Fünf Minuten für die Liebe

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Zusammenfassung

Mark hat das moderne Dating satt. Er ist vierzig, emotional verfügbar und gefährlich besessen von Muffins – und anscheinend ist das heutzutage ein Red Flag. Nachdem er öfter geghostet wurde als ein Spukschloss, meldet er sich zum Speed Dating an: fünfzig Frauen, Fünf-Minuten-Intervalle und ein gemieteter Hotelsaal, der nach Sagrotan und stiller Verzweiflung riecht. Es ist ein soziales Blutbad aus glitzernden Stirnen, Flüchen, Verschwörungstheorien und genug Trauma Bonding, um eine komplette Therapiegruppe zu füllen. Gerade als Mark aufgeben will, setzt sie sich zu ihm. Elle Whitaker. Intelligent. Normal. Hinreißend. Echt. Und zum ersten Mal seit Jahren spürt Mark etwas, das nicht nach Reue und Enttäuschung schmeckt. Es sind nur fünf Minuten. Aber es könnten die besten fünf Minuten seines Lebens sein.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
15
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Mark

Schon gut. Alles bestens.

Das hier ist genau die Art von selbstgewählter Hölle, in die man kriecht, wenn einem die rettenden Ideen ausgegangen sind. Wenn man gelernt hat, dass Beten offensichtlich keine Dating-Strategie ist.

Ich bin vierzig. Mein Haar wird an Stellen dünner, die ich geflissentlich ignoriere. Ich habe einen stabilen, todlangweiligen Job in einer Versicherung, der es irgendwie schafft, der Welt jegliche Farbe zu entziehen. Und ich habe eine Obsession für Muffins, die fast schon ins Erotische geht. Für Letzteres schäme ich mich nicht einmal. Muffins sind verlässlich. Muffins geben dir kein Ghosting nach drei tollen Dates und zwei noch besseren Nächten. Muffins zucken nicht zusammen, wenn man das Wort „Beziehung“ ausspricht, als wäre es eine Beleidigung.

Und ja. Ich will daten. Also so richtig, verdammt noch mal. Kein „wir hängen mal ab“. Kein „schauen wir mal, wo es hinführt“. Ich will den ganzen Scheiß, bei dem man die Zahnbürste im Bad des anderen lässt. Kurze Anrufe, nur um zu hören, wie es geht. Sonntagnachmittage, an denen man mit verschlungenen Beinen auf dem Sofa einschläft. Den Scheiß, den meine Eltern hatten, bevor alles vor die Hunde ging.

Jetzt sitze ich also hier. Speed-Dating. In einem gemieteten Hotel-Saal, der leicht nach Desinfektionsmittel und Verzweiflung riecht. Meine Krawatte ist die dritte, die ich anprobiert habe. Rot war zu aggressiv, Blau ließ mich wie einen Bankberater aussehen. Ich habe mich für Grün entschieden. Keine Ahnung, warum. Vielleicht signalisiert es Bodenständigkeit oder Vertrauenswürdigkeit. Vielleicht klammere ich mich auch einfach nur wie an einen Rettungsring an meine Illusionen.

Die Schuhe habe ich zweimal gewechselt. In Schwarz fühlte ich mich wie auf einer Beerdigung. Braun sah nach „zu gewollt“ aus. Am Ende wurde es Dunkelgrau. Völlig neutral. Genau wie mein verdammtes Liebesleben.

Fünfzig Frauen. Fünf-Minuten-Takt. Fünfzig Frauen, die mich einmal kurz ansehen und innerlich denken: „Na ja, der Nächste bitte“, während ich so tue, als würde ich innerlich nicht gerade sterben. Es ist, als würde man von einem Fließband aus höflichem Lächeln und lahmen Ausreden abgelehnt. Jede einzelne Abfuhr ein kleiner Schnitt in das, was von meinem Ego noch übrig ist.

Aber was zum Teufel soll ich sonst machen? Tinder? Hab ich probiert. Da wurde ich öfter geghostet als in einer verdammten Geisterbahn. Bumble? Klar, aber anscheinend ist „emotional verfügbar“ heutzutage ein Code-Wort für „anhänglich“. Verkupplungsversuche? Ich hatte ein Date mit einer Frau, die ihren Hund mitgebracht hat. Nicht in den Park. Zum Abendessen. Der Hund hatte eine Sitzerhöhung.

Ich war sogar beim Auflauf-Wettbewerb der Kirche. Kirche. Mit Schürzen, Wackelpudding und freundlichen Witwen, die mich einen „netten jungen Mann“ nannten. Sie wollten mich mit ihren frisch geschiedenen Töchtern verkuppeln. Die Hälfte von denen sah aus, als hätten sie seit der Ära Bush nicht mehr gelächelt.

Also ja, ich ziehe das hier durch. Ich sitze an diesem winzigen runden Tisch, nippe an verwässertem Merlot aus einem Plastikbecher und tue so, als wäre das hier keine existenzielle Bestrafung, getarnt als Namensschild und Zeitdruck-Gespräche. Ich habe geübt zu lächeln, ohne verzweifelt zu wirken. Meinen Job habe ich so oft geprobt, dass er nicht mehr wie ein menschliches Schlafmittel klingt. „Ich helfe Menschen, Risiken zu verstehen“ – was zur Hölle soll das überhaupt bedeuten?

Und das Schlimmste? Das absolut Schlimmste? Ich bin ein guter Kerl. Ich weiß, das klingt wie so ein Incel-Scheiß, aber ich meine es ernst. Ich bin da, wenn man mich braucht. Ich höre zu. Es ist mir nicht egal. Ich betrüge nicht. Ich ghoste nicht. Verdammt, ich rede sogar gern über Gefühle. Ich mache gern Frühstück. Ich habe ein mörderisch gutes Rezept für Blaubeermuffins. Jemand würde sich sofort verlieben, wenn er nur lange genug bleiben würde, um sie mal zu probieren.

Aber wisst ihr, was sie wollen? Nicht immer, aber oft genug, dass es wehtut? Sie wollen den Typen, der zwei Tage lang nicht zurückschreibt. Den mit den tätowierten Armen, Bindungsängsten und einem Auto, das nach Gras und geplatzten Träumen riecht. Den, der dafür sorgt, dass sie sich „aufgeregt“ und „angespannt“ fühlen. Weil man sich seine Liebe verdienen muss. Weil man ihr hinterherjagen und um sie kämpfen muss.

Und ich? Ich bin verlässlich. Ich bin beständig. Muffin-mäßig beständig. Aber anscheinend bekommt man davon niemanden ins Bett. Und man wird dafür auch nicht geliebt.

Man bekommt dafür Fünf-Minuten-Gespräche mit Frauen, die sich nicht mal an deinen Namen erinnern, wenn die Glocke läutet.

Also ja. Alles bestens. Völlig normal. Nur ein erwachsener Mann, der versucht, nicht zu bedürftig auszusehen, während er darauf wartet, von fünfzig Fremden sanft abserviert zu werden.

Meinen Fluchtplan habe ich schon fertig. Toilettenpause nach Tisch zwölf. Die Bar abchecken. Sehen, ob ich den Barkeeper bestechen kann, damit er mir was Stärkeres als diesen Fusel gibt. Nicht zu lange zum Ausgang starren. Und bloß nicht hoffen, dass vielleicht – ganz vielleicht – eine von ihnen mir zuhört, wenn ich über Muffins rede. Oder über meinen Hund. Oder über das Mal, als ich bei einem YouTube-Video über Pinguine geheult habe, weil die ein Leben lang zusammenbleiben. Und dass sie mich dann nicht sofort in die Schublade „Weichei“ steckt.

Nur ein einziges Mal wäre ich gern jemandes verdammter Typ.

Und wenn nicht?

Na ja, ich habe ja Muffins zu Hause.

Ein helles Klingeln ertönt, total munter und aufgesetzt. Es klingt wie das Geräusch der Mikrowelle, wenn sie die Reste der eigenen Schande aufgewärmt hat.

„Guten Abend zusammen und willkommen zu unserer zehnten Speed-Dating-Nacht!“, brüllt ein Mann von vorne in den Raum. Er führt sich auf, als würde er eine Spielshow moderieren und kein soziales Massaker. Er trägt ein lachsrosa Sakko, das aussieht, als käme es direkt aus der Wühlkiste im Secondhand-Laden. Über seinem Bierbauch spannt es mindestens zwei Nummern zu eng. Wenn er lacht, wackelt der Bauch – wie bei einem Weihnachtsmann, der aufgegeben hat und jetzt gebrauchte Hyundais verkauft. Seine Zähne sind zu weiß, seine Stimme ist zu laut. In seinen Augen blitzt der wahnsinnige Optimismus eines Mannes, der noch nie eine App benutzen musste, während er seit zwei Jahren sexuelle Trockenzeit schiebt.

„Wir versichern euch“, flötet er und zieht die Silbe in die Länge, als wäre es ein Versprechen Gottes, „heute Abend werdet ihr die Liiiiebe findeeeeen!“

Und jetzt der verdammte Applaus.

Ein paar Leute klatschen. Ein Typ pfeift, als wäre das hier ein Konzert und nicht der verzweifelte Versuch, nicht einsam zu verrecken. Ein paar Frauen jubeln. Jemand ruft tatsächlich „Yeah!“, als wäre er begeistert. Ehrlich, ich frage mich gerade, ob ich aus Versehen in einer Sekten-Zeremonie gelandet bin.

Ich will einfach nur sterben.

Nicht auf die dramatische Shakespeare-Art. Nein. Eher so nach dem Motto: „Bitte lass einen Kronleuchter auf meinen Kopf fallen, damit ich keinen Smalltalk mit der nächsten Pilates-Trainerin führen muss, die ‚emotionale Intelligenz‘ für eine Red Flag hält.“

Meine Handflächen sind schon schwitzig. Ich hasse das. Vor zwei Minuten waren sie noch trocken, aber jetzt ist es vorbei. Jetzt, wo ich wie Vieh zum erzwungenen Augenkontakt mit Fremden getrieben werde, während dieser Arsch im rosa Sakko die Illusion von Romantik verkauft, als wäre er Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff.

Ich schaue mich um – es ist ein verdammter Zoo. Da ist die taffe Karrierefrau im Hosenanzug, der schärfer geschnitten ist als meine Rasierklingen. Da ist die Yoga-Tante mit Perlenketten, die irgendein inneres Mantra summt. Da ist eine Frau, die aussieht, als würde sie mich ausweiden, wenn ich den falschen Witz mache. Und irgendwo in diesem Meer aus zurechtgemachten Gesichtern, falschem Lächeln und hoffnungsvollem Lipgloss soll ich mich in fünf verdammten Minuten verkaufen. Als wäre ich eine Limousine aus zweiter Hand mit gutem Kilometerstand und ohne Altlasten.

Spoiler: Die Altlasten sind da. Sie sind nur ordentlich zusammengelegt und hinter einem gequälten Grinsen versteckt, zusammen mit dem Satz: „In meiner Freizeit backe ich gern.“

Fünf Minuten. Mehr geben sie einem nicht. Fünf verdammte Minuten, um zu beweisen, dass man kein Widerling, kein Versager, kein Muttersöhnchen und kein Serienmörder ist. Fünf Minuten, um sie zum Lachen zu bringen, interessant zu klingen und sich verletzlich zu zeigen, ohne dabei auf dem Tisch zu verbluten. Und vielleicht, ganz vielleicht, will sie dich dann wiedersehen.

Und dann? Klingel. Der Nächste.

Wie Ablehnung im Akkord. Herzschmerz im Sekundentakt. Es ist ein Fleischwolf für die Seele und ich habe mich freiwillig angemeldet. Was sagt das über mich aus? Ich habe schon so viel Dating-Scheiße hinter mir, dass mir eine organisierte Demütigung nach Plan wie eine vernünftige Strategie vorkommt.

Gott, ich hasse das. Ich hasse alles daran. Ich hasse das grelle Deckenlicht, die Namensschilder, die sich an den Ecken aufrollen, den Typen neben mir, der alle fünf Sekunden seinen Atem in die Hand prüft, und den Geruch von billigem Parfüm, der meine Augen tränen lässt. Ich hasse es, dass ich es versuche. Dass ich es nach all dem immer noch versuche.

Und das Schlimmste?

Ich hasse diesen kleinen Funken Hoffnung, der einfach nicht stirbt. Dieser hartnäckige kleine Mistkerl klammert sich wie eine Zecke an meine Rippen und flüstert mir „vielleicht diesmal“ zu. Als würde er mich nicht gerade wieder direkt in den Häcksler schleifen.

Ich rücke meine Krawatte zurecht. Schon wieder. Sicher zum sechsten Mal. Es fühlt sich eher wie ein nervöser Tick an als wie Eitelkeit. Vielleicht reiße ich mir das Ding mittendrin vom Hals und erhänge mich damit in der Garderobe.

Rosa Sakko hält immer noch Monologe, als wären wir auf einem spirituellen Gipfeltreffen für chronische Singles. „Offene Herzen, echte Begegnungen, Magie in der Luft“, bla bla bla. Wenn er noch einmal „Reise“ sagt, beiße ich in diesen labbrigen Plastikbecher wie in eine Zyankali-Kapsel und beende mein Leiden hier und jetzt, umgeben von Klappstühlen und Verzweiflung.

„Nicht vergessen, Leute“, brüllt er mit seinem falschen Enthusiasmus und den Zähnen, die er definitiv mit einem Rabattgutschein hat bleichen lassen, „wenn die Glocke läutet, stehen die Damen auf und rücken einen Tisch weiter. Die Männer bleiben sitzen!“

Ja, danke. Wir verstehen einfache Anweisungen. Wir sind keine Goldfische. Wir verrotten innerlich nur gerade.

„Wenn es gefunkt hat“, fährt er fort, völlig blind für meine aufkeimenden Gewaltfantasien, „tauscht eure Karten aus… und viel Glück!“

Ding.

Und jetzt beginnt das Schlachtfest.

Die erste Frau setzt sich. Sie trägt eine Bibliothekarinnen-Brille und einen Pagenkopf, der so akkurat geschnitten ist, dass man damit wahrscheinlich Rigipsplatten schneiden könnte. Spitze Wangenknochen, ein Hosenanzug, der zwei Nummern zu eng ist, und eine Energie, die nach „diagnostiziert, aber nicht in Behandlung“ schreit.

„Hallo“, schnurrt sie und lehnt sich ein Stück vor. Ihre Stimme ist so honigsüß, dass sie in diesem hell erleuchteten Scheiß-Konferenzraum nichts zu suchen hat. Ihr Lächeln ist eine Spur zu breit, als hätte sie es mit einem Messer in der Hand vor dem Spiegel geübt.

„Hi“, sage ich und blinzle. Bin ich gerade in einem Softporno oder in einem Polizeiverhör gelandet?

Sie rückt sich mit zwei Fingern die Brille zurecht – ganz langsam. Verführerisch. Glaube ich zumindest. Vielleicht hat sie auch nur ein nervöses Zucken im Auge. Schwer zu sagen.

„Stehst du“, sagt sie und leckt sich über die Unterlippe, als hätte sie das mal in einem Musikvideo gesehen, „auf böse… böse Mädchen?“

Ach du heilige Scheiße.

Ich bringe ein Geräusch hervor. So ein ersticktes Krächzen der Verwirrung. Es sollte wohl ein Lachen sein, klang aber eher so, als würde ich an meinem eigenen Bedauern ersticken.

Bevor ich überhaupt antworten kann – Ding.

Gerettet durch die verdammte Glocke.

Sie steht mit einer übertriebenen Grazie auf, fast als würde sie schweben, um das Gleiche dem nächsten armen Kerl in der Reihe anzutun. Und schon lässt sich die nächste Frau auf den Stuhl fallen, als wäre sie aus einer Kanone geschossen worden.

Kein Hallo. Kein Augenkontakt. Nur:

„Glaubst du an Aliens?“

Ich blinzle.

Sie ist komplett in Camouflage. Anglerweste, Springerstiefel, Erkennungsmarken, von denen ich wette, dass sie nie ein Kasernentor von innen gesehen haben. Ihr linkes Handgelenk ist voll mit Paracord-Armbändern. Sie lehnt sich vor, ernst. Viel zu ernst.

„Ich glaube, die Regierung versteckt unter dem Flughafen von Denver irgendwelchen kranken Scheiß“, flüstert sie, „und ich traue Vögeln nicht.“

„Was?“

„Sie beobachten uns. Vögel sind Kameras. Wacht auf, ihr Schlafschafe!“

Ding.

Die Nächste.

Eine Frau in Leopardenprint und Zwölf-Zentimeter-Absätzen rutscht auf den Stuhl, als würde sie für „Real Housewives of Irrenhaus“ vorsprechen. Um ihre Augen hat sie Glitzersteine geklebt. Echte Steine.

„Hi Süßer“, leiert sie das Wort heraus, als wären wir seit zehn Jahren verheiratet und sie kurz davor, mein Auto zu zerkratzen. „Lass mich dich mal was ganz Wichtiges fragen – was ist dein Sternzeichen?“

Ich zögere.

„Jungfrau.“

„Oh, auf gar keinen Fall“, sagt sie, zückt ihr Handy und tippt aggressiv darauf herum. „Das ist eine verdammte Red Flag. Mein Therapeut hat mich gewarnt.“

Sie hält nicht mal die vollen fünf Minuten durch. Sie steht auf, murmelt „verdammte Jungfrau“, als hätte ich ihr Auto zerkratzt, und stöckelt auf ihren Stripper-Hufen davon.

Ding.

Die Nächste.

Eine Frau mit Glitzer auf den Augenbrauen setzt sich. Ich meine nicht Make-up. Ich meine echten Bastelglitzer. Ihre ganze verdammte Stirn funkelt, als hätte sie eine Kopfnuss auf einen Kindergartentisch gegeben. Sie riecht nach Weihrauch und leichter Brandstiftung.

„Du siehst aus wie ein Mark“, sagt sie.

„Ich bin ein Mark.“

„Wusste ich es doch“, sagt sie mit weit aufgerissenen, wilden Augen. „Ich bin eine Seherin.“

Ich versuche, nicht sichtlich zurückzuweichen. „Eine Seherin?“

„Ich lese Auren. Deine schreit geradezu.“

„Schreit?“

„So wie – aaaaaaahhhhhh.“ Sie macht das Geräusch nach. In voller Lautstärke.

Ich trinke meinen Wein. Alles davon. Sogar den Plastikbecher trinke ich fast mit leer.

Ding.

Nächste.

Eine Frau, die wie eine Disney-Schurkin angezogen ist, setzt sich hin. Das meine ich nicht mal metaphorisch. Sie trägt komplett Schwarz und Samt. Ihr lila Lidschatten sieht aus wie Kriegsbemalung. Sie legt einen Kristall auf den Tisch zwischen uns, als würden wir gleich um meine Seele duellieren.

„Ich habe meinen letzten Freund verhext“, sagt sie ohne Umschweife.

Ich zucke nicht mal mit der Wimper.

„Und wie ist das gelaufen?“

„Er hat jetzt Reizdarm.“

Ding.

Nächste.

Und das hier? Das ist erst eine Runde. Ich habe noch neunundvierzig weitere vor mir. Meine Hoffnung stirbt langsam. Meine Seele rollt sich zusammen wie nasses Papier. Und „Pink Blazer“ lächelt immer noch wie ein verdammter Schlangenöl-Prediger, der auf seinem eigenen Zeug hängengeblieben ist.

Aber ich bleibe sitzen. Ich lockere meine Krawatte ein wenig. Mein Herz hat einen Knacks. Ich nippe am Rest des Weins, der nach Bodenreiniger und gescheiterten Träumen schmeckt.

Denn was zur Hölle soll ich sonst machen?

Nach Hause gehen?

Verdammt, nein.

Ich habe zwanzig Dollar dafür bezahlt. Echtes Geld, keine Rückerstattung, direkt von meiner Kreditkarte. Das sind ein ganzes Dutzend Muffins und ein anständiger Latte Macchiato, die ich sonst in den Sand gesetzt hätte. Ich verlasse diesen höllischen Fleischmarkt nicht, bevor ich meine volle Ration an Ablehnung kassiert habe. Jedes. Einzelne. Glorreiche. Ding.

Etwa dreißig Runden sind jetzt rum. Dreißig identische Fünf-Minuten-Übungen in emotionalem Waterboarding. Meine Kontaktkarten? Immer noch ein unberührter Stapel von fünfzig Stück, genau wie am Anfang. Ich habe nicht eine einzige ausgeteilt. Sie liegen hämisch da und verurteilen mich von der Tischecke aus. Wie kleine quadratische Mahnmale für mein rapide sinkendes Selbstwertgefühl.

Die Hoffnung stirbt nicht mal mehr – sie wird gerade ausgeweidet. Ausgezogen, aufgeschlitzt, die Organe zum Trocknen aufgehängt. Ich halte nur noch aus purem Trotz und wegen des Koffeins durch.

Ding.

Die Nächste rückt nach.

Und – heilige Scheiße.

Okay.

Okay.

Sie ist hübsch. Also, wirklich hübsch. Nicht auf diese Instagram-Filter-Botox-Schlachtfeld-Art. Nein, das hier ist klassische, natürlich blonde, wahrscheinlich-früher-mal-gesurft-Hübschheit. Die hellen Strähnen in ihrem Haar sehen nicht so aus, als kämen sie aus einem Salon namens Vicious Blonde. Ihr Make-up ist normal. Gott sei Dank, einfach nur ganz normal. Als wüsste sie, was Rouge ist und wie man es einsetzt, ohne jemanden damit zu erschlagen.

Sie trägt ein Wickelkleid. Moosgrün, weicher Stoff, es betont die Kurven an genau den richtigen Stellen. Der tiefe V-Ausschnitt zeigt ein ziemlich beeindruckendes Dekolleté. Und ja, verklagt mich ruhig, ich hab’s gesehen. Meine Augen sind nun mal mit meinem Gehirn verbunden. Und mein Gehirn hat sofort Heilige Scheiße geschrien, als sie sich setzte. Da ist ein Ausschnitt. Er ist geschmackvoll, aber er ist da, und ich bin ein einfacher Mann. Tolle Figur. Gesund, nicht runtergehungert, mit Schenkeln, die Träume zermalmen könnten.

Sie sieht aus wie dreißig. Selbstbewusst. In sich ruhend. Sie vibriert nicht vor chaotischer Tauben-Energie wie die letzten zwölf Frauen.

Sie setzt sich. Ruhig. Gefasst.

„Hi“, sagt sie. Einfach, klar, keine Sekten-Untertöne, keine sofortigen Sex-Angebote, keine ungefragten Verschwörungstheorien über Vogel-Überwachung.

Es ist so verdammt normal, dass ich fast heulen möchte.

„Hi“, antworte ich, und meine Stimme krächzt ein wenig, weil ich sie so lange nicht benutzt habe. „Ich bin Mark.“

Sie lächelt. Ein kleines, höfliches Lächeln mit Grübchen, die nicht nach Fillern aussehen. „Ellie. Freut mich, dich kennenzulernen.“

Schöne Stimme. Eher tief. Die Art von Frau, die beim Brunch nicht rumkreischt. Die wahrscheinlich echte Bücher liest. Die vielleicht nicht wegrennt, wenn ich sage, dass ich bei Marley & Ich geheult habe.

Sie lehnt sich leicht vor. „Wie ist dein Abend bisher?“

Wie ist der Abend? Wie ist der verdammte Abend?

Soll ich ihr sagen, dass ich die letzten zwei Stunden von einem menschlichen Horoskop-Feed, einer Verschwörungstheoretikerin, einer Ex-Verhexerin und mindestens einer wahrscheinlichen Sukkubus angequatscht wurde? Dass ich gefragt wurde, ob ich gewürgt oder gepeggt werden will, ob ich in ein Schneeballsystem einsteigen oder in Lavendelöl getauft werden möchte? Dass ich mich geistig an den Satz „Ich will eine Freundin“ klammere wie an das letzte Wort eines sterbenden Gebets?

Stattdessen lächle ich nur. Gezwungen. Müde.

„Es war eine Reise.“

Sie zieht eine Augenbraue hoch, verspielt. „Oh Gott. So schlimm?“

„Ich habe Dinge gesehen“, sage ich und greife nach meinem Wasser wie ein traumatisierter Kriegsveteran. „Schreckliche Dinge. Frauen mit Glitzer auf der Stirn. Eine hat gefragt, ob ich ‚Schmerz essen‘ will. Ich glaube, das war eine Metapher, aber sicher bin ich mir nicht.“

Sie lacht. Und das ist kein höfliches Kichern – es ist ein echtes Lachen, bei dem die Schultern beben und sie ein wenig schnaubt. Mein Herz macht einen Sprung. Vielleicht, vielleicht ist endlich jemand Normales aufgetaucht.

„Gott, das ist ja unglaublich“, sagt sie. „Ich hatte vorhin einen Typen, der meinte, er sucht eine ‚Braut mit Gebärfreudigkeit und einer Schwertsammlung‘.“

„Bitte sag mir, dass du ihn mit einer Gabel erstochen hast.“

„Nein. Aber ich habe ‚Wir sehen uns in der Hölle‘ auf seine Kontaktkarte geschrieben.“

Okay, jetzt lächle ich wirklich. Sie ist schlau. Schlagfertig. Wunderschön. Und sie versucht nicht, meine Aura zu reinigen oder mich allein durch suggestiven Augenkontakt zu verführen.

Und zum ersten Mal in diesem gottverlassenen Karneval des Wahnsinns lehne ich mich in meinem Stuhl zurück. Meine Schultern lockern sich, ich kann freier atmen.

Vielleicht ist es nichts.

Oder vielleicht – ganz vielleicht – hat das verdammte Universum beschlossen, mir endlich mal einen Knochen hinzuwerfen. Nachdem es mich durch dreißig Runden psychologische Kriegsführung, Demütigung und mindestens einen echten Sekten-Anwerbeversuch geschleift hat. Nicht aus Mitleid natürlich, sondern wahrscheinlich nur, um mich zu verarschen. Mir wird was Gutes vor die Nase gehalten nach dem Motto: „Hier, du emotional ausgehungerter Bastard – mal sehen, ob du daran auch erstickst.“

Ich beiße trotzdem an.

„Und?“, sage ich und proste ihr mit meinem Plastikbecher zu, als wären wir zwei Stammgäste in einer ranzigen Kneipe und nicht Opfer einer Single-Viehauktion. „Was hat dich in dieses Becken der Verzweiflung getrieben?“

Sie grinst – ironisch, selbstbewusst, verdammt echt – und zuckt mit den Schultern. Ihre Finger fahren am Rand ihres Bechers entlang. Ihre Nägel sind kurz und passend zum Kleid dunkelgrün lackiert. Keine Steinchen. Kein Glitzer. Keine Talismane. Einfach eine gestandene, selbstbewusste Frau, die aussieht, als würde sie ihre Rechnungen pünktlich bezahlen und nicht an rückläufige Planeten glauben.

„Oh, ich glaube, ich bin einfach zu altmodisch“, sagt sie, und ich schwöre bei Gott, mein verdammtes Herz macht einen kleinen Luftsprung.

„Jesus“, murmle ich. „Vorsicht. Das klang fast vernünftig.“

Sie lacht wieder, mit kleinen Fältchen um die Augen. Ich möchte dieses Geräusch in Flaschen abfüllen, als Gegenmittel für jeden verdammten TikTok-Dating-Coach.

„Ich komme mit den Apps einfach nicht klar“, fährt sie fort. „Es ist alles so... fake. Jeder verkauft eine Version von sich selbst, die gar nicht existiert. Dieser ganze Bullshit mit ‚Soll ich jetzt schreiben oder zwei Werktage warten?‘ Was soll das? Will ich jemanden daten oder meine Steuererklärung machen?“

„Oh mein Gott, danke“, sage ich etwas lauter als beabsichtigt. „Wenn ich nach einer ‚tollen Unterhaltung‘ noch einmal geghostet werde, fange ich an, verdammte Rechnungen zu schreiben.“

Sie grinst. „Für emotionale Arbeit?“

„Für verschwendete Zeit, Serotonin und die Würde, die ich beim Smalltalk über Wandern geopfert habe. Ich wandere nicht, Ellie. Ich laufe höchstens aggressiv durch die Gänge im Supermarkt. Das ist alles.“

Sie lacht schallend auf, wirft den Kopf nach hinten und streift sich mit der Hand über das Schlüsselbein. Dabei erhasche ich wieder einen Blick auf dieses wunderschöne, mörderische Dekolleté, das in diesem grell beleuchteten Konferenzraum eines Best Western eigentlich gar nicht existieren dürfte.

„Du bist lustig“, sagt sie ein wenig überrascht.

„Danke“, antworte ich. „Das ist meistens nur das Trauma.“

„Ist es das nicht immer?“, sagt sie und hebt ihren Becher zum Gruß. „Auf das gemeinsame Trauma.“

Wir lassen unsere beschissenen Plastikbecher aneinanderklacken, als wäre es Champagner und kein lauwarmer Pinot Grigio, der nach Reue und Aluminium schmeckt.

Und zum ersten Mal seit Wochen, Monaten, vielleicht Jahren habe ich das Gefühl, mit jemandem zu reden, der es versteht. Jemand, der nicht hierhergekommen ist, um angebetet, repariert oder gefürchtet zu werden. Jemand, der einfach verdammt noch mal da ist, präsent, ehrlich und vielleicht – ganz vielleicht – im selben verfluchten kleinen sinkenden Rettungsboot sitzt wie ich.

Ich weiß nicht, wohin das führt. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde. Aber jetzt gerade, unter dem Neonlicht und dem Gestank von zu viel Axe-Deo, denke ich nicht an Versagen oder Einsamkeit oder den langsamen, demütigenden Zusammenbruch der modernen Romantik.

Ich denke nur:

Endlich.

Ding.

Oh Mist.

Das Geräusch ist dieses Mal grausam. Es signalisiert nicht nur das Ende einer Runde – es ist der schmerzhafte Riss von etwas Zartem und Gutem, das mir gerade entrissen wird. Ich spüre es bis in die Wirbelsäule. Das pavlovsche Läuten, das mir sagt: Weitergehen, Verlierer, Zeit ist um, der Traum ist vorbei.

Sie blickt zur Uhr, dann wieder zu mir, ein bisschen zu schnell. Ihr Mund öffnet sich, sie zögert. Ihre Finger nesteln an etwas in ihrer Handtasche herum. Und dann tut sie es – sie atmet tief ein, ein nervöses Lächeln huscht über ihr Gesicht, bei dem sich nur ein Mundwinkel hebt, als wäre sie unsicher, ob sie das wirklich tun sollte.

„Hey... ähm“, sagt sie und stolpert über die erste Silbe. „Wenn du Lust hast... ähm, das hier ist, äh – mein Kärtchen.“

Sie hat gestottert.

Sie hat verdammt noch mal gestottert.

Kein aufgesetztes Flirten, kein einstudiertes Gehabe. Ein echtes, ehrliches Stocken. Ungeplant. Ehrlich. Verdammt süß. Es trifft mich mitten in die Brust – dieser perfekte Gegensatz zu den letzten dreißig Speed-Dating-Amazonen, die wie bei einem Vorstellungsgespräch oder wie Sektenführer geredet haben. Sie ist leicht errötet, versucht es wegzulächeln, und ich möchte am liebsten über den Tisch greifen und einfach – ihre Hand halten. Oder sie küssen. Oder ihr sagen, dass es okay ist. Dass sie nicht cool oder perfekt sein muss, denn verdammt, sie hat schon den Jackpot geknackt, einfach nur, weil sie echt ist.

Sie schiebt die Karte über den Tisch. Ihre Finger berühren nur kurz den Rand, als würde sie sich verbrennen, wenn sie sie eine Sekunde länger festhält.

Elle Whitaker.

Telefonnummer. Das ist alles.

Kein LinkedIn-Titel. Keine Liste von Hobbys wie in einem Lebenslauf. Kein kitschiges Zitat in Kursivschrift, das auf eine „verspielte Seite“ hindeuten soll. Nur ein Name und eine Nummer. Direkt. Selbstbewusst. Privat. Es ist, als hätte sie Das bin ich gesagt, ohne ein Wort zu verlieren.

Elle.

Sogar der Name klingt weich. Elle. Eine Silbe. Elegant. Dezent. Wie jemand, der wahrscheinlich Kaschmirpullover trägt, Whisky pur trinkt und über einem Buch weint.

Ich nehme die Karte vorsichtig hoch, als könnte sie zerfallen, wenn ich zu stark atme. Sie ist auf dickem, mattem Karton gedruckt – dezent, professionell, kein Glanz, kein Schnickschnack. Einfach Qualität. Alles daran sagt: Ich bin nicht hier, um Spielchen zu spielen. Ich bin da, wenn du es auch bist.

„Danke“, murmle ich, und meine Stimme klingt etwas rau. Meine Kehle muss sich wohl noch von all den emotional toten Begegnungen des heutigen Abends erholen.

Sie lächelt wieder, sanft und verlegen und verdammt hübsch. Dann steht sie mit einem kleinen Nicken auf und wirft mir einen letzten Blick zu, der fast schüchtern wirkt. Als wäre sie selbst überrascht, dass sie es wirklich getan hat. Dass sie mir ihre Karte gegeben hat. Dass sie mich gewählt hat.

Dann ist sie weg. Sie verschwindet im nächsten Kreis der Hölle und lässt ihren Duft zurück – etwas Warmes, Sauberes, leicht Holziges. Wie Zitrus und Zeder und diese Art von Intimität, die man erlebt, wenn das Licht noch an ist.

Ich bleibe einen Moment zu lange sitzen. Alle anderen rücken schon auf, stehen bereit für die nächste Runde existenziellem Schmerz, aber ich halte immer noch ihren Namen in der Hand wie einen verdammten Rettungsring. Elle Whitaker. Es fühlt sich an wie ein Zauberspruch.

Ich schiebe die Karte in mein Portemonnaie. Nicht in die Gesäßtasche. Nicht in die Jacke. Ins Portemonnaie. Direkt neben meinen Führerschein. Als wäre es wichtig.

Weil es das ist.

Und zum ersten Mal graust es mir nicht vor dem nächsten Ding.

Denn Elle existiert.

Und vielleicht – ganz vielleicht – ist es ihr nicht egal, ob ich ihr morgen schreibe. Oder heute Abend. Oder in zwei Werktagen.

Scheiß auf Werktage. Ich schreibe ihr in der Sekunde, in der ich nach Hause komme.