zara. Wenn wir da nichts finden, vielleicht zu Elle & Co. Und wenn alle Stricke reißen, schauen wir bei der Lust Boutique vorbei, für Notfall-Nutten-Klamotten.“
Ich huste und verschlucke mich fast an meiner eigenen Spucke.
„Scherz. Halber Scherz.“ Er grinst und steckt das Handy ein. „Wir gehen hier nicht weg, bis wir was gefunden haben, bei dem er seinen eigenen Namen vergisst.“
Ich starre aus dem Fenster und beobachte die Läden und Imbissbuden. „Und was, wenn er es gar nicht bemerkt?“
Zain wirft mir einen scharfen Blick zu. „Scarlet. Süße. Männer sind nicht so kompliziert. Wenn du heiß aussiehst, merkt er das auch.“
Ich lächle schwach, aber die Anspannung lässt nicht wirklich nach.
Der Uber biegt in die Haltespur der Mall ein und hält am Bordstein.
Zain schnallt sich ab und reißt die Tür auf. „Auf geht’s, Hübsche.“
Ich folge ihm nach draußen und schließe die Tür hinter mir. Der Fahrer winkt kurz, bevor er mit knirschenden Reifen auf dem Kies davonfährt.
Die Mall ragt vor uns auf, ihre Lichter leuchten hell gegen den dunkler werdenden Himmel. Leute kommen und gehen mit vollen Einkaufstüten, und ein leises Gemurmel liegt in der Luft.
Zain hakt sich bei mir unter und zieht mich zum Eingang. „Auf zum Sieg!“
Das wird ein verdammt langer Tag. Die Schiebetüren gehen mit einem Zischen auf und eine Welle kalter Luft schlägt uns entgegen. Ich ziehe seine Jacke fester um mich, als wir eintreten.
Es riecht nach Brezeln, Kaffee und diesem typischen Chemie-Geruch von neuen Klamotten. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik, nichts, was ich kenne, einfach nur ein schneller Popsong mit viel Bass.
Zain steuert direkt auf die Rolltreppen zu. Während wir hochfahren, vibrieren die Stufen unter meinen Füßen. Ich trommle nervös mit den Fingern auf das Gummigeländer.
„Du kneifst doch jetzt nicht, oder?“, neckt mich Zain.
„Nein“, lüge ich.
Er grinst. „Gut so. Denn wenn doch, zwinge ich dich, Lederhosen anzuprobieren. Ohne Widerrede.“
Ich stöhne so laut auf, dass eine Frau neben uns mich kurz ansieht.
Wir erreichen den zweiten Stock. Die polierten Fliesen glänzen unter dem Deckenlicht. In beide Richtungen erstrecken sich Boutiquen mit teuren Auslagen.
Zain scannt die Läden mit kritischem Blick und zeigt dann auf einen. „Da. Velour. Die haben genau das Richtige.“
Wir gehen darauf zu, schlängeln uns an trödelnden Teenagern und einer Frau mit einem Zwillingswagen vorbei. Zain marschiert ohne Zögern in die Boutique und hält mir die Tür auf.
Drinnen riecht alles nach teurem Parfüm. Schaufensterpuppen in winzigen Kleidern und extrem hohen Absätzen stehen im Rampenlicht. Die Kleiderstangen sind voll mit Seide, Samt und Leder.
Zain klatscht in die Hände. „Zeit für die Mission.“
Er steuert zielstrebig auf einen Ständer mit Kleidern zu. Seine Finger fliegen schneller durch die Bügel, als ich gucken kann.
„Nein. Nein. Um Gottes willen, nein“, murmelt er. „Vielleicht, wenn du ihn verscheuchen willst...“
Ich trotte hinterher und zupfe halbherzig an ein paar Satinkleidern herum. Nichts fühlt sich richtig an.
Plötzlich schnappt Zain nach Luft, als hätte er den heiligen Gral gefunden. „Scar! Hierher!“
Er hält ein schwarzes Kleid hoch. Schlicht, elegant, kurz, aber mit einem tiefen Ausschnitt und dünnen Spaghettiträgern. Der Stoff sieht im Licht butterweich aus.
Ich trete näher, mein Herz klopft. Das ist... wow. Wie soll ich dieses Kleid beschreiben? Eigentlich müsste es verboten sein, aber verdammt, es sieht wunderschön aus.
„Das musst du anprobieren“, sagt er und drückt es mir schon in die Arme.
Ich nicke stumm und drücke das Kleid an meine Brust.
„Die Umkleiden sind da hinten“, zwitschert eine Verkäuferin, die plötzlich mit einem strahlenden Lächeln neben uns steht.
„Danke“, murmele ich und folge Zain in den hinteren Teil des Ladens.
Die Kabinen sind klein, aber sauber. An den Wänden hängen Spiegel und das Licht ist ein bisschen zu hell.
Ich schlüpfe in eine Kabine und hänge das Kleid vorsichtig auf. Ich ziehe Hoodie und Leggings aus und zittere leicht, als ich nur noch in Unterwäsche dastehe. Meine Finger zittern ein wenig, während ich mir das Kleid über den Kopf ziehe.
Es gleitet an meinem Körper herab wie Wasser und schmiegt sich an Kurven, von denen ich normalerweise so tue, als gäbe es sie nicht.
Als ich rauskomme, wartet Zain schon mit verschränkten Armen und leuchtenden Augen.
In dem Moment, als er mich sieht, legt er sich dramatisch die Hand aufs Herz. „Du wirst Unfälle verursachen.“
Ich werde rot unter seinem intensiven Blick und streiche das Kleid über meinen Hüften glatt.
„Ist es zu viel?“, frage ich und beiße mir auf die Lippe.
„Zu viel? Es ist perfekt. Sexy, aber trotzdem mit Klasse. Du siehst aus wie jemand, der genau weiß, was sie will, und es sich einfach nimmt.“
Ich drehe mich zum Spiegel und erkenne das Mädchen, das mich da ansieht, kaum wieder. Vielleicht wird heute Abend doch gar nicht so schlimm.