Prolog
Der Zug glitt langsam in den Hamburger Hauptbahnhof. Draußen, über den Gleisen, hing ein dicker, feuchter Nebel, als hätte er sich seit Wochen nicht bewegt. Adelheid lehnte die Stirn gegen das Fenster, während die Landschaft an ihren Augen vorbeizog. Nur wenige Wochen war sie fort gewesen, doch in ihrem Inneren fühlte es sich an wie Monate. Wie ein anderes Leben. Als der Zug zum Stillstand kam, griff sie nach ihrem Koffer. In der Manteltasche spürte sie den gefalteten Zettel, den letzten Brief, der sie vor dem Auseinanderbrechen der Welt bekommen hatte. Ihre Finger verkrampften sich einen Moment darum, bevor sie ausstieg und die Stufen zum Bahnsteig hinabging.
Die Straßen Hamburgs wirkten vertraut und gleichzeitig fremd. Adelheid kannte jedes Haus, jede Laterne, jede Ecke, doch etwas lag in der Luft. Eine Stille, die früher nicht da gewesen war. Einige Häuser standen leer, andere zeigten Spuren des Winters und der vergangenen Jahre. Fensterscheiben waren ersetzt, Mauern notdürftig ausgebessert worden. Menschen gingen an ihr vorbei, aber kein Blick blieb länger hängen als nötig. Erst als sie in ihre Straße einbog, zog sich ihr Magen zusammen. Das Haus am Ende, ihr Zuhause, war noch da. Etwas verwitterter, die Blumen im Vorgarten halb erfroren, das Gartentor rostiger als in ihrer Erinnerung. Und das Haus nebenan… leer. Verlassen. So, wie es seit jenem Tag geblieben war. Adelheid blieb stehen. Sie legte die Hand auf das kalte Metall des Tores. Im selben Augenblick durchfuhr sie eine Erinnerungswelle, so klar, als würde man Seiten eines lange verschlossenen Buches aufschlagen. Ein Junge zwischen Kisten. Ein Buch, das er wie einen Schild an sich presste. Ein Apfel in ihrer Hand. Ein Anfang, der sich so leicht anfühlte und doch eines Tages schwer genug werden würde, um zwei Leben zu verändern.
Damals. Mai 1928..
Adelheid stand am Fenster und zählte zum dritten Mal die Kisten, die aus dem Umzugswagen getragen wurden. Zwei Männer in grauen Hemden hievten Stühle, Koffer und sogar ein kleines Klavier durch die Haustür des Nachbarhauses. Dazwischen stand ein Junge, etwa in ihrem Alter, schmal, blass, mit einem viel zu großen Mantel. Er klammerte sich an ein Buch, als wäre es das Einzige, das ihm geblieben war. Seine Mutter beugte sich zu ihm hinunter, flüsterte etwas, das Adelheid nicht verstand. Er schüttelte den Kopf, und obwohl seine Mutter sanft lächelte und ihm über den Rücken strich, blieb sein Blick auf den Boden geheftet. „Mamaaa!“ Adelheid rannte in die Küche, ihre Zöpfe flogen hinter ihr her. „Der neue Junge ist da!“ Ihre Mutter drehte sich vom Herd um und lächelte über die aufgeregte Tochter. „Dann geh doch mal rüber und sag Hallo, Liebes.“ Adelheid nickte energisch, griff sich im Vorbeigehen einen Apfel von der Schüssel und lief barfuß hinaus. Damals hatte sie keine Ahnung, dass dieser spontane Schritt über den Gartenweg der Anfang von allem sein würde, von Freundschaft, Verlust, Krieg und einer Geschichte, die sie beide für immer zeichnen würde.