Kapitel 1: Ein Neuanfang
Mackenzie
Ich starre auf die vertraute Fassade unseres Ferienhauses. Die blaue Verkleidung ist von den Jahren an der Küste ganz ausgeblichen. Der Weg zum Strand ist windgepeitscht und voller Sand. Eine warme Meeresbrise spielt in meinem hellblonden Haar, und ich atme tief durch und schließe die Augen. Es ist drückend heiß hier Mitte Juli, aber der Wind macht es wenigstens erträglicher.
Willkommen an der Küste von Galveston, Texas. Früher war es so magisch, jeden Sommer mit meinen Eltern hierherzukommen, als ich noch klein war und keine Sorgen hatte. Damals, als das Haus riesig wirkte und die Welt noch größer. Als Mama und Papa sich liebten. Als sie sich nicht ständig stritten. Als wir noch eine richtige Familie waren. Als noch alles normal war.
Nichts fühlt sich mehr normal an, aber das hier ist jetzt mein neues Leben, und ich muss mich wohl daran gewöhnen. Ich liebe es hier immer noch; die friedliche Kleinstadt-Atmosphäre gibt mir nach den letzten Monaten wieder neue Kraft. Ich atme noch einmal die warme, salzige Luft ein, und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit huscht ein kleines Lächeln über mein Gesicht.
„Erde an Mackenzie“, ruft mein Vater und reißt mich aus meinen Gedanken. „Hilfst du mir jetzt oder nicht?“ In seiner Stimme schwingt ein leichtes Kichern mit.
„Schon gut! Ich komme!“ Ich jogge zu ihm hinüber, wo er bei unserem kleinen U-Haul-Anhänger steht, der voll mit Kisten ist.
Er reicht mir eine, auf der mein Name steht. Ich balanciere sie in den Armen und trage sie nach drinnen, hoch in das Zimmer, das auf absehbare Zeit mein Zuhause sein wird.
Die Wände sind blassrosa. Typisch, ich weiß. Ich muss Papa fragen, ob wir das überstreichen können, denke ich bei mir. Da das Dach schräg ist, hat das Zimmer Dachgauben und wirkt dadurch etwas größer. Ich stelle die Kiste auf das Bett und fahre mit den Fingern über die Reste der Einhorn-Aufkleber, mit denen ich damals mit sechs Jahren meinen Bettrahmen verziert habe. Mama war stinksauer, als sie sie sah; sie meinte, ich würde die Möbel ruinieren. Papa hatte nur gelächelt und gesagt, er fände das künstlerische Design toll.
Ich schiebe die weißen, durchsichtigen Vorhänge beiseite und öffne die gläsernen Fenstertüren, die zu meinem kleinen Balkon mit Blick auf den Strand führen. Die Sonne beginnt ihren langsamen Abstieg zum Horizont. Das Rauschen der Meereswellen und das Kreischen der Möwen erfüllen die Luft.
Ein paar Leute sind am Strand, sicher nicht so viele wie am Wochenende. Ein paar liegen auf ihren Handtüchern und sonnen sich, ein paar ältere Jungs spielen Football, jemand wirft seinem Hund ein Frisbee zu. Ich beschließe, das Herumtrödeln zu lassen und Papa beim Ausladen zu helfen. Ich binde mir schnell die Haare zu einem Pferdeschwanz, damit ich nicht so schwitze, bevor ich wieder nach unten gehe.
„Sooo, was machen wir zum Abendessen?“, fragt mein Vater, als er die letzten Kisten hineinbringt. Er stellt sie auf den Wohnzimmerboden und dehnt seinen Rücken.
„Hmm. Chinesisch?“, schlage ich vor. Mein Magen knurrt schon beim Gedanken an Crab Rangoon.
„Klingt gut. Madame Woo’s? Willst du deinen üblichen gebratenen Reis?“ Er holt sein Handy aus der Tasche und wählt schon die Nummer.
Ich nicke begeistert. „Und bitte Crab Rangoon und Potstickers. Vom ganzen Umziehen bin ich am Verhungern.“
Er gibt mir einen Daumen nach oben und geht in die Küche, während er den Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung begrüßt, um unsere Bestellung aufzugeben. Ich lasse mich mit einem Seufzer auf das Sofa fallen und schnappe mir die Fernbedienung vom gläsernen Couchtisch. Die Lokalnachrichten laufen gerade, als Papa wieder ins Zimmer kommt.
„Hast du Nikki schon geschrieben, dass wir da sind?“, fragt er mich und meint meine beste Freundin aus Kindertagen. Sie lebt hier bei ihrer Familie, also konnten wir uns bisher nur im Sommer sehen, aber es fühlt sich immer so an, als wären wir nie getrennt gewesen.
„Noch nicht. Ich weiß nicht recht, was ich schreiben soll“, gebe ich zu und blicke auf mein Handy auf dem Kissen neben mir. Ich will nicht noch mehr Leuten erklären müssen, dass meine Eltern sich getrennt haben – nicht einmal meiner besten Freundin. Als ich es meinen Freunden daheim erzählt habe, waren sie zwar verständnisvoll, aber ihr Mitleid hat alles nur noch schlimmer gemacht.
„Du weißt, dass sie dich aufheitern wird.“ Mein Vater schenkt mir ein kleines Lächeln und legt mir tröstend eine Hand auf die Schulter. „Sag ihr einfach, dass wir zurück sind. Über den Rest kannst du später nachdenken.“
„Das mache ich“, sage ich und schaue zu ihm hoch, als mein Blick wieder auf den Fernseher fällt.
„Und zu erfreulicheren Lokalnachrichten: Unser Highschool-Footballteam, die BHS Tornadoes, wollen ihre letzte Saison krönen und den Staatsmeistertitel nach Hause holen. Starting Quarterback Carson Knox will es noch einmal wissen. Er hat in der Off-Season hart an sich gearbeitet, um das Team in Form zu bringen. Wir durften bereits einen Blick darauf werfen, was das Team diesen Herbst auf dem Spielfeld leisten wird. Schauen wir mal rein.“
Der Nachrichtensprecher blendet Aufnahmen vom Training ein, bei denen ein ziemlich großer, muskulöser Junge in einem schwarzen Trikot mit der Nummer 17 den Ball annimmt, zurückweicht und einen perfekten Pass quer über das Feld zu einem Receiver in der Endzone wirft.
Ein weiterer Ausschnitt zeigt denselben Jungen, wie er den Ball übergibt, dann aber selbst damit losläuft. Da ich durch Papa schon mein Leben lang Football schaue, habe ich einiges mitbekommen, und Carson wirkt wirklich gut.
Die Übertragung schneidet zurück zum Sprecher, der dem Team viel Glück für die kommende Saison wünscht, während ein Foto von Carson eingeblendet wird. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht mit offenem Mund dazustehen. Er ist umwerfend. Dunkelbraune Locken fallen ihm in die Stirn. Er hat eine markante Kinnlinie, weich wirkende Lippen und diese Augen. Sie haben ein wunderschönes Meeresblau, und selbst auf diesem ernsten Football-Foto sieht man ein Leuchten in ihnen.
„Carson Knox?“, holt mich Papas Stimme plötzlich aus meinen Gedanken. „Das ist der Junge von Jerry und Lisa. Erinnerst du dich an ihn? Ihr habt früher immer zusammen gespielt. Er ist aber ganz schön groß geworden, was?“
Ja, Papa, das ist er allerdings. Ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich versuche mir den Jungen von damals mit dem braunen Lockenkopf vorzustellen – viel kleiner und immer am Lächeln. Er wirkt jetzt so ernst. Seine Eltern waren schon immer etwas streng.
Das chinesische Essen kommt an und mein Papa geht zur Tür. Als ich mich wieder dem Fernseher zuwende, bin ich enttäuscht, dass Werbung läuft; ich muss immer noch an Carsons blaue Augen denken. Ich nehme schnell mein Handy, um Nikki zu schreiben. Vielleicht kann sie mir morgen mehr über ihn erzählen.