Kapitel 1 - Die Kaffeekatastrophe
Die Ambulanz roch nach Desinfektionsmittel, Schweiß und allerlei Sachen, die ich nur zu gerne ignorieren würde. Mein Schlafmangel tat sein übriges. Ich balancierte einen Stapel Patientenakten auf dem linken Arm, hatte mein angebissenes belegtes Brötchen im Mundwinkel hängen und meine erste hart erkämpfte Tasse Kaffee in der rechten Hand - mein persönliches Überlebenselixier.
„Dr. Haase, Sie müssen gleich dringend in Raum 3!" rief mir Lina entgegen, eine engagierte junge Krankenschwester in meinem Alter.
„Bin gleich da!" japste ich und versuchte gleichzeitig die verirrten Haarsträhnen aus meinem unordentlichen Dutt aus dem Gesicht zu streichen und die Akten in die richtige Reihenfolge zu bekommen.
Und genau in diesem Moment passierte es.
Ich hetzte auf den Flur hinaus und prallte gegen eine harte Wand. Zumindest dachte ich, es wäre eine Wand bis diese laut fluchend zurücktaumelte.
Mein kostbarer Kaffee ergoss sich in einem spektakulären Bogen über den Fremden. Bespritze das Smartphone und eine schwarze Lederjacke.
„Oh nein, verdammt! Es tut mir so leid!" stammelte ich und versuchte mit der bloßen Hand die Flüssigkeit aufzuwischen.
„Ernsthaft?!" Die Stimme war tief, rau und eindeutig genervt. Sie gehörte definitiv zu keiner Wand! Ich blickte vorsichtig auf.
Vor mir stand ein Mann, groß, breitschulterig, die Augen so dunkel wie der frisch verschüttete Kaffee. Sein Gesicht war zu einer gefährlichen Grimasse verzogen und nichts an ihm schien freundlich zu wirken.
„Schon mal was von aufpassen gehört?" fragte er kühl und hob das tropfende Smartphone hoch, als hätte ich ihm gerade sein Neugeborenes aus der Hand geschlagen.
Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Immerhin sind Sie jetzt wach. Oder heiß, wie man es nimmt." Innerlich schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn - wie konnte ich nur. Er blinzelte. Keine Regung, nicht mal ein Zucken des Mundwinkels.
„Das ist ein Smartphone im Wert von 1.200 Euro und von der Lederjacke fangen wir gar nicht erst an."
„Oh!" Ich biss mir auf die Lippe. „Dann ist es jetzt koffeinbetrieben?"
Sein Blick in diesem Moment war unbezahlbar - irgendwas zwischen Mordgedanken und absolutem Unglauben.
„Unglaublich!" murmelte er. „Ein wandelndes Sicherheitsrisiko."
„ Ach, kommen Sie!" sagte ich und deutete mit den Patientenakten auf die Notaufnahme hinter ihm. „Hier passieren jeden Tag weitaus schlimmere Unfälle! Sehen Sie es als Übung."
Er schaute mich noch eine Sekunde lang an, dann wandte er sich abrupt ab, wischte sein Smartphone an der Jeans ab und marschierte davon. Seine Lederjacke mit auffälligen Flecken und seine Haltung stocksteif.
Ich seufzte schwer. Toller Start in den Tag. Kaffee weg, Oberteil versaut und Mister Lederjacke verärgert.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich ihn schon bald wiedersehen würde.