Kaan - Jungfrau gesucht - Gefährtin gefunden

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Zusammenfassung

"Jungfrau gesucht! Adäquate Vergütung" Es ist dieses Inserat, das der auf O’ahu gestrandeten Soraia Schneider in einer Zeitung ins Auge sticht. Nur dieser kurze Text und eine Handynummer. Obdachlos, ohne jede Perspektive auf Besserung, meldet Soraia sich und lernt drei faszinierende Männer kennen, die sie auf ihre Privatinsel bringen. Cassian, Jalo und Kaan sind Katzen-Gestaltwandler – ihre Natur bringt es mit sich, dass sie einmal das Blut einer Jungfrau brauchen, um dem Wahnsinn Herr zu werden, der sie nun befällt. Kaan, der Jaguar ist der letzte aus dem Trio, der diese Hilfe braucht. Wird Soraia sich auf das Geschäft einlassen? Und was ist mit dieser Geschichte, dass sie angeblich die Gefährtin der drei Raubkatzen ist? Außerdem ist da noch Kaan, dieser ungezähmte, raubeinige Kerl. Von Kopf bis Fuß tätowiert und für sie nicht einzuschätzen. Ausgerechnet ihm soll sie ihre Jungfräulichkeit schenken?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
59
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Altersfreigabe
18+

Weichen

Wie tief kann man wohl stürzen, so aus dem Nichts heraus?

Das ist die Frage, die sich Soraia Schneider stellt – und zwar in einem Moment, der eigentlich der glücklichste ihres Lebens sein sollte. Doch es kommt ganz anders. Hilflos muss sie mitansehen, wie ihr Leben mit Mach 3 den Bach hinuntergeht. Mittellos, fernab der Heimat und obdachlos strandet sie in Honolulu – nachdem sie ihre letzten Ersparnisse zusammengekratzt hat, um überhaupt hierherzukommen. Doch es ist nicht erst auf Hawaii alles aus dem Gleichgewicht geraten – eigentlich läuft ihr ganzes Leben schon schief. Sie hat nie eine Wahl gehabt, und es war auch nie ihre Schuld. Ihre Mutter starb früh, ihr Vater verlor sich in seiner Malerei und verschwendete kaum einen Gedanken an sein einziges Kind. Und doch hat sie es immer geschafft, sie beide mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Bis es einfach nicht mehr ging.

Müde seufzt sie und macht sich ganz klein. Die Arme um die Beine geschlungen, das Gesicht gegen die Knie gedrückt, versucht sie alles um sich herum auszublenden. Doch mit ihren Erinnerungen will ihr das einfach nicht gelingen. Als ihr Vater vor drei Jahren krank geworden ist, hat sie es kaum mehr geschafft, alles allein zu stemmen. Eine aggressive Form der Alzheimer hat es nötig gemacht, ihm einen Heimplatz zu besorgen – und auf einmal haben sich die Schulden rasend schnell aufgetürmt. Ein Johannes Schneider hatte es zeitlebens nie für nötig erachtet, für das Alter vorzusorgen. Schlimmer, er war nicht einmal versichert, und als dann neben dem Alzheimer auch noch Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert wurde, war es eben nicht mehr zu schaffen – neben ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und den beiden Nebenjobs, um Geld zu verdienen. Die Vernunft hatte verlangt, dass sie ihre geliebte Lehre aufgab, so war sie von der Schwesternschule abgegangen, um noch mehr zu arbeiten. Neben einem vollzeitlichen Beruf hatte sie noch zwei Nebenjobs am Laufen, aber auch damit war es finanziell nicht zu schaffen gewesen.

Einziger Lichtblick in diesem harten Leben ist Felix gewesen … der schöne, wohlhabende und so charmante Felix Gartner, Sohn eines überaus erfolgreichen Busunternehmers aus Starnberg. Sie hatte ihn während ihrer Ausbildung kennengelernt und war bald seinem hartnäckigen Werben erlegen. Es war der glücklichste Tag ihres Lebens, als er sie um ihre Hand gebeten und ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte, genau an ihrem 18. Geburtstag.

Der leichte Passatwind, der hier beinahe ständig weht, zerrt am Stoff ihres dünnen Sommerkleides. Doch viel Schaden kann er nicht mehr anrichten, die Baumwolle ist schon zerrissen. Sie fühlt sich schmutzig und verwahrlost, und so elend wie noch nie in ihrem Leben. So verloren, als hätte sie nichts mehr in ihrem Leben zu erwarten.

Felix …

Ein Schluchzen brennt in ihrer Kehle, vergeblich geht sie dagegen an.

Sie ist mit so großen Hoffnungen hierhergekommen und Felix nachgereist. Er wollte sie mit auf diesen Urlaub nehmen, doch als die Ärzte verkündeten, dass es mit ihrem Vater zu Ende gehen würde, entschied sie sich dafür, in München zu bleiben, um in den letzten Stunden seines Lebens an seiner Seite zu sein.

Zwei Wochen, in denen alles eingestürzt ist, was sich ihr Leben nennt. Nie wird sie den Tag vergessen, an dem ihr Vater gegangen ist und sie sich heim in ihre Wohnung flüchten wollte. Eine Wohnung, die ihr Vermieter hat zwangsräumen lassen, weil schon seit Monaten keine Miete mehr bezahlt worden ist. Damit nicht genug, mit den Dokumenten, die ihr die Höhe ihrer Mietschulden aufgezeigt haben, drückte er ihr auch die Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses in die Hand, die mit der Post gekommen war. Sie hatte zu oft gefehlt, war zu oft im Krankenhaus bei ihrem Vater, statt zu arbeiten. Die Quittung dafür erhielt sie nun, sie hätte zu keinem schlimmeren Zeitpunkt kommen können.

Welche Möglichkeiten hätte sie denn noch gehabt? Ruiniert, die Situation hoffnungslos, denn die Rechnung des Seniorenheims, in dem der Vater seine letzten Jahre verbracht hat, die Kosten für die Palliativ-Pflege, die stand auch noch aus, und die würde mörderisch hoch sein.

Also hat sie in einem Anfall von geistiger Umnachtung alles verkauft, was sich irgendwie zu Geld hat machen lassen. Aus der Not heraus alles verscherbelt, was veräußerlich war. Die Bilder ihres Vaters, die nicht verkäuflich waren, hat sie in einer kleinen Galerie in Kommission geben können, mit dem Hinweis, dass sich vielleicht nun nach dessen Tod Käufer dafür finden würden – und der Erlös für ihre ganze Habe hat gerade so ausgereicht, um das Flugticket nach Hawaii zu bezahlen.

Aber schon als sie den Fuß auf hawaiianischen Boden gesetzt hatte, wurde sie wieder vom Pech verfolgt. Nur ein Moment der Unachtsamkeit, während sie nach einem Taxi Ausschau hielt, das sie zu Felix‘ Hotel bringen sollte, und weg war ihr Gepäck. Ihre ganze Kleidung, ihre Papiere, der Rest ihres Geldes - alles, was sie noch besessen und in diesen alten Koffer gepackt hat. Weg. Einfach weg.

Nur ihr altes Prepaid-Handy war ihr geblieben, aber als sie versucht hatte, Felix anzurufen, ist er nicht drangegangen. Sie hatte noch ein paar Dollars in der Tasche, damit bezahlt sie das Taxi, das sie zum Hyatt Regency Waikiki Beach Resort brachte. Der Empfang im Hotel war äußerst kühl, als sie sich als Felix‘ Verlobte auswies und nach seinem Zimmer fragte. Seltsamerweise wohnte er gar nicht in dem luxuriösen Gebäude, wie er ihr gesagt hatte, sondern etwas abseits in einem Ferien-Bungalow. Sie ließ sich den Weg erklären und dann stand sie vor dem Bungalow. Die Terrassentüren waren zurückgeschoben, einem seltsamen Impuls folgend, betrat sie das Haus, ohne sich anzumelden, weil sie ihn überraschen wollte – nur, um den Schock ihres Lebens zu erfahren.

Felix und eine Frau, sich im schönsten Gerangel auf dem Boden wälzend. Beide nackt, in ihrem Schweiß badend, mit versunkenen Gliedern. Sie vor Lust schreiend, er grunzend und die Frau wie wild fickend … Der Raum stank nach Sex, ihr wurde regelrecht übel. Nie würde sie diesen Geruch vergessen.

Sie sollte weglaufen, bevor sie jemand bemerkte, doch sie war vor Entsetzen wie gelähmt – und als sie sich endlich wieder bewegen konnte, war es zu spät. Felix sah hoch und entdeckte sie, und sofort hetzte er ihr nach. Rief ihren Namen, und noch bevor sie das Grundstück verlassen und weglaufen konnte, packte er sie und zerrte sie zurück zu dem Bungalow. So sehr sie sich wehrte, er holte sie ins Haus, wo von der anderen Frau nichts mehr zu sehen war.

Die Situation wurde immer schrecklicher. Als sie sich empört wehrte und schrie, er solle sie loslassen, schlug er ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht. Immer wieder, bis ihre Schreie verstummten, und dann lachte er über ihre Tränen. Warum fragte sie ständig, weil sie es nicht verstand, warum hast du mir das angetan? Sein Spott war so verletzend und demütigend, er ging so tief unter die Gürtellinie. Du bist selbst schuld, warf er ihr hämisch vor. Dein lächerlicher Wunsch, mit dem Sex zu warten bis nach der Heirat. So altmodisch, er hat sich nur verlobt, damit er sie endlich ins Bett bekommt. Hier, auf Hawaii, wollte er sich endlich holen, was sie ihm immer vorenthalten hat. Aber wieder hat sie seine Pläne durchkreuzt, weil sie ja unbedingt bei ihrem Vater bleiben wollte. Als ob der nicht alleine hätte abkratzen können. Natürlich hat er sich dann anderswo geholt, was sie ihm nicht gegeben hat.

Bei diesen Worten wurde sein Gesicht eine grässliche Grimasse, und sie erschauderte. Plötzlich ekelte es sie, seine nackte, widersinnig schöne Gestalt, die Art, wie er mit seinem nackten Geschlecht vor ihr protzte, und dann kam jäh die Angst, denn er höhnte: Ich hole es mir jetzt!

Instinktiv hatte sie sich gewehrt – wer hätte das nicht? Sie hatte geschlagen, gebissen und getreten, und laut um Hilfe gerufen. Aber niemand kam. Nein, jetzt zeigte es sich in aller Deutlichkeit – Felix war kein Gentleman, die ganze Zeit hatte er sich nur verstellt. Brutal überwältigte er sie, nur danach trachtend, seinen Willen durchzusetzen. Seine Hände rissen an ihrem Kleid, zerrten das Höschen über ihre Beine, und schon war sie entblößt bis zum Nabel hoch. Immer wieder schlug er ihr ins Gesicht, damit sie aufhören sollte, sich zu wehren, und als sie sich schluchzend unter ihm krümmte, drängte er sich zwischen ihre Beine und fixierte sie unter sich. "Lass mich dich ficken, dann heirate ich dich auch", grölte er, und schon fasste er grob an die Stelle, die sie ihm so beharrlich verweigert hatte.

Würde man sie jetzt fragen, wie sie es geschafft hat, ihm zu entkommen – sie weiß es nicht. Sie war so kurz davor, von ihm geschändet zu werden. Doch irgendwie gelang es ihr doch, sich zu befreien. Sie zog ihm die Nägel durch das Gesicht, und als er sie losließ und sich vor Schmerz brüllend über die Augen fasste, konnte sie ein Knie anziehen und es ihm in den Leib rammen. Das war ihre Gelegenheit, sie hatte sie sofort ergriffen und floh vor ihm. Egal wohin, nur weg von diesem Bungalow und vor Felix … Immer am Strand entlang, bis sie auf Höhe des großen Aquariums nicht mehr konnte und zusammengebrochen war.

So ist sie also hier auf O’ahu gestrandet. Fünf Tage ist das nun her.

Kein Gepäck. Kein Geld. Nur mit den Kleidern am Leib, die deutlichen Schaden bei dem Kampf mit Felix genommen haben – und noch nicht einmal vollständig sind, da er ihr ja schon das Höschen ausgezogen hatte.

Sie weiß, wie viel Glück im Unglück sie hatte. Viel hat ohnehin nicht gefehlt, dann hätte er sie vergewaltigt. Er war in der Stimmung, das zu tun, das ist ihr klar. Aber ihre momentane Situation erleichtert das nicht. Sie ist so verzweifelt, sie weiß einfach nicht mehr weiter. Fünf Tage, die sie hier ausgeharrt hat, in der Hoffnung, ihr möge irgendwie eine Lösung einfallen. Fünf Nächte, die sie im Freien verbracht hat – Nächte, die zum Glück von den Temperaturen einigermaßen erträglich waren.

Doch jetzt kann sie einfach nicht mehr.

Ihr Magen knurrt so laut, als würde er sich selbst verdauen wollen, und wenn sie sich nur ein wenig bewegt, dann wird ihr schwindelig. Sie hat kaum etwas zum Trinken gefunden, nur die Reste in den Mülltonnen, nachdem sie Stolz und Ekel überwunden hat. Aber die Essensreste hat sie verweigert, mit all den Fliegen und anderen Insekten darauf, brächte sie das nicht runter. Lieber würde sie verhungern.

Lange aber wird sie nicht mehr durchhalten, das ist ihr bewusst. Schon jetzt ist sie dehydriert, und wie lange kann man es wohl ohne Nahrung aushalten?

Wieder geht ein Tag zu Ende, die Sonne sinkt und bringt ein wenig Erleichterung, weil es ein wenig abfrischt. Wie jeden Abend läuft sie ins Wasser, mit allem was sie am Leib hat – nur die flachen Schuhe lässt sie zurück. Das Salzwasser strapaziert ihre Haut arg, sie ist vom Sonnenbrand empfindlich geworden. Aber sie braucht die Nässe, die Abkühlung, sonst würde sie es noch weniger aushalten.

Die Luft ist so warm, sie trocknet schnell. Dafür sorgt der Passatwind, der ist wie ein leichter Fön. Stundenlang wandert sie in der Dunkelheit am Strand entlang, vorbei an den luxuriösen Hotels, in denen die Reichen und Schönen ihren Urlaub genießen. Aber den Leuten weicht sie aus, sie hat viel zu viel Angst, noch einmal auf Felix zu treffen, so meidet sie die Gegend um das Hyatt Regency.

Irgendwann, außerhalb der Tore Honolulus – am Kaimana Beach auf Höhe des Kriegsdenkmales -, sucht sie sich einen Schlafplatz. Dort existiert ein kleines Stück Sandstrand, das in die Grünfläche übergeht und etwas geschützter liegt, da es von einer Mauer begrenzt ist. Die Gäste des Lotus Honolulu at Diamond Head kommen hier kaum her, die haben kein Interesse an dem Denkmal. Auf dem Weg dorthin hat sie sich aus einem Papierkorb eine Zeitung geschnappt, die noch recht neu aussieht, und mit der als Decke bettet sie sich, eng an die Mauer in ihrem Rücken gedrückt, zur Nacht.

Sie hat schnell gelernt, immer darauf zu achten, dass ihr Rücken nicht ungeschützt ist. Auch hier gibt es – wie überall auf der Welt – kriminelle Subjekte, die sich an eine wehrlose Frau von hinten anschleichen und sie überfallen wollen. Schon ein paar Mal ist sie nur mit knapper Not entkommen, das hat sie vorsichtig werden lassen. Sie wickelt sich in die Zeitung, als wäre es eine Decke, und weil sie so erschöpft ist, schläft sie bald ein.

*****

Es ist der Morgen des sechsten Tages, seit sie auf O’ahu gelandet ist.

Der Tag ist noch jung, es ist noch kaum hell. Jedes Erwachen ist von dem Donnern der Brandung begleitet, die unentwegt an den traumhaft weißen Stränden Hawaiis leckt, als wolle sie sich das bisschen Sand einverleibt – was der Ozean an etlichen Stellen schon getan hat. Tonggs Beach zum Beispiel, der Meeresspiegel ist so hoch angestiegen, dass er den Strand verschlungen hat. Dort gibt es nur noch eine Mauer, von der aus zwei Treppen direkt ins Wasser führen. Dieser Strandabschnitt ist begehrt bei den Surfern und Wellenreiten, und sie war wenigstens einmal dort und hat ihn sich angesehen.

Müde bleibt sie liegen. Sie hat Schmerzen. Ihr Bauch fühlt sich an, als wäre da auf Höhe ihres Magens nur noch ein tiefes Loch. Langsam merkt sie auch, dass sie keine Kraft mehr hat. Der Hunger zehrt sie aus, sie muss sich regelrecht aufraffen, um aufzustehen. An den öffentlichen Stränden gibt es Toiletten, eine solche will sie aufsuchen.

Sie schiebt die Zeitung von sich, doch sie wirft sie nicht weg, sondern sie faltet sie ordentlich zusammen. Das tut sie jeden Tag - die Zeitungen lesen, die sie findet. Das beschäftigt sie, so vergeht der Tag schneller, auch wenn es momentan für sie keinerlei Bedeutung hat, was draußen in der Welt vor sich geht.

In der Welt, zu der sie gerade keinen Zugang hat …

Ächzend kommt sie auf die Beine. Sie will sich schon abwenden, da sieht sie überrascht den To-go-Becher, der oben auf der Mauer steht. Direkt über dem Platz, an dem sie geschlafen hat. Schon ein paar Mal hat ein wohlmeinender Passant ihr eine Kleinigkeit hinterlassen und für sie zurückgelassen. Meistens Kaffee, oder etwas anderes zu Trinken. Doch sie bleibt misstrauisch, denn es gibt auch solche, die sich manchmal einen üblen Scherz erlauben. Als es das erste Mal passiert ist, hat ein Witzbold in so einen Becher uriniert, und beinahe hätte sie … Nur wenn sie daran denkt, schüttelt es sie schon.

Vorsichtig nimmt sie den Becher und öffnet den Deckel. Wasser! Sie kann es kaum glauben, da meint es ein unbekannter Engel wirklich gut mit ihr! Alles drängt sie danach, einen großen Schluck zu nehmen, doch sie ist vorsichtig geworden. Sie macht einen Finger nass und leckt prüfend daran, erst als sie völlig sicher ist, dass es wirklich Wasser ist, trinkt sie ein wenig. Aber nur zwei winzige Schlucke, denn sie weiß ja nicht, wann sie wieder etwas zu trinken bekommt, und so muss sie sich diesen unverhofften Schatz einteilen.

Der Weg zu der nächsten Toilette fällt ihr schon viel leichter, sie lächelt sogar ein wenig. Dieser Tag beginnt besser als die anderen, vielleicht lässt das hoffen …

*****

Es ist später Vormittag, schon jetzt brütet die Sonne gnadenlos über der Insel. Soraia ist heute viel zu träge, viel zu müde, um groß am Strand entlang zu wandern. Sie hat sich zwar vorgenommen, sich jeden Tag etwas anderes anzusehen, aber heute kann sie die Energie dafür einfach nicht aufbringen. In die Stadt hinein geht sie schon lange nicht mehr, denn dort fällt sie in ihrem abgerissenen Zustand zu sehr auf. Sie will nicht verhaftet werden, wegen Stadtstreicherei …

So hat sie es sich wieder an der Mauer gemütlich gemacht, bei der sie die letzten Nächte geschlafen hat, denn die spendet ihr Schatten. Bequem angelehnt, hin und wieder ein wenig an ihrem kostbaren Wasser nippend, schlägt sie die Zeitung auf und beginnt zu lesen. Viel ist es nicht, der Wirtschaftsteil fehlt, der Sportteil auch. Aber die Kolumnen und der Klatschteil sind ihr eh lieber, die Geschichten von den Stars und Sternchen lenken sie am besten von ihrem eigenen Schicksal ab – und von der Aussichtslosigkeit ihrer Situation. Da sie ohnehin nichts Besseres zu tun hat, liest sie sich auch die ganzen Anzeigen durch, vielleicht gibt es ja ein Jobangebot, auf das sie sich bewerben könnte? Sie muss unbedingt Geld verdienen, das ist ihr klar – und war so schnell als möglich, bevor sie hier noch vor die Hunde geht. Nur wie?

Nachdenklich überlegt sie, welche Möglichkeiten sie hat, bis ihr plötzlich eine seltsame Anzeige ins Auge sticht. das Inserat ist knapp, aber dick umrandet, sodass sie auffällt. Der Text echt merkwürdig: "Jungfrau gesucht! Adäquate Vergütung" Und dann nur noch eine Handynummer.

Wieso sucht jemand eine Jungfrau, überlegt sie – nur um dann über sich selbst zu lachen. Dafür gibt es doch nur einen einzigen Grund, wie blöd ist sie denn? Sie verzieht den Mund, aber ihre Augen lassen sich einfach nicht mehr von dem Inserat abwenden. Sie holt ihr altes Handy aus der Rocktasche, das wie durch ein Wunder weder bei Felix‘ Überfall noch in den Nächten am Strand verlorengegangen ist und prüft den Akkustand. Noch beinahe voll.

Sie ist so neugierig, was hinter dem Gesuch steckt. Vielleicht … nein, sie schüttelt abwehrend den Kopf, doch noch immer hält sie ihr Handy in der Hand. ›Ich bin noch Jungfrau‹, denkt sie sich, und ein Zittern läuft durch ihren Leib. Ihr wird warm, die Wangen glühen. Ein seltsames Flattern breitet sich von tief in ihrem Bauch nach und nach über den ganzen Körper aus.

Ist das nicht der Punkt, an dem sie noch tiefer sinkt, als sie es ohnehin schon getan hat? Wenn sie darüber nachdenkt, ihren Körper zu verkaufen? Aber hat sie überhaupt eine andere Wahl?

Sie schluckt, und dann beginnen ihre Finger die Nummer von dem Inserat einzutippen. Ihre Hand zittert, aber ihr Entschluss ist gefasst. Sie will wenigstens fragen, worum es geht.