Kapitel 1
POV: Amanda
Die Marke lag schwer in meiner Handfläche – mehr als nur ein Stück Metall, aber weniger als das, was sie mir einmal bedeutet hatte.
Meiner Familie. Meinem Vater.
Jahrelang hatte ich mir in Uniform den Arsch aufgerissen und mich an jede Regel gehalten. Jetzt stand ich in der Umkleide des Reviers und starrte die Marke an wie den Geist von jemandem, der ich einmal war.
„Whitmore.“
Mein Nachname wog manchmal schwerer, als ich ertragen konnte.
Ich drehte mich um. Captain Clifford füllte den Türrahmen aus. Er hatte graues Haar, verschränkte die Arme und machte sein übliches mürrisches Gesicht. Das wurde immer noch finsterer, wenn das FBI sich einmischte.
Die Ermittlung war riesig geworden. Meine Besessenheit war noch größer.
Denn es ging um die De Luccas.
Das ist die Mafia-Familie, die meinen Vater getötet hat, als er ihnen Handschellen anlegen wollte.
Ihren Untergang zu erleben, war mein Lebensziel. Als der Fall mir entglitt und an das FBI ging, war ein Undercover-Einsatz meine einzige Chance, dranzubleiben. Es war der einzige Weg, zu Ende zu bringen, was mein Vater angefangen hatte.
Also sagte ich zu.
„Sind Sie sicher, dass Sie bereit dafür sind?“, fragte Clifford.
„Bereit ist mein zweiter Vorname“, log ich und knallte den Spind zu.
Er reichte mir eine dünne Mappe, die schon nach Geheimtinte roch. Er wusste, dass ich sie eigentlich nicht brauchte. Ich kannte jede Seite und jedes Detail über die De Luccas auswendig.
„Die Familie De Lucca“, sagte er. „Sie gehen als Amanda Carter rein. Ex-Militär, privater Bodyguard. Der Hintergrund ist wasserdicht. Sie werden es Ihnen abkaufen.“
Natürlich würden sie das, denn die Hälfte davon war wahr. Mein Vorname blieb Amanda, wir tauschten nur den Nachnamen aus. Ich war beim Militär. Ich hatte die Ausbildung, die Narben und die Disziplin.
Ich schlug die Mappe trotzdem auf. Bilder voller Macht starrten mich an: Nachtclubs, Verladestationen, Casinos – jedes davon mit dem schwarz-goldenen Siegel ihres Imperiums versehen.
Ganz oben war der Anführer persönlich zu sehen.
Adrian Matteo De Lucca.
Der Erbe der Mafia.
Als mein Vater getötet wurde, leitete sein Vater Lorenzo De Lucca die Familie. Adrian hatte vor zwei Jahren die Kontrolle übernommen.
Das Foto vor mir war schwarz-weiß. Es zeigte eine scharfe Kinnpartie und Augen wie Stahl. Er strahlte eine unantastbare Arroganz aus.
Und Schönheit.
Gott, ich hasste dieses Wort. Ich hasste es, wie verdammt gut er aussah. Es war diese Art von Aussehen, die einem ein flaues Gefühl im Magen beschert.
„Er ist Ihr Auftrag“, sagte Clifford. „Seine Rivalen haben es schon zweimal versucht. Er kurriert noch die Verletzungen vom letzten Mal aus. Wir brauchen jemanden dort drin. Beobachten Sie ihn. Beschützen Sie ihn. Und wenn wir Glück haben, macht er einen Fehler und liefert uns genug, um sie endlich dranzukriegen.“
Ich klemmte mir die Mappe unter den Arm. Mein Herzschlag war ruhig, aber schnell.
„Verstanden.“
Clifford kniff die Augen zusammen. „Das ist keine normale Streife, Whitmore. Sie begeben sich direkt in die Höhle des Löwen. Das FBI will Augen und Ohren vor Ort haben. Aber solange wir nichts gegen sie in der Hand haben, sind Sie sein Schatten. Sein Schutz. Lassen Sie Ihre Tarnung nicht auffliegen.“
„Ja, Sir.“
Als ich das Revier verließ, war Amanda Whitmore Geschichte. An ihre Stelle trat Amanda Carter – Bodyguard, Miet-Soldatin und die neueste Figur auf dem Schachbrett der De Luccas.
Das Anwesen ragte am Horizont auf, als hätte man es direkt aus der Toskana nach Amerika verpflanzt. Eisentore, Marmorstufen. Es war dieser Reichtum, der andere einschüchtern sollte – und es funktionierte.
Ich machte den Rücken gerade. Ich erinnerte mich daran, dass ich schon Schlimmeres erlebt hatte: Kabul, Bagdad und Razzien, gegen die das hier wie ein Kaffeekränzchen wirkte.
Trotzdem lief mir eine Gänsehaut über den Rücken. Mein Puls raste, als stünde ich bereits im Fadenkreuz.
Die Tore öffneten sich. Ich trat ein.
Im Foyer wartete eine Frau auf mich. Sie war groß, elegant und hatte dunkles Haar, das ihre grünen Augen umrahmte. Ihr Lächeln war viel zu herzlich für diese kalten Marmorwände.
Sie war wunderschön. Was war nur mit diesen italienischen Familien los? Alle sahen aus, als kämen sie direkt vom Cover der Vogue.
„Sie müssen Amanda Carter sein“, sagte sie mit einem weichen, singenden Akzent. Sie reichte mir die Hand. „Isabella De Lucca. Aber bitte, nennen Sie mich Bella.“
Ihr Händedruck war fest und ehrlich. Sie war ganz anders als die Mafia-Klischees, auf die ich mich vorbereitet hatte. Für einen Moment konnte ich durchatmen.
Dann führte sie mich tiefer ins Haus, vorbei an Ölgemälden und goldenen Rahmen. Schließlich blieb sie vor einer dunklen Holztür stehen.
„Er erwartet Sie.“
Sie stieß die Tür auf.
Und da sah ich ihn.
Adrian Matteo De Lucca.
Kein Foto. Keine Tinte auf Papier.
Aus Fleisch und Blut und sündhaft gut gebaut.
Und auch aus echtem Blut.
Er stand ohne Hemd hinter seinem Schreibtisch. Ein alter Mann im weißen Kittel legte gerade die letzten Verbände um seine breite Brust an.
Und sein Körper –
Gott steh mir bei.
Sein Körper war einfach heiß. Harte Muskeln, gezeichnet von Narben und Tattoos – eine gefährliche Landkarte auf perfekter Haut. Mein Herz setzte aus, mein Hals wurde trocken. Zum ersten Mal seit Jahren ließ mich meine Disziplin im Stich.
Die Akte war nichts gegen die Realität. Er war größer als erwartet, breiter, dunkler und lebendiger. Sein Haar war lässig nach hinten gestrichen. Seine Augen – hellbraun, glühend und tödlich – hielten mich sofort gefangen.
Ein griechischer Gott in der Gestalt eines Teufels.
Sein Blick brannte drei lange, heiße Sekunden lang auf mir.
Dann blaffte er los – tief, wütend und scharf:
„Was zur Hölle soll das, Bella?“
Scheiße.
Adrians Blick hätte Marmor spalten können.
Seine verbundene Brust hob und senkte sich voller Wut. Jeder Muskel war angespannt, jede Narbe deutlich zu sehen.
„Du bringst mir einen Babysitter, Bella?“ Seine Stimme war pures Gift und der Akzent machte jedes Wort zu einer Waffe.
„Sie ist kein Babysitter, sie ist dein Schutz!“, feuerte Bella zurück, ihre grünen Augen blitzten vor Zorn.
„Ich brauche keinen Schutz!“, brüllte er, dass es von den Steinwänden widerhallte. Er knallte seine Hand auf den Tisch, sodass eine Flasche darauf klapperte.
„Du wurdest letzte Woche angeschossen!“, fuhr sie ihn an und wurde genauso laut wie er. „Und man wird dich wieder anschießen, wenn du weiter so tust, als wärst du unbesiegbar!“
Jetzt stritten sie in schnellem Italienisch weiter. Die Worte prallten aufeinander wie ein Sturm. Ich konnte ihnen folgen, aber nicht schnell genug. Ich schnappte nur sorella – Schwester – und testarda – stur – auf.
Ich hatte schon genug Familienstreits erlebt, um eines zu wissen: Keiner von beiden würde nachgeben.
Also trat ich vor. Meine Stiefel klangen schwer auf dem polierten Boden.
„Es reicht“, sagte ich. Meine Stimme war ruhig und fest, aber sie schnitt durch den Lärm.
Beide erstarrten. Adrians Augen fixierten mich, scharf und brennend. Bellas Schultern sackten vor Erleichterung und Trotz nach unten.
„Ihre Schwester hat mich aus einem einzigen Grund eingestellt“, sagte ich und sah Adrian direkt an. Ich weigerte mich, vor seinem Zorn zurückzuweichen. „Um Sie am Leben zu halten. Ob es Ihnen passt oder nicht.“
Er kam hinter dem Schreibtisch hervor und baute sich vor mir auf.
Verdammt – aus der Nähe war er noch gewaltiger. Viel breiter. Sein Schatten verschlang meinen. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen. Mein ganzer Körper war angespannt. Mein Instinkt sagte mir, ich solle Haltung bewahren, während sich tief in meinem Bauch Hitze ausbreitete.
„Und wie zur Hölle“, murmelte er mit rauer, gefährlicher Stimme, „glaubst du, mich beschützen zu können?“
Seine Brust war nur Zentimeter von meiner entfernt. Er strahlte Hitze aus. Der Geruch von Seife, teurem Parfum, Rauch und Blut stieg mir in die Nase. Mein Puls raste, aber meine Ausbildung saß tief.
Ich trat ganz bewusst noch einen Schritt näher. Ich hob das Kinn noch ein Stück höher, um seinen Blick zu erwidern. Er sah unter seinen Wimpern auf mich herab. Unsere Blicke verhakten sich und die Luft zwischen uns wurde dick – fast schon aufgeladen mit Sex.
Mir gefiel es, wie sehr ihn das ablenkte.
Mit einer schnellen Bewegung glitt meine Hand hinter seinen Rücken. Meine Finger schlossen sich um die Glock, die in seinem Gürtel steckte. Ich zog sie ganz geschmeidig heraus.
Er merkte es erst, als das Gewicht fehlte. Er legte die Stirn in Falten und sah an sich herab, als könne er nicht glauben, was gerade passiert war.
Bevor er reagieren konnte, ging ich in die Hocke. Meine Hand schnellte zu seinem Knöchel. Die zweite Pistole war schon aus dem Holster, bevor er blinzeln konnte.
Ich richtete mich langsam wieder auf. Die beiden Waffen baumelten in meinen Händen und ich grinste leicht. Sein Gesicht wurde hart, sein Kiefer spannte sich an.
„Was zum –?“, setzte er an, aber ich war schon in Bewegung.
Ich begann, die Waffen blitzschnell zu zerlegen. Der Stahl klickte und klackerte, während die Teile auseinanderglitten. Meine Hände arbeiteten wie von selbst. Ich nahm jede Waffe bis auf das Grundgerüst auseinander und ließ die Patronen in meine Handfläche gleiten.
„Darum.“
Ich legte die leeren Hülsen mit einem klirrenden Geräusch auf seinen Schreibtisch.
Seine Brust hob und senkte sich schwer. Er kniff die Augen zusammen. Da war Wut in seinem Blick – und noch etwas anderes, Dunkleres.
Aber ich hörte nicht auf.
Mein Blick huschte an ihm vorbei. Ich hatte schon beim Reinkommen die Details bemerkt: das Blinken von Stahl in der Schreibtischschublade und die Wölbung im Buchrücken einer Attrappe im Regal.
Ich griff schnell und präzise zu und holte beide Waffen aus ihren Verstecken. Eins. Zwei.
Sie landeten auf dem wachsenden Haufen in meinen Händen.
Mit der gleichen Geschwindigkeit baute ich sie auseinander und wieder zusammen. Das Metall rastete mit sauberen Klicks wieder ein.
Nun stand ich da, bewaffnet. Sein ganzes Arsenal lag zerlegt und wieder zusammengebaut vor mir. Ich hielt seine Waffen wie Trophäen in den Händen. Es war der Beweis, wie leicht ich seine Verteidigung ausschalten konnte.
„Weil selbst der Mafia-König Schutz braucht“, sagte ich leise und fest. Meine Stimme schnitt durch die Stille im Raum.
Dann hob ich eine seiner Pistolen und zielte direkt auf seine Brust.
„Und diesen Schutz kann ich Ihnen bieten. Denn ich sehe nicht wie ein Bodyguard aus. Das bedeutet, ich kann Leute überraschen.“
Eine lange, bedrückende Sekunde lang herrschte Schweigen zwischen uns.
Seine breite, verbundene Brust bebte. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass ich seine Zähne knirschen hörte.
Dann senkte sich sein Blick. Nicht weit, nur ein kurzes Flattern.
Von meinen Augen… zu meinem Mund.
Ein verräterisches Prickeln lief mir den Rücken hinunter. Ganz instinktiv öffneten sich meine Lippen einen Spalt, bevor ich sie wieder fest zusammenpresste.
Adrian fing sich genauso schnell wieder. Sein Gesicht wurde hart wie Stahl.
„Glaubst du, das beweist irgendetwas?“, knurrte er und trat noch näher an mich heran. Seine Stimme war leise und tödlich, aber sie klang auch schwer und dunkel. „Dass du einfach in mein Haus kommen und mich vor meiner Schwester bloßstellen kannst? Dass du meine Waffe auf mich richtest wie auf irgendeinen Straßengauner?“
Seine Hand schnellte vor. Er umschloss den Lauf der Pistole, die ich an seine Brust hielt. Er riss nicht daran und wandte keine Gewalt an. Er hielt sie einfach fest. Seine Hitze übertrug sich auf meine Finger.
„Ich könnte dich in der Luft zerreißen“, flüsterte er.
Mein Puls beschleunigte sich. Ich ließ meine Mundwinkel zu einem ganz schwachen Lächeln nach oben zucken.
„Versuch’s doch.“
Für einen Moment – Gott steh mir bei – brannte in seinen Augen mehr als nur Wut. Da war Neugier. Und Verlangen.
In diesem Augenblick räusperte sich Bella.
Adrian fuhr zu ihr herum. Er ließ meine Hand los, als hätte er sich verbrannt. Seine Nasenflügel bebten, während er ein paar Mal tief durchatmete. Schließlich stieß er leise einen Fluch aus.
„Schön“, presste er mürrisch hervor. „Sie bleibt. Aber das hast du zu verantworten, Bella.“
Bella lächelte nur völlig unbeeindruckt.
Adrian funkelte mich wieder böse an. „Und glaub bloß nicht, dass du mein Vertrauen schon hast, guardia del corpo. Das musst du dir erst noch verdienen.“
Die Art, wie er das sagte – wie eine Drohung und ein Versprechen zugleich – ging mir unter die Haut.
Er drehte sich weg. Er schnappte sich ein Hemd von der Stuhllehne und zog es sich über. So verdeckte er die Narben, die Tattoos und diesen Körper, den ich mir gegen meinen Willen eingeprägt hatte.
„Zeig ihr das Haus“, herrschte er Bella an. Dann stampfte er zur gegenüberliegenden Tür und knallte sie hinter sich zu.
Der ganze Raum bebte.
Bella atmete tief aus. Sie sah mich mit einem Lächeln an, das halb entschuldigend und halb amüsiert wirkte.
„Kommen Sie“, sagte sie sanft. „Ich zeige Ihnen alles.“
Das Anwesen der De Luccas war weniger ein Haus als ein Labyrinth aus Marmor, hohen Decken und endlosen Gängen. Jeder Raum strahlte Reichtum, Macht und Geschichte aus.
Bella erklärte mir alles beim Gehen. Sie zeigte mir die verschiedenen Flügel des Hauses, die Kapelle, die Küche, die Gästezimmer und die bewachten Büros.
Schließlich traten wir in den Garten hinter dem Haus.
Das Sonnenlicht fiel in den Hof und glitzerte auf einem Springbrunnen. Die Hecken waren perfekt in Form geschnitten.
Dort stand ein Mann. Er war groß, breit gebaut und wirkte fast schon schmerzhaft vertraut.
Sein dunkles Haar war an den Schläfen grau meliert. Er hielt sich aufrecht und wirkte immer noch sehr kräftig. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und betrachtete das Grundstück, als gehöre ihm die ganze Welt.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Denn er sah aus wie Adrian.
Wie Adrian, nur älter. Und härter.
Bella atmete zittrig aus. Ihre grünen Augen wurden weich und blickten traurig drein.
„Das dort“, flüsterte sie, „ist der Grund, warum mein Bruder angeschossen wurde.“