1: Gerechtfertigte Wut und eine unerwartete Runde Tetris
Amelia Graham
„Ich meine, du kannst bleiben, Mills…“
Ich klemmte mir das Handy zwischen Ohr und Schulter. Dann versuchte ich, den Karton in meinen Händen wie beim Tetris in den Kofferraum meines uralten Honda Civic zu quetschen. Ich pustete mir eine Strähne aus dem Gesicht und seufzte: „Aber…?“
„Kein Aber.“ Cora machte eine kurze Pause. „Es ist nur so, dass der Winter vor der Tür steht. Und diese Hütte ist nicht gerade für einen Winterurlaub gedacht.“
Ich schob eine Kiste mit Geschirr beiseite, was ein besorgniserregendes Klirren verursachte. Ich zuckte zusammen. „Ich weiß. Aber mir gehen hier langsam die Optionen aus.“
„Ist Brian immer noch so ein Arschloch?“
Ich brummte genervt, während ich den Karton auf die andere Hüfte hievte. Ich ging auf die andere Seite meiner Schrottlaube. Vielleicht sollte ich einfach alle Klamotten aus der Reisetasche nehmen und sie in die Lücken stopfen? „Ich habe ihn mit Cameron im Bett erwischt.“
Sie machte ein mitfühlendes Geräusch.
„Seine schlechte Laune, die Demütigungen und den ständigen Streit kann ich ja wegstecken. Aber bei Untreue ziehe ich die Reißleine.“ Ich stopfte geistesabwesend Kleidung in jede Ritze, die ich finden konnte.
„Warte, Cameron? Der Typ oder die Frau?“
„Der Typ“, sagte ich bitter. Ich versuchte weiterhin vergeblich, mein gesamtes Hab und Gut in das kleinste Auto der Welt zu quetschen.
„Das ist –“
„Jep.“
„Er ist schwul?“
„Ich habe keine Ahnung. Ehrlich gesagt ist es mir auch scheißegal, es ist nicht mehr mein Problem.“
„Na ja, wenn man bedenkt, dass du jetzt obdachlos bist, würde ich sagen, es ist sehr wohl dein Problem.“ Sie seufzte. „Schon gut, du kannst dort bleiben, so lange du willst. Bestell dir nur genug Brennholz – und zwar ordentlich was – wenn du länger dort oben bleiben willst. Und gewöhn dich schon mal daran, eingeschneit zu werden.“
„Eingeschneit zu werden klingt fantastisch“, gab ich ehrlich zu. „Dann habe ich endlich Zeit, meinen Roman fertigzuschreiben.“
„Stimmt, der Roman. Wie läuft’s eigentlich damit?“
„Gut!“, log ich. Im Hintergrund läutete eine Glocke. Uff, gerettet, im wahrsten Sinne des Wortes.
„Oh, ich muss los, die Kinder kommen aus der Schule. Rufst du mich später an? Der Schlüssel liegt immer noch unter dem Biber auf der Veranda.“
„Danke. Drück Piper von mir und gib Jonas einen dicken Schmatzer.“
Sie lachte. „Mach ich. Hab dich lieb, Mills.“
„Ich dich auch, Schwesterherz.“ Ich legte auf und warf das Handy auf den Beifahrersitz. Mein ganzer Krempel würde niemals hier reinpassen. Ich starrte auf das Dach. Ich stellte mir vor, wie ich ein paar riesige Säcke oben festband. Vielleicht hätte ich meine Sachen doch in der Tasche lassen sollen. Vielleicht sollte ich zu U-Haul fahren. Die könnten mir eine Anhängerkupplung an die Rostlaube schrauben, damit ich meinen Scheiß nach Maine karren kann –
Wie üblich stand ich mir mit meinem Gedankenchaos selbst im Weg. Dann bog Brians fetter Truck in die Einfahrt, mit seiner dämlichen Visage und seinem nutzlosen Körper am Steuer. Er war stinksauer. Sein Gesicht war knallrot, die Fäuste geballt. Er schnaubte und schnaufte, als wäre ich diejenige, die mit dem „besten Freund“ gevögelt hätte. Als wäre ich die Dumme gewesen, die sich beim Fremdgehen hat erwischen lassen. Als wäre ich an dem ganzen Schlamassel schuld.
„Was zum Teufel machst du da, Amelia?!“
Alles klar. Der Vollidiot will es also auf die harte Tour.
„Oha“, sagte ich und wandte mich wieder meinem Auto-Tetris zu. Ich fragte mich, ob ich Tante Myrtles Porzellansammlung wirklich brauchte. Nein, eigentlich nicht. Ich hievte den Karton heraus und knallte ihn Brian direkt vor seine großen, dummen Füße.
Er sprang ein Stück zurück, um nicht getroffen zu werden. Schade eigentlich.
„Oh, der volle Vorname? Du fährst also die harten Geschütze auf, ja?“, spottete ich. Ja, ich war verbittert. Und ja, ich hatte jedes Recht dazu. Ich wollte die Wut auskosten. Lange genug, um es diesem Mistkerl richtig heimzuzahlen. Dieser Typ hatte die Dreistigkeit besessen, mich zu heiraten, während er die gesamte Dauer unserer sogenannten Ehe mit seinem „besten Freund“ gepumpt hat.
Er öffnete den Mund. Bestimmt wollte er wieder irgendeinen Schwachsinn brüllen. Das würde mich nur noch mehr aufregen und eine Szene für die armen Nachbarn abgeben. Was hatten die nur getan, um das hier miterleben zu müssen?
„Ach, warte mal“, sagte ich und lehnte mich gegen die Todesfalle, die mein Auto war. „Ich vergaß, das hast du ja heute schon mit Cameron erledigt.“ Ich winkte abfällig mit dem Arm. „Schade, dass ich zu spät zur Party gekommen bin.“
Oh, wie süß dieser Anblick war: Schock, Entsetzen und Schuldgefühle huschten über seine Visage.
Zu dumm nur, dass ich den Preis dafür zahlte.
Ich starrte ihn an. Er starrte zurück. Ich sah genau den Moment, in dem er begriff, dass ich es wusste. Es war köstlich, es war schrecklich, es war…
„Mills, es ist nicht so, wie du denkst –“
Klar. Ein Idiot bleibt eben ein Idiot.
Und ein Lügner. Es war exakt so, wie ich dachte. Er wusste es. Ich wusste es. Cameron wusste es. Ich war bloß die Letzte, die es erfahren hat.
„Oh, jetzt bin ich also wieder Mills? Weißt du was? Du kannst dich ins Knie ficken und direkt zurück zu deinem besten Kumpel rennen. Ich bin fertig mit dir.“ Ich drehte mich um, schnappte mir noch einen Karton Porzellan und pfefferte ihn auf den Gehweg. Es gab ein herrlich klirrendes Geräusch. Sofort suchte ich nach dem letzten Karton. Ich brauchte jetzt ganz viel zerbrechendes Porzellan und ganz schnell ganz viel weniger Brian in meinem Leben.
Und zwar verdammt nochmal sofort.
Ich würde diesem Arschloch nicht die Genugtuung geben, mich weinen zu sehen. Auf gar keinen Fall. Nicht in diesem Leben. Er verdiente meine Tränen nicht – nur meinen Zorn. Eine reine, heiße, tröstliche und absolut gerechtfertigte Wut. Sonst gar nichts.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und betrachtete die Trümmer meines Lebens. Denn seien wir mal ehrlich: Es war ein einziger Trümmerhaufen. Das zerschlagene Geschirr auf dem Boden. Das völlig chaotisch gepackte Auto. Der verrostete Honda Civic. Ich passte hier nie rein. Nicht in diese perfekte Vorstadt mit meinem perfekten Vorstadt-Ehemann. Es war alles nur Fassade. Das war nicht ich. Es war nie ich gewesen.
Ich war unordentlich und chaotisch und machte ständig achtzehntausend Dinge gleichzeitig. Und Brian war – schwul. Er war schwul und ich –
Ich schluckte schwer. All die Gründe, die er mir nannte. Warum er keine Familie gründen wollte. Warum er nicht das Bett teilen wollte. Warum er mich nicht küssen, halten oder kuscheln wollte, außer wir waren in der Öffentlichkeit. Auf dem Papier sah diese ganze dämliche Sache perfekt aus. Die ideale Ehe. Das süße Paar, bei dem es so tragisch ist, dass sie keine Kinder bekommen können.
Alles nur, weil einer von ihnen gelogen hat.
Aber ich würde ihn nicht sehen lassen, wie sehr mich das schmerzte. Verdammt noch mal, nein.
„Hör zu, wir können das klären –“
„Nein“, sagte ich. Ich war froh, dass meine Stimme fest klang und nicht zitterte. „Nein. Es ist vorbei. Ich bin fertig. Ich schicke dir die Scheidungspapiere per Post.“
„Wo willst du hin?“
Ich gab den Versuch auf, mein kaputtes Leben in meine rostige Schrottkarre zu quetschen. Ich knallte den Kofferraum zu und stieg auf die Fahrerseite. „Nach Maine.“
Ich schlug die Tür zu. Ich drehte den Zündschlüssel um. Ich blickte nicht ein einziges Mal zurück.